27. März 2014 - Bad Segeberg

27. März 2014 - Vortrag im Rahmen der Kandidatur für das Amt des Bischofs im Sprengel Schleswig und Holstein

27. März 2014 von Gothart Magaard

Beten und Tun des Gerechten – Perspektiven für die Kirche des Wortes im Sprengel zwischen den Meeren

 

„… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

dieser Satz Dietrich Bonhoeffers aus den „Gedanken zum Tauftag“ seines Patenkindes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge begleitet mich auf meinem bisherigen Weg. Mit diesen Worten, „Beten und Tun des Gerechten“, beschreibt Bonhoeffer im Mai 1944 in der Haft seine Vision der Kirche: „Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.[1]

In aller Schlichtheit rückt Bonhoeffer das Elementare des christlichen Glaubens in den Mittelpunkt. Aus der Hinwendung zu Gott im Gebet und aus der Hinwendung zu den Menschen in Solidarität und Liebe wird das künftige Christentum seine Gestalt gewinnen. Das Wort ist mir ans Herz gewachsen, weil ich zwei prägende Erinnerungen mit ihm verbinde, die meinen Weg als Christ bestimmt haben: Zum einen ist es die intensive Erfahrung des gemeinsamen, gesprochenen und gesungenen Gebetes, die ich in der Communité de Taizé anderthalb Jahre lang erlebt und geteilt habe. Und damit verbunden die Erfahrung, dass das Gebet eine verbindende Kraft ist. Menschen unterschiedlicher Herkunft werden durch Gott verbunden und versöhnt. Sie finden im Gebet eine Sprache und kehren gestärkt an ihren Ort in der Welt zurück.

Untrennbar ist damit dann das „Tun des Gerechten“ verbunden. Die zum Gebet gefalteten Hände öffnen sich zur Tat – aus den vielfältigen Erfahrungen, gerade der vergangenen Jahre im Sprengel, will ich doch wiederum eine frühe hervorheben: Bei einem dreimonatigen Aufenthalt in den Slums von Kalkutta und Chittagong in Indien und Bangladesh habe ich erlebt, wie Menschen aus dem Glauben heraus zur Tat übergehen und sich in den Sterbehäusern in eindrucksvoller Weise ihrem Nächsten zuwenden.

 

Darum: die Kirche gewinnt Gestalt im Beten und Tun des Gerechten. Wer sich durch diese Worte angesprochen fühlt, sieht gewiss immer auch die große Herausforderung vor sich. Wird es uns gelingen, in diesem Geist gemeinsam an dieser Kirche mitzubauen, als Christ oder Christin in unserem Alltag? Und wie, auf welche Weise mag das geschehen? Und ich stelle mir diese Frage als Christ, der sich innerhalb der evangelischen Kirche um ein leitendes Amt bewirbt. Was bedeutet es für einen Bischof oder eine Bischöfin in unserer Nordkirche, für einen Bischof oder eine Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein, dem Sprengel zwischen den Meeren, so aus dem „Beten und Tun des Gerechten“ zu leben und zu wirken?

Über diese Frage möchte ich heute mit Ihnen nachdenken und diskutieren. Wir tun dies als Christinnen und Christen innerhalb unserer lutherischen Tradition, als Teil der Kirche des Wortes. So habe ich meinen Vortrag mit dem Titel überschrieben:

 

Beten und Tun des Gerechten –

Perspektiven für die Kirche des Wortes

im Sprengel zwischen den Meeren

 

Ich will mit einem kurzen Blick in die reformatorische Tradition beginnen, ehe ich in zwei Schritten Beobachtungen zu den verschiedenen Richtungen des gesprochenen Wortes skizziere, um abschließend noch einmal zu Bonhoeffer zurückzukehren.

 

I. „Sine vi humana, sed verbo“ – Reformatorische Orientierungen

 

„Sine vi humana, sed verbo“ – so lautet eine zentrale Formulierung aus dem Artikel 28 des Augsburger Bekenntnisses von 1530, der „Von der Bischofen Gewalt“ handelt. „Sine vi humana, sed verbo“ – „Nicht durch Gewalt, sondern durch das überzeugende, gewinnende Wort“[2]. Mehr ist nicht zu sagen, aber auch nicht weniger. Mit zu bedenken haben wir an dieser Stelle, dass das lutherische Verständnis der unterschiedlichen Ämter eingebettet ist in das umfassende Verständnis der Kirche als „creatura verbi“. Die Kirche, die Christenheit, ist Geschöpf des Wortes. Sie lebt aus der kreativen Passivität im Hören des Evangeliums.

Sie wird angesprochen, ehe sie selbst zu reden beginnt. Sie erfährt am eigenen Leib, was Zuspruch bedeutet. Sie wird angenommen als Gemeinschaft von Menschen, die Zweifel und Vertrauen kennen, die sich selbst, einander und Gott etwas schuldig bleiben. Die aber zur Erfahrung der Rechtfertigung, der unverdienten Gnade bestimmt sind und deren Leben damit in ein anderes Licht rückt.

Die Kirche ist Geschöpf des Wortes, sie hört hin, nimmt sich dafür Raum und Zeit, und gibt dann die Botschaft weiter, die sie empfangen hat. Und zu diesem Zweck ruft sie Menschen in den besonderen Dienst als Pastorinnen und Pastoren und auch als Bischöfinnen und Bischöfe. Und letztere werden darum auch ganz und gar in den Dienst des Wortes genommen. „Sine vi humana, sed verbo“ – im Augsburger Bekenntnis richtet sich diese Formulierung gegen die damals übliche Vermischung geistlicher und weltlicher Gewalt.[3] Das Bischofsamt ist ein Dienst am Wort. Es hat Teil an der Leitung der Gemeinde Christi durch Wort und Sakrament. Und die Bischöfe haben insbesondere die Aufgabe, Gemeinden zu visitieren und in Gemeinschaft mit den Ortsgeistlichen dafür zu sorgen, dass ihnen die „rechte Predigt der frohen Botschaft ausgerichtet und die Sakramente der Stiftung Christi gemäß dargereicht werden“[4]. Die Bischöfe sollen „das Evangelium predigen, Sünde vergeben, Lehre urteilen und die Lehre, die gegen das Evangelium ist, verwerfen“ – „ohne menschliche Gewalt, sondern allein durch Gottes Wort – sine vi humana, sed verbo.[5] Es geht darum, Menschen zu gewinnen, zu überzeugen.

 

All das lässt sich nur in der Begegnung mit den Menschen realisieren. Das Bischofsamt ist darum ein „Besuchsamt“ innerhalb der Kirche des Wortes. Episkopos, Bischof, kommt vom griechischen Wort episkeptomai, „auf etwas schauen, besuchen, besichtigen, mustern.“ Wer hinsehen will und soll, muss sich bewegen. Muss nah herangehen, den Blickkontakt suchen, die Augen und Ohren weit aufmachen. Und in diesem Hinhören und Hinsehen auf die Menschen und das Evangelium, treten wir in das Wortgeschehen ein. Als Zuspruch, als Seelsorge, als Beratung, aber gelegentlich auch als Widerspruch – und nicht zuletzt im gemeinsamen Gebet.

So ist es auch in die Verfassung unserer Nordkirche eingegangen. Im Artikel 96 lesen wir zunächst in Absatz 4: „Die Bischöfinnen und Bischöfe … stärken die Kirchengemeinden, die Kirchenkreise, die Dienste und Werke, die Pastorinnen und Pastoren sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Verkündigen und Hören, durch geschwisterliches Beraten und Ermahnen.“ Dieses nach „innen“ gerichtete Reden, wird jedoch um eine zweite Richtung ergänzt, wenn es in Absatz 5 heißt: „Eine besondere Aufgabe der Bischöfinnen und Bischöfe ist es, die Stimme des Evangeliums in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, zu geistlichen wie ethischen Fragen öffentlich Stellung zu nehmen, wie es auch sonst dem Auftrag der Verkündigung entspricht, und darüber den Dialog mit anderen zu suchen.“

Leitung geschieht also durch die Auslegung des biblischen Wortes im Gegenwartshorizont von Kirche und Welt. Das ist der Grund, auf dem Bischöfinnen und Bischöfe ihr Amt ausüben. Die gewinnende, überzeugende Macht des Wortes steht im Mittelpunkt dieses besonderen Dienstes unserer Kirche.

Was ergibt sich nun aus diesem Verständnis der Kirche und des bischöflichen Amtes für unsere Gegenwart, für die besondere Situation des Sprengels zwischen den Meeren, mit seinen unterschiedlichen Gemeindewirklichkeiten, von ländlichen Räumen, über Kleinstädte und Großstädte bis hin zu Tourismus-Regionen? Was ergibt sich daraus im Blick auf eine vielfältige kirchliche Landschaft, mit den vielen denkmalgeschützten Kirchen, der reichen musikalischen Kultur, den Bildungsangeboten und diakonischen Einrichtungen, die ganz nah bei den Menschen sind? Ich will der hilfreichen Unterscheidung der Nordkirchen-Verfassung folgen und den beiden Wirkungsbereichen des Wortes nachspüren, nach „Innen“, d.h. bezogen auf die kirchlichen Einrichtungen, nach „Außen“, d.h. bezogen auf die gesellschaftlichen Fragestellungen. Wohlbemerkt: natürlich sind beides keine getrennten Bereiche, doch gleichwohl ist es hilfreich, die Richtung des Hinsehens, Hinhörens und Sprechens zu unterscheiden.

 

II. Die Stimme des Evangeliums im Leben der Kirche

Als Christinnen und Christen, als Kirche, wenden wir uns Menschen zuallererst persönlich zu, und zwar ganz gleich, in welche Nähe oder Distanz sie zu unserer Kirche stehen. Wir wenden uns Menschen zu – in der direkten Begegnung beim Kirchgang, zufällig am Gartenzaun ebenso wie im verabredeten seelsorgerlichen Gespräch, bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen ebenso wie in Gemeindegruppen und Angeboten von Diensten und Werken. In dem Vorbereitungskreis des Weltgebetstags ebenso wie in der Beratungsarbeit unserer diakonischen Einrichtungen.

Unsere Verfassung formuliert: „Die Bischöfinnen und Bischöfe stärken die Kirchengemeinden, die Kirchenkreise, die Dienste und Werke, die Pastorinnen und Pastoren sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Verkündigen und Hören, durch geschwisterliches Beraten und Ermahnen“. In meinen Worten heißt dies: den Rücken stärken! Zentrale Aufgabe im Bischofsamt ist es, den Menschen, die vor Ort haupt-, neben- oder ehrenamtlich ihren Dienst tun, nach Kräften den Rücken zu stärken. Es gilt, mit allen anderen, die Leitungsverantwortung in unserer Kirche übernommen haben – und in ökumenischer Verbundenheit auch mit Menschen aus anderen Kirchen – daran zu arbeiten, dass die Rahmenbedingungen für kirchliche Arbeit so gestaltet werden, dass sie Raum bieten für Kontinuität und Kreativität, für Vielfalt und engagiertes Miteinander in der Verkündigung der frohen Botschaft unseres Glaubens. Strukturen, Inhalte und Perspektiven: diese drei Säulen sind wichtig für unsere Nordkirche. Strukturell befinden wir uns auf einem guten Weg und so gilt es nun wieder verstärkt den Blick auf die Inhalte und neuen Perspektiven zu lenken.

Besonderes Augenmerk ist im Sprengel Schleswig und Holstein aus meiner Sicht auf folgende Herausforderungen zu richten:

Zunächst sind hier die strukturschwachen ländlichen Räume zu nennen. Hier gilt es, im Erfahrungsaustausch mit den anderen ländlichen Räumen unserer Nordkirche und auch darüber hinaus neue Konzepte zu entwickeln, die eine flächendeckende Begleitung der Menschen vor Ort ermöglichen. Das bedeutet aus meiner Sicht:

-         Wir werden uns konzentrieren müssen. Es kann nicht mehr alles an allen Orten angeboten werden. Das wird zunehmend über unsere Kräfte gehen.

-         Wir müssen uns verbünden. Es muss vernünftige regionale Abmachungen geben, welche Gemeinde wofür zuständig ist.

-         Wir müssen mehr miteinander sprechen. Übergreifende Foren wie der Konvent der Pastorinnen und Pastoren und Gesprächsrunden für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende werden noch wichtiger werden, um die Arbeit innerhalb der Gemeinden abzustimmen.

-         Wir müssen Talente fördern. Das Ehrenamt wird noch weiter an Bedeutung gewinnen. Ehrenamtliche dürfen keine Lückenfüllerfunktion bekommen. Es geht um selbstbewusste und selbst verantwortete Gemeindearbeit als Ausdruck des Priestertums aller Getauften.

-         Wir müssen alle Kräfte bündeln. Als Kirche stehen wir mit unseren Problemen in den ländlichen Regionen nicht allein, sondern haben dieselben Probleme wie alle Gemeinschaftsinstitutionen auf dem Lande. Das ist eine Chance. Die Kirchengemeinde ist oft auf dem Lande ein zentraler Bildungs- und Kulturfaktor und eine ideale Netzwerkerin: Sie hat die Fähigkeit, Integration und Gemeinschaft in den Dörfern zu stiften. Diese Chance müssen wir nutzen – als Standortfaktor zum Wohle der ländlichen Räume.

 

Zum Sprengel zwischen den Meeren gehört das deutsch-dänische Grenzland. In Erinnerung an die Geschichte ist es ein großes Glück, dass es heute viele von Wertschätzung geprägte Begegnungen und Projekte gibt. Diese weiterhin zu pflegen und auszubauen ist eine wichtige Aufgabe und Herausforderung, denn nur so kann europäische Nachbarschaft gut funktionieren.

Die durch Armut belastete Situation vieler Kinder und Familien in unserer Region lässt mir keine Ruhe. Wir dürfen uns nicht damit abfinden. Oft ist die Armut nur sehr versteckt zu finden. Als Kirche sind wir gefordert, daran mitzuarbeiten, dass jeder und jede seinen bzw. ihren Platz finden kann und aufgehoben ist. Es gilt zum Beispiel, den Ausbau von Kindertagesstätten zu Familienzentren voranzutreiben. Das Motto unserer evangelischen Kindertagesstätten „Mit Gott groß werden“ ist hier für mich ein wichtiges Leitmotiv unserer kirchlichen Arbeit, das es umfassend zu stärken gilt.

Ich halte es für wichtig, dass wir unserem Glauben im täglichen Leben mehr Raum geben, sei es durch ein gemeinsames Lied, ein Gebet bei Tisch oder zur Nacht. Glauben ist etwas Lebendiges, Elementares, das uns Halt gibt – nicht nur sonntags. Um uns darin gegenseitig zu bestärken, halte ich es für wichtig, miteinander Feste des Glaubens zu feiern. Dazu gehören für mich wesentlich die Sprengelkonvente für Pastorinnen und Pastoren und die Sprengeltage für haupt- und nebenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für Ehrenamtliche mit Leitungsaufgaben z.B. im Kirchengemeinderat.

Diese unterschiedlichen Tage spiritueller Stärkung und gemeinsamer Arbeit an Themen sind für mich aus dem Sprengel Schleswig und Holstein nicht wegzudenken. Hier ermutigen wir einander, unseren Glauben selbstbewusst zu leben und durch unsere Haltung als Christinnen und Christen erkennbar zu sein.

 

III. Die Stimme des Evangeliums im gesellschaftlichen Diskurs

Als Christinnen und Christen sind wir Teil der Gesellschaft. Es hat eine hohe Symbolkraft, wenn Christenmenschen am Ende des Gottesdienstes gesegnet aus dem Kirchraum an ihren Ort in dieser Welt zurückkehren. „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“ – die Worte des Christus höre ich als Ermutigung und Zuspruch für alle Christenmenschen, an ihrem Ort Zeugen des Glaubens zu sein, in Wort und Tat. Manchmal geschieht dies gar nicht durch den Inhalt unserer Rede, sondern durch eine menschenfreundliche Weise, einander zu begegnen – auch Gesten können sprechen.

Es gibt also einen Auftrag zum öffentlichen Zeugnis. Solches öffentliches Reden liegt immer dann vor, wenn Christenmenschen sich bewusst als Glieder der Kirche äußern, unabhängig von ihrer Stellung, ihrem Amt.[6] Wiederum nur ein besonderer Teil dieses an alle Christinnen und Christen gerichteten Auftrags ist nun das öffentliche Reden einzelner. Für die Menschen in den leitenden Ämtern unserer Kirche gilt, dass von ihnen öffentliche Äußerungen erwartet werden, um genau den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmten Themen zu bereichern. Wenn sie sich öffentlich äußern, geschieht dies nicht, um dem Konzert politischer Äußerungen noch eine weitere Stimme hinzuzufügen, sondern sie sollen und dürfen es tun, insofern es um die Sache des Evangeliums geht. Und auch dieses Reden wird mit dem aufmerksamen Hinhören und Hinsehen beginnen.

Dieses öffentliche Reden geschieht in der Praxis auf unterschiedliche Weise. Ich folge hier einer hilfreichen Unterscheidung von Heinrich Bedford-Strohm[7], der vier Dimensionen öffentlicher Rede unterscheidet: Die pastorale Dimension, die diskursive Dimension, die politikberatende Dimension und schließlich die prophetische Dimension.

 

III.1 Die pastorale Dimension

Die pastorale Dimension öffentlicher Rede kommt dann zum Tragen, wenn eine Gesellschaft vor der Aufgabe steht, besondere Veränderungen zu bewältigen oder am Schicksal einer öffentlichen Person teilhat.

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“[8], heißt es im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom. Diese Aufforderung betrifft auch gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Das öffentliche Reden kann dem gemeinsamen Dank eine Richtung geben und zum Gebet werden, so habe ich es angesichts des Falls der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung erlebt. Das öffentliche Reden kann jedoch auch Ambivalenzen mit seelsorgerlichem Fingerspitzengefühl aufnehmen und Zukunft eröffnen.

Öffentliche Rede ist oft gerade dann an der Zeit, wenn Ereignisse wie die Anschläge des 11. Septembers 2001 Menschen weltweit betroffen und fassungslos machen, oder Ereignisse in unserem Land oder in einer Region unseres Sprengels auf verstörende Weise den Alltag unterbrechen, wie jüngst die Explosion eines Mehrfamilienhauses in Itzehoe. Sie alle werden an dieser Stelle eigene Erinnerungen vor Augen haben an Ereignisse, die Sie in besonderer Weise erschüttert haben. Öffentliche Rede kann diese Betroffenheit stellvertretend zum Ausdruck bringen. Gerade die biblischen Psalmen ermöglichen es uns, Sprache zu finden, wo Menschen verstummen.

Die pastorale Dimension öffentlicher Rede der Kirche betrifft schließlich aber auch Gedenkfeiern wie jene zur Erinnerung an den bevorstehenden Jahrestag der Entscheidungsschlacht im deutsch-dänischen Krieg an den Düppeler Schanzen von 1864, den Volkstrauertag oder das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

Ein Beispiel aus diesem Jahr: Ich war am 27. Januar 2014 eingeladen zu einer Gedenkfeier des Landes Schleswig-Holstein für die Opfer des Nationalsozialismus. Dazu war ich gebeten, gemeinsam mit Landesrabbiner Walter Rothschild, ein sogenanntes „interreligiöses Gebet“ zu gestalten.

Unser Auftrag war also ein religiös-liturgischer Teil innerhalb einer Gesamtinszenierung. Diese war von langen Wortbeiträgen bestimmt, die durch musikalische Zwischenstücke unterbrochen wurden. Von dem Landesrabbiner erfuhr ich, dass er mit einer kleinen Rede beginnen wolle, um dann das jüdische Totengebet zu sprechen. Während der Gedenkveranstaltung erlebte ich, dass die zahlreichen Menschen im Plenarsaal Zuhörerinnen und Zuschauer waren, in schweigender Aufmerksamkeit beteiligt. Der Rahmen erlaubte keinen Beifall, weder zu den Wortbeiträgen noch zu den musikalischen Beiträgen. Unter diesem Eindruck habe ich nach dem eigentlichen Fürbittengebet ohne jede Überleitung das Vaterunser gesprochen, stellvertretend und zugleich als Einladung, dass Menschen angesichts der Dimensionen des Gedenkens in Gebetsworte einstimmen können. Ich war dann tatsächlich überrascht, dass immer mehr Menschen in dieses Gebet einstimmten. Viele bedankten sich anschließend ausdrücklich dafür, dass sie angesichts dieses Gedenkens im Plenarsaal dieses Gebet hatten mitsprechen können.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“- Beten, die elementare Grundübung des Glaubens, kann Teil der heilsamen öffentlichen Rede der Kirche werden.

 

Auch hier zeigt sich, dass Religionen einen großen Schatz an Ausdrucksformen haben. Öffentliche Liturgien folgen dabei ganz eigenen Gesetzen. Ich sehe unsere Aufgabe als Kirche darin, angesichts der Spannung zwischen echter Betroffenheit der Menschen und einer zunehmend dramatisierenden Medienberichterstattung, bewährte Formen zu leben und neue Formen für diese pastorale Dimension öffentlicher Rede zu entwickeln. Dazu gehören auch solche kleinen liturgischen Elemente wie das schlichte Gebet des Vaterunsers auf einer staatlichen Feier, die es Menschen erlauben, zuzuhören und innerlich mitzusprechen oder hörbar einzustimmen und damit selbst wieder sprachfähig zu werden.

 

III.2 Die diskursive Dimension

Diese Dimension öffentlicher Rede spielt bei der Diskussion um den „richtigen Weg“ unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. „Tu den Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind“[9] heißt es im Buch der Sprüche. Wir nehmen Teil an einem Diskurs. Das bedeutet, dass in einer pluralistischen Gesellschaft nicht dogmatische Geltungsansprüche, sondern argumentative und gewinnende Überzeugungskraft nötig ist.[10] Diese Form der Rede erfolgt, wenn Vertreterinnen und Vertreter unserer Kirche in politischen Talkshows mitdiskutieren, sie erfolgt, wenn auf Kirchentagen zu Themen wie Klimawandel, Fairer Handel oder neuen Wirtschaftsformen gestritten wird. Sie erfolgt, wenn sich Kirchenvertreterinnen und -vertreter vor Ort, in ihrem Dorf, ihrer Stadt oder ihrem Bundesland mit Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft öffentlich über gesellschaftliche Themen auseinandersetzen, wenn sie gegen Fremdenfeindlichkeit eintreten oder die wachsende Armut in unserem Land benennen.

Als Beispiel möchte ich etwas ausführlicher auf ein nach wie vor aktuelles Thema eingehen, nämlich die Frage nach dem Sonntagsschutz und mit ihm verbunden die Diskussionen um eine angemessene Bäderregelung:

 „Mit ihrem Protest gegen das Sonntagsshopping will die Kirche ja bloß ihre Gottesdienste voll kriegen“ – das ist ein Satz, der in der Diskussion um die Einschränkungen der Ladenöffnungszeiten am Sonntag häufig zu hören war. Selbstverständlich freuen wir uns über gut besuchte Gottesdienste. Es geht aber um mehr und anderes: Der Sieben-Tage-Rhythmus zählt zu den in besonderer Weise kulturprägenden Wirkungen der jüdisch-christlichen Tradition. In der jüdischen Tradition ist der Sabbat, der Samstag, der siebte und letzte Tag der Woche. Im Schöpfungsbericht ist er Teil der guten Grundordnung dieser Welt. Die Vollendung der Schöpfung besteht im Zur-Ruhe-Kommen ihres Schöpfers. Gott nimmt Abstand von seinen Werken und lässt seine Geschöpfe in Ruhe.

Der Sonntag ist nach dieser bis heute gültigen Zählung der erste Tag der Woche. Diese Verschiebung erklärt sich dadurch, dass Christinnen und Christen den Tag der Auferstehung Jesu Christi feierten. Und so erinnert der Sonntag an das Grunddatum unseres Glaubens, und nimmt zugleich Momente des Sabbats in sich auf. Schon früh wurde die wöchentliche Ostererinnerung zum zentralen Versammlungstag der Gemeinden. Der Sonntag ist damit seiner Herkunft nach ein Tag der seelischen und körperlichen Stärkung, er ermöglicht Menschen, Gemeinschaft zu erleben. Es ist wesentlicher Teil unserer geschöpflichen Würde, dass wir aus dem Schaffen und Wirken heraustreten können, um uns des tragenden Grundes unseres Lebens zu vergewissern. Wir können uns an dem Erreichten freuen, aber uns auch die Vergebungszusage im Angesicht des Scheiterns zusagen lassen. Wo dieser Raum nicht bleibt, wird unsere Gesellschaft gnaden-los.

Aber der Sonntag kann noch viel mehr: Jahrzehntelang wurden die gemeinsame Wochenendruhe und die gemeinsame Feierabendruhe eingehalten und ausgebaut. Auf das Wort „gemeinsam“ kommt es dabei an. Nur gemeinsame freie Zeit bringt den Menschen das, was sie wirklich brauchen. Denn menschliches Leben ist immer Zusammenleben. Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten führt zu einer neuen Individualitätskultur, die einerseits als Gewinn an persönlicher Freiheit, andererseits aber auch als fortschreitende Vereinzelung erlebt wird. Sie eröffnet neue Möglichkeiten und erschwert zugleich das Zusammenleben: E-Mails vom Chef werden noch nach Mitternacht beantwortet, der Schulunterricht reicht bis in den späten Nachmittag und dann geht, wer kann, noch zum Sportverein.

Das verlangt nach Ausgleich – nach eigener Zeitgestaltung und Terminlosigkeit, nach einem freien Sonntag. Und diese Erkenntnis wächst in der Breite unserer Gesellschaft: Es tut uns insgesamt gut, wenn wir Zeit haben, einander in Ruhe zu begegnen. Wenn es uns möglich ist, wenigstens an einem Tag der Woche selbstbestimmt zu handeln. Und dies gilt für alle Menschen gleichermaßen: für Mini-Jobber ebenso wie für Managerinnen, für Politiker ebenso wie für Verkäuferinnen.

Die Arbeitszeitorganisation ist aus evangelischer Sicht zunächst eine wirtschaftsethische Frage, bei welcher zwischen ökonomischer Sachgerechtigkeit und Menschengerechtigkeit, d.h. den Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu vermitteln ist. Dies ist der Grund, warum wir als evangelische Kirche für eine moderate Bäderregelung eintreten und warum es immer wieder verkaufsoffene Sonntage gibt, an denen sich Kirchengemeinden mit besonderen Aktionen beteiligen, nicht etwa mit einem Boykott. „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht“, sagt Jesus, nicht umgekehrt. Aber, und das ist das Entscheidende, das gilt in gleicher Weise für die Ökonomie, den Arbeitsmarkt, die Rechtsordnung: um des Menschen willen sind sie gemacht, und damit erreichen sie ihre unüberschreitbare Grenze.

Die Situation in den Tourismusregionen unseres Sprengels ist unbestritten eine besondere. In vielen eigentlich strukturschwachen Regionen bildet der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle und die Saison ist eben eine Saison, mit Anfang und Ende. Als Kirche akzeptieren wir das nicht nur. Mehr noch: wir tragen aktiv mit den Angeboten im Bereich der Urlauberseelsorge, mit offenen Kirchen, Strandgottesdiensten, Konzerten, Gute-Nacht-Geschichten u.v.m. dazu bei, gute Gastgeberin zu sein, und an vielen Orten gelingt uns dies miteinander in guter Partnerschaft für die Menschen, die bei uns Erholung suchen.

Dennoch hatten unsere Kirchenleitung und das Erzbistum Hamburg mehr als drei Jahre für einen stärkeren Schutz des Sonntags gestritten und nach ergebnislosen Gesprächen mit dem Wirtschaftsministerium im Juli 2011 das Normenkontrollverfahren zur Bäderverordnung des Landes wieder aktiviert. Ausschlaggebend war, dass eine als Ausnahme gemeinte Bestimmung vielerorts zum Regelfall geworden und an einzelnen Orten das Bemühen erkennbar war, die ohnehin umfangreichen Ladenöffnungszeiten noch weiter auszudehnen. Die alte Verordnung erlaubte, die Geschäfte in mehr als 95 Orten an etwa 45 Sonntagen im Jahr zu öffnen – von Mitte Dezember bis Ende Oktober In unseren Augen wurde dadurch der grundgesetzliche Schutz des Sonntags als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung ausgehöhlt.

Im Wissen um die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für viele auch kirchlich engagierte Menschen und im Interesse einer Grundversorgung unserer Gäste haben wir eine moderate Bäderregelung angestrebt und nach neuen Verhandlungen im März 2013 erreicht. Interessant war dabei, dass die Verhandlungen durch das Wirtschaftsministerium an einem Runden Tisch mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedenster Verbände (u.a. Tourismus, Wirtschaft, Gewerkschaften) und den Kirchen geführt wurden. Es ist ein Gewinn, dass wir einen tragfähigen Kompromiss gefunden haben, der sich durch verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen für alle Seiten auszeichnet, durch eine wirtschaftliche Perspektive für die Menschen in unseren Tourismusregionen, und nicht zuletzt: durch eine gemeinsame größere Klarheit, was notwendig dazu ist, dass Menschen sich „seelisch erheben“ können. Denn das ist unser zentrales Anliegen, dass dies weiter möglich ist: dass das begrenzte Geschöpf Mensch, am Beginn einer neuen Woche und im Rückblick auf eine vergangene Woche mit Scheitern und Gelingen, seine Seele über sich selbst erheben kann – dass dies möglich ist, ist Teil unserer unveräußerlichen Würde, die uns aufrecht gehen lässt.

Solche diskursive öffentliche Rede der Kirche ist daher um der Menschen willen notwendig.

 

III.3 Die politikberatende Dimension

Es ist unsinnig, wenn behauptet wird, Kirche solle sich aus Fragen von Wirtschaft und Politik heraushalten. „Suchet der Stadt Bestes“[11] ist allen Christenmenschen aufgeben. Thomas Schlag stellt in seinem Buch „Öffentliche Kirche“ fest: „Sich als Kirche außerhalb der realen Verhältnisse der Welt zu betrachten und sich als Christenmensch gar auf eine exklusive Form der Weltgestaltung zu berufen, entspricht keineswegs der uns von Gott aufgetragenen Aufgabe, Kirche mitten in der Welt zu sein.“[12] Über die öffentliche diskursive Rede hinaus, geschieht dies auch im Bereich der beratenden Rede. Die Kirche selbst hört auf Rat, auf allen ihren Ebenen: In unseren Kirchengemeinderäten und Synoden engagieren sich viele Menschen, deren berufliche Erfahrungen für unser kirchliches Leben unentbehrlich sind. Und auch der Vorsitzende der EKD-Sozialkammer ist daher zum Beispiel ein Ökonom.

Und zugleich gibt die Kirche selbst Rat, eben ihren Rat im Sinne des Evangeliums: so sind zum Beispiel der badische Landesbischof Dr. Ulrich Fischer und der Erzbischof von München Dr. Reinhard Kardinal Marx Mitglieder der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ der Bundesregierung. Nicht um einfach mitzureden. Sondern um zu sagen, was zu sagen ist, und manchmal aufmerksam zuzuhören und notwendige Fragen zu stellen. Und dort, wo keine Fachkompetenz gegeben ist, ist eindeutig Zurückhaltung gefragt.

Die oft wahrgenommene Politikverdrossenheit trifft in unserer Gesellschaft mit einer medialen Landschaft zusammen, in der zunehmend kritisch berichtet wird und von Menschen, die öffentliche Ämter bekleiden, ein hohes Maß von Authentizität einfordert wird. Aufgabe politikberatender kirchlicher Rede ist hier auch die seelsorgerliche Begleitung der Menschen, die in besonderer Weise Verantwortung für das Gemeinwesen übernommen haben und nicht selten auch deren Last bedrückend spüren.

Den Menschen gerecht zu werden, ist eine Herausforderung, die in hoch verschuldeten Kommunen teilweise kaum zu bewältigen ist. Gerade vor dem Hintergrund der oben genannten Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Macht sollte kirchliches Handeln dazu befreit sein, vorurteilsfrei auf Menschen zuzugehen, hinzuhören, zu ermutigen und auch gemeinsam zu handeln, wo dies um der Menschen willen möglich und geboten ist. Bei den bischöflichen Visitationen der Kirchenkreise ist dieser Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern der Politik wesentlicher Bestandteil. Solchen Austausch zu befördern und die Aufgabe gemeinsamer Beratung anzunehmen, wird eine Zukunftsaufgabe in unserem Sprengel sein. Die Dienste und Werke leisten hier meiner Wahrnehmung nach einen unentbehrlichen Beitrag dazu, sowohl die erforderliche Sachkompetenz für unser kirchliches Handeln bereitzustellen, als auch etwa im Dialog mit der Landwirtschaft oder den Vertreterinnen und Vertretern der Tourismusverbände kirchliche Positionen deutlich zu machen.

 

III.4 Die prophetische Dimension

Die prophetische Dimension öffentlichen kirchlichen Redens hat eine zutiefst biblische Dimension. „Rufe getrost, halte nicht an dich!“[13] – hieß es im Predigttext aus dem Jesajabuch für die Ordination der neuen Pastorinnen und Pastoren im Sprengel Schleswig und Holstein Anfang dieses Monats. „Rufe getrost, halte nicht an dich!“ Also: „Hab keine Angst, den Mund aufzumachen. Versteck dich nicht. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Benenne die Sachen. Enthülle die verborgene Bedeutung der Dinge. … Wenn es nötig ist, darfst Du auch einmal laut werden … Du kannst ansprechen, was um Gottes Willen nicht wahr sein darf.“

Das öffentliche Reden hat auch diese mutige, prophetische Dimension. Nicht weil wir als Christinnen und Christen immer alles besser wüssten, nein, das bestimmt nicht. Aber weil es Zustände in unserer Gesellschaft und auch in unserer Kirche gibt, die zwar erklärbar sein mögen, aber die um Gottes Willen nicht wahr sein dürfen.

Die alttestamentlichen Prophetinnen und Propheten beginnen zu reden und verkünden unbequeme Botschaften. Sie tun dies aus dem genauen Hinhören auf Gottes Willen und Gebot heraus. Sie tun dies aus dem genauen Hinsehen auf den Zustand der Gesellschaft ihrer Zeit. Sie sprechen zornig, eindringlich werbend, ehrlich empört, trotzig liebevoll. Den Mut zum prophetischen Wort zur rechten Zeit braucht auch unsere Kirche. Sie kann daraus kein Prinzip machen. Sie braucht Geistesgegenwart. Ich wünsche mir, dass unsere jungen Pastorinnen und Pastoren, aber auch die vielen haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden unserer Kirche sich in solchem Mut verbunden wissen. Vielleicht kennen Sie das Plakat der Diakonie mit dem Titel „Trau dich“ – es zeigt eine freudig lächelnde Gans, die den grimmigen Fuchs in die Schnauze zwickt. „Trau dich“ – lasst uns nicht stillhalten, nur weil Schweigen einfacher wäre.

 

IV. Beten und Tun des Gerechten – die Verheißung der Kirche des Wortes

„… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ schreibt Dietrich Bonhoeffer vor 70 Jahren, im Mai 1944.Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“ Diese Zeilen schreibt er seinem Patenkind – und schließt dann an: „Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben.“[14] Ja, die Gestalt der Kirche hat sich seither verändert. In mancherlei Hinsicht gewiss anders, als Bonhoeffer dies erwartet hat. An seinem Weg und Wirken kann sich kirchliches Handeln bis heute neu ausrichten, auch weil manche Perspektive, die er in bedrängter Zeit aufgezeigt hat, unabgegolten ist. „… der Tag wird kommen“, schreibt er weiter, „an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich Menschen über sie entsetzten und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.“

Solche Sprache zu finden, die neu geboren wird aus dem Beten und Tun des Gerechten, bleibt unsere gemeinsame Aufgabe.

 

Ich habe in den zurückliegenden Jahren erlebt, dass Menschen rechte Worte finden, begabt predigen, im Hören und Reden seelsorgerlich präsent sind, leidenschaftlich streiten und einander ermutigen. Ich habe an vielen Orten wahrgenommen, dass Wort und Tat, Gebet und Tun des Gerechten in guter Weise zueinander finden. Und zugleich sehe ich die Herausforderungen, die uns aufgegeben sind. Der Verlust an religiöser Sprache bei vielen Menschen ist vielleicht eine der größten unter ihnen. Deshalb werden wir neu lernen müssen, von unserem Glauben zu reden. Das ist auch eine große Chance.  

 

Kirche ist und bleibt in alledem creatura verbi, Geschöpf des lebendig machenden Evangeliums. Sie wird ins Leben gerufen, angesprochen und findet darum selbst Worte. Sie vertraut nicht auf menschliche Macht, sondern auf die gewinnende Kraft des Evangeliums. Darum bin ich überzeugt, dass der Weg dieser Kirche, in ihren Gemeinden, Kirchenkreisen, in ihren Diensten und Werken, im Sprengel zwischen den Meeren und in unserer ganzen Landeskirche verheißungsvoll ist.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

                    

 

 

 

 

 


[1] Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von E. Bethge, Gütersloh 202010, S.157.

[2] Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Göttingen 1930, 121998, 124,9.

[3] Vgl. Lohse, Eduard, Theologie im Bischofsamt, in: Hauschildt, Friedrich (Hg.), Sine vi, sed verbo. Die Leitung der Kirche durch das Wort Gottes, Leipzig 2005, S. 29.

[4] Vgl. Lohse, a.a. O., S.29.

[5] CA 28.

[6] Vgl. Bedford-Strohm, Heinrich, Klar und verständlich. Vier Dimensionen öffentlicher Rede der Kirche, in: Ders., Position beziehen. Perspektiven öffentlicher Theologie, München 32012, S. 49.

[7] Bedford-Strohm, a.a.O., S. 47–55.

[8] Röm 12,15

[9] Spr 31,8

[10] Bedford-Strohm, Heinrich, Klar und verständlich. Vier Dimensionen öffentlicher Rede der Kirche, in: Ders. Position beziehen. Perspektiven öffentlicher Theologie, München 32012, S.49.

[11] Jer 29,7

 

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