31. März 2019 | St. Georgskirche

25 Jahre AIDS-Seelsorge – leben & lieben

31. März 2019 von Kirsten Fehrs

Festgottesdienst zum Jubiläum, Predigt zu Johannes 12,24

Liebe Brüder und Schwestern,

wunderschöne, weil emotional so tief berührende Musik haben wir vorhin gehört. Ein Song aus den Elegies for Angels, Punks und Raging Queens, einem Liederzyklus aus den 80-ern, in dem AIDS-Kranke bzw. HIV-Infizierte, ihre Freunde und Angehörige erzählen, wie nichts mehr ist wie es war, seit es dieses Virus in ihrem Leben gibt. Sie singen, jazzen, soulen von der Liebe und dem Tod, von tiefer Verzweiflung und Anfällen von Lebensfreude, sie sind wie sie sind in ihren Liedern. Mit eigener Farbe. Gefühl. Mit ihrem Stoff, aus dem Träume sind.

Inspiriert wurde dieses Musical mit seinen Einzelstücken und Monologen vom Names Projekt AIDS Memorial Quilt. Das müsst ihr euch vorstellen: Eine Musik wie ein Quilt, der dich warm umfängt. Ein Quilt: buchstäblich. Seit 1987 wurde in San Francisco für jeden an AIDS gestorbenen Menschen ein Erinnerungsstoff zu einem riesigen Quilt zusammengefügt: 44.000 individuelle Erinnerungen aus Spitze, Taft, Leder, Nerz gearbeitet als Patchwork, Stickerei, von grau und schwarz bis rosa und rot – für jeden Gestorbenen, der aufgrund sozialer Ausgrenzung keine angemessene Beerdigungsfeier erhielt, ein Erinnerungsstück. Zusammengefügt zu einem Quilt mit 5.800 Blöcken.

1996 wurde er zuletzt in Washington in seiner vollen Größe ausgelegt. Es gibt wunderbare Fotos davon. Was für ein Symbol: Der einzelne wird herausgeholt aus der Einsamkeit und zusammengefügt zu einem großen Ganzen, eingewoben mit der eigenen Geschichte in die Gemeinschaft der Leidenden, aber auch der Kämpfenden. Lernenden. Lebenspositiven. Diese Musik im Ohr, diese Idee im Herzen: Ich gratuliere, liebe AIDS-Seelsorge, zum 25.

25 Jahre Zusammenhalt. Wärme. Gebet. Schweigen, wenn Worte fehlen. Gemeinschaft – gerade auch in den Gottesdiensten. Beim Candle Light Walk. So oft habe ich das gemeinsam mit euch erlebt, so viel Stärkung der Einzelnen in all diesen so wichtigen auch öffentlichen Welt-Aids-Tags-Aktionen und Demos. Dann: 25 Jahre Zusammenhalt zwischen AIDS-Seelsorge und Gemeinde St. Georg. Ihr gehört zusammen bei diesem Fest, Ian und Elisabeth, Thomas Lienau Becker und Martin Schneekloth, die wunderbaren Ehemaligen und Gegenwärtigen, die vielen Ehrenamtlichen hier und die vielen Ehrenamtlichen dort. Nicht zuletzt: 25 Jahre gesellschaftliche Sensibilisierung, Bildungs- und Sozialarbeit, neue Projekte wie das Pflegeheim. Kurz: neue Stoffe, aus dem neue Träume wurden. So viel ist gelungen. Neue Anfänge. Lebensmut. Entwicklung – die Lebensbilder eben von Ian Parrington und Karin Schopf haben das eindrücklich gezeigt.

Die Trauer, die Tränen von damals, sie sind dennoch da. Dürfen und sollen nicht vergessen sein – gerade an einem Tag wie heute. Der große Quilt hat seine besondere Aussagekraft ja dadurch, dass man die Brüche sieht, die Vereinzelung erinnert. Und zugleich ist etwas Kreatives, Neues aus dem Fragmentarischen entstanden. So ähnlich sagt es der Predigttext: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Gesprochen von einem Mann, der sein Ende vorausahnte und dabei doch auch schon über den Tod hinaussah: Da wächst etwas Neues.

Die Lebenskraft lässt sich nicht stoppen. Der Tod trifft einzelne, und das ist hart genug. Aber das Leben an sich, es ist so stark. Aus einem einzigen Weizenkorn wächst ein Halm, der je nach Sorte zwei bis drei Ähren mit je 30-40 Körnern trägt. Das sind also vielleicht 100 Körner, die nach einem Jahr aus einem Weizenkorn entstanden sind. Im zweiten Jahr ergibt das also 10.000 Körner, im dritten Jahr eine Million Körner. Daraus kann man 100 Weizenbrote à ein Kilo backen! So viel Brot nach drei Jahren, an deren Beginn ein einziges Körnchen stand! Leben multipliziert sich, das macht seine Stärke aus, und das ist unsere Hoffnung.

Wir feiern diese Hoffnung, immer wieder gegen den Tod. Heute dürfen wir das auch tun, trotz Fastenzeit. Denn, dass das Feiern nicht zu kurz kommt, dafür sorgt der Sonntag heute mit dem schönen Namen Lätare.

Den habt Ihr euch gut ausgesucht, oder war‘s ein anderer, der fügte, dass der 31. März auf diesen Sonntag fiel? Lätare heißt nämlich: Sich freuen. Liturgische Farbe übrigens: rosa! Als einziger Tag im Kirchenjahr. Zwar ist noch Passionszeit – lila ist deren Farbe – und sie ist geprägt von Verzicht, tiefer Nachdenklichkeit und dem konzentrierten Blick auf die Leidenden. Aber heute, da wird das dunkle lila aufgehellt, rosa bitte, da wird eine Ausnahme gemacht, eine Verschnaufpause in der Tristesse. Wir dürfen uns was gönnen, feiern, einander gratulieren, gern auch ein Gläschen Sekt dabei. Manche nennen Lätare daher auch „das kleine Ostern“. Denn: Noch tief ist das Dunkel, aber es schimmert schon das Licht am Ende des Tunnels.

Für mich ist die ganze AIDS-Seelsorge so etwas wie dieser Sonntag Lätare. Ein Lichtblick im Dunkel, eine Insel im Meer der Traurigkeit und Angst. Dass das kein übersteigertes Pathos ist, wissen alle hier. Alle, die Sie, die wir die Anfänge heute erinnern.

Denn was war das für eine Dunkelheit und Angst, damals, in den Achtzigerjahren, als diese neue Krankheit aufkam, die so unheimlich und tückisch war, weil so unsichtbar, so tödlich und vor allem: weil sie sich über die Sexualität verbreitete, also Menschen bestrafte (so empfanden das ja viele), die sich ja körperlich gerade so nahe waren, die sich liebten. Und überdies beängstigend: weil AIDS alle Vorurteile, die sich sowieso schon mit der Homosexualität verbanden, erneut wachrief und steigerte. Was für eine dunkle Zeit!

Mitte der Achtziger habe ich im Strafvollzug gearbeitet. Mit einer ganz besonderen „Risikogruppe“: Drogenabhängige, die HIV-positiv wurden vom Spritzbesteck, das mehrere nutzten. Einige wurden dort krank, furchtbar elend, und starben binnen kürzester Zeit. So unglaublich schnell geschah das damals. Und so unerhört einsam.

Diese Einsamkeit war mit das Schlimmste. Denn die Menschen waren für ihre Umwelt dies: unberührbar. Berühren verboten. AIDS respektive HIV stand mitten in der erschrockenen Lebenslandschaft wie ein einziges Verbotsschild: Achtung, Warnung, Gefahr! Berühren – verboten! Berührt werden – verboten! Drüber reden – verboten! Sich bekennen – verboten!

Scham, Ausgrenzung, Null-Information und Hysterie – das Tabu AIDS hat voll gegriffen.

Bis wir uns in der Seelsorge bewusst wurden, als Christenmenschen, wir stehen in der Nachfolge Jesu, der keine Berührungsangst kennt, aber auch keine Distanzlosigkeit. Seine Seelsorge ist die Muttersprache der Kirche. Ist Schutzraum für die Würde der Angeschlagenen. Verängstigten. Derer, die sich im inneren Konflikt befinden und nicht wissen, was sie tun sollen. Seelsorge ist der Raum zum Durchatmen, wenn die Angst einem die Luft abschnürt. Seelsorge ist der Raum der Verschwiegenheit, den man braucht, um endlich wieder zur eigenen Stimme zu kommen. Seelsorge ist eben dies: der Raum der Erlaubnis, wieder der Mensch zu werden, der man ist und sein wollte.

Und ich schaue heute mit großer Dankbarkeit auf die AIDS-Seelsorge, auf all die Couragierten, die uns damals aufgerüttelt haben und informiert und nicht nachgelassen haben damit, uns als Kirche, damals als Nordelbische Kirche, in die Verantwortung zu rufen. Miguel Pascal Schaar als einer der ersten, Reinhard Dircks, Rainer Jarchow (jetzt Ehlers) und Nils Christiansen, die sich mit etlichen gemeinsam auf den Weg gemacht haben. Konzepte schreiben, Konzepte korrigieren, Geldgeber überzeugen, etwa: Propst Willi Rogmann und Sebastian Borck ins Boot holen – natürlich kein Problem (nun ist Ralf Brinkmann auch mit drin!) –, Bischöfin Maria Jepsen ins Boot holen – sie wird eine der größten Unterstützerinnen.

Dann: den Jarchow suchen und finden, was für ein Glück! Über die Jahre den Mut nicht verlieren und die Hartnäckigkeit, Hände halten, Fragen beantworten, Einsamkeit durchbrechen, Diskriminierungen aufdecken, Tabus tapfer angehen. Christel Rüder kommt dazu, die Welt, besonders Afrika braucht doch auch Solidarität. Detlev Gause übernimmt das Amt 2004 und geht die inhaltliche Neuausrichtung der AIDS-Seelsorge an. 14 segensreiche Jahre. Nun ist‘s Thomas Lienau-Becker – er wollte es immer, nun ist er hier, Gott sei Dank. Er steht für Kontinuität, Klarheit, Gespräch – und wird nicht aufhören damit, danke dafür!

Immer neue Herausforderungen gibt es zu bestehen, lange mit Heide Stauff, nun mit Angelika Lahmann. Dazu ihre, unsere Frage: Was etwa wird mit denen, die alt werden? Gibt es heutzutage, Gott sei Dank, Medikamente, auf die man vor 25 Jahren noch nicht zu hoffen gewagt. Leben mit HIV und AIDS im Alter – das bedeutet erneut Aufklärungsarbeit und neue Wohnformen. Auch in hippen Stadtteilen wie inzwischen diesem.

Ich stehe mit Bewunderung und Hochachtung vor euch und Ihnen allen und danke Ihnen von Herzen. Dies meint ausdrücklich auch die, die ich vergessen habe zu nennen. Und die, die sich unzählige Male getraut haben, zu bekennen, was so schwer ist, damals und heute immer noch: nämlich, dass man HIV-positiv ist. Angst hat, es Arbeitskollegen zu sagen, stigmatisiert zu werden. Oder, dass man in der AIDS-Seelsorge ehrenamtlich mitarbeitet, weil der geliebte Mensch genau an dieser Krankheit gestorben ist.

Für mich seid ihr ein einziges Hoffnungslied. Mein Song von Engeln. Punks. Und Raging Queens. Hoffnungslied, weil es uns genauso anrührt wie es uns anspornt. Weil ihr damit eure Stimme erhebt, liebe Schwestern und Brüder. Die Stimme der Solidarität und der Anerkennung. Seit 25 Jahren, die einzige AIDS-Seelsorge noch in Deutschland. Wir brauchen euch, die Klartext reden, die Courage und keine Angst vor Liedern mit schwulen Hunden haben. Die wissen, Liebe kann keine Sünde sein. Gebe Gott euch Kraft und Inspiration und Segen für euer Hoffnungslied auch die nächsten 25!
Amen.

Datum
31.03.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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