Adventsempfang der Nordkirche in Hamburg

Bischöfin Fehrs stellte die Menschlichkeit und den Frieden in den Blickpunkt

550 Gäste nahmen am Adventsempfang in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen
550 Gäste nahmen am Adventsempfang in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen© Simone Viere

04. Dezember 2014 von Susanne Gerbsch

Hamburg. Auf dem Adventsempfang der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) hat Bischöfin Kirsten Fehrs heute Abend (4. Dezember) vor mehr als 550 Gästen aus Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen gesprochen. Zuvor hatte der Präses der Landessynode, Dr. Andreas Tietze, die Gäste mit einem Blick auf das ausklingende Jahr begrüßt: „Die Nordkirche hat weiter Gestalt angenommen.

Das geschah nicht nur auf der Landessynode, sondern auch an vielen weiteren Orten, in Greifswald beim Ökumenischen Kirchentag, beim Kanzeltausch am 9. November und auf dem Weg der Friedensdekade.“

Anschließend sprach die Bischöfin in ihrer Rede zum Thema „Advent der Menschlichkeit – Wie wir den Frieden schützen können“.

Die Kirchen dürften der Frage der Gewalt nicht ausweichen: „Gerade in diesem Erinnerungsjahr 2014 nicht. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg – befeuert durch kriegsverherrlichende Predigten von vielen Kanzeln. Nur 25 Jahre später folgte der Zweite Weltkrieg. Wir haben diesen Wahnsinn Revue passieren lassen – und sehen zugleich, dass die gegenwärtige Welt so von Kriegen geprägt ist wie selten zuvor nach 1945. Am östlichen Rand Europas sterben Menschen in einem unerklärten Krieg. Im Nahen Osten zerfallen die Staaten, werden ihre Bewohner von Banden und Milizen terrorisiert und getötet.“

Viele Menschen empfänden Ohnmacht angesichts der grauenvollen Bilder und wollten sich heraushalten. Dies sei jedoch keine Lösung, gerade angesichts der Verfolgung von Christen und Yeziden im Irak. „Das ist das bedrückende Dilemma: Dass wir schuldig werden, gleich, was wir tun oder lassen.“ Zugleich gelte es, an der Vision „Schwerter zu Pflugscharen“ festzuhalten. Neben den Stimmen, die einen Einsatz von Waffen als ‚ultima ratio‘ forderten, sei es auch eine Aufgabe, immer daran zu erinnern, „dass Waffen nicht das Leben, sondern den Tod bringen.“

Eine Folge der Kriege seien die Flüchtlinge, die angemessen untergebracht werden  müssten. Trotz eines großen Engagements der Behörden und Mitarbeitenden in den Einrichtungen sei die Erstunterbringung in Hamburg unzureichend: „Das ist auch deshalb so, weil die Folgeunterbringung so schwierig ist, weil kaum jemand Wohnungen an Flüchtlinge vermietet und viele Menschen verhindern wollen, dass Unterkünfte in ihrer Nachbarschaft für Flüchtlinge entstehen.“

Die Bischöfin betonte, dass das ehrenamtliche Engagement in Hamburg beeindruckend sei: „In den Stadtteilen und Kirchengemeinden bieten unsagbar viele ihre Hilfe an und kümmern sich. Mit Runden Tischen, Gästewohnungen, Spenden und klaren Worten.“

Mit einem Blick auf den christlichen Advent erklärte Fehrs ihr Bild vom einziehenden Wanderprediger Jesus nach Jerusalem: „Armselig ist er durch und durch. Nicht auf hohem Ross, sondern auf einem Esel zieht er ein. Das ist der wahre Herr der Herrlichkeit. Alles andere als weihnachtlicher Kitsch, das ist subversiv.“ Und die Bischöfin stellte die Frage nach dem Realitätscheck, fast 2000 Jahre später: „Kommt er wirklich? Die Frage ist so alt wie die Christenheit selbst: Seid ihr blind? Wie könnt ihr behaupten, dass Christus den Frieden in die Welt bringt? Natürlich, antworte ich, denke ich daran. Die politische Lage gibt allen Anlass dazu. Gerade in diesem Jahr, mit so vielen aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen, lässt mich ein Satz der Theologin Dorothee Sölle nicht los: „‘Da kann man nichts machen‘, das ist ein gottloser Satz.“ Die Bischöfin betont: „Das Recht, und zwar das Recht des Schwächeren, gibt die Handlungsweise vor.“

Dies gelte auch besonders für die Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen, so Fehrs: „Seit in unserer eigenen Kirche die Menschenwürde, die Integrität und Schutzbedürftigkeit so sehr mit Füßen getreten wurde, lese ich diesen Satz neu. Um die Menschenwürde zu schützen, reicht es nicht, auf den guten Willen oder die Würde des Amtes oder gar eine innere Hemmung bei Tätern zu setzen. Es braucht klare Strukturen, verbindliche Regeln, und scharfe Sanktionsmöglichkeiten gegen sexualisierte, gegen jegliche Gewalt.“

Zum Schluss ihrer Rede erinnerte die Bischöfin an das interreligiöse Friedensgebet vor der Blauen Moschee an der Außenalster, „als in Israel und Gaza die Raketen explodierten“. Es sei ein Wagnis gewesen, aber dank einer langen interreligiösen Gesprächskultur möglich, so Fehrs. „Uns einte ein gemeinsames Gefühl: Wir sind besorgt. Wir verwerfen den Krieg und die Gewalt. Wir verurteilen, dass dafür der Name Gottes missbraucht wird. Und wir wissen, dass wir als Religionsgemeinschaften zusammenstehen müssen, damit der Frieden bewahrt bleibt - hierzulande - und dort wieder einzieht, wo die Waffen den Tod bringen.“ Es bleibe der Traum von einer besseren Welt, „in der kein Mensch wegen seines Glaubens oder seiner Hautfarbe ermordet wird, in der niemand dazu gezwungen wird, seine Heimat zu verlassen. Ein Traum, der nur, wenn wir ihn teilen, Wirklichkeit wird.“

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