1. Juni 2017 | Deichtorhallen Hamburg

Bill Viola und das Element Wasser

01. Juni 2017 von Kirsten Fehrs

Rede zur Eröffnung der Bill Viola Ausstellung

Sehr geehrter lieber Dirk Luckow, lieber Bill Viola und liebe Kira Perov,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Gestatten Sie mir ein persönliches Wort zuvor: Es gehört für mich zu den schönsten Momenten dieses ja nicht gerade ereignislosen Reformationsjubiläums, Ihnen, lieber Bill Viola begegnet zu sein – Ihrer Persönlichkeit und Ihrer Kunst. Ich bin zutiefst dankbar dafür und für dieses besondere Jubiläumsgeschenk, dass Sie und Kira Perov uns mit dieser Ausstellung machen! 

Und so danke ich auch Ihnen, lieber Dirk Luckow, dass Sie sich haben mit begeistern lassen – und sich so dafür eingesetzt haben, dass diese Ausstellung heute hier in den Deichtorhallen eröffnet werden kann. Es könnte keinen besseren Raum für die Installationen geben, als diesen hier: einen mit seiner Weite und Größe und vor allem in seiner Reduktion klaren Raum, der in aller Freiheit dem Bild seine ureigene Sprache lässt.

Und was für eine Sprache! Sie überwältigt einen geradezu – sei es mit der Übermacht des Geheimnisvollen oder mit der leisen Zeichnung tief trauriger Menschen. Keine dieser Installationen lässt einen emotional unberührt. Und das ist ganz große Kunst!

Für mich, das wird Sie nicht überraschen, spiegeln  Bill Violas Installationen auch die Relevanz von Religion und Glaube wider - 500 Jahre nach der Reformation. Im Land Luthers und in unserer Stadt. Zugleich provozieren die Installationen, heißt: sie rufen im Wortsinn heraus aus der solide eingerichteten, zuweilen selbstreferentiellen Eigen- und Kirchenwelt und fragen mich:  Inwiefern ist Religion noch elementar - für das eigene Leben, die Gestaltung von Gemeinschaft und für die Gesellschaft? 

Im Gespräch mit Bill Viola und seiner Kunst ist dabei zuallererst deutlich, dass es ihm nicht um die eine Religion mit der einen Wahrheit geht. Vielmehr wurde er sowohl von Zen-Meistern und Sufi-Literatur inspiriert als auch von der Tiefe der Mystik und der Architektur von Altarbildern. Eindrucksvoll ist dies interreligiöse Moment in etliche Installationen eingewoben. Immer wieder geht es um ein Suchen und Verstehen des Eigentlichen, dessen, was den Menschen existentiell angeht, anfragt, in Tiefen reißt und zugleich immer wieder aufstehen, aufbrechen, hoffen lässt.

Auf der Suche nach dem Elementaren im Leben - kein Wunder, dass es die Elemente sind, die komplementär und zugleich im Kontrast eine unerhörte Spannung entfalten. Wie Feuer und Wasser. Bill Violas Werke sprechen eine leidenschaftliche Sprache des Lebens. Mit einer unerhört präsenten Körperlichkeit und tiefen, ehrlichen Gefühlen von der Liebe bis zum Schmerz. Wahrlich: The Passion – man versteht, warum Leiden und Leidenschaft zusammen gehören. Was es bedeutet, wenn man für jemanden oder etwas brennt.

Und deshalb passt es, dass Bill Viola, auch wenn er selbst Wert darauf legt, dass seine Kunst nicht vorrangig religiös oder gar konfessionell motiviert ist, uns trotzdem die Tiefe dessen zeigt, was Glaube sein kann. - Nämlich die wahrhaftige Auseinandersetzung mit den existentiellen Fragen überhaupt – nach der Liebe, dem Tod, dem Wunder einer Geburt und den Brüchen und dem Leiden im Leben. Wenn wir z.B. in Zeitlupe mitgenommen werden in einen einzigen Schmerz eines einzigen Menschen, dann ist das kaum auszuhalten. Und zugleich kann man sich nicht abwenden. Denn der Schmerz des anderen ist auf einmal auch der eigene. Man fühlt mit. Mitgefühl, Empathie - in dieser besonderen Zeit voller Krisen mit all dem Terror im Jahr 2017! The Quintet of the Astonished und „Dolorosa“ – man hält inne und steht bestürzt davor, was Menschen alles aushalten müssen.

Was Passion bedeutet – mit diesem lautlosen Schrei: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?! - das habe noch einmal neu verstanden bei diesen Bildern von Bill Viola. Überhaupt sind auch in tiefstem Schmerz und größter Nacktheit die Menschen so liebevoll gefilmt, dass sie in ihrer Würde belassen werden.

Bills Werk streift für mich also in vielerlei Hinsicht die Dimension des Göttlichen. Es erzählt von der Wirklichkeit hinter und in den Dingen, eine Wirklichkeit, die wir nicht bis zum Letzten ergründen können. Und vielleicht auch gar nicht sollen. Immer wieder während dieser Ausstellung, wenn in den zahlreichen Spiegelungen das Numinose durchscheint, assoziiere ich Paulus mit dem wohl schönsten Poem aller Zeiten im 1. Korintherbrief: „Wir sehen jetzt noch durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott schon längst erkannt bin. …So bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe - die größte aber unter ihnen ist die Liebe.“

In dieser theologischen Sicht ist die Liebe Gottes ein Geschenk, für eine Welt, die es verdient hat, besser zu werden. Doch dazu muss ich erkennen. Sehen lernen. Zum Beispiel mit „Guckkästen“, die uns Eindrücke geben, wie Tageslauf und Jahreszeit korrespondieren mit der Entwicklung von Sein und Seele. Mit „Catherine´s Room“ ist mir, als würden wir den konzentrierten Raum einer Kirche betreten. Es sind pure Momente. Pur und individuell. Sehr persönlich – auch in der Betrachtung.

Man fühlt sich mitgenommen auf Erkenntniswege, hinein genommen in Studien der Wandlung. Wie bei The Greeting. Diese Installation spielt offenkundig an auf die Heimsuchung, die Begrüßung der Maria durch ihre ältere Verwandte Elisabeth: Übers Gebirg ging die Maria und die beiden schwangeren Frauen begegnen einander. Und – so heißt es in der Bibel – es hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Mitten in politisch gewalttätiger Diktatur wachsen Freude und tiefe Hoffnung auf Umkehrung der Verhältnisse. Das zeigt diese Begegnung, die die Maria dann auch stark macht, das Magnificat zu singen. Ein Lied der Revolution: Er wird die Mächtigen vom Thron stürzen!

Und Elisabeth gebiert Johannes, der den Sohn Marias, Jesus, später taufen wird. Wieder mit dem Wasser.

Immer wieder Wandlungen des Selbst - von Frauen. Gesellschaften. Gemarterten. Bilder, die bewegt sind und die bewegen. Man entdeckt durch die Langsamkeit. Verdichtet zeigt das die Installation „Nantes Triptych“, Geburt und Sterben in einem Raum. Schonungslos real. Der Sohn Bill Viola zeigt auf anrührende Weise die sterbende Mutter und den seidenen Faden, an dem das Leben manchmal hängt. Und zugleich bildet sich ein Raum des Dazwischen. Ein Raum des Unsagbaren. Mit einer tiefen Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens. Ein Kreislauf ohne Anfang und Ende, wie Wulf Herzogenrath so treffend im Katalog beschreibt.

Auch der Sprung aus dem Flammenmeer ins Wasser, der in der zentralen Installation die Erlösung aus der Höllenglut zeigt, ist ein Zyklus.Tristans Auferhebung, ja Auferstehung ist auch Kampf. Mit der Macht und zugleich der Schönheit der Elemente. Mag sein, Bill Viola wiederholt hier die Erfahrung des Zu-Boden-Sinkens, als er als kleiner Junge ins Wasser fiel und nicht schwimmen konnte. Da war erst einmal keine Angst, sondern die Schönheit des Momentes, obwohl so lebensgefährlich. Erst während er gerettet wird, setzt die Furcht ein.

Bill Viola und das Element Wasser - viel hat er es in Kirchen projiziert und diese lebendig gemacht. Nun bekommen die Deichtorhallen von dieser Suche nach dem Eigentlichen auch etwas geschenkt und reflektieren diese Kraft. Eine Einladung, in aller Freiheit, sich fragen zu lassen, was einen trägt und anfragt gleichermaßen.  Wer mag, kann dabei auch den Blick auf den Glauben 500 Jahre nach der Reformation sehen. Ein Glaube, der die Welt wandeln will. Bis heute.

Ich wünsche Ihnen einen erlebnisreichen Abend in dieser großartigen Ausstellung und danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

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