24. September 2022 | Hauptkirche St. Petri, Hamburg

Andacht zur Übergabe der Erntekrone

24. September 2022 von Kirsten Fehrs

Übergabe der Erntekrone durch den LandFrauenverband Hamburg gemeinsam mit der Gemeinschaft Vier- und Marschlande an die Freie und Hansestadt Hamburg

In den allerersten Kapiteln der Bibel stehen folgende Worte, damit wir sie nie vergessen, gerade an Erntedanktagen wie heute nicht: „Und Gott sprach zu Noah: ,Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.‘ Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: ,Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.‘“ Liebe Erntedankgemeinde, das ist die Botschaft gegen alle Krisen und Sorgen: Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Dieser verlässliche Rhythmus der Natur, sagt Gott damit, wird euch durchs Leben tragen. Durch Stürme und Dürren, durch fette und durch magere Jahre. Das Leben, euer Leben, liebe Menschenkinder, das hat seine feste, verlässliche Grundlage. Darauf könnt und darauf sollt ihr bauen. Das war das große Versprechen Gottes nach der Sintflut, als Noah und die Seinen aus der Arche stiegen: gerettet, erleichtert und dankbar, aber sicherlich doch auch zutiefst erschüttert von dieser furchtbaren Flutkatastrophe, die so viel Leben zerstört. Unmittelbar stehen mir die Bilder der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer vor Augen. Diese Fassungslosigkeit und tiefe Verunsicherung der Menschen, sie spricht auch schon aus dieser alten Sintfluterzählung. Übrigens eine Geschichte, die wir mit vielen Religionen teilen. Und sie ist doch hochaktuell! Tiefe Verunsicherung und die Suche nach einem Halt erleben wir doch gerade. Wir suchen nach Sicherheit, nach einer Kraft, die der Angst und der Bedrohung durch Pandemie, Krieg, Wirtschafts-, Klima- Energie- und Ernährungskrise, die all diesen Krisen unserer Zeit standhält. Deshalb sind solche hoffnungstrotzigen Segensworte so wichtig zu hören: Solange die Erde steht, kannst du dich verlassen auf Saat und Ernte, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Deshalb: Seid fruchtbar und füllet die Erde. Denn das heißt ja: Lasst euch nicht erschrecken und lähmen. Glaubt an das Leben und nehmt es mutig in die Hand. So wie Sie es ja täglich tun in den Dörfern und den Gärten und auf den Höfen. Mit allerhöchstem Sachverstand und zugleich Gottvertrauen, dass alles zum Guten kommt. So habe ich Sie stets erlebt. Tüchtig und klug und getragen vom guten Glauben, dass der Saat auch Ernte folgt – in diesem Jahr besonders üppig, weil es wenig Frost und milden Frühling gab. Dafür jede Menge Apfelsegen. Segen, der Lebenskraft schenkt. Gott will das so, sagt die alte Noah-Geschichte. Er will nicht, dass wir aufgeben, sondern Krisen überstehen durch Segenskraft, die sichtbar wird im jährlichen Rhythmus der Natur. Und weil dies so eng verbunden ist – Segen und Rhythmus – deswegen war auch immer schon die Landwirtschaft ganz besonders segensreich. Weil sie uns ernährt, natürlich. Aber auch weil sie uns darüber hinaus hineinwebt in die ganze Schöpfung. Landwirtschaft macht uns auf besonders handgreifliche Weise zu einem Teil dieser Welt. Wir greifen in sie ein, um sie uns zunutze zu machen. Dabei ist von hohem ethischem Wert unsere Verantwortung, die Landschaft pfleglich zu behandeln. Wissen wir doch, wie sehr wir abhängig sind vom kunstvollen und noch immer geheimnisvollen Zusammenspiel in der Natur. Jedes Jahr zu Erntedank feiern wir genau dies. Die Schöpfung ist voller Segen, den wir uns zum Guten aneignen können. Auch und gerade dank Ihrer Arbeit in der Landwirtschaft. Umso mehr berührt es mich, dass auch im landwirtschaftlichen Bereich so vieles fragil geworden ist. Bedrückend, wie viele Betriebe von den steigenden Energiekosten existentiell betroffen sind und sich fragen, wie sie das überstehen sollen. Und dann ist da diese unfassbare Tatsache, dass Nahrungsmittel, die in Fülle produziert worden sind, auf Halde liegen. Und die Menschen nicht erreichen, die sie dringend brauchen. Das zeigt doch ganz besonders deutlich, wie tief dieser Krieg gegen die Ukraine in unsere Weltordnung eingreift. Da wird Völkerrecht und Menschenrecht aufs Unerträglichste verletzt, da setzt ein Diktator weltweiten Hunger quasi als Waffe ein. Dies alles stellt doch die Frage ganz neu, wie Frieden geschaffen und erhalten und wie diesem Krieg wirksam begegnet werden kann. Schwerter zu Pflugscharen: Wer sollte sich das denn mehr wünschen als Bäuerinnen und Bauern? Und zugleich spüren wir: Ganz so einfach kann die Antwort jedenfalls in der jetzigen Lage nicht sein. Wie antworten wir auf das Böse so friedlich wie irgend möglich und so wirksam wie leider nötig? Und wie verlieren wir dabei die zeitgleich größte Herausforderung nicht aus den Augen, den Klimawandel? Dankenswerterweise denken Sie in der Landwirtschaft schon lange darüber nach, was für die Versorgung der Menschheit nachhaltig dran ist. Welche Pflanzen sind robust genug? Und unter welchen Standortbedingungen? Wie erreichen wir mehr Nachhaltigkeit auch in der Landwirtschaft? Wie bewerten wir Fleischkonsum und was bedeutet das? Woher kommt welche Energie und welche ist vielleicht verzichtbar? Wissend: Frost und Hitze, Sommer und Winter – selbst die sind nicht mehr so sicher wie gedacht. Fragen und Sorgen sind also reichlich da. Bekommen wir aber auch den Hoffnungsmut, die Kraft, die es braucht, um all dies zu bestehen? Kraft auch, die uns hilft loszulassen, was wir loslassen müssen, und anzupacken, was wir anpacken müssen? Denn Angst und Sorge, liebe Geschwister, sie dürfen uns nicht lähmen. Deshalb Erntedank. Mit einer verschwenderisch schönen, majestätischen Erntekrone, die Sie jetzt schon zum 26. Mal mitten in die Stadt tragen, zu Senat und Bürgerschaft und deren Präsidentin. Willkommen, liebe Carola Veit. Denn danken können, das gibt Kraft – weil es unseren Blick schärft für den Segen der uns begleitet. In guten, aber auch in schlechten Jahren. Auch dann, wenn‘s nicht so gut läuft, danken zu können, wie Sie es können – das schützt die Seele vor Bitterkeit. Und Wut. Denn sowieso ist doch nichts, was uns am Leben hält, selbstverständlich. Alles, was ich habe, darauf gibt es keinen Anspruch. Bekomme ich es trotzdem geschenkt, dann ist es doch wunderschön. Diese üppige rot-grüne Apfelernte zum Beispiel. Oder das gesunde Kind. Freundliche Nachbarn. Der Tanz in Trachten. Die Gemeinschaft der Landfrauen. Erdbeermarmelade und Elbewasser und der Maulwurf auch. Dankbarkeit ist eine Haltung der Empfindsamkeit dafür, was für ein Wunder das Leben ist. Und das bleibt so. Vertrauen wir darauf. Oder op Platt: „Gott is bi di. Wees man nich bang! Toletzt maakt he di froh un frie. Wees man nich bang!“ „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das ist auch Sinnbild für den Lauf unseres Lebens: Die Saat, die in die Erde gelegt wird – wie unsere Hoffnung auf etwas, das wir noch gar nicht sehen können. Der Sommer – wie ein Licht, das uns mitten ins Herz fällt und unsere Seele wärmt. Die Ernte – ein Korb voller Früchte, die uns satt machen, an Leib und Seele. Also: „Wees man nich bang.“ Gottes Segen gilt, gerade jetzt in den krisenhaften Zeiten. Er ist da – in den brausenden Stürmen genauso wie in den zarten Liebesnächten. Und dann, ja, dann bist du doch froh? Und frei. Und gesegnet mit dem Frieden Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Datum
24.09.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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