10. Februar 2019 | Kirche St. Gertrud in Hamburg-Altenwerder

Dem Wohl der Seeleute verpflichtet

10. Februar 2019 von Kirsten Fehrs

Fernsehgottesdienst, Begrüßung und Predigt zu Lukas 5,1-7

Begrüßung
Als Hamburger Bischöfin habe ich die Ehre, in diesem Jahr die Stimme der deutschen Seemannsmission zu sein. Die Seemannsmission liegt mir sehr am Herzen, ebenso wie die Seeleute. Deren Welt ist ja den meisten recht unbekannt. Wussten Sie zum Beispiel, dass über 90 Prozent des weltweiten Handels per Schiff transportiert werden? Stellen Sie sich das vor: Ohne Seeleute wären die Regale in den Geschäften leer – und unser Land wäre wirtschaftlich arm dran, denn wir leben vom Export. Beeindruckend finde ich auch, wie hart das Leben von Seeleuten sein kann – und wie gefährlich. Über Handel und Wirtschaft wird viel geredet – über die Seeleute hingegen kaum. Kommen Sie also an Bord und lernen Sie die wirkliche Welt der modernen Seeleute kennen.

Predigt
Liebe Gemeinde,
„Wir haben die ganze Nacht gearbeitet“, sagt der philippinische Seemann – und man sieht es ihm an. Tiefe Augenränder und eine unglaubliche Müdigkeit; so geht es fast allen, denen wir beim Bordbesuch begegnen. Denn klar: 22 Mann Besatzung auf einem so großen Containerschiff sind nicht viel für all die Arbeit. Unter meinem Helm und in Signalweste falle ich glücklicherweise nicht weiter als Bischöfin auf, sondern bin Mitarbeiterin von ihm – Jörn Hille, dem Seemannsdiakon. Der ist wie Fiete Sturm bestens bekannt und wird dankbar empfangen. Denn die Leute von der Seemannsmission bringen nicht allein wichtige Neuigkeiten und Telefonkarten. Sie können vor allem eines: zuhören. Kostbare Momente der Ruhe sind das inmitten dieser dauerlauten Schiffswelt.

Erschöpft und ölverschmiert setzen sich die Männer an den Tisch in der Messe, so heißt ja der Speiseraum an Bord tatsächlich. Sie fangen an zu erzählen. Kürzlich hat einer vier Finger verloren, als ein zerborstenes Stahlseil wie eine wütende Schlange über das Deck zischte. Solche Unfälle passieren wegen der chronischen Übermüdung nicht selten. Nach sechs Monaten mit vielen Überstunden und schlechtem Schlaf ist der Akku einfach leer.
Die Leute von der Seemannsmission verstehen das alles. Sie gehen und denken mit, helfen ganz praktisch. Sorgen sich, wie es gute Seelsorger eben tun. Sie wissen um die Ängste und die große Einsamkeit: So weit weg ist die Familie! Ein Kind wird geboren – der Vater ist auf See. Die Frau wird schwerkrank – der Ehemann ist auf See. Und bisweilen gibt es an Bord keinen, mit dem man in der Muttersprache darüber mal reden könnte.

„Wir haben die ganze Nacht gearbeitet.“ So sagt‘s auch Petrus, als Jesus in sein Boot steigt und ihn bittet, hinauszufahren. Petrus zögert. Wozu? Sie haben doch die ganze Nacht nichts gefangen. Aber der Fremde redet so zugewandt und wirkt so vertrauenswürdig. Die Besatzung fährt schließlich wieder hinaus – und holt den größten Fang ihres Lebens ein.
Vertrauen ist der Schlüssel, im Evangelium. Und auf See. „Fear not, I will pilot thee“, so hat es der wunderbare Lotsenchor vorhin gesungen. „Hab keine Angst, ich lotse euch durch“, könnte man es übersetzen. Ich lotse euch durch die Monsterwellen und Lebensstürme, durch Krankheit und Einsamkeit, sagt Jesus. Nicht ohne Grund waren seine ersten überzeugten Jünger eben diese Fischer vom See Genezareth, die es täglich mit den Naturgewalten und Elementen aufnehmen mussten.
So spielt der Glaube auch heute für viele Seeleute eine große Rolle. Gerade weil sie etwas wissen von Unwettern, havarierten Schiffen, von Ängsten und vom „nassen Tod“, gerade deshalb empfinden sie tiefe Demut. Beten mit ihrer zerlesenen Bibel, knien auf Gebetsteppichen oder vor ihrem Hindu-Schrein. Auch das gehört zum Leben an Bord: Religionen in ihrer Vielfalt leben in Frieden – auf dichtestem Raum.

Wir können von den Seeleuten viel lernen, finde ich. Denn global sitzen ja auch wir alle in einem Boot, das Erde heißt. Und das lässt uns doch eigentlich gar keine andere Wahl als zusammenzuhalten wie die Seeleute! Gemeinsam dafür zu arbeiten, dass das Boot nicht (weiter) Schiffbruch leidet. Und mehr noch, dass wir für alle gutes Leben – also: volle Netze – wünschen und etwas dafür tun.
Doch das Leben in seiner Fülle, von der das Evangelium spricht, haben gerade die, die unsere Warencontainer von Hafen zu Hafen transportieren, nicht. Im Gegenteil: Sie kommen oft aus bitterster Armut und fahren zur See, um die Familie zu Hause zu ernähren. „I sacrifice myself for my family“, ich opfere mich für meine Familie, sagt der Philippino da am Tisch zu mir. Er ist ein kleines Rädchen im Getriebe der großen Globalisierung. Und? Wer dreht die großen Räder?
Rette du die Welt, Jesus, der du das kannst. Bring uns wieder ins Lot, mit Herz und Verstand.

Ich habe auf diesen großen Pötten noch einmal neu verstanden, liebe Gemeinde, wie wichtig es ist, vertrauen zu können auf einen, der dich rettet. Allemal auf See! Gerade Seeleute wissen, wie sehr man angewiesen ist und dass man also einander hilft und rettet. Deshalb Seenotrettung first! Dass man darüber überhaupt diskutiert, macht Seeleute fassungslos. Seenotrettung ist ihnen geradezu ins Herz eingeschrieben. Auch im Mittelmeer, wo stündlich Flüchtlinge um ihr Leben kämpfen, jetzt in diesem Moment. So tragisch, gerade für die Besatzungen der Containerschiffe, denn sie können doch nicht einfach an den sinkenden Schlauchbooten vorbeifahren! Aber unglücklicherweise sind ihre Bordwände viel zu hoch. Auch gibt es an Bord weder Ärzte noch genug Decken. Darum bitten Seeleute und Reeder geradezu inständig: Schickt Rettungsschiffe ins Mittelmeer!
„Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus“, sagt Jesus. Er setzt darauf, dass sein Vertrauensruf auch uns erreicht. Damit wir nicht müde werden. Damit wir nicht ermüden in unserem Mitgefühl und der Achtung vor dem Leben. Denn das ist die Rettung. In unserer Gesellschaft gerade in diesen Zeiten ist es die Rettung, dass wir wieder neu Vertrauen wagen und die Angst überwinden. Angst vor Flüchtlingen, Angst vor Wohlstandsverlust. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Sie presst das Herz zusammen und macht das Denken eng.
Vertrauen hingegen lässt uns weit die Netze werfen und die Gedanken. Vertrauen macht uns zu freien Menschen. Aufrecht. Mit Würde. Und ganz eigener Stimme, die gehört werden will.
Im Seemannsclub Duckdalben kann man die Stimme der Seeleute auf ganz besondere Weise deutlich hören. Ganz hoch im Kurs steht nämlich als Freizeitvergnügung Karaoke. Es gibt dafür sogar einen Extraraum. Denn die Seeleute singen nicht nur, nein, sie brüllen aus rauen Kehlen ihre Sehnsucht hinaus. Keine Shantys, eher Rod Stewart: „I am sailing“, „O Lord, to be near you, to be free.”
Frei sein und Gott nah, das ersehnen sie – und wir doch auch. So wie damals die Fischer am See Genezareth. Vielleicht spricht man vom „Kirchenschiff“, weil die Kirche genau so ein Ort ist, an dem wir darauf hoffen können. Auf Freiheit und Gottesnähe. Hier können wir uns dem anvertrauen, dessen Friede höher ist als alle Vernunft. Er bewahrt unsere Herzen und Sinne, jetzt und allezeit.
Amen.

 

Datum
10.02.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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