5. Juni 2017 | Hauptkirche St. Katharinen Hamburg

Da haben sich Kunst und Kirche berührt ...

05. Juni 2017 von Kirsten Fehrs

Abschlussgottesdienst des Kunst-Gemeindeprojekts „Artist in Parish“ am Pfingstmontag, Predigt zum Magnificat - Lukas 1, 46-55

Liebe Festgemeinde,

da haben sich Kunst und Kirche berührt… und berühren sich ja immer noch. Wir haben es eben erlebt, als Heidi Krautwald ihr, ja das Projekt „Artist in paris“ beschrieben hat. So viel Begegnung fand da statt – zwischen Menschen, die sich eingelassen haben auf Kunst und/ oder Kirche. In neun Gemeinden – ich grüße Sie alle, die Sie von Föhr, aus Semlow-Eisen, St. Nicolai Altengamme, St. Jacobi und überhaupt allen Himmelsrichtungen angereist sind! Bereichert wurden Sie alle mit Erlebnissen, das konnte man merken. Erlebnisse, die keinen unberührt gelassen haben. Oder unverändert. Im Gegenteil. So viele Frauen und Männer, die nicht allein bei Heidi Krautwald ihre Wandlungen genauso riskierten, wie sie sie vielleicht schon lange gewünscht hatten. Samt Faltenwurf – wann kann man sich oder die eigene Kirche schon mal so sanft gefallend in neues Licht setzen?

Vielfältig war auch die Begegnung mit den Kirchen und ihren Traditionen – da brauchte, fand z.B. Ulrich Lindow, St. Nicolai natürlich seinen eigenen Nikolaus, und das in bleu! Oder die Begegnung mit den Kirchräumen, die einem Matthias Kempendorf alias Kepno auf einmal einen Trinitarischen Frauenaltar in die Ideenwiege legt und wo prompt ebendiese Kirche damit belohnt wird, dass vierzig Throne in Gestalt filigraner Stühle sturzbereit die Kirchenwände verfremden.

Da war schließlich so viel Begegnung zwischen dem modernen Menschen samt Pinsel und Ton und dem alten Luther samt Scriptura und Garten. Ein Luthergarten, der nun in der Skulptur von Christel Burmeister-Gronau einen Apfel als Symbol tiefen Gottvertrauens zum Zentrum hat – all dies und noch viel mehr geboren aus der Meditation des Magnificat.

Wirklich  - da haben sich Kunst und Kirche berührt. Und das war und ist unerhört kraftvoll. Weil es die Sicht ändert. Und damit den Raum. Und den Menschen. Die Gemeinde. Und in all dem sogar für einige Zeit die Welt.

„Er  hat große Dinge an mir getan, fällt hier die Maria ein, die ihr Lied davon singt, wie sich das Leben von Grund auf verändern kann. Nicht mehr bedrückt durch Ohnmacht und Gewalt – sondern aus- und aufgerichtet. Seine Barmherzigkeit währet für und für... Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“

Das ist nichts weniger als ein Umsturz, eine Umkehrung, ja eine Re-formatio der besonderen Art: die Rückwandlung hin zu dem Eigentlichen. Das, was ausnahmslos jedem Menschen Recht gibt und ihn würdig sein lässt und wunderbar gemacht. Als Geschöpf Gottes unantastbar. Von allem Anfang an. Und es lohnt sich, in Ihrem Magnificat-Katalog sich mitnehmen zu lassen auf Erkenntniswege dieser Rück-Wandlungen zum Leben hin.

So nahm mich vor einigen Tagen der höchst beeindruckende Videokünstler Bill Viola mit durch seine Ausstellung in den Deichtorhallen. (Da müssen Sie übrigens alle hin, liebe gemeinde). Videoinstallationen, die eine ganz besondere Sicht der Kunst darstellen, die sich mit der Religion berührt in ihrer Sehnsucht nach Wandlung der Ungerechtigkeit.

Zum Beispiel bei The Greeting. Die spielt ganz offenkundig an auf die Heimsuchung, den Besuch der Maria bei ihrer älteren Verwandten Elisabeth. Es ist die Geschichte im Lukasevangelium, die direkt vor dem Magnificat steht. Sie erinnern sich: Übers Gebirg´ ging die Maria, und als die beiden schwangeren Frauen einander begegnen, hüpfte das Kind in ihrem Leibe, so Lukas. Mitten in politisch gewalttätiger Diktatur wachsen Freude und tiefe Hoffnung auf Umkehrung der Verhältnisse. Faszinierend, wie in der Installation die Frauen interagieren, wie sie einander anblicken und ermutigen, zu glauben, was sie nie zu hoffen wagten. Man kann sich sofort vorstellen, dass in dieser Begegnung die junge und einfache Frau Maria die Kraft gewinnt, solch ein Magnificat zu singen. Solch ein Lied der Revolution: Er wird die Mächtigen vom Thron stürzen!

Es geht um Wandlungen auch des Selbst - von Frauen. Gesellschaften. Gemarterten. Und so ist das Magnificat alles andere als eine hingesungene Harmlosigkeit. Und zugleich fern jeder triumphalen Selbstgenügsamkeit. Im Gegenteil: Es ist ein einziges, wahrhaftiges Erbarmen. Das sich nicht abfindet mit Unrecht und Gewalt. Kompromisslos liebevoll.

Und so ruft uns dieses Lied unweigerlich auf zum Widerstand, zum Aufstand auch gegen Terror und Hass heute. Es ruft zum Aufstand gegen die Mörder von Manchester und London und ihre wahnhafte Ideologie. Gegen die Verherrlichung von Tod und Terror setzen wir die Liebe zum Leben.

Es ist ein gutes, ein richtiges Lied in dieser Zeit.

Und ich schaue auf die Maria, die spätere Mater dolorosa, die so viel weiß vom Schmerz der Trauernden, aber gerade deshalb auch von dieser Liebe, die sich nicht abfindet … Und in dieser Gleichzeitigkeit von Hingabe und Widerstandskraft ist sie eine der biblischen Figuren, die mich am stärksten anspricht. Anbetend versucht sie zu fassen, was da mit ihr geschieht – und bewegt all das, was sie nur glauben kann, in ihrem Herzen. Viele bildliche Darstellungen zeigen sie genauso: Als junge Frau, die fast erschrocken realisiert, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringt und die das Kind zugleich unerschrocken vom ersten Tag an mit ihrem Mantel zu schützen versucht.  Willkommen, kleiner Herre Christ, so mag eine andere Strophe ihres Liedes gelautet haben. Willkommen in dieser Welt, die eines kleinen schutzlosen Kindes bedarf, um ihrerseits wehrlos werden zu können und friedensleis.

Und so haben sich genau in ihr – in der Maria – Himmel und Erde berührt.

Maria ist es, die den Gottessohn an die Erde bindet. Sie bürgt für das Irdische und das Menschliche in Jesus Christus. Und so versteht sie von allem Anfang an, wie zerbrechlich und angreifbar unser aller Existenz sein kann. Lukas erzählt davon. Von Flucht, bösen Träumen, sozialer Kälte und blanker Armut. „Maria durch ein´n Dornwald ging...“ Dieses so mystische Advents- und Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert weiß etwas von dieser schmerzlichen Bitterkeit. Es redet von Dornen. Ja, einem ganzen Dornwald. Und Maria? Sie trägt ihr Jesuskind dadurch. Nicht allein für sich. Sie, die dieses hoch politische Magnificat singt und den Umsturz erwartet, sie tut es für uns. Und so haben die Dornen auf einmal Rosen getragen!

Weihnachtlich wird´s nun mitten im sommerlichen Pfingstfest - und das hat allemal mit eben jenem  Martin Luther zu tun und seiner Schrift „Das Magnificat, verdeutscht und ausgelegt“. Denn er wollte dem entrückten, ja triumphalistischen Marienbild des Mittelalters, dem Bild der Himmelskönigin, wieder diese junge, arme, leidenschaftliche Frau entgegenstellen. Und kritisiert: „Aber die Künstler, die uns die selige Jungfrau so abmalen und darstellen, dass nichts Verachtetes, sondern eitel große, hohe Dinge an ihr zu sehen sind, was tun sie anders, als dass sie uns der Mutter Gottes allein gegenüberstellen und nicht sie Gott gegenüber? Damit machen sie uns nur furchtsam und verzagt, sie verhängen  das tröstliche Gnadenbild…“

Denn, so Luther, wir brauchen keine weitere Herrscherin des Himmels, sondern eine Mitschwester, die an unserer Seite steht: „Sie soll doch das allervornehmste Beispiel der Gnade Gottes sein… sie soll alle Welt zur Zuversicht auf die göttliche Gnade reizen, damit wir mit aller Zuversicht sprechen möchten: Ei, du selige Jungfrau und Mutter Gottes, wie hat uns Gott in dir erzeigt einen großen Trost, dieweil er deine Unwürdigkeit und Nichtigkeit so gnädig angesehen hat. So wird er uns arme, nichtige Menschen, deinem Beispiel nach, auch nicht verachten, sondern gnädig ansehen.“

Und genau hier nun haben sich Kunst und Luther berührt. Denn in Ihren Kunstwerken, liebe KünstlerInnen, spiegelt sich dieser Ansatz wider.

Zunächst die einfache Frau, eine zugeneigte Mutter, die dem Kind einen Apfel reicht, zu sehen im Luthergarten Bahrenfeld. Rhomben aus Ton, die verwittern – geradezu ein Symbol für die „Niedrigkeit deiner Magd“, finde ich.

Etwas Niedriges aufheben, buchstäblich, und es ansehen und es dadurch zu etwas ganz Besonderem machen: Dazu haben sich so viele aus der Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr von Christine de Boom und Christof Munzlinger mitreißen lassen. Und wir verdanken allen zusammen eine Magnificat- Bildergeschichte mit wahrlich erhebenden und berührenden Momenten.

Dann die schöne, junge Frau – sie finde ich in den Werken von Heidi Krautwald, bei der es eben nicht allein um den Faltenwurf der einen Maria geht. Sondern wo das Gewand für 40 Menschen zu einem Schutzmantel wird. Schutz, der nötig ist, wenn man sich selbst aufsucht. Als schöner, wunderbar geschaffener Mensch, gleich wie alt doch ganz jung, neu gesehen eben. Mit all den Wandlungsmöglichkeiten unserer Existenz. 

Unsere Schutzbedürftigkeit ist gerade dann so groß, je dünnhäutiger wir uns fühlen – wie gut, dass wir segnend aufgenommen werden von einem mindestens ebenso großen, zugewandten Nikolaus in St. Nicolai Altengamme. Die Erniedrigten werden erhöht und Ulrich Lindow, das sieht man auf einem Foto, lacht herrlich mit ihm, und sieht ihm fast ein bisschen ähnlich...

Dann die Künstlerin Ursula Dietze, die mit verbundenen Augen die Menschen in Semlow-Eixen hat erspüren lassen, was in ihnen steckt an Individualität und Schaffenskraft. Köpfe, die mehr sind als in Blindheit gekneteter Ton. Es sind Gedankenräume, die Horizonte öffnen. Und neue Sichtweisen. Und so werden sie alle eins dort in der Kirche - eine Gemeinschaft der Mit-Fühlenden.

Und schließlich die kämpferische Maria, die alle Throne umstürzt, wie es das Werk von Matthias Kempendorf zeigt. Vierzig Throne in der Kirche zu Gadebusch, die in wunderbarem Doppelsinn auch zeigen, wie Kirche „zwischen die Stühle“ geraten kann, wenn sie sich mit den Mächtigen anlegt…

Ja. es ist ein gutes, ein richtiges Lied in diesen Zeiten.

Denn mit Maria will das Erbarmen Gottes stets und immer in die Welt getragen werden. Singt sie doch „Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener auf.“ Wenn das doch die vielen erschöpften, verängstigten und bitter gewordenen Menschen unserer Tage erreichen würde! Denn diese von Gott so gewürdigte Maria ist wie eine Antwort auf die menschlichste aller Fragen, ob das Leben seinen Sinn findet. Und ihr klares Ja ist Ansporn, sich nicht abzufinden mit Lüge und Spott, Throngebaren und Dummparolen. Wir dürfen uns davon nicht beherrschen lassen, von der Angst ebenso wenig wie von unserer Bequemlichkeit…– Und deshalb gibt es bei Kepno (wie beim Bäcker) manche Tüte „Herrscherbruch“ für nur 5 Euro….

Greifen Sie zu, liebe Gemeinde!

Denn es geht um die Wandlung zum Guten hin – dafür haben sich in Maria Himmel und Erde berührt. Und Kunst und Kirche auch.
Damit Friede werde, höher als alle Vernunft.
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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