30. März 2018 | Münster Bad Doberan

Ich will tun, was in meiner Kraft steht

30. März 2018 von Andreas von Maltzahn

Karfreitag, Predigt zu Hebr 9,15.26b-28

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
AMEN.

 

Liebe Gemeinde,

am heutigen Karfreitag gehen mir verschiedenen Szenen durch den Kopf:

Gerade eben geschehen: Ein Terrorist nimmt Geiseln in einem Supermarkt in Südfrankreich. Die Polizei rückt an. Damit auch die letzte Geisel freikommt, begibt sich Arnaud Beltrame, ein Polizist, in die Gewalt des Fanatikers. Wir wissen nicht, was in ihm vorging. Wir wissen nicht, was dann im Supermarkt geschah. Nur, dass er angeschossen wurde und inzwischen seinen Verletzungen erlag.

Es ist zum Heulen, was Hass und Fanatismus an Leid anrichten können. Doch zugleich bewegt mich: Ein Mensch gab sein Leben, um ein anderes zu retten.

Vor etlichen Jahren habe ich mit meinen Konfirmanden in der Passionszeit einen Dokumentarfilm über Janusz Korczak angesehen. Dieser polnische Arzt, Pädagoge und Schriftsteller, leitete ein Heim für jüdische Waisenkinder. Als seine Zöglinge nach Auschwitz abtransportiert wurden, ging er mit ihnen in den Tod. Er hätte das nicht gemusst. Die deutschen Schergen des Todes hatten ihm angeboten, sein Leben zu retten. Er aber blieb bei seinen Kindern.

Mit den Konfirmanden haben wir überlegt, was Janusz Korczak dazu bewogen haben mag:

  • das Bestreben, glaubwürdig zu bleiben, auch als es hart wurde;
  • die Liebe, seinen Kindern nahe bleiben zu wollen bis zuletzt;
  • am stärksten beeindruckt hatte die Konfirmanden jedoch etwas anderes. Eins der Waisenkinder, das überlebt hatte, sagte später über Korczak: „Ich habe einen Vater gehabt, der mich liebt.“  Von dieser Liebe zehrte dieser Mensch sein Leben lang. Das verfolgte Waisenkind vom verhassten Rand der Gesellschaft hat durch diesen Mann erfahren: ‚Ich bin etwas wert. Ich bin nicht Müll. Wenn ein Mensch meine Schicksalsgenossen und mich derart liebt, dann kann ich mich bejahen.‘   

Es ist zum Heulen, welch Unheil Antijudaismus angerichtet hat und noch immer bewirkt. Doch zugleich bewegt mich: Ein Mensch gab sein Leben, bewahrheitete die Liebe, so dass andere daraus leben können.

Szenenwechsel: Die Altäre rauchen im Tempel zu Jerusalem. Wie jeden Tag werden Opfer dargebracht: Tiere werden geschlachtet, manche verbrannt, das Blut verspritzt – alles zur Ehre Gottes und zur Sühne der eigenen Schuld, als wäre nichts selbstverständlicher auf der Welt: Leben ist nur möglich durch die Hingabe anderen Lebens. Es wird geopfert, als könne nur so das Böse eingedämmt und neues Leben ermöglicht werden.

Als die Menschen um Jesus seinen furchtbaren Tod am Kreuz später zu verstehen suchen, da ist diese Opferpraxis ihr Muster. Als sie nach Ostern Erfahrungen mit dem Auferweckten machen, deuten sie: In der Hingabe Jesu liegt erlösende Kraft. Zunächst waren da nur Erschrecken und Tränen über seinen Tod gewesen. Aber dann wurde ihnen mehr und  mehr klar: Christus hat Sünde und Tod die Macht der Endgültigkeit genommen. Mit Worten des Hebräerbriefes gesagt:

„Darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebr 9,15.26b-28)

Ein- für allemal ist das geschehen, betont die Schrift. Das Opfern soll ein Ende haben! Das Opfern von Menschen aus bösen Motiven genauso wie die Opfer aus religiösen Beweggründen! Wir müssen nicht zu Gott kommen, um ihn gnädig zu stimmen. Nein, der gütige Gott kommt zu uns und wünscht sich, dass wir seine Liebe erhören!  Uns wird gesagt: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor 5,20c)

Wie das gehen kann?

Ich erinnere mich an eine Filmszene. „Peppermint Frieden“: Ein kleines Mädchen schlendert über einen Friedhof und betrachtet aufmerksam die Grabkreuze. Lange steht sie vor einem Kruzifix, sieht die Nägel in den Händen und Füßen. Anderntags kommt sie wieder, hat ihren Puppenwagen dabei. Behutsam löst sie den Gekreuzigten vom morschen Holzkreuz, entfernt die Nägel und bettet ihn in ihren Puppenwagen.

Die Schmerzen sollen ein Ende haben. Christus soll nicht länger leiden.

Ein zutiefst menschlicher Impuls: Leiden soll nicht sein. Und wo gelitten wird, sollen die Schmerzen wenigstens gelindert werden.

In einem Gedicht Dietrich Bonhoeffers aus der Haft heißt es:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

Die Schmerzen sollen ein Ende haben. Christus soll nicht länger leiden.

Heute bei Gott in Seinem Leiden stehen – jedes Bemühen um Gerechtigkeit zähle ich dazu, jeden Einsatz für politisch Gefangene. Wo wir uns stark machen für Entwicklungschancen einzelner Menschen oder ganzer Regionen, wo wir uns nicht gewöhnen an den Skandal von Wohnungslosigkeit in unseren Metropolen oder die verschämte Armut in ländlichen Räumen – da werden Gottes Schmerzen an dieser Welt gelindert. Wo wir Widerstand leisten gegen die Saat des Hasses und des Ressentiments, auch indem wir verstehen lernen, was Menschen dazu verführt; wo wir tun, was wir können, dass die Energiewende gelingt; wo wir mit denen trauern, die ohne Trost sind – da stehen wir bei Gott in seinem Leiden.

Wir können das. Dass wir dazu in der Lage sind, hat mit dem Leiden und Sterben Jesu zu tun. Welch eine Hingabe war das! Der Mensch Gottes ging in seiner Liebe so weit, dass er sein Leben gab. Gott in seiner Liebe ging so weit, bahnte einen Weg durch Schuld und Tod hindurch zum Leben. Angesichts solcher Zuneigung – muss da nicht alles verblassen, was uns von Gott trennen könnte? Welch eine Befreiung liegt darin! Auch die Freiheit, selber ein Leben der Hingabe zu führen! Und gerade darin zu sich selbst zu finden!

Ich möchte etwas zurückgeben, diese unglaubliche Zuneigung erwidern. Ich weiß, es wird keine Welt ohne Leid geben. Und doch hat das kleine Mädchen mit dem Gekreuzigten in seinem Puppenwagen recht: Auch Gott bedarf des Trostes und der Zärtlichkeit. Ich will tun, was in meiner Kraft steht. Gott soll nicht allein bleiben in seinem Leiden.

Amen.

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