24. April 2016 | Lauterbach Mole

Bebauen und Bewahren

24. April 2016 von Hans-Jürgen Abromeit

Grußwort anlässlich der Frühjahrskonferenz der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der evangelischen Landeskirchen (AGU) vom 24.-27.04.2016 in der Außenstelle des Bundesamtes für Naturschutz auf der Insel Vilm

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

herzlich Willkommen in Pommern! Aus ganz Deutschland haben Sie sich in den Nordosten unseres Landes aufgemacht, um hier in der reizvollen vorpommerschen Boddenlandschaft ihre Tagung abzuhalten. Es ist eine gute Wahl, nicht nur weil Sie hier einmalig schöne Tagungsbedingungen vorfinden. Dazu kommt, dass diese Region einiges zum Umgang des Menschen mit der Schöpfung beitragen kann.

Sie werden auf der Insel Vilm tagen, die im Mittelalter zunächst von Einsiedlern bewohnt wurden. Menschen ziehen sich zurück, um in der Natur und abgeschieden von den Mitmenschen ein Leben in Einfachheit und Kontemplation zu führen. In der Natur finden sie Spuren Gottes, fernab vom Trubel der geschäftigen Hansestädte unserer Region finden sie zu der Quelle, aus der sie schöpfen können. Gott wird hier offenbar, so wie es auch von Elia am Horeb erzählt wird.

Die Geistesgeschichte verbleibt allerdings nicht bei diesem – durchaus wertschätzenden – Verständnis der Natur. Es setzt eine Entwicklung ein, die im 19. Jahrhundert im philosophischen Idealismus einen durchdachten Ausdruck findet und schreckliche Konsequenzen gezeitigt hat. Zugespitzt wird das von Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Rechtsphilosophie(1821). Die Natur steht unter dem Primat der Idee. Daraus folgt: „Die Person hat das Recht, in jede Sache ihren Willen zu legen, welche dadurch die Meinige ist, zu ihrem substantiellen Zwecke, da sie einen solchen nicht in sich selbst hat, ihrer Bestimmung und Seele meinen Willen erhält, [es gibt also ein] absolutes Zueignungsrecht des Menschen auf alle Sachen.“[1] Der Mensch hat das absolute Recht, sich die geistlose Natur anzueignen. Die Folgen dieser Art zu denken finden Sie noch heute vor. Unglücklicherweise hat eine falsche Auslegung des göttlichen Auftrags an den Menschen diese Sicht noch verstärkt. Unter dem Stichwort ‚macht euch die Erde untertan‘ (Gen 1,28) wurden ein Dominium Terrae verstanden, in dem der Mensch rücksichtslos die Erde erobern und ausbeuten durfte. Man hätte nicht ferner vom biblischen Auftrag sein können!

Auch die Insel Vilm spiegelt etwas von dieser Entwicklung, allerdings erst auf den zweiten Blick. Ein Zeitgenosse Hegels war der Greifswalder Maler Caspar David Friedrich (1774 in Greifswald geboren). Sie kennen alle seine Werke, in denen er die urwüchsige Kraft der Natur immer wieder darstellte. Die Insel Vilm wurde von ihm auch mehrfach gemalt, sie war als die Malerinsel bekannt. Schaut man sich heute die Werke an, so wird man staunen. Denn hier liegen keine fotographischen Wiedergaben vor, sondern schon Friedrich interpretiert die Natur. Seine Gemälde sind keine einfache Naturnachahmung. Sie sind entstanden als ein vielschichtiger Prozess von verarbeitetem Naturerlebnis und gedanklicher Reflexion. Auch hier ist eine Spur des hegelianischen Aneignungsgedanken zu entdecken.

Die Eroberung der Natur bleibt allerdings nicht unwidersprochen. Die Kraft eines völlig anderen Naturverständnisses, wie wir es in der Bibel finden, musste sich Raum brechen. Auch unter Aufnahme von indischem Denken formuliert der Philosoph und Theologe Albert Schweitzer (in seiner Schrift ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘) rund hundert Jahre nach Hegel: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Der Mensch versteht sich nunmehr als ein Mitgeschöpf und sieht seinen Auftrag darin, zu bebauen UND zu bewahren (Gen 2,15). Er erkennt sich in einer treuhänderischen Funktion. Wir sind keine Besitzer, sondern Verwalter der göttlichen Gaben. Diese Sicht der uns von Gott anvertrauten Schöpfung müssen wir als Umkehrung des bisherigen Paradigmas noch besser verstehen lernen und – das wird auch Ihre Aufgabe sein - in Theorie und Praxis in Kirche und Gesellschaft verbreiten müssen. Gott spricht – so heißt es schon in 2. Mose 19, 5: „Die ganze Erde ist mein!“ Diese uns Menschen nur geliehene Erde gilt es „zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2, 15). Wir haben nicht nur vor zukünftigen Generationen, sondern vor allem vor Gott zu verantworten, was wir aus seiner Schöpfung machen und gemacht haben.   

In beachtlicher Weise hat Papst Franziskus das vor einem Jahr zum Ausdruck gebracht. Seine Enzyklika ‚Laudato si‘‘ spiegelt seinen ganzheitlichen Zugang wider. Spiritualität und Bewahrung der Natur gehören zusammen. Aus der Verbundenheit mit Gott erwächst eine Verbindung zur Natur, aber auch umgekehrt ist die Verbindung zur Natur kein Selbstzweck, sondern führt in die Begegnung mit dem Schöpfer. Ich halte es für die Aufgabe unserer Zeit, diese Linien zusammen zu halten. Spiritualität und Natur gehören zusammen. Als evangelischer Christ liegt mir – ein Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum – die Bibel besonders am Herzen. Sie birgt einen großen Schatz an Impulsen und geistlichen Wegen, auf denen wir die Verbindung zwischen Gott und der Natur entdecken können. Vielleicht kann das unser Beitrag für die weltweite Christenheit sein, dass wir die ‚grüne Bibel‘ neu entdecken.

In diesem Sinn wünsche Ihnen ein fröhliches, intensives und nicht zuletzt geistliches Miteinander auf dem Vilm mit gesegneten Begegnungen und hilfreichen Inspirationen.

 


[1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin 2

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