24. Februar 2019 | Hauptkirche St. Trinitatis Altona

Das Wort, was das Herz rührt

24. Februar 2019 von Kirsten Fehrs

Sonntag Sexagesimae, Predigt zu Hebr 4,12f. Gottesdienst zur Ordination

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei in uns lebendig. Amen.

Ich lese den Predigttext aus dem Hebräerbrief: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Heb 4,12f.)

Es geht um die Genauigkeit, liebe Ordinationsgemeinde, auf sie kommt es heute an. Denn nur dieses genaue, das differenzierte, um nicht zu sagen: trennscharfe Wort – nur dies dringt durch, erfasst das Leben in seiner Tiefe, holt es heraus aus dem Dunkel und der Diffusität ans Licht, vielleicht sogar ans Licht der Wahrheit. Und genau dieses wahrhaftige Wort zu finden, macht auch eine Predigt zu einer Herausforderung. Sie, liebe Ordinandinnen und Ordinanden haben das noch und noch homiletisch durchdrungen, sprachbegabt und sprachsensibel wie Sie alle sechs auf jeweils eigene Art sind, wortmusikalische Poeten, ich habe es auf der Ordinationsrüstzeit erleben dürfen.

Dieses manchmal nur eine Wort, das genau erfasst, was da lebt und webt – diese besondere Note zu finden, ist immer wie ein kleines Wunder. Wer wüsste es besser als die Poeten über die Zeiten hin. Sei es eben jener unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs um ca. 90 nach Christus, der übrigens das gepflegteste Griechisch des gesamten Neuen Testaments schrieb, oder sei es Kurt Tucholsky, der vor 90 Jahren in der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ schrieb: „Mir fehlt ein Wort“ – und weiter: „Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birken tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell hin und her, dass sie ... was? Flirren? Nein, die Blätter flimmern, aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst.“

Das fehlende Wort lässt unerlöst. Ein fehlendes Wort, und wir können die Wirklichkeit nicht beschreiben, ja vielleicht nicht einmal erkennen. Und schon gar nicht verändern. Darum ist es so dringend, das rechte Wort zu finden. In der öffentlichen Rede sowieso. Was wäre gewesen, wenn etwa Kennedy gesagt hätte: „Ich versichere Ihnen aufrichtig, dass mir Berlin sehr wichtig ist und dass ich Ihrer Stadt immer verbunden bleiben werde“? Anstatt: „Isch bin einä Bärrliner.“

Das wahre Wort zur rechten Zeit – es erreicht die Herzen. Und wird nicht wieder vergessen. Auch weil es hinlänglich kurz ist. Das Prägnante ist das Eindringlichste. So wie die meisten wichtigen Texte der Welt: Das Vaterunser etwa hat ganze 63 Wörter und die Unabhängigkeitserklärung der USA nur 1.300. Dagegen umfasst das kirchenrechtlich sicherlich unverzichtbare „Kaufmännische Rechnungswesen-Haushaltsführungsgesetz“ genau 13.399 Wörter.

Nein, lebendig wird das Wort, wenn es genau ist. Wenn es genau das ist, was das Herz rührt, und deshalb stark ist, echt stark! Kein Larifari, sondern überaus wahr und klar, nicht diese Meinungsmehrheit oder Verlautbarungsflut, eben nicht laut, sondern dir so gerecht, zärtlich, suchend, flüsternd, schweigend auch. Das richtige Wort zur rechten Zeit löst den Zwang, es macht lebendig, was zwischen uns ist. „Ich liebe dich, was immer kommt.“ Das kann so ein Wort sein. „Nun bind‘ dir doch um Himmels willen mal den Schal um!“ Auch das erreicht. Und erst recht: „Bleib bei mir, Herr, denn es will Abend werden.“

Solche Worte, die uns rühren, freuen, friedvoll machen, die kann man sich nicht selbst sagen. Im empfange sie von einem Gegenüber, das mir zugeneigt ist. Und also Resonanz schenkt – neudeutsch sagt man dazu ja Feed-Back – und das ist in Ihrer Gruppe, so empfand ich es, geradezu Kult, oder besser: Kultur. Sie haben in einzigartiger Weise eine Kultur des genauen Wortes entwickelt, die sich hören lassen kann. Es ist die gar nicht so einfache Arbeit, präzise zu beschreiben, was jemand für mich ist, wie man ihn oder sie erlebt, versteht oder zumindest zu verstehen sucht. Und ich habe verstanden aus Ihren Resonanzen zueinander:

  • Da ist eine, die die anderen immer fragt: Was brauchst du? Was kann ich dir mitbringen? Und verschenkt sich ohne Ende und schreibt dann darüber ein Glücksbuch, klar.
  • Oder der zweite, der alle hinreißt mit experimentellem Musiktheater und der die Arche zu einem Erlebnisraum der dritten Dimension macht.
  • Da ist der Mutige, der klar Meinung sagt und dabei offen einlädt an den Tisch, den er selbst gebaut hat. Es gilt schließlich, all die zu bewirten, die von den Hecken und Zäunen abgeholt werden wollen – gern auch mit rotem Bus.
  • Und die vierte, die es intellektuell feinsinnig und zugleich lebensnah versteht, die Seele zu berühren und innigst zur Sache Jesu zu kommen.
  • Die fünfte, die rasend schnell erfasst, was andere bewegt, weil sie buchstäblich viele Sprachen spricht und die Kunst des authentischen Schauspiels beherrscht.
  • Der sechste, der in sagenhafte Musik zu fassen vermag, was keine Worte mehr kennt, Glaubenssprache in b-moll und Freuden-Dur, voller Hoffnung für die Welt.

Eine Welt, die Gott allein durch sein Wort erschaffen hat. Er sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Er rief alles ins Leben, buchstäblich. Auf sein Wort also kommt‘s an. So sagt es auch der Hebräerbrief. Sein Wort ruft zum Leben.

Auch Sie hat er gerufen, um nicht zu sagen: berufen. Wir haben bei der Ordinationsrüstzeit ja ausführlich darüber gesprochen, auch weil die Berufung sonst erstaunlicherweise kaum Thema war im Vikariat – und im Studium schon gar nicht. Vielleicht, weil es doch ein intimes Geschehen ist zwischen Gott und uns. Mit der Angst, dass es beredet und zerredet wird, dieses Wort, das genau dich meint und mich Zärtlich, suchend, flüsternd, schweigend. Wort Gottes, das uns ebenso trägt wie es uns verändert.

Ich glaube, wir alle waren uns einig: Berufen zu sein ist kein Verdienst. Es ist eine sechsfach unterschiedliche Erfahrung, für die einen ein Schlüsselmoment, für die anderen ein Prozess, den man eigentlich erst im Nachhinein versteht. Alle jedoch haben diese Berührung durch den Glauben verstanden als Ruf rauszugehen. Raus aus Gesetzlichkeiten, Engstirnigkeit, ja auch aus Traditionen und Kirchenmauern. So wie Luther es sagt: Glaube ist die Kunst, dass der Mensch aus dem Haus in die Sonne springe. Um eben genau hinzuhören, was die Menschen bewegt, worüber sie reden und was sie ersehnen.

Und so hört man von vielen, wie erschrocken sie sind über diese ungehemmte Wortaggression heutzutage. Der Ton ist schärfer geworden in unserem Land. Schärfer. Aber nicht lebendiger. Im Gegenteil. Das Gebrüll nimmt zu, die Vereinfachung, das Anschwärzen und Niedermachen.

Es ist Zeit für die Genauigkeit. Dafür, die Sinne zu schärfen für die Individualität, das Gewissen, den feinen Ton. Das ist Gottesdienst in dieser Welt. Wir dürfen das Lesen, das Argumentieren, das Hinsehen und Zuhören nicht verlernen. Deshalb das lebendige, das kräftige, das scharfe Wort. Schärfer als jedes zweischneidige Schwert, sagt der Hebräerbrief, ist das Wort Gottes.

Was hier so martialisch klingt und wie ein invasiver Eingriff – es ist in Wahrheit lebensrettend. Denn hier geht es um die Kunst des Unterscheidens, das „Entzweischneiden“ – Unterscheidung oder lateinisch gedeutet: Diskretion. Sie ist die Voraussetzung für Denken und Diskurs, für Veränderung im Dialog. Für Kirche im Dialog.

Diskret und klar, es drängt nach Weitergabe durch die Berufenen, das Wort, Gottes Wort. Weil es uns mit großer Kraft „er-innerlich macht“, woher wir kommen und dass es Sinn und Segen hat in die Weite zu gehen. Unbeirrt.

Sie sechs haben sich dies in unterschiedlichster Weise getraut, erarbeitet, genossen – Worte über das Wort fließen zu lassen in Predigten, Aufsätzen, Dissertationen gar über den Auferstandenen. So oft ist es gelungen, Gottes Wort in die unerlöste, auf so unterschiedliche Weise leidende Welt hinein zu vitalisieren. So oft ist die Hoffnung lebendig geworden, dass am Ende Gottes Wort triumphiert über die, die andere mundtot machen wollen. Es siegt das Leben über den Tod. Das glauben wir und darüber reden wir – gemeinsam. Gehen Sie also getrost in das – wie ich finde – wunderschöne Amt, das auf Sie wartet. Gehen Sie und gehen wir friedensleis und lebenslaut – gesendet und gesegnet. Liebt das Leben! Das ist Gottes Wort in dieser Welt.

Sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt dazu unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
24.02.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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