3. Mai 2013 - Syrisch-Orthodoxe Kirche, Hamburg-Neugraben

3. Mai 2013 - Eröffnungsrede zur Veranstaltung "Bleiben oder Fliehen? Die Lage der christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten" auf dem 34. DEKT in Hamburg

03. Mai 2013 von Hans-Jürgen Abromeit

Sehr geehrte Herren Bischöfe, liebe Brüder Nais und Damian,
liebe Schwestern und Brüder, meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland ist der Landeszentrale für politische Bildung sehr dankbar, dass sie zu dieser Veranstaltung unter dem Titel: „Bleiben oder Fliehen? Die Lage der christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten“ eingeladen hat. In der letzten Woche haben wir ein neues Lehrstück zu unserem Thema gelernt. Am Montag, dem 22. April 2013 wurden in Aleppo der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Gregorios Yohanna Ibrahim und sein griechisch-orthodoxer Amtsbruder, Bulos Jasidschi, entführt. Dabei wurde der Fahrer der Geistlichen, ein Diakon, von den Entführern erschossen. Nachdem es zeitweise so aussah, dass die Bischöfe freigelassen würden, ist ihr Schicksal bis heute ungeklärt. Viele haben sich für ihre Freilassung eingesetzt, u. a. Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Bischof Dr. Munib Younan, der auch der Bischof der Partnerkirche der Nordkirche in Nahost ist, nämlich der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL). Er sagte u.a.: „Wir wissen ganz genau, dass diese Bischöfe in Aleppo die Rolle spielen, die syrischen Christen zu ermutigen und sie stärken, damit sie in ihrem Land bleiben.“ (aus: Presseerklärung der ELCJHL „Bishop Demands Release of  Syrian Christian Leaders“ vom 23.04.2013).

 

Damit sind wir beim Thema. Exemplarisch wird an der Entführung der beiden Bischöfe deutlich, wie die Lage in wichtigen Ländern des Nahen Ostens sich für Christen zurzeit darstellt. In einer Zeit des Umbruchs werden Christen gezielt in Angst und Schrecken versetzt. Es werden Anschläge auf Kirchengebäude durchgeführt, zum Teil werden Gottesdienstbesucher ermordet (Ägypten, Syrien, Irak). Familien werden abgeschreckt, in ihren Häusern zu wohnen und so werden sie vertrieben (Irak). Repräsentanten der christlichen Kirche werden bedroht, entführt und zum Teil ermordet (Irak, Ägypten, Syrien). Damit hat eine lange Geschichte der Diskriminierung von Christen in der islamischen Welt einen Höhepunkt und einen Scheidepunkt erreicht.

 

Hunderttausende von Christen haben in den letzten zehn Jahren ihre Heimat verlassen. Es ist nun die Frage, ob Christen in der Weltregion, in der das Christentum entstanden ist, noch eine Zukunft haben. Bleiben oder Fliehen, das ist heute für fast jede christliche Familie zwischen Ägypten und Iran eine existenzielle Frage, eine Frage, die sich jedem Christen in Nahost schon einmal gestellt hat. Die Frage an sich ist nicht neu, aber sie stellt sich in einer neuen Dringlichkeit, weil sich die Verhältnisse durch die Arabellion zugespitzt haben. Es geht nicht nur um das persönliche Schicksal von sieben Millionen, schließen wir Armenien ein, dann zehn Millionen Christen. Auch das wäre schon eine unendlich große Herausforderung. Denn jedes Menschenleben ist unendlich wichtig und aller Aufmerksamkeit wert. Aber mit der Frage nach der Zukunft der Christen stellen sich grundsätzliche Fragen an die Menschheit und die Geschichte.

 

1. Ist im vom Islam dominierten Raum heute noch christliches Leben möglich? Wir streben in Deutschland und Europa ein Miteinander von Angehörigen verschiedener Religionen an und suchen deswegen – auch auf diesem Kirchentag – den interreligiösen Dialog. Aber schon am 10. Januar 1998 stellte der Islamwissenschaftler und Politologe Ralph Ghadban die Frage: „Gehen die Christen des Orients ihrem Verschwinden entgegen?“(Aus: Kulturbeilage „Mulhaq“ der renommierten libanesischen Tageszeitung an-Nahra, in deutscher Übersetzung in: Die Zukunft der orientalischen Christen. Eine Debatte im Mittleren Osten, hg. v. Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW), dem Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten (inamo) und Alexander Flores, Hamburg und Berlin Juni 2001, 29-48) Er beobachtet, dass seit der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert die Zahl der Christen im Orient kontinuierlich abgenommen hat und nur durch ein vierhundertjähriges Zwischenspiel im osmanischen Reich aufgrund eines besonderen Rechtssystems aufgehalten wurde. In der Gegenwart beobachtet er wieder „einen Trend zur Auflösung des orientalischen Christentums“ (A.a.O. 30). Heute, 15 Jahre nach der Debatte im Libanon, stellt sich die Frage nach der Zukunft des orientalischen Christentums noch viel dringlicher. Besonders durch den Irak-Krieg nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001, den Aufständen in der arabischen Welt in den letzten Jahren und wegen des syrischen Bürgerkrieges ist das Verschwinden der arabischen Christenheit näher gerückt.

 

2. Was geht verloren, wenn das Christentum aus dem Orient, aus seinem Ursprungsgebiet, verschwindet? Mit der so gut wie völligen Auflösung des Christentums in seinen Ursprungsländern Palästina, Jordanien, Syrien, Irak und Ägypten würde sich die Kultur dieser Region in gravierender Weise verändern. Sie wäre im Hinblick auf ihren Wertekanon und ihr Menschenbild einseitig islamisch bis islamistisch ausgerichtet. Mit dem Christentum verschwände ein wichtiger Garant für Pluralismus in der Region und eine Brücke zum Westen.

 

3. Kann man die Entwicklung noch aufhalten? Ich weiß es nicht. Was könnten die Kirchen und die Staaten des Westens tun? Auf jeden Fall sollten die Kirchen in Europa und Amerika alles in ihrer Macht Stehende tun, um die christlichen Gemeinden in Nahost zu stärken und ihnen in ihrer unglaublich schwierigen Lage zu helfen. Sie sollten in dieser Hinsicht auch Druck auf ihre Regierungen ausüben. Die Wichtigkeit der Frage muss für die politische Agenda noch entdeckt werden. Es ist daher geradezu ein Drama, dass es ein ungebildeter, sich aber intensiv christlich gebärender amerikanischer Präsident war, der als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11.09.2001 maßgeblich zur Instabilität der Lage im Orient beigetragen hat.

 

4. Gibt es eine Lösung im Konflikt zwischen Israel und Palästina? Die eigenwillige Politik und Militärstrategie Israels, die nicht mit den Interessen und Zielen der westlichen, christlichen Welt zu vereinnahmen ist, macht das Verständnis der Lage nicht einfacher. Israel verfolgt eine ganz eigene Agenda, die eventuelle Lösungswege noch komplexer macht. Ohne einen dauerhaften Frieden im Israel-Palästina-Konflikt wird es auch in dieser Unterregion des Nahen Ostens immer weniger Christen geben, die bleiben.

 

Diese Fragen haben Gewicht. Sie haben geschichtsprägende Dimensionen. Sie haben das Kaliber, das spätere Generationen einmal fragen werden: Konnten unsere Eltern und Großeltern nichts tun, damit es nicht zu einem christenfreien Orient gekommen wäre?

 

Natürlich kann ich diese Fragen in meiner kurzen Eröffnungsrede nicht hinreichend beantworten. Der ganze Abend ist auf der Suche nach einer Antwort und er wird nicht ausreichen. Aber es gut, dass wir uns diesen Fragen widmen. Es gibt nicht nur Wirtschaftskrisen, die Notwendigkeit zur Rettung des Euro und unsere anderen materiellen Herausforderungen. Die Frage nach der Zukunft der Christen in Nahost wirft eine ganz neue Dimension von Fragen auf. Was für eine Welt wird die Welt des 21. Jahrhunderts und des 3. Jahrtausends sein? Kommt es doch zum dem Clash of Civilisations, dem Kampf der Kulturen, den uns Samuel Huntington in einem Schreckensszenario vor Augen malte und den wir mit allen Kräften zu verhindern suchen? Diese Befürchtung hege ich, wenn es im Nahen Osten nicht gelingt, ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Religionen zu gewährleisten. Denn trotz des engagierten Einsatzes auf Ausgleich bedachter Menschen auf beiden Seiten, auf der Seite des Islam und des Christentums, schreitet die Eskalation weiter voran.

 

„Bleiben oder Fliehen?“ Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur von Bedeutung für die Angehörigen religiöser Minderheiten im Orient, sondern eine Schlüsselfrage für die Zukunft der Menschheit. Es ist wichtig, dass die Kirchen und Staaten der westlichen Welt das erkennen. Ich erwarte einen wichtigen und spannenden Austausch.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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