Krimi-Premiere für Alsterdorf-Chef

Diesem Professor macht das Morden Spaß

Hanns-Stephan Haas hat seinen ersten Krimi veröffentlicht
Hanns-Stephan Haas hat seinen ersten Krimi veröffentlicht© Timo Teggatz

21. Mai 2015 von Timo Teggatz

Hamburg. Bislang hat er nur wissenschaftliche Bücher geschrieben. Das war Hanns-Stephan Haas irgendwann zu langweilig. Jetzt veröffentlicht der Direktor der Stiftung Alsterdorf seinen ersten Krimi. Der Clou: Im Archiv der Stiftung fand der Theologie-Professor seine Mord-Motive.

Im Kellerarchiv der Ev. Stiftung Alsterdorf in Hamburg liegen brisante Dokumente: Briefe und Protokolle über die skandalöse Geschichte der damaligen "Alsterdorfer Anstalten" in der NS- und der Nachkriegszeit. Als der heutige Stiftungsdirektor Hanns-Stephan Haas (56) in diesen Dokumenten stöberte, kam ihm die Idee, über diesen Stoff einen Kriminalroman zu schreiben. Das war vor etwa drei Jahren, jetzt liegt der Krimi vor: "Handicap mit Todesfolge".

"Es hat mich immer schon gereizt, Sachen zu trivialisieren, ohne sie zu verharmlosen", sagt Haas, der die Stiftung Alsterdorf seit 2008 leitet. Vor allem habe er endlich mal ein Buch schreiben wollen, das auch von vielen Leuten gelesen werden kann. Bislang veröffentlichte Haas ausschließlich wissenschaftliche Bücher über seine diversen Fachgebiete als Professor für Systematische Theologie und Diakoniewissenschaft.

Aufwendige Recherche im Archiv

Der Krimi spielt im Heute, Orte der Handlung sind Hamburg, Schweden, Korsika und die Nordseeinsel Spiekeroog. Und überall wird gemordet, zumeist mit heimtückischem Sachverstand. "Ich hatte kundige Berater", sagt Haas, "das hat riesigen Spaß gemacht." Geschrieben hat er meistens abends oder nachts, mal nur fünf Minuten, mal eine Stunde am Stück. Aufwendiger war die Recherche im Archivkeller. Und auch belastender: Alsterdorf war schon 1938 zum ganz realen Tatort geworden.

Damals verlegte man 22 jüdische Bewohner in andere Einrichtungen und ermordete sie dort. Über 500 weitere Alsterdorf-Bewohner wurden in den folgenden Jahren in den sogenannten Euthanasieprogrammen der Nazis umgebracht. In den 1980er Jahren wurde dieses düstere Kapitel der Geschichte Alsterdorfs von der Stiftung selbst aufgearbeitet und schließlich 1987 unter dem Titel "Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr" publiziert. 2013 folgte das Buch über die Nachkriegsjahre: "Mitten in Hamburg: Die Alsterdorfer Anstalten 1945-1979".

Autist Andreas kommt dem Täter auf die Spur

"Krimis über die NS-Zeit gibt es viele, doch mein Buch ist vermutlich der erste Krimi überhaupt, der in einer sozialen Einrichtung spielt", sagt Haas. Figuren und Handlung sind frei erfunden – aber der historische Hintergrund ist echt. Thema ist der Umgang mit dem düsteren Gestern: Deckt man es auf – oder vertuscht man's? Der Leser ahnt, dass die Schatten der NS-Geschichte zum Mordmotiv in der Jetzt-Zeit werden.

Eine der Hauptpersonen ist Andreas, ein Autist "mit mehreren Vermittlungshemmnissen". Auch er ist erfunden, aber authentisch beschrieben. "Mir war wichtig, dass Menschen mit Handicap vorkommen", sagt Haas. "Auch das dürfte selten sein in einem Krimi." Der Autist Andreas jedenfalls versteht viel von Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und so kommt er durch ausgeklügelte Verfahren dem möglichen Täter auf die Spur.

Zweiter Krimi im kirchlichen Milieu

Haas überlegt, einen zweiten Kriminalroman zu schreiben. Leidenschaftlicher Krimi-Leser ist er ohnehin, sein derzeitiger Lieblingsautor ist der Däne Jussi Adler-Olsen. Aber in dessen Fußstapfen traut er sich noch nicht hinein. Vor allem will Haas ungern vertrautes Terrain verlassen: "Die Sätze fließen lockerer, wenn man sich auskennt." So soll der neue Krimi voraussichtlich in kirchlichem Milieu spielen. Vielleicht ein Mord mit einem Pastor - mehr will Haas nicht verraten.

Eine ausschließlich positive Folge hat sein Krimi für die eigene Stiftung: Haas verzichtete auf sein Autorenhonorar, und dafür gehen ein Euro pro verkauftem Exemplar nach Alsterdorf – die Auflage beträgt laut Haas rund 4.000 Stück. "Schön wär's natürlich, wenn's noch mehr würde", sagt er lachend – denn dann müsste man nachdrucken.

Info

 Handicap mit Todesfolge, Hanns-Stephan Haas, Friedrich Wittig Verlag, Kiel, 303 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-8048-4512-1

Hier kann das Buch im Kirchenshop-online bestellt werden.

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