9. Oktober 2013 - Marienkirche, Anklam

9. Oktober 2013 - Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des ersten Luftangriffs auf die Stadt Anklam

09. Oktober 2013 von Hans-Jürgen Abromeit

"Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin. Euch allen, die ihr vorübergeht, sage ich: „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz ist wie mein Schmerz, der mich getroffen hat; denn der Herr hat Jammer über mich gebracht am Tage seines grimmigen Zorns. Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und lässt es wüten.“ Klagelieder 1,1.6a.12-13a

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger Anklams, verehrte Gäste,

diese Worte aus dem Buch der Klagelieder des Propheten Jeremia erinnern an die Zerstörung der Stadt Jerusalem im Jahr 587 vor Christus. Anklam ist nicht Jerusalem. Heute erinnern wir uns an die Tage, in denen Anklam zerstört wurde. Und diese Erinnerung ist voller Schmerz. Wir trauern um die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Wir sehen die Spuren des Bombenangriffs bis heute. Der hanseatische Schmuck der Stadt ist vergangen. Unschuldige Zivilisten wurden in Kriegshandlungen verwickelt und getötet.

Heute suchen wir nach Worten, um zu verstehen, was geschehen ist. Und es lässt sich nicht vollständig in Worte fassen, was uns dabei bewegt. Denn auf der einen Seite sehen wir das Unrecht, das in dem Angriff auf Anklam lag. An jenem 9. Oktober 1943 wurden eben nicht nur die militärischen Ziele getroffen. Die zweite Angriffswelle warf ihre Bomben blind in den Qualm und traf damit vor allem die zivile Stadt.

Und auf der anderen Seite wissen wir, dass es Deutschland selbst war, das das Feuer des Krieges in die Welt getragen hatte. Der Angriff zielte auf die Arado-Flugzeugwerke, die in Anklam eines ihrer Hauptwerke hatten. In diesen Werken wurden ebenfalls Flugzeuge gebaut, die im Krieg zum Einsatz kamen und Menschen töteten. Die zivile Stadt Anklam lag damit in unmittelbarer Nachbarschaft eines militärischen Primärziels. Wir müssen – so schwer es uns fällt – uns eingestehen: Anklam musste ernten, was durch Deutschland vorher gesät worden war. Bereits im Herbst 1940 hatte Deutschland nicht nur militärische und strategische Ziele in England angegriffen, sondern auch gezielt zivile Städte einem Flächenbombardement unterzogen. Anklam wurde dreimal von den Amerikanern bombardiert. Am 9. Oktober 1943, heute vor 70 Jahren, fand der erste Angriff statt. Knapp ein Jahr später folgten am 4. August 1944 und am 25. August 1944 weitere Angriffe, diesmal auch mit gezielten Angriffen gegen die Stadt. Zum bitteren Schicksal Anklams gehört es, dass die eigene deutsche Luftwaffe nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee am 29. April 1945, Anklam bombardierte. Dabei kamen fast so viele Menschen um, wie beim allerersten Angriff der Amerikaner.

An Anklam zeigt sich grausam, was Dietrich Bonhoeffer die Folgen der Todesvergötzung genannt hat: „Nichts verrät die Vergötzung des Todes deutlicher als wenn eine Zeit für die Ewigkeit zu bauen beansprucht und doch in ihr das Leben nichts gilt, … Alles erraffen oder Alles wegwerfen, das ist die Haltung dessen, der fanatisch an den Tod glaubt.“ (Ethik, DBW 6, 79). Hitler und den Nationalsozialisten ging es nicht um Deutschland und seine Menschen, sondern nur um eigene Größe und eigene Macht. Als die nicht mehr zu erreichen war, wurde alles mit in den Tod gezogen.

Deutscher nationalsozialistischer Größenwahn war der Motor des Krieges. Ausgangspunkt war die Hybris eines sogenannten Führers, einer Ideologie und eines Volkes, unseres Volkes. Es hatte sich aus der Gemeinschaft aller Völker und aller Menschen herausgezogen und wollte ein Herrenvolk sein, etwas Besseres als alle anderen. Ergebnis war eine unglaubliche Zerstörung, ein millionenfaches Töten in Europa und der ganzen Welt und eben auch in Deutschland selbst. Schon der alttestamentliche Prophet sagte: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten!“ (Nach Hosea 8,7)

Darum können wir diesen Tag nicht begehen, ohne an die eigene Schuld unseres Volkes zu denken. Wir haben gelernt und teuer dafür bezahlt. Und zugleich dürfen wir trauern und weinen über das, was damals vor 70 Jahren hier geschehen ist.

Als Christ weiß ich, dass Gott jedem Menschen sein Leben geschenkt hat. Niemand hat das Recht, eines Anderen Lebensrecht infrage zu stellen. Krieg bedeutet immer die Vernichtung von menschlichem Leben, ja sogar die Entfesselung nicht mehr beherrschbarer vernichtender Kräfte. Deswegen hat – nach den Lehren, die uns zuletzt der Zweite Weltkrieg lehrte – die ökumenische Bewegung festgestellt: „Krieg soll nach dem Willen Gottes nicht sein!“ („Die Kirche und die internationale Unordnung“, Bericht der Sektion IV der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam 1948, in: „Amsterdamer Dokumente – Berichte und Reden auf der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam 1948“, Ev. Presseverband für Westfalen und Lippe e. V., Bethel. Oder: Vollversammlung der Ökumene Amsterdam 1948, Sektion IV, ,,Die Kirche und die internationale Unordnung" in: Erziehung zum Frieden, herausgegeben vom Ev. Gemeindedienst für Württemberg, Stuttgart.)

Die Ereignisse in Anklam in den Jahren 1943-45 fordern uns darum zu einem radikalen Eintreten für Frieden auf. Anklam ist der richtige Ort, um heute und hier unmissverständlich zu erklären: Es gibt keine Probleme zwischen Völkern und Staaten, die mit Hilfe eines Krieges gelöst werden könnten. Wer das heute – nach den Lehren, die wir aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen haben – immer noch meint, irrt. Krieg zerstört immer auch Unschuldige und schafft dadurch neue Opfer.

Und darum ist mir noch ein letzter Gedanke wichtig. Unsere Feinde von damals sind heute unsere Freunde. Es ist möglich, dass Feinde ihren Streit beilegen und gemeinsam einen Weg des Friedens miteinander gehen. Darum freue ich mich, dass in dieser Gedenkveranstaltung eine Vertreterin unserer Partnerkirche aus den USA unter uns ist, Vikarin Rosalind Gnatt. Sie wird gleich ein Grußwort an uns richten. Ich bin dankbar mit amerikanischen Vertretern unserer Partnerkirche gemeinsam für eine gerechte und friedliche Welt und den gewaltlosen Ausgleich von Konflikten eintreten zu können. So weinen wir an den Gräbern der getöteten Anklamer und schauen doch voller Zuversicht uns heute gegenseitig ins Angesicht. In seinem Grußwort schreibt Campbell Lovett, der Kirchenpräsident der United Church of Christ, Michigan Conference: „In dem weiteren Zusammenhang von zivilen Opfern und Szenen des brutalen Blutvergießens kommen die unbescholtenen Bürger aus Anklam zusammen, um sich zu erinnern, zu trauern, für Frieden zu beten und mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken. … Wir beten mit Ihnen für die Zeit, welche der Prophet Jesaja vorhergesagt hat, wenn Gott zwischen den Nationen richten und viele Völker zurechtweisen wird. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jes. 2,4).

Gerade angesichts der Bilder und Nachrichten, die wir aus Syrien erhalten, ist das die gute Nachricht des heutigen Tages. Der Krieg wird nicht das letzte Wort behalten. 70 Jahre ist der Angriff auf Anklam her. Nach 70 Jahren wurde auch das zerstörte Jerusalem wieder aufgebaut. Die Wunden eines Krieges heilen nicht von heute auf Morgen. Und dennoch: Es gibt Versöhnung. Es gibt Hoffnung auf eine friedlichere und gerechtere Welt. Mit dieser Hoffnung können wir leben.

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