22. März 2019 | Hauptkirche St. Jacobi

Den Opfern eine Stimme geben – Hilfe – Respekt – Vertrauen

22. März 2019 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst am Tag der Kriminalitätsopfer und 40 Jahre WEISSER RING Hamburg, 1. Könige 19

Elia aber fürchtete sich und ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin so müde und ja auch nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!

Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. (1. Könige 19)


Liebe Schwestern und Brüder,
seit 7 ½ Jahren nun rede ich mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt, die sie in der evangelischen Kirche erlitten haben. Oder besser gesagt: Sie reden mit mir bzw. uns als Kirche. Trotz allem. Und trotz der Belastung, die das für sie bedeutet. Ich stehe bewundernd davor. Mit tiefem Respekt. Und ich habe verstanden: Die Betroffenen reden mit uns, um das Schweigen – auch der Gesellschaft – endlich zu brechen. Das Thema aus der Tabuzone herauszuholen. Sie reden mit uns trotz brüchigem oder gar nicht mehr vorhandenem Vertrauen – und manchmal gelingt es sogar, Brücken zu bauen. Sie reden mit uns trotz unserer Ignoranz, unserem Bürokratismus und mangelnder Empathie auch heute, nicht nur damals. Kurz: es gibt an dem Versagen der Kirche nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen. Wir sind schuldig geworden, auch als Institution.
 
Ob in den 50er Jahren in den Heimen, in denen – Christenmenschen? – Kinder über Jahre drangsaliert, geschlagen, erniedrigt, fürs Leben vernichtet haben. Einige der Betroffenen sind heute hier – ich bin dankbar und finde wichtig, dass sie uns mahnen, immer wieder.
Wir sind schuldig geworden – auch in der Jugendarbeit einer Gemeinde wie Ahrensburg, in der ach so reformpädagogisch in den 70er und 80er Jahren endlich, endlich keine Autoritäten mehr herrschten. Dafür dann eine Libertinage, die zu einer Kultur der Missachtung abglitt, Freiheit wurde verwechselt mit Grenzenlosigkeit. Psychospiele und Durchkitzeln auf dem Schoß des Pastors. Jede Menge Alkohol, um den Ekel zu vergessen, wenn die Jugendlichen sich nicht wehren konnten vor den Küssen, Berührungen und harten Zugriffen des Pastors. Sexualisierte Gewalt und Übergriffe sind kein Zufall. Oder ein Versehen. Sie sind Kalkül und Machtmissbrauch eines Täters, der manipuliert, eiskalt. All dies ist geschehen in „meiner“ Kirche. Mein Selbstbild bekommt einen tiefen Riss: Ausgerechnet die Kirche, der Vertrauensraum für schutzbedürftige Menschen, versagt so eklatant, weil sie diesen Schutz nicht geboten hat!

Den betroffenen Menschen zuzuhören hat mich über die Jahre dünnhäutig gemacht. Ich finde das richtig so. Denn es geht um Menschen, die schwer verletzt wurden. In Räumen, in denen man mit Inbrunst gesungen hat: „Geh aus mein Herz und suche Freud“. „Unfassbar, dass so etwas in Kirche vorkommt“ – so oft habe ich den Satz gehört. In ihm schwingt die ganze Verunsicherung mit, die seit 2010 mit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle zu spüren ist. Mitarbeitende in der Kirche – und das ist ja auch genau richtig –  fragen sich:
Was ist vertrauensbildende Nähe, was ein Übergriff? Wann hört die Umarmung auf tröstlich zu sein? Alle fühlen den schmalen Grat.
Umso wichtiger, genau hinzuschauen, um zu lernen: Welche Fehler hat die Institution damals gemacht? Welche Risikofaktoren gibt es bis heute bei uns? Wie kann man Menschen ermutigen, dass sie Tacheles reden, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt?!
Wir haben in der Nordkirche viel auf den Weg gebracht, klar. Prävention und Schutzkonzepte in jeder Einrichtung, sogar das erste verbindliche Präventionsgesetz in Deutschland haben wir verabschiedet. Aber vor allem liegt mir am Gespräch mit den Betroffenen selbst, und zwar auf Augenhöhe, auch um mit ihnen gemeinsam zu für sie befriedenden, anständigen materiellen Anerkennungsleistungen zu kommen. Wir sind dankbar, dass uns das in den allermeisten Fällen gelingt.
Dennoch: es gibt noch viel zu tun. Wir dürfen nicht müde werden, liebe Geschwister. Oder irre an dem, was man nicht mehr ungeschehen machen kann.
Deshalb gibt es inmitten des Leides – inmitten der Passionszeit – die Geschichte von Elia, die ich vorhin vorgelesen habe. Sie ist eine Stärkungsgeschichte. Buchstäblich. Dem völlig erschöpften Elia reicht der Engel nämlich das Lebensbrot: Elia, komm, iss und trink, dein Weg ist noch weit. Auch wenn du meinst, dass das alles keinen Sinn hat.
Was zuvor passiert ist? Elia ist auf der Flucht. Er hat Angst, immer diese Angst, die er nicht loswird. Da ist Wüste in ihm. Diese Leere. Total erschöpft lässt er sich unter einen Ginster sinken und ist so unendlich müde. Will nur noch schlafen, Schlafes Bruder umarmen… Elia ist restlos fertig. Auch mit Gott.
Doch Gott nicht mit ihm. Jedenfalls ist da auf einmal der Engel. Stupst ihn. Zerrt an ihm. Engel sind ziemlich direktiv. Er hat frisches Wasser und geröstetes Brot dabei. Elia isst schließlich und trinkt, legt sich aber gleich wieder schlafen!
Doch der Engel ist die Hartnäckigkeit Gottes.
Er stupst ihn wieder und wieder. Elia, steh auf und iss. Dein Weg ist noch weit.

Es gibt Worte, die kann man sich nicht selbst sagen. Es braucht andere dafür, mag sein Engel, die können 1,80 groß sein und karierte Hosen tragen. Sie retten dich, indem sie sich dir in den Weg stellen. Mit der klaren Botschaft: hinter dem Horizont geht´s weiter. Dein Weg ist noch weit.

Diese Elia-Geschichte, erzählte mir eine Betroffene, hat sie Zeit ihres Lebens getragen. Durch furchtbare Wüstenzeiten der Ängste, der Wut und Trauer hindurch. Ihren Glauben aber, das hat sie gemerkt, den hat der Täter nicht vernichten können. Diese Zuversicht, dass da auch noch Gutes wartet. Sinn. Ein neuer Anfang. Menschen, denen sie etwas bedeutet. Und sie hat aus der Geschichte verstanden: Du musst aufstehen. Das kann kein anderer für dich tun. Steh du selbst auf und geh.
Man braucht solche Worte gerade in den Wüstenzeiten. In der Bibel steht die Wüste ja nicht nur für einen kargen Ort der Verlassenheit. Sie steht auch für das Innehalten in einem immens freien Raum. Und so ist die Wüste immer auch ein Ort der Entscheidung. Mit der Frage: wohin soll´s gehen mit mir?
Wir dürfen nicht müde werden zu fragen, wohin es gehen soll – auch in dieser Gesellschaft. Wie das Schweigen brechen, das allein die Täter schützt? Wie den Opfern konsequent eine Stimme geben und nicht aufhören damit?

Der Weg ist noch weit. Und so isst Elia und trinkt, damit er Kraft hat zu gehen: Vierzig Tage und Nächte zum Gottesberg. Vierzig – eine besondere biblische Zahl. Vierzig Jahre brauchen die Israeliten, um durch die Wüste hindurch im gelobten Land anzukommen – Go down Moses. Vierzig Tage dauert die Fastenzeit der Passion und ihr folgt Ostern, Licht des Lebens.
Vierzig Jahre arbeitet ihr im Weißen Ring, damit Betroffene von Leid und Gewalt wieder neuen Lebensmut fassen. Ja, vielleicht sogar aus dem Schatten des Leides herauskommen und in ein neues gelobtes Land einziehen, in dem Licht ist und Wahrheit.
Vierzig Jahre Weißer Ring mit einem ziemlich beeindruckenden Engelsalon, wie ich finde.

Ich wünsche Euch von Herzen weiterhin viel Kraft dafür, Böses mit dem Guten zu überwinden. Steht auf und geht. Seid gesegnet. Alle.
Denn unser Weg ist noch weit.
Amen

 

Datum
22.03.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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