11. Juni 2017 | St. Pankratius-Kirche zu Hamburg-Neuenfelde

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn

11. Juni 2017 von Kirsten Fehrs

Sonntag Trinitatis, Gottesdienst zur Einweihung der restaurierten Arp-Schnitger-Orgel, Predigt zu Johannes 3, 1-8

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!  So steht es auf einem dieser Spruchbänder an der prächtigen Himmelsdecke von St. Pankratius. Und alles, was recht ist, liebe Festgemeinde, dieser Aufforderung kommen Sie heute gründlich nach! Wer täte es auch gerade heute nicht gern? Wo wir höchst wohltönend begleitet werden vom neuen Klang der alten Orgel, seit 10 Minuten wiedergeweiht und gesegnet! Endlich! Ein halbes Jahr später als geplant – was macht´s – dafür nur geringfügig teurer… Es ist schon auch ein respektabler Kraftakt für eine kleine Gemeinde wie Neuenfelde, so ein Projekt von knapp einer Million zu stemmen. Aber es hat sich ehrlich gelohnt, oder? Ich freue mich sehr, an diesem besonderen Tag bei Ihnen zu sein, und Ihre Dankbarkeit zu teilen. So viele waren beteiligt, dass diese Arp-Schnitger-Orgel in neuem Glanz strahlt. Ein feines Zusammenspiel von Restauratoren und Orgelbauern, lieber Kristian Wegscheider, und Förderverein, lieber Manfred Hoffmann (was haben Sie alles auf die Beine gestellt!), von Großspendern und Pfeifenpaten und Organisten, lieber Herr Kespohl (was für ein schöner Tag auch für Sie!) - danke allen, die an diesem Projekt handwerklich beteiligt waren und die Sie es überhaupt als Kirchengemeinde mitgetragen haben, finanziell und ideell. Ich stehe mit Bewunderung davor!

Und so ist Dank die herausragende Melodie heute –  „Nun lob, mein Seel, den Herren“, hat es der Chor wunderbar auf den Punkt gesungen (danke auch dafür!). Gott sei Dank leben, arbeiten, singen wir, sind wir eingebunden in seinen Choral des Lebens. Mit all der Freude und berechtigtem Stolz, aber auch mit manch´ Sorge und Sehnsucht danach, dass es friedvoller werde in dieser Welt. All dies ist hineingenommen in die Klangrede Gottes, die uns versteht, aufsucht, die uns tröstet und heiter stimmt.

Allzumal nun mit dieser Orgel! Bei der aus alter, großartiger Orgelbaukunst nun etwas Neues Wunderbares geboren wurde. Das Evangelium von eben klingt hier zart an: Etwas Altes wird in neuem Geist geboren. Alter Klang mit neuer Vitalität. Und gutem Ton! Damit diese Musik mit Wilhelm Busch eben nicht nur mit Geräusch verbunden…

Vor 330 Jahren erklang diese Orgel erstmals in St. Pankratius zu Neuenfelde. Ein Ort, der in dem damals schon berühmten Arp Schnitger buchstäblich neue Liebe weckte. Mit Namen Gertrud. Und so war 1684 zwar die Orgel noch nicht fertig, aber das Glück perfekt: Er heiratete die Bauerntochter, bekam mit ihr sechs Kinder und wohnte später mit seiner Familie auf dem Neuenfelder Hof. Und als er starb, wurde der größte Orgelbaumeister in dieser Kirche auch begraben. Mehr als 100 Instrumente hat er in seinem Leben gebaut, aber kein Ort war so mit seinen eigenen Gefühlen, seinem eigenen Leben verbunden wie dieser.

Und so gesehen ist die St. Pankratiuskirche nicht nur eine Art Wallfahrtsort für Arp-Schnitger-Fans geworden, sondern zeigt: es ein Lebenshaus. Über die Jahrhunderte hin. Für die Suchenden und die Singenden. Hier wurde geholfen, wo Not war, hier wurde geliebt, als der Hass regierte und hier wird bis heute gesegnet, wer mit Schmerz verabschiedet und in Liebe neu geboren wird. All dies immer begleitet von der Musik. Zum Lobe Gottes. Und manches Mal auch zur Klage. Selbst die Orgel weinte bisweilen, so abgenutzt, wie sie war und unsortiert in sich, mit all ihren durcheinander geratenen Pfeifen und 34 Registern! Nicht jeder Orgelbauer wie z.B. Hanns Henny Jahn restaurierte sie zum Besseren. So, dass aus Altem ein wunderbar Neues geboren wurde...

„Ihr müsst von neuem geboren werden“, sagt Jesus in unserem Evangelium. Und das sagt er ausgerechnet zu dem alten Nikodemus, dem gesetzestreuen klugen Schriftgelehrten, der die Ordnung selbst war und dabei im besten Sinne fromm und rechtschaffen. In Nikodemus´ Lebens- und Gedankenhaus war gar nichts durcheinander. Da war Logik. Alles wohlsortiert. Da wusste selbst der Wind, wo oben und unten war. Der Wind, der im griechischen „Pneuma“ heißt für den Atem, den Geist Gottes - auch der, so dachte Nikodemus, habe zu wehen, wie es die Ordnung vorgibt. Bitteschön! - Aber nein, sagt Jesus, wo denkst du hin? „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber Du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“

Und das, liebe Festgemeinde, hören wir nun ausgerechnet zur Wiedereinweihung dieser Orgel! Denn die macht ja nicht nur Wind mit ihrer Schönheit. Vielmehr wäre sie ohne Wind, der wirklich weht, nicht sie selbst! Sie brächte keinen Ton heraus und bliebe stumm. Sie wissen sicher, liebe Gemeinde, dass es vor gar nicht so langer Zeit noch so genannte Calcanten gab, die den Wind „traten“, mühsame Fußarbeit auf Blasebälgen. Gab 50 Pfennig dafür… Da sauste der Wind wirklich in den Ohren. Und auch in moderner Mechanik macht heute der Wind den Charakter eines Orgelklanges entscheidend mit aus. Dabei gibt es – das gefällt mir besonders – einen so genannten „Arbeitswind“ mit seinem Gegenpart, dem „Spielwind“. Das ist wie im richtigen Leben. Kein guter Ton ohne Wind, der arbeiten will. Und zugleich inneres Spiel hat. Kein guter Ton also in dieser Gesellschaft ohne guten Geist. Damit die Vox humana – die „menschliche Stimme“, so heißt eines der Register sinnigerweise – damit auch die Stimme der Menschlichkeit in dieser Welt an Kraft gewinnt und gehört wird!

Das ist unser Glaube, liebe Festgemeinde! Aus Gottes Geistwind leben wir. Ein Geist, der das allzu Sortierte, Schematische und manchmal sehr kleine Karo mit dem Spiel der Gnade aufwirbelt. Urteile z.B., die wir gar nicht mehr überdenken: hier rechts, dort links. Alle Flüchtlinge gut. Alle Flüchtlinge schlecht. Der passt, die nicht. Nein, wir leben im Geist Gottes, der alte Zuordnungen immer wieder in Frage stellt. Nicht um uns ins Chaos zu stürzen, sondern damit wir guter Hoffnung werden!

Das ist, so sagt Jesus, wie mit einem Kind, das neu geboren wird. Es macht unerhört glücklich – und alle auch ein wenig verrückt vor Hoffnung. Im wahrsten Sinne: ver-rückt. Wer nämlich neu geboren wird, mit dem Kopf zuerst, steht zunächst nicht mit beiden Beinen auf der Erde. Man wird vielmehr verkehrt herum in das Lebenshaus hinein geboren. Und so steht auch erst einmal die Welt der anderen Kopf. Später erst, mit dem Erlernen des aufrechten Ganges bekommt das Leben ein je eigenes Oben und Unten.

Deshalb sagt Jesu zu Nikodemus: Wahrlich, wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.  - Jesus holt damit Nikodemus heraus aus der Ordnung seines Lebenshauses. Nicht mehr: Gott ist oben und der Mensch unten. Nein, er kehrt es ja höchst selbst um, dieser Jesus, der ja zugleich Gott ist und dabei so erdennah! Gott ist viel größer als jedes Gesetz, sagt Jesus damit. Und er ist dir viel näher, als du manchmal glaubst. Und deshalb hört er zu, sagt Jesus, wie ich, wenn du mit mir reden willst, mitten in der Nacht. Erversteht wie ich, dass du nicht nur viel im Kopf, sondern auch etwas auf dem Herzen hast. Dass dich im Morgen-„Grauen“ wahrhaft Angst überkommt, weil du nicht weißt, was werden wird.

Jesus versteht den Nikodemus, der sich vor jeder Veränderung fürchtet. Wie die meisten Menschen. In ihren jeweiligen Zeiten und Orten. Auch Sie hier in Neuenfelde hatten und haben viel zu bestehen. Das Dorf ist im Wandel, seit Jahren schon, mit einem übermächtigen Nachbarn Airbus, mit viel zu vielen leerstehenden Häusern, aber andererseits jetzt auch mit neuen Dorfbewohnern, die hier nach der Flucht ein Zuhause finden. Auch die Kirchengemeinde ändert sich, Sie wagen Neues und in der Jugendarbeit geht´s mit den Aufwind-Gottesdiensten wieder nach oben. So wie es auch andernorts in unserer Kirche passiert: Vieles, was so lange unumstößlich schien, ist alt geworden und will neu geboren werden.

Vielleicht können die Worte Jesu hier zum Hoffnungswort werden: Wer zu mir kommt und zu mir gehören will, muss sich wandeln. Denn ohne neue Geburt, ohne die zeitweise umgekehrte Sicht der Dinge, können wir das Reich Gottes nicht erkennen, sagt er.

Die Umkehrung zur Hoffnung –  sie ist auch ein musikalisches Motiv. In jeder Bachschen Fuge erzählt sie davon, dass auch Musik verändern kann. Martin Luther sagt das so: „Musicam habe ich allzeit lieb gehabt. …Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen besonnen, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen, die Hoffärtigen zur Demut zu reizen, die hitzige und übermäßige Liebe zu stillen und zu dämpfen, den Neid und den Hass zu mindern.“

Was für eine Botschaft in dieser streitbaren, und ja auch verängstigten Gesellschaft!  Musik ist die Friedensbotschaft selbst. Kein schmückendes Beiwerk zum Wort. Sie ist selbst eine eigene Sprache des Glaubens. Und so vermag die Musik oft für Menschen die eine Stimme zu sein, die die aufgewühlte Seele erreicht mit Gottes Nähe. Sie vermag die eine Stimme zu sein mit gutem Ton, die uns auf einer Ebene berührt, wo das Sehnen ist und das Hoffen. Sie schafft es, weinende Kinder zu beruhigen und müde gewordene Alte wieder zu Kräften zu bringen.

Lassen wir sie hinein in unsere Seele, diese Musik des Lebens, liebe Gemeinde. Sie kann einen so lebendig machen. Und frei. Musik kann dir Stimme geben oder dich zugleich friedensleis werden lassen. Es ist, als könnten selbst Angst und Bestürzung über die Schrecken der Welt in dem Maße weichen, wie der Ton Gottes Raum gewinnt. In dieser Kirche. Aber auch in uns.

Es ist dies die andere Wirklichkeit, die die Welt durchdringt.
Gottes Geist, der weht wie er will.
Deshalb sollen wir singen. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.
Am liebsten mit Orgel!
Und dann wird auf einmal so vieles neu!
Da wird das Alte jung,
das Kind zum Lehrer
das Verrückte zum Register positiv,
das Friedensgebet zweifelsfrei.

Also: Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Ich bin froh, dass in dieser Gemeinde so viele Menschen immer wieder diesen neuen Geist atmen. Singend, engagiert, verdient und liebevoll, erfüllt von gutem Geist und von wunderbarer Musik. Sie ermutigen zur Hoffnung, dass die Welt eine bessere wird.

Glück und Segen weiter dazu, liebe Orgel und liebe St. Pankratius-Gemeinde!  Gott sei mit Ihnen mit seinem Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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