Strassenmagazin "Hinz & Kunzt"

Die Kehrseite der Stadt: Rundgang zu Hamburgs "Nebenschauplätzen"

Obdachlose wartenvor der Notunterkunft in der Spaldingstraße in Hamburg auf einen Schlafplatz. (epd-Archiv)
Obdachlose wartenvor der Notunterkunft in der Spaldingstraße in Hamburg auf einen Schlafplatz. (epd-Archiv)© epd-bild / Mauricio Bustamante

31. Januar 2014 von Simone Viere

Hamburg. „Ihr dürft uns alles fragen was ihr über Obdachlosigkeit wissen wollt – die Chance kommt so schnell nicht wieder”, sagt Uwe zur Begrüßung. In einem Besprechungsraum von "Hinz & Kunzt", dem Hamburger Straßenmagazin, haben 24 Menschen Platz gefunden. Uwe und Torsten werden die Gruppe an diesem kalten Sonntagnachmittag bei Minusgraden als Stadtführer zu den „Nebenschauplätzen” in der Hamburger City bringen. Nicht zum Michel, zum Hafen oder auf die Reeperbahn geht diese Tour, sondern zu Anlaufstätten für Wohnungs- und Obdachlose rund um den Hauptbahnhof.

 „Ich mache mit, damit die Menschen erfahren, wie wir leben”, sagt Torsten. Er weiß, wovon er spricht denn er hat selbst seit vielen Jahren keine feste Bleibe. Der Rundgang soll keine Sensationslust befriedigen, sondern Verständnis für die Welt der Betroffenen wecken.  

Bevor die Stadtführung  beginnt, erzählen die beiden von ihrem Schicksal: „Obdachlose haben das Problem, dass sie depressiv sind, das sie meistens eine oder mehrere Suchterkrankungen haben”, sagt Uwe. Der 50-Jährige ist durch einen persönlichen Schicksalsschlag auf der Straße gelandet. „Bis dato hatte ich eigentlich ein ganz schönes Leben. Ich habe nach meinem Abitur zwei Berufsausbildungen gemacht, mich hier mit einer kleinen Firma in Hamburg selbstständig gemacht.” Mit seiner Frau, einer Norwegerin, wandert er in ihre Heimat aus.

Sucht, Depression oder Schicksalsschlag - Gründe für Obdachlosigkeit sind vielfältig

„Ich habe auf einem Versorgungsschiff für Bohrinseln als technischer Leiter gearbeitet, sie als Stewardess an Bord der Hurtigruten-Schiffe. Das ging fünf Jahre gut und dann ist sie im sechsten Monat schwanger gestorben. Da war bei mir komplett das Licht aus. Da war ich von einem Tag auf den anderen schwer depressiv”, erinnert sich Uwe. Er versuchte wieder Fuß zu fassen, doch schaffte es nicht. In Norwegen verkaufte er alles, zurück in Hamburg lebte er in den Tag hinein. „Ich habe gefeiert, in Hotels geschlafen. Nach zwei Jahren war das Geld alle – da bin ich auf der Straße gelandet”, so Uwe.

„Bei mir war es die Spielsucht”, sagt der 48-jährige Torsten. Aufgrund dessen gab es Probleme mit der Familie, er begann zu lügen und zu stehlen, um an Geld zu kommen –auch er hat sich irgendwann auf der Straße wiedergefunden.  „Ich dachte, ich bin schlauer als alle anderen. Dabei war ich spielsüchtig, ohne es zu merken.“ 

Die Gruppe macht sich auf den Weg durch die Stadt. Die erste Station draußen ist die City-Hof-Passage in den Hochhäusern zwischen Kloster- und Johanniswall. Ein wenig trostlos und verlassen sieht es hier aus – jenseits der nahen schicken Einkaufsstraßen. Aber für die Wohnungslosen ist hier eine wichtige Anlaufstelle – der kirchliche „StützPunkt” der Caritas.  „Hier können Obdachlose ihre Habseligkeiten einschließen. Und es gibt Duschen und Toiletten”, erzählt Uwe. Unterstützt wird die Einrichtung vom Runden Tisch St. Jacobi - einem Zusammenschluss der Kaufleute und der sozialen Initiativen in der Hamburger Innenstadt und der Sozialbehörde.

Das Winternotprogramm bietet Schutz bei Kälte, ist aber nicht für jeden attraktiv

Von dort geht der Rundgang weiter zu einem ehemaligen Bürohaus in der Spaldingstraße nahe des Hauptbahnhofs. 230 Schlafplätze des Winternotprogramms der Stadt befinden sich hier im Haus – insgesamt stehen in Hamburg in diesem Jahr rund 700 Betten zur Verfügung. Ab 17 Uhr ist Einlass, bereits gegen 16 Uhr stehen die ersten Menschen an diesem eisigen Nachmittag vor der Tür. Am nächsten morgen bis 9 Uhr müssen sie wieder raus. Für viele Obdachlose käme diese Unterkunft nicht infrage, denn teilweise seien bis zu acht Mann verschiedener Nationalitäten auf den Zimmern untergebracht, berichten die Stadtführer. Und seinen Hund dürfe man auch nicht mitbringen. Trotz Alkoholverbots käme es außerdem schnell zu Streit und Schlägereien. „Theoretisch stimmt der Satz, dass in Hamburg niemand auf der Straße schlafen muss, aber es gibt nachvollziehbare Gründe, weshalb man da nicht hingeht”, so Torsten.

Die Teilnehmer frieren, der Wind weht eisig ins Gesicht. „Unvorstellbar bei dem Wetter den ganzen Tag draußen zu sein”, sagt eine junge Frau.  „Kälte ist gar nicht so schlimm, so lange kein Alkohol im Spiel ist. Viel schlimmer ist Nässe”, entgegnet Uwe. Wer schon einmal in einen nassen Schlafsack gekrochen sei, wisse was er meint.

"Theoretisch stimmt es, dass in Hamburg niemand auf der Straße schlafen muss"

Vorbei am „Übernachtungshaus Jona”, einer Einrichtung der Stadtmission mit Familienzimmern für Wohnungslose, geht es weiter zum Drob Inn, einer Beratungsstelle für Drogensüchtige mit einem Raum, in dem Rauschmittel unter Aufsicht konsumiert werden dürfen. Endstation der Tour ist schließlich die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof. Hier können Obdachlose sich auch tagsüber aufhalten und aufwärmen. Schnell kaufen einige Teilnehmer bei Uwe noch die neueste Ausgabe der Hinz & Kunzt, dann wollen alle nur noch ins Warme. 

Das kann auch Uwe mittlerweile wieder, denn er hat eine kleine Wohnung für sich gefunden. Auch Torsten hat vorübergehend ein Dach über dem Kopf, organisiert von "Hinz & Kunzt".  Die beiden wissen, wie viel das wert ist.

Info

Der Stadtrundgang ist geeignet für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahre. Anmeldung erforderlich per E-Mail: info@hinzundkunzt.de oder per Telefon: 040 / 32 10 83 11
Kosten: 10 Euro, ermäßigt 5.

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