22. Januar 2017 | Greifswald, Dom St. Nikolai und Greifbar+

Auf Wunder hoffen – von Glauben zu Glauben

22. Januar 2017 von Hans-Jürgen Abromeit

3. Sonntag nach Epiphanias, Predigt zu Joh. 4,46-54

Liebe Gemeinde!

„Zeichen und Wunder“ sind beliebt, damals wie heute! Man ist durchaus religiös ansprechbar, aber es muss „knallen“. Glaubensthemen erscheinen dann als relevant, wenn sie im Gewand des Außerordentlichen daherkommen.

Wir feiern 500 Jahre Reformation, z.B. mit einem Luther-Oratorium. Da geht einem schon so ein Schauer über den Rücken, wenn 2600 Sängerinnen und Sänger aus voller Kehle singen. Think big!

Oder, es ist bewegend, wenn wir hören: 2000 Leute kommen am ersten Pfingstfest zum Glauben. Ja, wir krebsen da eher so vor uns hin mit unseren überschaubaren Zahlen. Aber 2000 auf einmal, da würde man ja etwas merken von der Wirkung des Evangeliums. Das wäre ja eine tolle Resonanz! Ja, von anderen Gemeinden hat man es gehört, aber bei uns ist alles so überschaubar.

Oder so eine spektakuläre Heilungserfahrung. Da ist einer todkrank. Die Ärzte können nicht mehr helfen. Und dann macht er die Erfahrung einer Glaubensheilung. Das wäre es doch.

„Zeichen und Wunder“, dann würden die Menschen auch glauben, aber wer kann denn mit einem unsichtbaren Gott sein Leben verbringen?  Haben wir nicht auch ein Faible für „Zeichen und Wunder“?

Jesus sagt in dieser Geschichte vom königlichen Beamten und seinem Sohn: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“(V. 48). Trifft er uns damit nicht ins Herz? Die Erfahrbarkeit des Glaubens ist uns doch wichtig. Ist nicht – wie Goethe im Faust sagt: „Das Wunder des Glaubens liebstes Kind“? Produziert nicht der Glaube gern Wunder, zieht sich an außerordentlichen Erfahrungen hoch und sucht so die Lücke im Weltbild, die ihn in einer rationalen Welt ermöglicht?

So ist der Glaube etwas für Sonderlinge, für religiös Musikalische, also für eine besondere Species Mensch, die auch in einer aufgeklärten Welt noch glauben kann. Dr. Faust, mit ihm Goethe, sagt stattdessen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“[1] Es gibt viele, die sich heute Dr. Faust anschließen und sagen: „Es mag ja heute noch Menschen geben, die an Wunder glauben können und wollen, aber in meinem aufgeklärten Weltbild haben Wunder keinen Platz. Mein Verstand erklärt die Dinge vernünftig. Es gibt Naturgesetze und da haben Wunder keinen Platz.“

Andere halten dagegen: Die Naturgesetze erklären nicht alles. Es gibt Lücken der Welterklärung. Die Medizin kennt selbst bei aussichtslosen Fällen die Spontanheilung. In der Physik gibt es Grenzphänomene, die auch die Grenzen der Naturwissenschaft erkennen lassen. Und man stürzt sich auf außergewöhnliche Glaubenserfahrungen, auf Rettungs- und Heilungsgeschichten und besondere Sensationen und Events.

Aber die Sensation ist kein Glaubenskriterium. Das Verlangen nach dem Außerordentlichen ist allgemein menschlich und hat auch in der Geschichte der Kirche eine – manchmal fatale – Rolle gespielt. Jesus weiß darum und sagt ja ganz klar: „Der Glaube braucht keine Wunder“.[2]

Aber hat Jesus damit den königlichen Beamten überhaupt richtig verstanden? Da wendet sich ein Vater, der im Dienst des Tetrarchen Herodes Antipas steht und in Kapernaum am See Genezareth lebt und wirkt, in seiner Not an Jesus. Er kommt 26 Kilometer nach Kana, geht Jesus so weit entgegen, weil sein Sohn eine Krankheit mit schlimmen Fieber hat. Der Mann hat sonst alles versucht und setzt seine ganze Hoffnung auf Jesus. Da kommt ein Vater in großer Besorgnis um seinen Sohn, bittet Jesus, mit nach Kapernaum zu kommen, um die Lebensbedrohung abzuwenden  -  und Jesus kritisiert die menschliche Vorliebe für „Zeichen und Wunder“. Das ist doch deplatziert. Jesus, siehst du nicht die ehrliche Sorge eines Vaters?

Aber der Mann lässt sich nicht abwimmeln: „Herr, komm herab nach Kapernaum, bevor mein Sohn stirbt!“(V.49) Wer schon einmal um das Leben seines Kindes gebangt hat, versteht die Not dieses Mannes. Da scheint Jesus den Ernst der Lage verstanden zu haben: „Geh nach Hause, dein Sohn lebt!“ Die Reaktion des Vaters spricht Bände. Er fühlt sich nicht abgewimmelt. Er spürt: Jesus hat mein Leid angesehen und mich erhört. „Der Mann glaubte dem Wort und ging hin“(V. 50).

Hier passiert etwas Eigenartiges: Der Mann hatte ja schon Vertrauen zu Jesus gehabt, sonst wäre er nicht in seiner Not zu ihm gegangen. Weil er glaubt, geht er zu Jesus. Und als er sein Anliegen vorgetragen hat, glaubt er fest, dass Jesus ihm hilft. Und als er dann zu Hause ist und sieht, dass Jesus geholfen hat, da „glaubte er mit seinem ganzen Haus“(V. 53).

Wir merken: Der Mann steht in einer festen Vertrauensbeziehung zu Jesus. Nicht der Glaube an ein Wunder steht im Zentrum dieser Geschichte, sondern der Glaube an die Person Jesus Christus. Biblischer Glaube will nicht etwas, sondern er ist eine persönliche Beziehung. Der Glaube lebt als Beziehung zu Jesus. Aus dieser Beziehung wendet sich der Mann in seiner Not an Jesus, und am Ende stärkt die Erfahrung mit Jesus seine Beziehung zu ihm.

Man kann den Vers 53 auch übersetzen: „Er kam zum Glauben und mit ihm alle, die in seinem Haus lebten“(Basisbibel). Martin Luther hat gesagt: „Unser Herz soll allweg so stehen, als fingen wir heute an zu glauben … man muss alle Tage anheben“. Wegen seines Glaubens hat der Mann Hoffnung. Sein Glaube trägt ihn. Am Ende ist sein Glaube gestärkt.

Der Glaube ist eine Dauerbindung an Jesus. Es geht nicht um eine punktuelle Beziehung zu Jesus, sondern um ein ganzheitliches Leben mit ihm. Jesus ist nicht ein Mittel, um einen Zweck zu erreichen. Jesus ist der Zweck. Und Jesus und Gott sind eins. So wirkt Gott auch nicht nur in den Lücken der Welterklärung, sondern Gott trägt durch Jesus diese ganze Welt. „Gott wirkt nicht in Lücken, er wirkt im Ganzen.“[3] Gott stört nicht die Kausalgesetze der Welt, sondern er steuert sie. Gott hat durch Jesus diese Welt geordnet. Jesus ist das Wort, durch das Gott diese Welt ordnet. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. … Alle Dinge sind durch das Wort gemacht. … Und das Wort ward Fleisch“(Joh. 1, 1.3.14).

Der, durch den diese Welt gemacht ist, das Leben, das Licht, der Sohn, alles Worte für die Macht, durch die Gott die Welt geschaffen und geordnet hat, dieser eine ist in Jesus auf dem Plan. Also ist er in der Niedrigkeit und im Irdischen verborgen. Hier liegt der Grund zur Anfechtung. Weil der Jesus, an den wir glauben, „Fleisch“ geworden ist, die Gestalt der Vergänglichkeit angenommen hat, weil er selbst ans Kreuz gegangen ist, deswegen ist uns dieses Kreuz auch Anfechtung, solange Anfechtung, bis wir ihn selbst sehen von Angesicht zu Angesicht. Bis dahin leben wir mit ihm und bis dahin nehmen wir aus dieser Beziehung zu ihm unsere Kraft. Wir haben Jesus nur in der Unscheinbarkeit und Niedrigkeit des Fleisches. Aber gerade  darin liegt auch seine einmalige Kraft. Es ist keine Kraft der Hoheit, sondern eine Kraft der Niedrigkeit.

Nein, Glaube braucht zur Entstehung kein Wunder. Aber wer glaubt, wird seine ganz eigenen Wunder erleben. Der Glaubende hat ein großes Zutrauen in Gottes Handeln. Es gibt für ihn nichts, was Gott nicht ändern könnte. Nichts ist unabwendbar. Alles ist möglich, wenn ich mit Gott rechne.

Bestimmte Vorstellungen vertragen sich mit dem Glauben an Gott nicht. Nichts ist zwangsläufig. „Das Wort ‚zwangsläufig‘ ist eine atheistische Kategorie“ hat Johannes Rau[4] einmal gesagt. Nichts ist alternativlos. Wer glaubt, rechnet mit Gott, und der hat immer noch andere Möglichkeiten, auch wenn wir sie mit unserem beschränkten Horizont noch nicht sehen.

Manchmal ist man in einer Notlage, keiner kann helfen – wie dieser Vater es empfunden hat. Jesus ist dann immer die richtige Adresse. Jesus macht Sackgassen zu Autobahnen, eröffnet Alternativen und bei ihm ist nichts zwangläufig. Das Gebet weitet unsere Wirklichkeit.

Vielleicht empfinden manche unter uns auch die gegenwärtige Weltlage als völlig verbaut. Noch nie war das Verhalten unseres wichtigsten Verbündeten so wenig voraussehbar wie heute. Der Islamismus ist eine enorme, weltweite Bedrohung geworden. Die Populisten Europas vereinigen sich gerade. Aber sie sind sich nur darin einig, dass sie das Projekt Europa  beenden wollen. Die Werte Nächstenliebe und Gerechtigkeit stehen nicht hoch im Kurs. Der Egoismus feiert sich.

Aber vergessen wir nie: Auch im öffentlichen Denken ist nichts zwangsläufig und nichts alternativlos. Die Rückbesinnung auf Jesus Christus und die Bindung an ihn kann Europa eine Seele geben.

Ja, vielleicht ist die Situation im Persönlichen wie im Öffentlichen schwierig. Es gibt jedoch keinen Grund zu verzagen. Wir sehnen uns vielleicht nach „Zeichen und Wundern“, die ein für alle Mal die Situation klären. Aber es geht anders. In der Beziehung zu dem Mann aus Nazareth liegt die Kraft, in schier aussichtslosen Situationen einen Weg zu finden. Er ist das Wunder, das wir brauchen.
Amen.

 


[1] Johann Wolfgang von Goethe, Faust. I. Teil, Nacht; zitiert nach der Ausgabe Gütersloh o.J., S. 36.

[2] Gottfried Voigt, Die geliebte Welt. Homiletische Auslegungen der Predigttexte, Reihe III, Göttingen 1980, 105. Die Predigt hat Anregungen Voigts auch an anderen Stellen aufgenommen.

[3] G. Voigt 108.

 

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