Historiker Linck untersucht jüngste Kirchengeschichte

Beten für Kriegsverbrecher - Nachkriegszeit in Schleswig-Holstein

Auschwitz-Überlebende zeigt ihren Oberarm mit tätowierter Häftlingsnummer.
Auschwitz-Überlebende zeigt ihren Oberarm mit tätowierter Häftlingsnummer.© Gustavo Alabiso / epd-Bild

17. Oktober 2012 von Simone Viere

Kiel. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 bestimmten noch die Sorgen um die deutschen Kriegsgefangenen Gebete und Fürbitten in den evangelischen Gemeinden in Schleswig-Holstein und Hamburg. Doch zunehmend wurden in die Gebete auch diejenigen Männer aufgenommen, die im Krieg Verbrechen gegen Juden und andere Opfer des NS-Regimes begangen hatten, wie der Kieler Kirchenhistoriker Stephan Linck jetzt aufgedeckt hat.

Linck ist von der Nordkirche beauftragt, die jüngste Geschichte der evangelischen Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg wissenschaftlich aufzuarbeiten. Abgeschlossen sind die Untersuchungen im Zeitraum von 1945 bis Mitte der 60er Jahre. Im Zentrum steht dabei der Umgang mit der NS-Vergangenheit und das Verhältnis zum Judentum. Im Sommer kommenden Jahres soll das Buch vorliegen. Ein zweites Buch für die Zeit bis 1989 soll 2014 folgen.

Machtübernahme durch die Nazis 1933 wurde von vielen Pastoren begrüßt

Schleswig-Holstein mit seiner weitgehend evangelischen Bevölkerung gehörte schon vor der Machtübernahme 1933 zu den Hochburgen der Nationalsozialisten. Während die NSDAP bei der ersten Wahl 1932 reichsweit 37 Prozent erzielte, waren es in Schleswig-Holstein 51 Prozent. Die evangelische Kirche war schon in der Weimarer Republik zu großen Teilen nationalistisch geprägt und stand der parlamentarischen Demokratie skeptisch gegenüber. Die Machtübernahme durch die Nazis 1933 wurde von vielen Pastoren begrüßt.

In der Weihnachtsbitte von 1946 der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche wird noch dafür gebetet, dass die rund fünf Millionen deutschen Kriegsgefangenen zu ihren Familien zurückkommen können. Bereits im Mai 1949 heißt es in einem Aufruf des Rates der EKD: "Sorgt für die Freigabe der Internierten! Lasst ab von dem Sonderrecht gegen die Besiegten!". Betroffen gewesen seien von diesem Aufruf zu dieser Zeit vor allem verurteilte und mutmaßliche Kriegsverbrecher, so Linck: "Keine fünf Jahre nach Kriegsende waren Kriegsgefangene und Kriegsverbrecher eins geworden."

Leid der KZ-Opfer war um 1949 noch kein Thema in den evangelischen Kirchen

Thema der evangelischen Kirche in dieser Zeit sei, so Linck, vor allem das Leid durch die Bombardierungen und der Flüchtlinge aus dem Osten gewesen - nicht aber das Leid der KZ-Opfer. So haben in dieser Zeit neun schleswig-holsteinische Kirchengemeinden Patenschaften für inhaftierte Kriegsverbrecher in Frankreich übernommen.

Der Kieler Bischof Wilhelm Halfmann setzte sich beispielsweise für den Generalarzt der SS, Karl Genzken, ein. Pastorensohn Genzken war im Nürnberger Ärzteprozess wegen seiner Menschenversuche in KZs zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Auch für den ehemaligen SS-Polizeiführer für Estland, Hinrich Möller, machte sich Halfmann stark. Der Schleswiger Bischof Reinhard Wester, der während der NS-Zeit als Anhänger der Bekennenden Kirche selbst zeitweise in Haft war, setzte sich für Carl Oberg ein. Dieser war als Polizeiführer von Paris verantwortlich für die Verschleppung von 70.000 französischen Juden und von zwei Gerichten zum Tode verurteilt.

Kirchenhistoriker Linck: Kirchliche Haltung wandelte sich erst Anfang der 60er Jahre

Nach den Beobachtungen Lincks wandelte sich die kirchliche Haltung erst Anfang der 60er Jahre, als zahlreiche Skandale über die Karrieren von NS-Verbrechern öffentlich wurden. So mahnte die EKD 1963, die "unbeschreiblich grausam ausgeführten Massenverbrechen endlich zur Kenntnis zu nehmen und sich der Vergangenheit zu stellen". Doch auch dieser Aufruf wurde vom Landeskirchenamt in Kiel mit einer "Handreichung" für Pastoren begleitet, in dem davor gewarnt wird, die Familien von NS-Verbrechern sozial auszugrenzen. Linck: "Das Mitgefühl galt anhaltend den Tätern." 

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