31. Oktober 2015 | Henstedt-Ulzburg

Christlicher Glaube in säkularisierter Gesellschaft

31. Oktober 2015 von Hans-Jürgen Abromeit

Reformationstag, Vortrag auf der Herbsttagung der kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis

Was der christliche Glaube ist, das ist an sich ja schon eine Frage, über die man lange nachdenken, diskutieren und streiten kann. Allerdings gibt es in unserer Kirche ein Grundverständnis des Glaubens, dass sich an der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen unserer Kirche festmacht, wie sie in der Verfassung der Nordkirche genannt sind. Dass diese Bekenntnisse höchst unterschiedlich verstanden und gelebt werden bleibt unbestritten. In der Einladung zu Ihrer Tagung zeigen Sie an, dass Sie als Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis die innerkirchliche Pluralität durchaus skeptisch sehen. Ihr Thema zielt darum auch ausdrücklich auf den „Glauben in einer säkularisierten Kirche“. Am Ende will ich diese Zuspitzung der Frage aufnehmen. Zuerst möchte ich mit Ihnen nun nach der säkularisierten Gesellschaft fragen: „Was also, ist eine säkularisierte Gesellschaft?“

In einem Internetforum wurde eine ähnliche Frage gestellt: „Was ist eine säkulare Gesellschaft?“ Es gab nur eine einzige Antwort und das bereits seit drei Jahren. Entweder ist die Antwort so treffend, dass es nichts hinzuzufügen gibt. Oder die Diskussion ist für die Nutzer dieser Plattform so irrelevant, dass keine Diskussion zustande kann. Kurz und knapp heißt es dort: Eine säkulare Gesellschaft „ist eine Gesellschaft, die sozusagen verweltlich[t] ist und sich von den Religionen gelöst hat.“[1] Dieser Definition zufolge leben wir nicht in einer säkularisierten Gesellschaft. Immer noch gibt es viele Menschen, die nicht nur einer christlichen Kirche angehören, sondern auch ihren Glauben praktizieren. Ähnliches gilt für den Islam. Und darüber hinaus gibt es ein weites Spektrum religiöser Gruppen und Gruppierungen.

Eine rein säkulare Gesellschaft gibt es also noch nicht. Dennoch gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die man zutreffend als Säkularisierung beschreiben kann. Das ist nicht neu. Über mehrere Jahrhunderte kann man Prozesse der Säkularisierung zurückverfolgen. Nicht zuletzt war die Reformation gegenüber der römischen, mittelalterlichen Kirche eine Bewegung der Säkularisierung. Priester durften heiraten oder das Werk der Magd am Herd war vor Gott genauso angesehen, wie das Gebet der Mönche. Säkularisierungsprozesse sind also nicht per se negativ zu bewerten, sondern immer vom Evangelium her zu beurteilen. Sie sind auch Ausdruck einer Befreiung von klerikaler Bevormundung hin zu eigener Verantwortung (Wolfgang Huber). Umgekehrt gesehen bringen Säkularisierungsprozesse einen Verlust kirchlicher Macht mit sich. Das betrifft auch die christliche Durchdringung der Gesellschaft. Im Nachdenken über die Verweltlichung der Gesellschaft gilt es darum die unterschiedlichen Dimensionen zu beachten. „Geht es um Entdogmatisierung, Entkonfessionalisierung, Entkirchlichung, Entchristlichung, Verweltlichung, Transzendenzverlust oder um das Ende von Religion überhaupt?“[2]

Unumstritten ist dabei, dass der Einfluss des Christlichen in der Gesellschaft schwindet. Stellvertretend will ich aktuelle Themen nennen, an denen sich zeigen ließe, dass der kirchliche Einfluss in der Gesellschaft zurückgeht. Ich denke dabei beispielsweise an die Debatten um die Sterbehilfe, den Sonntagsschutz oder das Tanzverbot an den Stillen Tagen. Im Hinblick auf die Sterbehilfedebatte vertreten die Kirchen einen Standpunkt, der für viele Menschen heute unbegreiflich ist, dass ich nämlich mir nicht selbst gehöre, sondern einem anderen, meinem Schöpfer. Dann kann im Letzten nicht von Selbstbestimmung gesprochen werden. Zur radikalen Selbstbestimmung gehört auch die Entscheidung über meinen Todeszeitpunkt. In den Diskussionen wird immer deutlicher nicht nur gegen den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche, sondern auch gegen den Glauben selbst Einspruch erhoben.

Noch ein weiteres gibt es zu Bedenken. Im 20. Jahrhundert hat unser Land durch zwei atheistische Diktaturen vielfältige Säkularisierungsprozesse durchlaufen. Der sozialistische Staat der DDR hat sicherlich bisher die nachhaltigste Wirkung gehabt. Rein äußerlich lässt sich dies in den Mitgliedschaftszahlen zwischen Ost und West ablesen. Dahinter verbergen sich jedoch gesellschaftliche Einstellungen, die weit über die Kirche hinausragen. Zivilgesellschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern ist z.B. nicht gleichermaßen stark ausgeprägt ist, wie in Hamburg oder Schleswig-Holstein. Aber auch abgesehen von der West-Ost-Problematik gibt es viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Wollte man eine Landkarte der Säkularisierung im Norden zeichnen, dann würde man erhebliche Unterschiede feststellen. Hamburg als Metropole würde sich anders darstellen, als der Kirchenkreis Dithmarschen oder der Kirchenkreis Pommern.

Was eine säkularisierte Gesellschaft ist, lässt sich daher nicht pauschal darstellen. Soviel ist aber klar. Wir leben in einer Zeit in der Säkularisierungsprozesse ablaufen. Christliche Glaubensinhalte sind nicht mehr selbstverständlich anerkannt. Der öffentliche Einfluss der Kirche wird immer öfter in Frage gestellt.

Ich möchte nun einen Schritt weiter gehen und nach der geistigen Konstitution unserer Gesellschaft fragen. Einerseits hilft uns dies zu verstehen, vor welchem Hintergrund wir die aktuellen Prozesse der Säkularisierung zu sehen haben. Andererseits hilft uns dies, eine Standortbestimmung von Kirche und Glauben in einer sich säkularisierenden Gesellschaft vorzunehmen.


Die „Postmoderne“ als Signatur westlicher Gesellschaften

Die säkularisierte Gesellschaft ist geistig ja nicht einfach leer. Wie kann man die Merkmale unserer Zeit benennen? Wie kann man unsere Zeit verstehen? Diese Fragen kann man auf unterschiedliche Weise angehen. Ich nehme dafür den Begriff der Postmoderne als Hilfsmittel. Es ist ein sehr schillernder Begriff, da mit ihm sowohl ein philosophisches Konzept, als auch bestimmte Entwicklungen in der Kultur und Unkultur unserer Gegenwart beschrieben werden. Von daher sollte nicht der Begriff zu sehr strapaziert werden, sondern eher die Phänomene in den Blick genommen werden, für die er steht.

Was ist also die Postmoderne? Man kann ganz vereinfacht sagen, dass mit dem Begriff der Postmoderne der Ausfall einer Zentralperspektive beschrieben wird. Allerdings wird dieser Ausfall nicht als Verlust, sondern als ein Gewinn gesehen. An drei Stellen will ich dies kurz verdeutlichen:

Der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard nannte diesen Ausfall der Zentralperspektive das Ende der großen Erzählungen. Er stellte fest, dass es in der Vergangenheit Geschichten und Erzählungen waren, die unsere Gesellschaft und ihre Institutionen legitimierten. Dabei konnten verschiedene solche Erzählungen miteinander in Konkurrenz treten, wie z.B. der Kommunismus und der Nationalsozialismus. Beides sind Gedankenwelten, die einen absoluten Anspruch auf den Menschen und die Gesellschaft erheben. Im 20. Jahrhundert waren es gerade diese großen Erzählungen, die in ihrer Konsequenz darauf hinausliefen, dass Menschen einander unsägliches Leid zufügten. In Ablehnung der Idee einer einheitlichen Welterklärung, wie sie einer großen Geschichte zu eigen ist, will man in der Postmoderne nun versuchen, auf diese Einheit zu verzichten. An die Stelle der Einheit tritt eine radikale Vielfalt. Dadurch soll jede Gewalt gegen Andersdenkende verhindert werden. Der Philosoph Wolfgang Welsch resümiert: „Postmodern gilt es gerade nicht irgendeine Realwerdung von Einheit zu betreiben, sondern dafür Sorge zu tragen, dass nicht eine einzelne Konzeption mit ihrer Partikularität (...) die Position des Ganzen für sich beansprucht – mit all den unterdrückenden, terroristischen und vernichtenden Konsequenzen, die das zu haben pflegt.“[3] Die radikale Vielfalt führt in ein Nebeneinander von vielen kleinen Erzählungen. Paralogie[4], also das Nebeneinander, nennt Lyotard diesen Schlüssel zum Verständnis der Postmoderne.

Soweit die Philosophie. Wenn wir einen Blick in unsere Gesellschaft werfen, dann lässt sich leicht feststellen, dass dieses Nebeneinander in bestimmten Bereichen längst Realität geworden ist. In den Medien hat der Begriff des Patchwork einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das englische Wort patch steht für Flicken. Patchwork ist ein Flickwerk. Wer einen schönen, in Patchworktechnik hergestellten Quilt einmal gesehen hat, der weiß: Das ist nicht negativ gemeint. Der Flickenteppich wird als Bereicherung erfahren. Man spricht von Patchworkfamilie, Patchworkbiographie, Patchworkreligion. Jedoch muss man auch sagen: Das Negative und Lebensabträgliche, das mit den Brüchen und Neuanfängen verbunden ist, kommt nicht in den Blick. Aber wo bleibt die Wahrheit über gebrochene Treueversprechen, über die psychischen Folgen von Ehescheidungen oder über das von Kindern empfundene Leid in Scheidungsfamilien?[5]

Allen diesen Phänomenen des Patchwork ist gemeinsam, dass ein Moment der Einheit aufgegeben wird und stattdessen Dinge miteinander in Verbindung gebracht werden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Z.B. Religion: Für viele Menschen stehen christlicher Glaube und buddhistische Lehren nicht in einem Widerspruch. Sie bedienen sich in ihrer Frömmigkeit und ihrer Deutung der Welt sowohl im christlichen Gedankengut, wie auch in asiatischer Spiritualität. Beides kommt nebeneinander zu stehen. Dieses Nebeneinander ließe sich nun in vielen Bereichen weiter aufzeigen. Postmoderne bedeutet dabei nicht, dass es keine Menschen mehr gibt, die nach traditionellen Vorstellungen ihr Leben ausrichten. Entscheidend ist, dass es keinen Zwang mehr für die eine oder andere Art und Weise zu leben gibt, sondern jeweils eine mögliche Option neben anderen gewählt wird.

Noch ein dritter Gedanke. Wenn das Nebeneinander verschiedener Gedankenspiele zum Grundmuster wird, dann führt dies dazu, dass zwischen den Bereichen Brücken gebaut werden. Es entsteht ein Netzwerk. Und von dem einen Bereich fließen Gedanken in den anderen herüber. „Die Postmodernisierung hat die Grenzen zwischen Kultur, Kommerz, Konsum und Produktion eingerissen.“[6], schreibt der Soziologe Heinz Günter Vester. Das bedeutet zum Beispiel, dass in den Bereich der Ökonomie religiöse Begrifflichkeit einfließt. Besonders deutlich ist dies in der Werbung. Umgekehrt wandert die Idee des Marktes, also die Idee von Angebot und Nachfrage, in den Bereich der Religion. Neben dem christlichen Glauben gibt es eine Vielzahl von religiösen Sinnangeboten. Mit diesen tritt der christliche Glaube in Konkurrenz und muss sich behaupten. Es gibt kein Monopol für Sinndeutung mehr.

Es ließe sich noch viel mehr sagen, doch mit diesen drei Schlaglichtern ist ein erster Blick auf die Struktur unserer Gegenwart geworfen. Es wäre zu einfach darin sofort Freund oder Feind auszumachen. Natürlich kann man philosophisch Defizite aufdecken und fragen, ob sich in diesem Konzept nicht doch wieder eine neue große Idee verbirgt, die möglicherweise in Gewalt umschlagen kann. Natürlich kann man auch manche gesellschaftlichen Fehlentwicklungen kritisieren. Doch man sollte nicht übersehen, dass dieses Modell in unseren westlichen Gesellschaften Freiheiten ermöglicht hat, die vorher nicht denkbar waren und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Frieden ermöglicht hat. Wir profitieren alle davon.


Jesus Christus – die Wahrheit in Person

Doch wie verhält sich nun der christliche Glaube zu einem solchen auf Pluralität angelegten Bild von der Wirklichkeit und der Gesellschaft? Schnell wird dabei deutlich, dass die Wahrheitsfrage ausgeklammert werden soll, um absolute Ansprüche zu verhindern. Friedrich Nietzsche verkündete in seiner Erzählung des tollen Menschen, den Tod Gottes und den Verlust des Horizontes. Müsste Nietzsche unsere Situation heute kommentieren, so würde er vielleicht folgendes sagen: Früher wurde noch gestritten um die Wahrheit, „die zwar nicht unbedingt schon alle anerkennen, die aber im Prinzip alle einsehen können müssen. Heute scheint euch doch schon dieser Streit um die eine Wahrheit überholt zu sein, eben weil ihr nur individuelle, persönliche Wahrheiten kennt und die übergreifende Wahrheit, die für alle gültige ethische und weltanschauliche Orientierung gar nicht mehr denken könnt!“[7] Die Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18,38) fällt heute aus, wenn es um eine letzte Wahrheit geht. Die Wahrheitsfrage ist jedoch von zentraler Bedeutung für den christlichen Glauben. Schließlich ist es Jesus selbst, der von sich im Johannesevangelium behauptet: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zu Vater, denn durch mich.“ (Joh. 14,6)

Vor dem Hintergrund postmodernen Denkens müssen wir also fragen: Was also ist Wahrheit?

Die alten Griechen verstanden Wahrheit zuerst als Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit. Es galt nach der „wahren Natur der Dinge“, also nach dem Sein hinter dem Schein zu fragen. Bei Wahrheit geht es also um die Richtigkeit von Sachverhalten. Mittel der Wahrheitssuche ist der wahrnehmende Mensch, der mithilfe seines Verstandes (logos), Wahrheit erkennt.[8] Die Wahrheitssuche richtete sich in philosophischer Perspektive dann auf das Sein schlechthin, also eine letzte absolute Wahrheit in zeitloser Gültigkeit. Im Höhlengleichnis misst Platon der vorfindlichen Welt lediglich den Charakter eines schattenhaften Seins zu. Das wahre Sein liegt in der Welt der Ideen. Mithilfe der vernünftigen Seele kann sich der Mensch aus der Höhle befreien und die Welt der Ideen erkunden.[9]

Ganz anders wird dagegen Wahrheit im Alten Testament verstanden. Wahrheit liegt hier im gelungenen Zusammenleben von Menschen und von Gott und Mensch. Wahrheit geschieht also in geschichtlichen Ereignissen. Das hebräische Wort für Wahrheit ʼaemet leitet sich von der Wurzel ʼaman her, wie auch das Wort Glauben ʼaemunah. Die Grundbedeutung dahinter ist „fest, zuverlässig, tragfähig sein[10]. Wahrheit ist für das Alte Testament daher kein ontologischer Begriff, sondern ein relationaler Begriff.[11]  

Im Neuen Testament fließen beide Denk-Traditionen mit ein. Besonders im Johannesevangelium hat der Wahrheitsbegriff eine entscheidende Bedeutung. Ihm gelingt es den griechischen Wahrheitsbegriff aufzunehmen und mit dem alttestamentlichen zu verbinden. In der Christusoffenbarung zeigt sich das „Immerwährende Sein“ in einem geschichtlichen Ereignis und erweist sich als zuverlässig/wahr. Wahrheit wird dabei nicht durch menschliche Erkenntnis erkannt (logos), sondern offenbart sich in der Person Jesu Christus (als logos). Der Weg ist also genau umgekehrt, als bei Platon. Nicht die menschliche Seele oder der Verstand erheben sich über die Schatten, sondern das Ewige begibt sich hinab in die „Höhle“ hinein.[12]

Wahrheit wird hier also nicht primär als eine Satzwahrheit verstanden. Vielmehr geht es um die Begegnung mit einer Person, mit Jesus Christus. „Die Wahrheit des christlichen Glaubens lässt sich nicht wissenschaftlich nachprüfbar demonstrieren, aber durchaus verständlich verkündigen und aufgrund der Verkündigung erfahren. Der Grund für diese Art der Bewahrheitung liegt in dem personalen Charakter christlicher Wahrheit.“[13]

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde in der Theologie eifrig um die Frage des christlichen Absolutheitsanspruchs gestritten. Adolf von Harnack vertrat einen solchen Anspruch des christlichen Glaubens, wenn man nur den Kern von der Schale getrennt hätte. Der sei das wesentliche, zeitlos gültige, die Schale, die geschichtlichen Formen des Glaubens. Den Kern extrahiert er aus der Verkündigung Jesu. Es geht um Gott den Vater und den unendlichen Wert der Menschenseele.[14] Demgegenüber trat Ernst Troeltsch dafür ein, dass der christliche Glaube keinen objektiven Anspruch auf absolute Gültigkeit erheben könne. Wissenschaftliches und historisches Denken würden den christlichen Anspruch als geschichtlich bedingt erweisen. Gleichwohl sah Troeltsch in ihm die bisher höchste Form von Religiosität. Jedoch brauche der gelebte Glaube eine Art „naive[r] Absolutheit“[15]

Dietrich Bonhoeffer setzte sich mit diesen beiden Auffassungen auseinander. An Troeltsch schätzte er, dass er falsche Absolutheitsansprüche aufdeckte. Mit den Mitteln der historischen Wissenschaft lässt sich keine absolute Gültigkeit des christlichen Glaubens beweisen. Eine „naive Absolutheit“, wie Troeltsch sie vertrat, überzeugte Bonhoeffer jedoch auch nicht, denn die Reduzierung des Glaubens auf das Individuum und die religiöse Erfahrung passte nicht zu seinem Verständnis des Wortes Gottes und der Bedeutung der Gemeinde. Aber beide „verzichten konsequent auf die wissenschaftliche Legitimierung der Objektivität der Wahrheit des christlichen Glaubens und verlegen die Legitimation auf die Seite der gegenwärtigen Wirkung dieser Wahrheit.“[16]

Mit von Harnack verband Bonhoeffer die Unterscheidung zwischen einem Kern des Glaubens und einer Schale. In der Sache jedoch liegen sie weit auseinander. Für Bonhoeffer hat von Harnack den Kern falsch bestimmt. „Dieser ist nicht eine zeitlos gültige Lehre, sondern die lebendige Person Jesus Christus. Diese Person ist das Evangelium. Sie lässt sich nicht in eine immer adäquate Lehre übersetzen.“[17] Durch das Leben und Werk Christi hat die Wahrheit einen geschichtlichen Haftpunkt, der im Kreuz sein Zentrum hat. „Die Wahrheit des christlichen Glaubens hat einen »Zeitkern«“[18].

Bonhoeffer konstatiert also einerseits: „Alle Fragen nach der Absolutheit sind falsch gestellt.“[19] Andererseits hält er an der Exklusivität der Person Jesu Christi fest. Nicht statisch in einer Satzwahrheit ist der christliche Glaube erfasst, sondern in einer Person, die auch heute noch Menschen begegnet und somit geschieht. Das führt Bonhoeffer von der Frage der Absolutheit zur Frage der Mission: „Die Frage nach der Absolutheit des Christentums ist eine der versucherischsten Fragen an die Theologie. Sie ist nie wirkliche Frage, sondern immer schon Antwort. Die Missionsfrage ist aber nicht durch Reflexion und Diskussion zu erledigen, sondern muss sich immer erst im Vollzug des Auftrags bewähren.“[20]

Leider ist die kürzlich beschlossene Position der Ev. Kirche im Rheinland zur Mission an Muslimen von einem verkürztem Problemhorizont gekennzeichnet. Die Rheinische Kirche hat den Missionsauftrag gegenüber Muslimen ausgesetzt.[21] Es geht aber bei Mission weder um die Behauptung einer Absolutheit des christlichen Glaubens noch um ein Rechthabenwollen, sondern um Treue zu dem Auftrag, den Jesus uns gegeben hat (Matth. 28, 16-20). Von diesem Auftrag können wir uns nicht suspendieren. Wir sind nicht frei, um des lieben interreligiösen Frieden willens auf Mission, die allen Menschen gilt, zu verzichten. Wenn Gott uns sendet, wer wären wir, wenn wir nicht gehen? Aber diese Mission geschieht immer in Demut, in Hochachtung vor dem religiösen Lebensentwurf meines muslimischen Gesprächspartners, aber in Bezeugung der personalen Wahrheit des christlichen Glaubens.

Ich denke, dass sich die Problemkonstellation in Bezug auf das Wahrheitsverständnis in unseren westlichen Gesellschaften seit Bonhoeffer nicht grundlegend geändert hat. Die gedankliche Durchdringung der Infragestellung jeglicher Wahrheiten ist jedoch vorangeschritten und die gesellschaftlichen Auswirkungen treten heute in einer sich globalisierenden Welt deutlicher zu Tage.[22]

Darum will ich nun einen Schritt weiter gehen und fragen, wie heute, in einer postmodernen Gesellschaft verkündigt werden kann. Von Bonhoeffer nehme ich dabei mit, dass die Behauptung eines absoluten Anspruchs des christlichen Glaubens nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern auch sachlich unangemessen ist. Vielmehr ist zu fragen, wie Jesus Christus verkündigt werden kann, dass es zu Begegnungen mit ihm kommt, in denen er sich als die Wahrheit erweist.


Christlicher Glaube in der Postmoderne

Nur drei Gedanken möchte ich Ihnen nennen. Und alle drei stelle ich unter den Begriff der Bescheidenheit. Sie werden merken warum. 1. Christlicher Glaube in der Postmoderne verkündet Jesus Christus in kleinen Geschichten. 2. Er tut dies im Modus der Bitte. Und 3. müssen wir den religiösen und ethischen Monopolverlustes in der Gesellschaft akzeptieren und uns aktiv am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen.


Jesu Christi in kleinen Geschichten verkünden

Wenn die Postmoderne durch den Verlust der großen Geschichten gekennzeichnet ist, dann ist es schwer, Jesus Christus als große Geschichte zu erzählen. Die Situation in der Postmoderne ist so, dass große Geschichten von vorneherein nicht gehört werden. Sie finden kein Publikum. Von daher sollten wir von Jesus in kleinen Geschichten erzählen.

Wie geht das? Ein Beispiel: In Joh. 20,28 bekennt der Jünger Thomas: Mein Herr und mein Gott. In der Postmoderne ist es interessant und nicht verwerflich, wenn jemand davon erzählt, was sein Leben trägt. Jesus als kleine Geschichte zu verkünden, würde heißen, davon zu erzählen, wie Jesus den Sprechenden selbst durch Worte der Bibel getröstet hat. Oder wie Jesus Christus das eigene Leben prägt und verändert hat. Geschichten, in denen die Liebe Gottes durchscheint.

Jesus in kleinen Geschichten zu erzählen, kann weiterhin bedeuten, dem anderen in der Liebe Jesu zu begegnen. Das heißt nicht schlecht über die Dinge zu reden, die anderen wichtig sind. Im Gespräch mit Muslimen ist dies z.B. der Gedanke der Einzigartigkeit Gottes. Im postsozialistischen Kontext in Pommern habe ich immer wieder gemerkt, dass der Gedanke der Solidarität auch vielen Agnostikern oder Atheisten etwas bedeutet. Daran lässt sich anknüpfen und eine gemeinsame Basis herstellen. Nächstenliebe ist ja ursprünglich die zivilisatorische Errungenschaft des Christentums.

In Pommern hatten wir nun 11 Jahre das Glück eine Zweigstelle der Christusbruderschaft Selbitz zu haben. Am 19. April 2004 haben wir das Kloster St. Marien in Verchen wiederbelebt. Die Schwestern, die in diesen Jahren im Kloster gelebt haben, sind für mich ein Vorbild dieser Art von Mission. Sie lebten im Dorf, in der Kirchengemeinde und in der Region mit. Sie brachten sich mit ein und boten an, davon zu erzählen und das zu erleben, was ihr Leben ausmacht, den Glauben an Jesus Christus. Aber sie taten dies in einer unaufdringlichen, von Liebe geprägten Art und Weise. Leider musste Selbitz in diesem Jahr, am 25. Mai, den Konvent aufgeben und hat die Schwestern ins Mutterhaus zurückgeholt oder in andere Aufgaben entsandt. Aber wir hatten das Glück, auf dem pommerschen Land viele kleine überzeugende Glaubensgeschichten gehört zu haben.

Das ist die erste Bescheidenheit: Die große Geschichte Gottes, in kleinen Geschichten erzählen.


Das Evangelium im Modus der Bitte

Doch auch, wenn wir von Jesus in kleinen Geschichten erzählen, bedeutet dies nicht, dass damit sein universaler Anspruch aufgehoben wäre. Nur ist es nicht an uns, diesen einzufordern. Paulus schreibt im 2. Kor 5,20: „Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns ´zur Umkehr` ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!“ (NGÜ)

Paulus bringt es noch einmal auf den Punkt. Als Christen sind wir Gesandte Gottes. Doch die Botschaft, die wir ausrichten sollen, bringen wir als Bitte zu den Menschen. Es geht um Mission und Verkündigung im Modus der Bitte. Mission im Modus der Bitte lässt dem anderen die Freiheit. Dieser Modus entspricht der Situation des Marktes. Man kann niemanden zwingen, sein Produkt zu kaufen. Aber man kann sein Produkt anbieten. Der Verzicht auf Gewalt und Zwang ist Kennzeichen einer bittenden Mission. Es war bereits das Motto der Reformatoren, ihre Veränderungen nicht mit Gewalt, sondern durch die Überzeugungskraft des Wortes zu bewirken. Non vi, sed verbo. Nicht mit Gewalt, sondern durch das Wort.[23]

„Die Reformation hat sich auf eine ungeahnt kühne Weise auf die Kraft des Wortes verlassen. »Solo verbo« – aus dem Wort, der Gottes-Rede selbst, sollte seine Überzeugungskraft erwachsen. Vielleicht kehren wir heute am Ende dessen, was wir das christliche Abendland zu nennen Gründe hatten, in diese reformatorische Grundsituation erst ein.“[24] Der praktische Theologe Albrecht Grözinger hat darauf aufmerksam gemacht, dass genau dies auch der Situation in der Postmoderne entspricht. Wir sind in einer Situation, in der uns nur noch das Wort zur Verfügung steht, aber keine äußere Macht mehr. Mission in der Postmoderne kann man dann an der Krippe und am Kreuz lernen. Der Herr der Welt wird ein Kind in einer Krippe und entkleidet sich aller Gewalt. Und er bleibt diesem Ansatz treu und erleidet das Kreuz. „Das Vertrauen allein auf das Wort ist ein Vertrauen auf das Wirken des Geistes. Es bedeutet für den Prediger Verzicht auf verbale, manipulative Gewalt gegenüber seinen Hörern.“[25] Martin Luther hat diese Offenheit etwa mit Blick auf die zu seiner Zeit brennendste missionstheologische Problematik (die Frage der Judenmission) anfänglich vertreten, wenn auch nicht durchgehalten. Und das mit dramatischen Folgen, bis hin zum modernen Antisemitismus.[26]

Der Theologe und Philosoph Heinzpeter Hempelmann hat in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne und ihrem geistigem Urvater, Friedrich Nietzsche, ähnliches herausgearbeitet. Evangelium und Postmoderne kommen in Konflikt miteinander, weil das Evangelium von Jesus Christus einen universalen Anspruch in sich trägt. Und dieser Anspruch ist nicht aufgebbar. Allerdings weist auch Hempelmann darauf hin, dass die „Kirche […] als Evangelium den Standpunkt Gottes zu bezeugen [hat], ohne diesen ´Gottesstandpunkt` doch innezuhaben.“[27] Die Konsequenz daraus ist, jeglicher Verzicht auf Gewalt, auch verbaler Gewalt, in der Mission. Noch einmal Hempelmann: Es geht um den „Verzicht auf jede Selbstbehauptung“. Das ist die „notwendige Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums“[28] in der Postmoderne. Der Verzicht auf Gewalt und darauf, eigene Interessen durchzusetzen, schafft erst die notwendige Glaubwürdigkeit. Pointiert gesagt: Mission in der Postmoderne vertritt keinen absoluten Anspruch für sich selbst. Sie bietet vielmehr Jesus Christus als Option an. Wer sich aber auf Jesus Christus einlässt, der wird erfahren, dass in ihm sich Gott selbst zeigt. „Das Evangelium ist zwar ein Wort unter anderen, aber kein Wort wie alle anderen“.[29] Es muss sich bewähren in der Konkurrenz mit den anderen Sinnanbietern auf dem Markt der Möglichkeiten. Und wenn das Evangelium wirklich das ist, was es zu sein verspricht, dann brauchen wir keine Angst zu haben, dass es nicht auch bewirkt, was es verheißt. Das ist die zweite Bescheidenheit: Mission im Modus der Bitte.


Akzeptanz des religiösen/ethischen Monopolverlustes in der Gesellschaft und Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs

Ob wir in einer säkularisierten Gesellschaft leben, darüber kann man streiten. Fest steht, dass wir in einem säkularen Staat leben, der sich freiwillig zu weltanschaulicher und religiöser Neutralität verpflichtet hat. Der Staat garantiert die Freiheit der Bürger. Die Vielfalt von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen wird geschützt. Damit wird ein gesellschaftlicher Raum eröffnet, in dem sich unterschiedliche Überzeugungen im Gespräch miteinander befinden. Das Grundgesetz bildet den Rahmen dafür und damit zugleich auch die Grenze für Überzeugungen, die diese Regel des Zusammenlebens nicht annehmen können.  Der Staat ermöglicht damit eine plurale Gesellschaft. Ich bin dankbar dafür, dass unser Land nach vielen Irrwegen nun diesen Weg gefunden hat.

Doch wie kommt nun der Glaube in einer pluralen Gesellschaft vor? Was ist sein Platz? Landesbischof Ulrich ist dieser Frage nachgegangen in seinem Vortrag zur Vorstellung vor der Landessynode am 31. Januar 2013. Ulrich fragt nicht nur nach dem Platz des Glaubens in einer pluralen Gesellschaft. Er fragt auch, wieviel Pluralität der Glauben verträgt oder sogar braucht.[30] Damit kommt an dieser Stelle Ihre Frage nach der von Ihnen benannten säkularen Kirche wieder mit in die Betrachtung hinein.

Auf der einen Seite hebt Ulrich hervor, dass der christliche Glaube natürlich zu seiner Wahrheit steht. „Gerade der gelebte Glaube ist selbstverständlich von sich überzeugt.“[31] Und im Glauben geht es auch nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um Fragen des Lebens und Sterbens. „Denn spätestens im Sterben hört ja der Pluralismus auf.“ [32], so Ulrich. Auf der anderen Seite betont er, dass die eigene Erkenntnis des Glaubens fragmentarisch ist. Die Wahrheit des Glaubens ist kein Besitz, sondern muss sich im Leben immer wieder neu erweisen. Das mahnt zur Bescheidenheit und erinnert daran, dass es auch ein Wachsen im Glauben und der Wahrheitserkenntnis gibt.

Eine plurale Gesellschaft ist nun darauf angelegt im Gespräch unterschiedlicher Überzeugungen das Miteinander zu gestalten. Toleranz ist das Stichwort in diesem Zusammenhang. Toleranz bedeutet aber keineswegs die eigene Überzeugung zu verbergen. Ulrich warnt davor, Konflikten auszuweichen in dem man sagt, letztlich seien doch sowieso alle Religionen gleich. „Wir werden als Kirche, als Christen nicht pluralismusfähig, indem wir unseren Glauben, das woran unser Herz hängt, was uns unbedingt angeht, zu einer Möglichkeit unter anderen machen.“[33] Und so konstatiert Ulrich: „Pluralismus braucht nicht weniger Bekenntnis, sondern mehr!“[34]

Im Rahmen einer pluralen, offenen Gesellschaft ist dieses Bekenntnis möglich. Und ich habe versucht zu zeigen, dass der christliche Glaube nicht gegen eine solche Gesellschaftsform steht. Vielmehr entspricht es seinem Bekenntnis, das sich im Modus der Bitte äußert.

Wir kommen freilich aus einer anderen Situation her. Über mehrere Jahrhunderte hatte in Europa und Deutschland der christliche Glaube eine Monopolstellung. Das hat viel Segen mit sich gebracht, aber auch zu etlichen Missbräuchen und Auswüchsen des Glaubens geführt. Diese Monopolstellung hat der christliche Glaube verloren. Dies geschah nicht über Nacht, sondern vollzog sich in verschiedenen Prozessen der Säkularisierung über mehrere Jahrhunderte. Das 20. Jahrhundert brachte dabei im Hinblick auf die praktischen Auswirkungen der Säkularisierung die größten Veränderungen mit sich. Zu Beginn habe ich dies bereits ausgeführt. Wir leben daher in einer pluralen und im Hinblick auf die Religion nachchristlichen Gesellschaft. Der christliche Glaube hat kein Monopol mehr. Er hat an Bedeutung und Einfluss verloren, er ist jedoch immer noch eine wichtige Säule unserer Gesellschaft.

Als Kirche, wie als Christen müssen wir uns dieser Erkenntnis stellen. Und wir müssen auch annehmen, dass die gesellschaftliche Pluralität auch zu einer innerkirchlichen Pluralität geführt hat. Im Hinblick auf die Gesellschaft ist das klarer, denn die Kirche als Institution kann nur für ihre Mitglieder sprechen. Die innerkirchliche Pluralität hingegen stellt uns vor andere Aufgaben, denn die Einheit der Kirche ist ein hohes Gut. Was für den gesellschaftlichen Diskurs gilt, gilt auch für den innerkirchlichen Diskurs. Allerdings gibt es andere Bezugspunkte. Nicht das Grundgesetz gibt den Rahmen der Toleranz und der daraus resultierenden Pluralität vor, sondern das Wort Gottes, wie es uns in der Heiligen Schrift gegeben ist. Von Anfang an war das Christentum plural verfasst. Der christliche Glaube war also genötigt, sich darüber zu verständigen, was noch zu ihm gehört und was nicht mehr. Dieser Aufgabe sind wir auch heute nicht enthoben. Wo ist das Bekenntnis des Glaubens tangiert, also der Status confessionis betroffen? Und was sind Fragen, in denen man mehr oder weniger getrost unterschiedlicher Meinung sein kann? Das Modell der versöhnten Verschiedenheit gilt nicht nur im Hinblick auf die Ökumene nach außen, sondern auch im Hinblick auf die Ökumene nach innen. Das bleibt eine ernste und große Herausforderung für uns als Nordkirche.

Am Ende seines Vortrags weist Landesbischof Ulrich ausdrücklich auf diese innerkirchlichen Differenzen hin. Ulrich bittet seine Kirche, über unterschiedliche Auffassungen im Bibelverständnis, in Frömmigkeitsstilen, politischen Ansichten und ethischen Konsequenzen im Dialog miteinander zu bleiben und den jeweils anderen nicht darauf zu reduzieren. Am Beispiel Jesu zeigt er uns, dass Glaubensfestigkeit und Offenheit für den anderen sich nicht ausschließen. „Gottes Wort ist Mensch geworden und hat die Sünde und Todverfallenheit der Welt getragen (lateinisch: tollere). Das ist der Grund dafür, dass wir einander tragen und ertragen, auch und gerade in unserer Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit. Das ist der Grund für Toleranz.“[35]


Schluss

„Christlicher Glaube in säkularisierter Gesellschaft“. So lautete unser Thema. Wir sind einen weiten Weg gegangen. Zuerst habe ich dafür plädiert, Säkularisierung nicht nur negativ zu verstehen. Manche Säkularisierungsprozesse bringen für den Glauben und die Kirche zwar schmerzliche Verluste mit sich. Vielfach tragen sie jedoch auch zu Freiheit und Verantwortung mit bei. Deswegen bin ich dazu übergegangen nach der geistigen Konstitution unserer Gesellschaft zu fragen. Mithilfe des Begriffs der Postmoderne habe ich versucht zu zeigen, dass die innere Struktur unserer Gesellschaft auf eine radikale Pluralität angelegt ist, mit der Konsequenz, die Frage nach einer letzten allgemeinen Wahrheit zu verdrängen. Mithilfe von Bonhoeffer haben wir uns dann dem christlichen Verständnis von Wahrheit genähert. Nicht zuerst mit einer absoluten Sachaussage ist die Wahrheit des christlichen Glaubens erfasst, sondern in der Beziehung zu der Person Jesu Christi, der für sich in Anspruch nimmt die Wahrheit zu sein.

In einer pluralen Gesellschaft ist das freie Zeugnis und Bekenntnis zum christlichen Glauben möglich. Es ist nicht darauf angewiesen, einen objektiven Absolutheitsanspruch zu behaupten. In der Gewissheit des Glaubens können wir jedoch unsere Glauben bekennen und in die plurale Gesellschaft mit einbringen.

Ich komme zum Schluss: Der christliche Glaube hat eine enorme Bedeutung für das Zusammenleben in Deutschland. Er trägt zum gesellschaftlichen Frieden bei. Allerdings bröckelt die Basis, die es ihm ermöglicht in dieser Weise zu wirken. Er wird selbst immer offener in Frage gestellt. Daraus ergibt sich die Herausforderung für uns Christen in Deutschland. Die Gefahr ist, dass man unser Verhalten nur als Machterhalt versteht. Glaubwürdigkeit ist darum für uns enorm wichtig. Es gilt zu zeigen, dass der Glaube das Leben schützt und fördert. Und da kämpfen wir im Moment gegen ein Klima an, dass große Vorbehalte gegen den christlichen Glauben mit sich bringt.

Die Frage für die Zukunft der Kirche ist daher, wie sich das Klima des Ressentiments oder der Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Glauben verändern lässt. Das liegt nicht allein in der Hand von uns Menschen. Doch davon wird abhängen, wie sich das Zusammenleben in unserem Land und in Europa in Zukunft darstellen wird.


[1]de.answers.yahoo.com/question/index

[2] Barth, Ulrich: Art. Säkularisation I, TRE XXIX, Berlin/New York 1998, 619.

[3]Welsch, Wolfgang: Einleitung; in: Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, hrsg. v. Wolfgang Welsch, 2., durchgesehene Auflage, Berlin 1994, 1-43, hier 16-17.

[4] Vgl. Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Edition Passagen 7, hrsg. v. Peter Engelmann, 5. Auflage, Wien 2005, 175-193.

[5] Vgl. Mühl, Melanie: Die Patchworklüge. Eine Streitschrift, München 2011.

[6]Vester, Heinz-Günter: Soziologie der Postmoderne, München 1993, 34.

[7] Hempelmann, Heinzpeter: „Wir haben den Horizont weggewischt“ (F.Nietzsche). Das Evangelium verkünden unter den Bedingungen der Postmoderne; in: Theologische Beiträge 30 (1999), 33.

[8] Art. Wahrheit (Theologisches Begriffslexikon zum NT), 1343.

[9] Art. Wahrheit (Theologisches Begriffslexikon zum NT), 1343-1345.

[10] Art. Wahrheit (Theologisches Begriffslexikon zum NT), 1345.

[11] Art. Wahrheit (Theologisches Begriffslexikon zum NT), 1345-1347.

[12] Art. Wahrheit (Theologisches Begriffslexikon zum NT), 1350-1351.

[13] Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 585.

[14] Vgl. Von Harnack, Adolf: Das Wesen des Christentums, Leipzig 1920, 40-45. Vgl. auch Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 587.

[15] Troeltsch, Ernst: Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte und zwei Schriften zur Theologie, München/Hamburg 1969, 110. Vgl. auch Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 588.

[16] Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 592.

[17] Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 590.

[18] Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 590.

[19] Christologievorlesung 1933, in: Gesammelte Schriften (=GS), hrsg. von Eberhard Bethge, Bd. III, München 1960, 196. Vgl. Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 587.

[20] GS V, 203.

[21] Evangelische Kirche im Rheinland (Hg.): Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen, Düsseldorf 2015.

[22] Vgl. Abromeit, Hans-Jürgen: Die Einzigartigkeit Jesu Christi, 592.

[23] Vgl. dazu Giebel, Michael: Predigt zwischen Kunst und Kerygma. Neukirchen-Vlyun 2009, 149. Herbst, Michael: Mission im Plural. Herausforderungen für die Mission in der Postmoderne; in: Theologische Beiträge 37 (2006), 173-184, hier 180. Grözinger, Albrecht: Toleranz und Leidenschaft. Über das Predigen in einer pluralistischen Gesellschaft, Gütersloh 2004, 238-239.

[24] Grözinger, Toleranz und Leidenschaft, 76.

[25] Giebel, Predigt, 347.

[26]Wendebourg, Dorothea: Ein Lehrer, der Unterscheidung verlangt. Martin Luthers Haltung zu den Juden im Zusammenhang seiner Theologie; in: Theologische Literaturzeitung 140 (2015), 1034-1058, hier 1054-1057, weist nach, dass das Problem bei Luther nicht seine Erwartung war, dass sich die Juden zu Christus bekehren würden. Er sagt sogar in der frühen Judenschrift: Wenn nur einige Juden Christen würden, andere aber „halsstarrig“ blieben, mache das nichts aus – seien die Anhänger der Mehrheitsreligion „doch auch nicht alle gute Christen“ Beim späten Luther kippt dies, dann will er die Juden zu Christus zwingen. „Wenn er nun das damalige Plädoyer für ein ungehindertes Zusammenleben von Christen und jüdischen Bestreitern des Christentums revidierte und deren obrigkeitliche Vertreibung oder verschärfte Unterdrückung verlangte, dann steht dahinter die Abkehr von wesentlichen Einsichten der Zwei-Regimente-Konzeption, die Rückkehr zum Modell des corpus christianum im Sinne eines Raumes ein und derselben öffentlich zu praktizierenden Religion.“

[27] „Kirche hat nicht die Wahrheit; sie verfügt nicht über die Wahrheit; allenfalls ist sie in der Wahrheit,

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