22. März 2018 | Hamburger Hauptkirche St. Jacobi

Den Opfern eine Stimme geben

22. März 2018 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst am Tag der Kriminalitätsopfer mit dem Weißen Ring Hamburg: Den Opfern eine Stimme geben – Gott hat der Erinnerung eine Schwester gegeben: die Hoffnung!, Predigt zu 1. Thessalonicher 4

Liebe Gemeinde!

Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben.
Ich finde, das ist einer der schönsten Sätze in der Bibel. Der Apostel Paulus hat ihn gesagt – und dabei Menschen aus Thessaloniki vor Augen gehabt, die untröstlich waren.
Untröstlich, weil sie einfach nicht wussten, was mit ihren Angehörigen passiert war, die sie so liebten. Waren sie ganz und gar tot? In Gefahr? Noch zu retten?

Ungewissheit ist etwas Furchtbares. Sie legt sich wie ein eiserner Ring der Angst ums Herz. Und lässt einen nie zur Ruhe kommen. Manchmal Jahre und Jahrzehnte nicht. Viele, die einen Angehörigen vermissen, sagen: Man kann besser mit der schrecklichen Wahrheit des Todes leben als mit dieser Ungewissheit, die einen total einsam zurück lässt. Ohne einen Ort, an dem man zumindest trauern kann.

Die Ermittlungsgruppe „Cold Cases“ ist deshalb so segensreich. Vielen Dank allen, die sich hier in dieser besonderen Arbeit engagieren! Weil die „kalten Fälle“ – die jahrelang nicht aufgeklärt wurden und ohne heiße Spur sind – einen eben alles andere als kalt lassen. Denn hinter jedem einzelnen Fall stehen Menschen, die getötet und nie gefunden wurden, und Angehörige, die jeden Tag wieder auf ihren Schmerz zurückgeworfen werden. Auf die Gedanken auch, was man noch hätte tun können. Tun sollen! Diese Ohnmacht, die einen verrückt macht.
Cold Cases  steht dafür, dieses Leid nicht beiseite zu legen. Steht dafür, dass nicht vergessen wird, was Menschen, die Opfer einer Gewalttat werden, erleiden. Es ist Opferschutz der besonderen Art. Indem man hilft, Licht ins Dunkel zu bringen. Und damit das Opfer und seine Angehörigen ins Recht setzt. Und manchen unschuldigen Tatverdächtigen im Übrigen auch.

So schwierig sich das im ersten Moment anhört: Trauern dürfen, das ist auch ein Recht!
Denn Trauern, heißt ja: zu erinnern, was gewesen ist. All die Liebe, die man einander geschenkt, das gemeinsame Leben, die Träume, der Mensch, der er oder sie war.
Trauern und erinnern, das heißt auch: zu veröffentlichen, welches Unrecht geschehen ist. Und darüber zu reden, was so traumatisch ist. Trauern dürfen ist das Ende jedes Schweigens und zugleich der Anfang der Verarbeitung.

Unser Land hat lange Zeit Mühe gehabt mit dem Trauern. Nach Krieg, unvorstellbaren Nazi-Gräueln, Massenmord – in unzähligen Familien wurde geschwiegen. Hoffnungslos geschwiegen. Auf Seiten der Täter, aber auch auf Seiten der Opfer. Mit seiner Unfähigkeit zu trauern hat sich das Nachkriegsdeutschland ins Vergessen geschwiegen. Erstarrt in ihren Traumata waren so viele in unserer Vätergeneration nicht in der Lage, sich zu erinnern. Wütend aufbegehrend dagegen die Jungen, die jetzt die Älteren sind. Sie wussten oder ahnten zumindest: Zu verdrängen und zu vergessen, was Menschen an Grausamkeit einander antun können, nimmt einer Gesellschaft die Fähigkeit zur Empathie. Dabei ist es diese Empathie, das Mitleiden mit den Opfern von Gewalt, die eine Gesellschaft stark macht und ein Land lebenswert. Denn erst die Empathie befähigt uns zum Einsatz für das Leben und gegen Gewalt.

So wie es zum Beispiel im vergangenen Jahr in Barmbek geschehen ist. Als eine Gewalttat das Leben von Matthias von einem Moment auf den anderen zerschlagen hat. Passanten haben den Täter verfolgt und gestellt, sich selbst in Gefahr gebracht. Und ich fand es so anrührend, was einer kurz danach sagte, als sie von den Medien bereits als Helden von Barmbek gefeiert wurden: „Als Helden würde ich uns nicht bezeichnen, das ist einfach eine normale Reaktion.“
Ein Land, in dem der Einsatz gegen einen Gewalttäter eine „normale Reaktion“ ist, in einem solchen Land gibt es immer Grund zur Hoffnung. Immer wieder erinnern, dass das Leben das Normale ist und nicht der Tod! Dass das Gute das Erstrebenswerte ist und nicht das Böse.
Michelangelo hat das schön gesagt: Gott hat der Erinnerung eine Schwester gegeben – die Hoffnung. Schwester Hoffnung – sie nimmt die Erinnerung an die Hand und führt sie in eine gute Zukunft. Und sie gibt uns auf zu lernen. …..Auch über uns selbst.
Denn das, was Menschen uns anvertrauen – beim Weißen Ring, in der Kirche  - über die Gewalt, die sie erlebt haben, braucht unbedingten Schutz! Betroffene vertrauen sich ja deshalb an, stellen sich ihrem Schmerz, damit es anderen nicht so geht wie ihnen. Damit wir präventiv tätig werden und alles irgendwie doch noch einen Sinn hat!

Auch wir als Kirche haben bitter gelernt. Wir mussten erkennen, dass ausgerechnet im Vertrauensraum Kirche (!) Jugendliche sexuell bedrängt, vergewaltigt, erniedrigt wurden. Und diese Erinnerung, die mühsam ans Licht geholt werden musste, vorangetrieben vor allem von den Opfern, das war so wichtig!  Wir sind den Opfern so dankbar! Diese Erinnerung befähigt uns nämlich dazu, im Heute zu handeln. Es ist wichtig, sich dem zu stellen, was einem so unfassbar vorkommt  – gerade auch wir als Institutionen und Organisationen. Damit wir lernen. Und Präventionskonzepte einführen und umsetzen. Denn wir müssen realisieren, dass es in Vertrauensräumen wie der Kirche immer auch Missbrauch des Anvertrauens und Machtmissbrauch geben kann. Missbrauch, der tiefe Wunden reißt und traumatisch ganze Biographien verstört und nachhaltig belastet.

Also: Erinnert euch. Und dann lernt. Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben. Wir werden heute gebraucht, liebe Schwestern und Brüder, an so vielen Stellen. Als Menschen, die sich einig sind, dass unsere Hoffnung ebenso in die Welt gehört wie unser Nein gegen jede Gewalt. Hoffnung braucht das Widerwort gegen Rechtsextremismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Terror. Es braucht Menschen, die sich einig sind, dass es keine humane Zukunft gibt ohne die Erinnerung und das würdige Gedenken.

Wir haben von einer Schwester Hoffnung zu erzählen, die sich nicht zufrieden gibt mit bestehenden Verhältnissen. Und deshalb müssen wir Mut zeigen, liebe Geschwister. Es ist keine Zeit in diesen Zeiten für vornehme Zurückhaltung. Im Gegenteil: Es ist dran, dass wir uns gerade machen und Haltung zeigen für Demokratie und Feinsinn und die Ehrlichkeit.
Denn danach ist meine Sehnsucht groß: Nach wahrhaftiger Rede, auch wenn sie Schwieriges zu sagen hat. Nach Glaubwürdigkeit von öffentlichen Personen, die dazu stehen, was sie überzeugt hat, dabei aber auch wissen, dass sie irren können. Es gibt ein Sehnen nach Wahrhaftigkeit, die um die Verfehlungen weiß, und gerade deshalb Partei ergreift für die, die zu Opfern werden.

Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben.
So tröstet Paulus seine Christenleute. Er zeigt dabei auf Christus und sagt: Es gibt einen Horizont hinter dem Schmerz. Die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Eine Hoffnung, die zur Gewissheit wird durch Karfreitag und Ostern.

Aufstehen! sagt diese Hoffnung, gegen die Kriegstreiber und Diktatoren unserer Zeit, aufstehen gegen die, die Gewalt bagatellisiere. Aufstehen gegen die, die sagen, man soll vergessen, damit man sich nicht erinnern muss.
Aufstehen – und mit beiden Schwestern erinnern, dass die Hoffnung lebt.
Und sein Friede, höher als alle Vernunft. Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

Datum
22.03.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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