30. Juli 2017 | Hamburg, Magellan-Terrassen

„Die Reformation geht vor Anker – das Wort geht von Bord“

30. Juli 2017 von Kirsten Fehrs

Open-Air-Gottesdienst in der Hafencity Hamburg zum Abschluss des Projektes "Nordkirchenschiff 2017"

Liebe Nordkirchenschiff-Reformationsjubiläumsgemeinde,

es war schon ein besonderer Moment, als am Freitag gegen 17 Uhr die Artemis um die Ecke kam. Dieser stattliche Dreimaster, bis auf den letzten Platz besetzt, hatte mit der Strömung und was nicht alles ganz schön zu kämpfen, wie so manches Mal in den vergangenen Wochen, und legte dann doch dank der fantastischen nautischen Crew ganz sanft an. Ausnahmsweise einmal nicht begrüßt von frohsinnig-protestantischen Posaunenchören, sondern swingenden Trommelrhythmen. Samt Afrikanern. Die dann gemeinsam mit anderen geflüchteten Menschen aus aller Herren Länder die Gäste des Schiffes empfingen. Mit rotem Teppich und Begrüßungsdrink. Und als sie den Schiffsgästen an der Gangway fröhlich entgegenriefen: „Herzlich Willkommen in unserem Hamburg!“ war´s doch um manche Fassung geschehen.

Es war nicht nur ein Moment, es war eine Reise der Emotionen. Mit lauter Begegnungen, in denen Menschen aus den unterschiedlichsten Welten einander in den Gedanken an Bord genommen haben und Gastfreundschaft gewährt. Als Bischöfin in Hamburg erlebe ich vielfach diese Gastfreundschaft, gerade auf Schiffen und um Schiffe herum. Ob es eine schneeverwehte  Andacht bei der „Madonna der Seefahrt“ ist, ein herzenswarmer Seefahrergottesdienst mitten im Containerterminal oder der Besuch der Rickmer-Rickmers beim Hafengeburtstag: Schifffahrt geht immer ans Herz. Ich weiß gar nicht, was Bischöfe in Städten ohne Hafen so machen, in München, Stuttgart oder Bielefeld…Und was sie bloß machen ohne ein Nordkirchenschiff bei diesem Reformationsjubiläum??!

Tausende haben ganz begeistert an den 14 Hafenfesten teilgenommen und mitgemacht. Und ich glaube wirklich, dass es das Schiff ist, das emotional die Menschen angezogen hat. Ein Schiff steht für Sehnsucht. Für Ungebundenheit, weil es nicht auf Schienen läuft wie ein Zug oder ein Truck auf Straßen. Ein Schiff, das bedeutet Freiheit, und erst recht ein Segelschiff. Das vor allem auf Wind angewiesen ist - und der ist ja seinerseits ein Symbol für die Freiheit. Und so passt das Schiff zur Reformation „eins a“. Denn auch sie ist ein Aufbruch zur Freiheit. Und eine Bewegung voller Sehnsucht. Wer sich sehnt, bleibt ja nicht stehen. Die drängt darauf, dass sich etwas zum Besseren ändert, in der Welt, der oft so erschütterten, und in der Kirche. Kirche, die ja immer Teil der Welt ist und doch nicht in ihr untergeht. So wie das Schiff auf dem Meer.

Hier knüpft das Bild an ganz alte christliche Vorstellungen an. Etwa an unser Evangelium, das wir eben hörten. In dem nun Jesus gemeinsam mit den Jüngern in einem Boot sitzt. Und – was da am See Genezareth tatsächlich schnell passiert: „Es erhob sich ein großer Windwirbel.“ Mich würde nicht wundern, wenn die Besatzung des Nordkirchenschiffs sofort an die erste Nacht auf der Ostsee denkt, Windstärke 7 bis 8, mancher hat kaum ein Auge zugemacht. Und anderen passierte auch Schlimmeres….Ganz anders Jesus: Ihm geht´s gut. Er schläft ganz ruhig hinten im Schiff, auch als die Wellen ins Boot schlagen und den Jüngern ganz blümerant wird.

Nun ist der See Genezareth nicht die Ostsee, aber das Boot der Jünger ist eben auch kein Dreimaster, sondern eine kleine Nussschale. Angstvoll fragen die Jünger: „Meister, fragst du nicht danach, dass wir umkommen?“ Für mich klingt da auch unterdrückter Ärger mit, kann ja Angst die Menschen auch sehr eng machen und aufgeregt und aggressiv: „Sag mal, Jesus, merkst du gar nichts?“

Doch der steht seelenruhig auf, reckt sich und streckt die Hand aus – und schon ist Ruhe. Stille. „Was seid ihr so furchtsam?“, fragt er noch die Jünger. Und vielleicht, das wird nicht gesagt, legt er sich anschließend gleich wieder hin. Frei nach dem Motto: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt.“

Wer wünscht sich das nicht, in den Stürmen des Lebens, dass da jemand kommt und endlich für Ruhe sorgt? Der klar Schiff macht, wenn alles drunter und drüber geht. In all den Krisen, die unsere Welt im Großen, aber auch im Kleinen durchschütteln – und wo es gar nicht so einfach ist, Kurs zu halten. Wahrhaftig zu bleiben. Und zugewandt. Verständnisvoll für die Welt des anderen. Gerade wenn ich diese anderen nicht mehr verstehe.

Was geht bloß in so einem Menschen vor, fragen wir uns zwei Tage nach der Gewalttat in Barmbek, was geht in ihm vor, der offenkundig von einer Minute auf die andere ein Messer ergreift und auf völlig unschuldige Menschen einsticht? Psychisch labil, ja, und zugleich radikalisiert, verirrt, furchtbar. Unsere Gedanken gehen zu den Opfern, zu den Angehörigen und Freunden des Getöteten und zu den Verletzten. Wir haben ihrer gestern in einer Schweigeminute gedacht. Stille. Sie würdigt das Unaussprechliche im Schmerz. Und sie lässt uns in Gemeinschaft solidarisch zeigen, dass Mitgefühl die Sprache ist, die wir sprechen. In dem tiefen Glauben, dass Gewalt und Hass eben nicht das letzte Wort haben.

Kurs halten – das ist im Sturm der Zeiten nicht immer leicht. Aber es gilt, das Wort von der Nächstenliebe und Mitgefühl an Bord der Gedanken zu behalten, konsequent. Sei es für jede einzelne, sei es für eine ganze Stadt. In Hamburg erleben wir das ja im Moment auch nach einem G 20-Gipfel, der so viele verstört hat, bis heute. Und wo manche sich auch wünschen, dass nun endlich Ruhe wäre. Doch wir haben gefühlt, wie Gewalt und Aufrüstungen aller Art die Demokratie zutiefst gefährden können. Und wie deshalb aus dem Blick gerät, was uns unruhig halten muss und  nicht aus dem Blick geraten darf: dass es global zu viele Verlierer gibt und zu viele nationale Egoismen, zu viel Armut und zu wenig Gerechtigkeit. Allemal in der Schifffahrt weiß man davon, wird doch 90 Prozent des gesamten Welthandels per Schiff transportiert….

Und so braucht es diejenigen in unserer Gesellschaft, die den Kurs halten. Beflügelt von der Hoffnung auf Veränderung. Und beflügelt von der Botschaft des Evangeliums, die sagt: Habt keine Angst und vertraut diesem Wort an Bord. Und also: Lasst keinen Menschen untergehen! In Armut nicht, in Hunger nicht, in Afrika nicht und in den Tränenmeeren vor den Küsten Europas auch nicht. Die Schiffsmannschaft Gottes hält die Menschenfamilie zusammen, international wie ja auch auf der Artemis, indem klar ist: wir tragen Verantwortung füreinander.

In diesem Sinne spricht dieses Schiff der Reformation von Freiheit. Freiheit, die den anderen sucht. Und braucht. Freiheit und Nächstenliebe sind Geschwister. So war es auf der Artemis ja auch – live und in Farbe. Da ist immer jemand gewesen, der mit einem geglaubt und genauso über die Zweifel geredet hat, die dir Mut zusprach und selber der Fürbitte bedurfte. Da ist immer jemand gewesen, der suchte, was er überhaupt noch glauben kann und eine andere die verstanden hat, dass Glaube ein Wagnis ist. Und eine Reise... 

Genau darum ging es auf dem Schiff und in der Reformation: dass jeder Mensch seine Chance ergreift, den Glauben zu verstehen. Und aufbricht. Um zu ergründen, was einen trägt und wer einem die Gnadensonne ist im Leben. Um – angestoßen von manchem Wort an Bord – nachzudenken, was Gott mir sagt in meinem Leben. Wie er mir begegnet. Oder warum er mir so fern scheint.

Und so hat man einander an Bord der Gedanken genommen. Noch und nöcher. Auf 18 Streckenabschnitten reisten jeden Tag ca. 80-100 Leute, die sich ganz neu
aufeinander eingelassen haben mit der Frage: Was führt mich hierher? Nicht: woher kommst du und was machst du, sondern wohin willst du? Auf diesem Schiff. Mit deinem Leben. Faszinierend, dass man auf einmal nicht mehr die oder der Alte war –nicht mehr die Schülerin, der Journalist, der Bischof. Sondern Saskia, Klaus und der Gothart, Du. So ist das an Bord. Flache Hierarchie. Oder: alle sind gleich.

Per Los bekam man dann auch eine Aufgabe, man war schließlich nicht zum Vergnügen hier – der Gothart, den Salat zu putzen und die Saskia, die Mittagsandacht zu halten. Und alle, so erzähltet Ihr es, haben es genossen, einmal ganz positiv aus der Rolle zu fallen. Deshalb haben sich ganz überraschende, persönliche Gespräche ergeben. Über die Welt. Und gerade deshalb auch über Gott und die Welt.

Es ist dies die persönliche Erfahrung von Reformation – eine Veränderung zum Eigentlichen hin. Wieder hin zum Eigentlichen. Eine Reise zu dem, der mein Sehnen stillt.

Und so sind wir angekommen. Können vor Anker gehen, heute, mit der Reformation. Und die Frage Jesu: „Habt ihr noch keinen Glauben?“, findet auf einmal Antwort: Wovor sollten wir uns fürchten?

Allzumal mit der Musik, die in uns von der Hoffnung singt. Jetzt:

Wir sind nicht allein auf der Fahrt durch das Meer, denn du bleibst bei uns, Herr.

Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Datum
30.07.2017
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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