31. Oktober 2013 - St. Nikolai Stralsund

31. Oktober 2013 - Reformationsempfang der Nordkirche - Dienst in der Gesellschaft und auch in der Politik

31. Oktober 2013 von Hans-Jürgen Abromeit

Ansprache zu Römer 13, 1-7

Verehrte Gäste des Reformationsempfangs,

liebe Gemeinde,

die Reformation hat das Gesicht der Welt verändert. Aber die Wenigsten wissen das. Bei den Kindern hat Halloween gewonnen. Man muss nur einmal danach fragen, warum am heutigen Tag schulfrei ist. Meine Frau hat es getan. Nur zwei Kinder aus fünf Klassen wussten etwas vom Reformationstag und von Martin Luther.

Dabei hat Martin Luthers Plädoyer für eine aufgeklärte Offenbarungsreligion das deutsche religiöse Bewusstsein geprägt. Kein Kaiser und kein Papst konnten ihn zu Einsichten zwingen, die er nicht aus der Bibel entnommen hatte und mit seinem eigenen Verstand nachvollziehen konnte – und wenn es ihm auch das Leben gekostet hätte. Das ist ja die Quintessenz des wohl berühmtesten Lutherwortes aus der Szene vor Kaiser Karl auf dem Reichstag zu Worms 1521: „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Deswegen gab er dem deutschen Volk eine deutsche Bibel und nebenbei noch die hochdeutsche Sprache. Daraus entwickelte sich sein Plädoyer für die Schulpflicht aller, auch der Mädchen. Für das ausgehende Mittelalter war das revolutionär! Seine Unterscheidung und Verbindung von Staat und Kirche und die so genannten Zwei-Reiche-Lehre legten die Grundlage für ein modernes Staatsverständnis. Aber, wer weiß das denn heute noch? Ein Wort des originellen Heinrich Heine beleuchtet die Situation. Er sagte: „Luther erschütterte Deutschland – aber Francis Drake beruhigte es wieder: Er gab uns die Kartoffel.“ Wen interessieren denn die großen geistesgeschichtlichen Zusammenhänge? Das Naheliegende, der knurrende Magen z.B., drängt sich in den Vordergrund.

Luther aber schürft tiefer. Für ihn ist der Glaube die Lebensbasis, die das Leben trägt. Er fand bei dem guten alten Apostel Paulus, gerade hier im Römerbrief, ein Verständnis des Verhältnisses von Gott und Mensch, das jahrhundertelang verschüttet gewesen ist und das man ungefähr so beschreiben kann: „Wenn ich vor mir selbst ehrlich bin, dann muss ich eingestehen: Ich kann vor meinem Schöpfer nicht bestehen, wegen der Sünde, wegen meines Versagens. Und dann schenkt uns Gott Christus und ich mache die unerwartete Erfahrung: Ich bin – erstaunlicherweise, trotz allem – Gott recht. Er nimmt mich an, wegen Christus.“

Über diese Annahme durch Gott, die grundsätzlich gilt und von keinen Bedingungen abhängig ist, kann ich mich unglaublich freuen. Und genau das haben auch die frühen Christen getan. Manchmal waren sie wohl auch ein bisschen abgehoben und haben die Welt um sich herum vergessen. Der Staat mit seinen Strukturen interessierte sie nicht. Manche hatten den Eindruck, dass die Christen aus der Gesellschaft aussteigen wollten. Und darum fordert Paulus sie in seiner Sprache und unter den Bedingungen seiner Zeit auf, den Dienst, den sie allen Menschen schuldig sind, auch in den Strukturen des Staates zu leisten.

Im Zusammenhang des Römerbriefes bedeutet der kleine Abschnitt aus Römer 13, den wir eben als Lesung gehört haben: „Ihr könnt nicht aus der Gesellschaft aussteigen. Ordnet euch mit eurem Leben ein in einem Zusammenhang des Ganzen. Das ganze Leben eines Christen soll Dienst sein. Wir verdanken Gott und Jesus Christus so viel, dass wir darauf nur mit einem dankbaren Leben antworten können.“

Und in diesem Zusammenhang fällt nun eine spannende und wirklich spannungsreiche Formulierung. Denn der Apostel Paulus sagt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit.“ (Römer 13, 1). Und man hört förmlich heute den Aufschrei: „Was heißt denn hier ‚Obrigkeit‘? Und, wir sind doch keine Untertanen, sondern mündige Staatsbürger!“ Es ist anstößig, denn hier steht nun einmal: „Der Staat ist von Gott.“ Für die Adressaten der christlichen Gemeinde im Rom des 1. Jahrhunderts musste das so klingen: „Akzeptiere, dass es in dieser Welt eine dir vorgegebene Ordnung gibt. Als Christ kannst du diese nicht überspringen. Der Staat dient dir, diene du dem Staat! Zahle deine Steuern und deinen Zoll, ehre die Amtsperson, denn der Staat hat die Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen.“

Und wie klingen diese Aussagen in unseren Ohren? In der Grundaussage werden wir uns mit den Alten treffen können. Es ist auf Aufgabe des Staates, für Gerechtigkeit zu sorgen. Deswegen hat er das Gewaltmonopol. Aber für uns Heutige bleiben auch Fragen offen, denn die Aufgabe eines Christen in einem Staat, der nicht mehr Unterordnung, sondern Mitverantwortung fordert, muss anders aussehen. Und was geschieht eigentlich, wenn ein Staat die ihm hier zugedachte Funktion, das Gute zu fördern und dem Bösen zu wehren, nicht mehr erfüllt und zum totalen Unrechtsstaat wird? Wir haben ja gerade in unserer jüngeren Geschichte auch in Deutschland Beispiele, wie schnell das geschehen kann. Für die Christen ist eine Frage lebenswichtig, die aber nicht hier, sondern in der Apostelgeschichte gestellt wird: Wann tritt der Fall ein, dass man Gott mehr gehorchen muss, als den Menschen (Apg 4, 19; 5, 29)?

Aber bei all dem bleibt gewiss: Der Glaube zielt auf das ganze Leben. Und darum werden Christenmenschen immer auch Folgerungen ziehen, die im Bereich der Politik zu konkreten Forderungen führen. Kirche macht Politik! Wir können und dürfen uns nicht heraushalten! Wir leben heute in einem demokratischen Gemeinwesen und suchen als Kirchen das Gespräch und die Kooperation. Die Grundlage dazu ist, dass wir die Grenzen kennen. Die Aufgabe der Kirche ist es, den Glauben zu verkünden. So bilden sich Werte, auf deren Praktizierung unser Staatswesen angewiesen ist. Die Aufgabe der Politik ist es, das Leben in unserem Staat so zu ordnen, dass Gerechtigkeit zum Zuge kommt. Der Staat muss weltanschaulich neutral sein. Deswegen kann er aus sich heraus keine Werte setzen, sondern diese werden im gesellschaftlichen Diskurs gewonnen, in den sich auch die Kirchen einbringen. Da muss die Kirche auch auf Gerechtigkeitslücken hinweisen, die sie wahrnimmt.

Wir sehen Gerechtigkeitslücken in unserer Gesellschaft und am Rand unserer Gesellschaft. Wir stehen ja in einem globalen Zusammenhang. Unsere Nordkirche ist zurzeit besonders in Hamburg gefordert, wo sie auf die Not der aus Afrika zu uns drängenden Flüchtlinge hingewiesen und konkrete Hilfe angeboten hat. Die Kirche ist weder dazu da, geltende Gesetze auszuhebeln, noch an die Stelle der Politik zu treten. Aber sie muss in der Nachfolge ihres Herrn darauf hinweisen, wo Barmherzigkeit geboten ist. Wir können nicht in einem Europa leben, an dessen südlichen, durch das Mittelmeer gezogenen Grenzen täglich Menschen ertrinken! Wir brauchen eine neue Flüchtlingspolitik und die Barmherzigkeit, eine geregelte Anzahl von zu uns sich Flüchtenden auch aufzunehmen. Wie das geschehen kann, ist Sache der Politik. Sache der Kirche ist es, mit Paulus zu sagen: „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm 13, 10.) Genau das müssen wir auch hier in Stralsund ins Gedächtnis der Verantwortlichen rufen: „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung!“ Denkt an die 1000 Arbeiter und ihre Familien, deren Beschäftigung auf der Werft mit dem heutigen Tag ausläuft!

Am Ende müssen wir festhalten. Heinrich Heine hatte eben doch Recht. Wegen der Kartoffeln, der gefüllten Mägen und der ungefüllten, brauchen wir die Ermahnungen des Paulus und Luthers. Als Christenmenschen wirken wir gern mit in der Gestaltung unseres Staatswesens. Wir zahlen nicht nur unsere Steuern, sondern wir haben auch Weisung, was denn heute der Gerechtigkeit und dem Frieden dient. Und davon reden wir. Das ist die Weise, wie Kirche Politik macht. Amen.

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