Familienpolitik darf keine Verteilungspolitik sein

„Armut ist ein großes Thema in vielen Familien“

Margit Baumgarten, Leiterin der Fachstelle Familien der Nordkirche
Margit Baumgarten, Leiterin der Fachstelle Familien der Nordkirche© Nordkirche

14. September 2012 von Silke Stöterau

Kiel. Seit vielen Monaten ist das Thema „Familien“ immer wieder in den Schlagzeilen der Medien zu finden.

Das Netzwerk Familien der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) hatte gestern (13. September) ins Kieler Landeshaus zu der Veranstaltung „Zeit für Familie. Perspektiven von Politik und Kirche“ eingeladen. Welche Bedürfnisse Familien heutzutage haben, welcher politische Handlungsrahmen für Familienpolitik notwendig ist und was Kirche zum Diskurs beitragen könne, diskutierten die Referentinnen und Referenten sowie die Podiumsteilnehmerinnen moderiert durch den Leiter des Christian-Jensen-Kolleg, Friedemann Magaard, mit gut 100 Gästen.

Immer noch werde Familie, Fürsorgearbeit und Beziehungsgestaltung überwiegend als Aufgabe von Frauen verstanden, sagte Margit Baumgarten, Leiterin der Fachstelle Familien der Nordkirche in ihrer Begrüßungsansprache. „Armut ist ein großes Thema in vielen Familien und die soziale Benachteiligung wirkt sich nicht nur für eine Generation negativ auf Bildungschancen aus“, fuhr Baumgarten fort. Familie und Beruf zu vereinbaren sei nach wie vor ein großes Problem, das von jeder Familie privat gelöst werden müsse. „Durch die steigenden Anforderungen des Arbeitsmarktes wie berufliche Mobilität und flexible Arbeitszeiten geraten Familien immer mehr unter Druck. Die Bedürfnisse nach Stabilität, Verlässlichkeit, Planungssicherheit und gemeinsam verbrachte Zeit von Kindern und Familien stehen dieser Entwicklung konträr gegenüber“, so Margit Baumgarten.

In ihrem Grußwort sagte Kirstin Alheit, Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein: „Familienpolitik wird immer noch als Verteilungspolitik behandelt“. Sie griff die Empfehlung des 8. Familienberichts „Zeit für Familie“ auf, die „Familienzeitpolitik“ zu einem eigenen Politikfeld zu machen. Der Begriff müsse so diskutiert werden, dass er für alle anwendbar sei. Zeitstrukturen wie beispielsweise Öffnungszeiten von Kindertagesstätten würden heute immer vielschichtiger werden. Es gehe um das Vorhandensein qualitativ hochwertiger Kindertagesstättenplätze. Sie sehe ihre politische Aufgabe darin, Kommunen zu unterstützen, hierfür eine gute Infrastruktur zu schaffen. Im Rahmen dieser Diskussion rücke auch die Frage ins Blickfeld, was der Sonntag uns noch bedeute.

Der stellvertretende Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, Propst Stefan Block, verdeutlichte in seiner Einführung, dass Familie im 21. Jahrhundert nicht „out“ und „nicht von gestern“ sei. Die Suche nach einem erfüllten Familienleben sei da. Er forderte: „Familie zu bilden und zu leben, darf nicht eine private Situation sein. Es ist eine hochpolitische Aufgabe. Kirche widmet sich dieser Aufgabe zum einen aus der gesellschaftlichen Verantwortung heraus, aber sie entspringt auch der Sprache des Glaubens in Worten wie ‚Vater unser‘ oder ‚Schwestern und Brüder‘.“ Familien bräuchten ein breites soziales Netzwerk. Es gehe um nichts weniger als um die Bedingungen eines würdigen Menschenlebens, so Propst Block.

Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Möller, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg, sprach als Mitglied der Sachverständigenkommission, die den Familienbericht samt Empfehlungen für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellte. „Familienzeitpolitik spannt einen weiten Schirm auf, unter dem sich mehr als die klassischen Themen und Felder der Familienpolitik versammeln“, so Prof. Möller. Die Handlungsfelder einer Familienzeitpolitik seien die Zeitsouveränität und die Zeitsynchronisation. Fakt sei, so der Bericht, dass eine große Mehrheit von Frauen und Männern heute sowohl ein Familienleben mit Kindern als auch erwerbstätig sein möchte. Die häufigste Beschäftigungsform sei dabei die Vollzeit-/Teilzeit-Kombination. Ein Elternteil, meist der Mann, arbeite in Vollzeit, der andere, meist die Frau, sei teilzeitbeschäftigt. Nach Auffassung der Kommission müssen Familien durch passgenaue Betreuungs-, Versorgungs- und Erziehungseinrichtungen hinsichtlich der Zeitsouveränität unterstützt werden. Die Zeitsouveränität könne gestärkt werden, wenn ein durch Recht geregelter Anspruch auf Zeit in Verbindung mit der Zuwendung finanzieller Mittel Freiräume schaffe. Exemplarisch stehe hierfür die Elternzeit, die um das Elterngeld ergänzt werde. „Auch Arbeitszeiten sind ein Schlüssel für Zeitsouveränität“, so Prof. Möller. So sollten beispielsweise Teilzeitmodelle für Väter gefördert werden. Im Fokus stehe insbesondere die Entkräftung des Mythos der Unteilbarkeit verantwortungsvoller Positionen.
Verbesserungen innerhalb der Zeitsynchronisation sind insbesondere durch vernetzende Arbeit von Taktgebern wie Kommune (zum Beispiel Schulen, Betreuungseinrichtungen, Handel, Vertreter öffentlicher und privater Dienstleistungsanbieter, Arbeitgeber sowie Verkehrsbetriebe) möglich, so der 8. Familienbericht. Kommunen sollten sich – wie die Gesellschaft insgesamt – stärker am Gedanken einer fürsorglichen Gemeinschaft („Caring Community“) orientieren.

„Dass Familienpolitik eine ressourcenübergreifende Aufgabe geworden ist“, unterstrich Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx vom Referat Sozial- und Gesellschaftspolitik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ziel einer Ad hoc-Kommission der EKD sei es, Familie als verlässliche Gemeinschaft zu stärken. Familie sei überall da, wo Familienarbeit stattfindet. „Haus- und Familienarbeit brauchen eine neue Wertschätzung ohne geschlechterspezifische festgelegte Rollenverteilung“, sagte Coenen-Marx. Zeit für Familie bedeute auch der Sonntag. „Der Sonntag ist ein fester freier Tag in der Woche. Wir sollten alles tun, damit er nicht der Flexibilität und dem Zeitstress zum Opfer fällt“, so die EKD-Referentin. Kirchengemeinden müssten sich tatsächlich als Partner von Familien sehen. Dies bedeute, dass Diakonie und Kirche vor Ort noch mehr vernetzt zusammenarbeiten müssten. Gemeinde sei heute ein Ort, Familie auf andere Art und Weise zu erfahren. Coenen-Marx regte an, ein Siegel für familienkompetente Kirchengemeinden zu entwickeln. Ausgezeichnet werden sollen Gemeinden, die verstärkt Angebote für Eltern und Alleinerziehende schaffen. Eine theologische Orientierung zur Stärkung von Ehe, Familien und Partnerschaften wird die EKD voraussichtlich im Januar 2013 veröffentlichen.

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