1. Mai 2018 | Kirche St. Nikodemus/Fuhlsbüttel

Durst nach Gerechtigkeit

01. Mai 2018 von Kirsten Fehrs

Tag der Arbeit, Predigt zur Jahreslosung – Offenbarung 21,6

Liebe Brüder und Schwestern,

gern zu Gast in der Gemeinde zu St. Nikodemus – danke für Ihre Gastfreundschaft! – feiere ich wiederum gern mit Ihnen und Euch, liebe Gewerkschafter und Betriebsräte, den Gottesdienst zum 1. Mai. Zum dritten Mal schon, dem KDA sei Dank. Wir haben es eben wieder bei den Statements gemerkt: Es ist so gut, wenn Kirche und Arbeitswelt sich in den Blick nehmen und deutlich machen: wir beschwören sie nicht nur, wir empfinden auch Solidarität zueinander. Sie bringt uns dazu, die Stimme zu heben für die, denen es mangelt an Lohn und Kraft, an Anerkennung und Achtung. Für die, die zu Fall gekommen sind (wie im Evangelium) und die am Rand liegenbleiben, weil man sie nicht sehen will – für all die vom Leben Geschlagenen und in vielerlei Hinsicht Pflegebedürftigen. Solidarität empfinden, das heißt in diesem Evangelium schlicht: Barmherzigkeit. Denn nur wer mit dem Herzen hört, versteht, was andere kränkt und demütigt. Und dass man handeln muss, wenn sich etwas verändern soll. Gut also, dass  wir heute hier sind, um gemeinsam, solidarisch zu demonstrieren. Für Vielfalt. Mitmenschlichkeit, also Nächstenliebe. Und das heißt zugleich: „Nein“! zu jeder Lebensfeindlichkeit, Abwertung, Erniedrigung und Gewalt  – ein Nein, ganz aktuell, zu jeder Art von Antisemitismus!

Ich bin sicher, diese Demonstration ist nicht umsonst. Gegen all die Vergeblichkeitsapostel, die gleich auf dem Sofa liegen bleiben, bin ich – auch von meinem Glauben her – zutiefst der Überzeugung: Zu zeigen, wofür und zu wem man steht, macht, dass sich etwas bewegt. Angespornt von der tiefen Sehnsucht nach einer besseren Welt. Die Bibel hat dafür ein sprechendes Bild: dürsten nach Gerechtigkeit.

Dürsten, Durst – das ist ein starkes Bedürfnis. Wer Durst hat, kann nicht warten. Da muss man trinken, sonst vergeht man, früher oder später. Und so liegt in der Stillung des Durstes eine unerhörte Energie der Veränderung. Eben: „Energy-Drink“. Wunderbar ist das in der Jahreslosung aufgenommen, über die ich heute gebeten wurde zu predigen: Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.
Umsonst. Da ist es wieder. Aber nicht im Sinne der Vergeblichkeit, sondern als Zusage: Wasser ist da. Geschenkt. So viel Du brauchst, um zu leben.
Jedenfalls in unserem Land.
Zugegeben: wir leben in Punkto Wasser auf der Insel der Seligen, gerade hier in Norddeutschland. Ich jedenfalls als Dithmarscherin bin mit Wasser aufgewachsen ohne Ende. Von oben, unten, vorn, hinten – Wasser in Sturmfluten, im Keller dann auch, Regen beim Fahrradfahren und immer nasser Wind von vorn.

Dass dies ein unerhörter Reichtum ist, sollten wir uns auf der Demo gleich, wo wir vermutlich viel Wasser von oben bekommen werden, positiv vor Augen halten. Wissend: Wasser ist buchstäblich unser Lebenselixier. Zu mehr als der Hälfte in unseren Zellen und Blutbahnen bestehen wir aus Wasser. Ohne Wasser wären wir nicht. Jedoch: ob es not tut, dass man heutzutage fast fetischartig und dauernd eine Wasserflasche mit sich herumträgt, als wäre der Durst übermächtig? Immerhin lässt man sich das etwas kosten. 5 Euro für einen Liter Edelwasser, vielleicht gar aus Hamburgs Wasserleitung…

Nicht umsonst gibt es ja immer mal wieder Versuche, dieses Element zu privatisieren und die Wasserversorgung aus der öffentlichen Hand an Unternehmen zu verkaufen. Aber große Teile der Bevölkerung halten stets dagegen, gut so! Denn klar ist, dass die Privatisierung der Daseinsvorsorge meist bedeutet: Schlechte Versorgung bei höheren Preisen. Wasser ist nicht nur kostbares Lebensmittel, liebe Gemeinde, sondern Menschenrecht.

Und deshalb dürsten Millionen Menschen in zahllosen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas eben nicht allein nach dem – sauberen! - Wasser des Lebens, sondern nach Gerechtigkeit. Denn es ist nicht gerecht, wenn ein Nestlekonzern das wenige wasserreiche Land in Äthiopien kauft, so dass die Bevölkerung keinen Zugang mehr zu ihren Brunnen hat und stattdessen Nestlewasser aus Plastikflaschen kaufen muss.

Gott dagegen spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Umsonst, gratis, was für ein Wort! Es stört so schön positiv. Das lebendige Wasser gratis, aus Gottes Gnaden – mit dieser Botschaft ist die Welt nie gut zurecht gekommen. Zu provokativ war dieses Gottvertrauen damals schon in einem Heiligen Land, in dem seit Menschengedenken nur zu klar ist, was Wüstenleben heißt und Wassernot, die einen total entkräftet. Die römischen Machthaber zur Zeit Jesu spielten genau mit dieser existentiellen Angst der Menschen, dass man ihnen buchstäblich das Wasser abgräbt. Furchtbar aktuell, wenn man sieht, dass Wasser nach wie vor die am härtesten umkämpfte Ressource – nicht nur dort! – ist.

Darum dieses geradezu revolutionäre „Umsonst“! Das heißt: Es ist wirklich ein Geschenk. Ohne Gegenleistung. Versprechungen. Tauschgeschäft. Überhaupt wird hier aufgeräumt mit den Mechanismen des Markes, nach denen unser Leben funktioniert. Denn gratis bekommt man, was man braucht. Heißt folglich: Leistung – ist dafür unnötig. Selbstoptimierung – braucht´s nicht. Das Laufen im alltäglichen Hamsterrad – lass es! Das pro-voziert im Wortsinn, es ruft uns heraus aus dem „immer mehr“ leisten, vermögen, voranbringen.

Und ich frage mich: Diese drängende Sehnsucht nach "mehr", ist das nicht viel mehr ein Durst der Seele, statt des Körpers? Dieses Bedürfnis, ein erfülltes Leben zu leben? Erfüllt mit Sinn. Liebe. Sinnvoller Arbeit auch. Nach einer Aufgabe, für die es sich lohnt, zu arbeiten. Eine Tätigkeit mit Anerkennung, auch weil man sich für andere Menschen einsetzt. Ich glaube, wir sind so gesehen eine sehr durstige Gesellschaft. Und an Tagen wie diesen, wo man gemeinsam demonstriert, wofür man steht – da ist doch diese Sehnsucht nach einer gerechteren Welt direkt mit aufgerufen. Diese Verheißung von Fülle, die jedem Menschen und allen Völkern gilt. Eine Hoffnung, die unbeirrbar die Gerechtigkeit glaubt!

Der Seher Johannes, der die Worte der Jahreslosung in der Offenbarung ca.100 n. Chr. schrieb, der lebte diese Hoffnung. Und zwar in einer Zeit, in der die Menschen zutiefst verunsichert waren. Mit Despoten, die im Nahen Osten ähnlich wie heute in Moskau, Washington, Ankara oder Pjöngjang die Menschen in Atem halten. In diese tiefe Verunsicherung hinein sagt er: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Und die Worte, die dann folgen, gehören zu den schönsten der Weltliteratur: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. “

Diese Vision, aufgeschrieben vor Tausenden von Jahren, steht am Anfang aller Revolutionen und Veränderungen. Und dieser Grundimpuls eint auch Kirche und Gewerkschaften, bei allen Unterschieden: eben dieser Durst nach Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach einer neuen Erde, nach einem Ende von Leid und Schmerz.

Und so sind heute ganz besonders sie im Blick, die konkret schon jetzt Tränen abwischen. Die dafür sorgen, dass Leid gelindert wird.  Die so oft den Jammer des Schmerzes mit aushalten müssen. Ich denke mit großer Dankbarkeit an all die Altenpflegerinnen und Pflegenden in diesem Land, von denen es so viele gibt – und von denen es doch zugleich viel zu wenig gibt. Die man "Pflegekräfte" nennt – und die doch so oft an das Ende ihrer Kräfte kommen. Die jeden Tag den wichtigsten Wert des Grundgesetzes verteidigen, die Menschenwürde nämlich, und deren Arbeit uns doch oft am wenigsten Wert ist. Jedenfalls wenn man auf die Entlohnung und das Prestige schaut. Es gibt eben neben dem hoffnungsvollen und revolutionären "umsonst", von dem ich vorhin sprach, auch ein erbärmliches und perverses "umsonst" – der Unterschied liegt darin, dass das eine ein Geschenk ist, das wir unverhofft bekommen und das andere eine Leistung, die Schwächeren abgepresst wird.

Also: Stärken! Stärken wir die Pflege und diejenigen, die sie leisten! Diese Frauen und Männer sind elementar für das soziale Gesicht unseres Landes. Unsere Gesellschaft muss endlich genügend Ressourcen bereitstellen, damit Pflege ausreichend und menschenwürdig gestaltet werden kann. Nur gut ausgebildete und vernünftig entlohnte Pflegerinnen und Pfleger sind dauerhaft  in der Lage, bedürftigen Menschen ihre Zuneigung zu schenken. Nächstenliebe eben – genau deswegen haben doch viele überhaupt diesen Beruf ergriffen!

Und wie sehr diese ihre Arbeit selbst Geschenk ist – das habe ich Heiligabend im Hospiz erlebt. In der Begegnung mit einem Todkranken, nennen wir ihn Herrn Schröder. Umgeben von lauter aufmerksamen liebevollen Pflegenden, die etwas davon verstehen, wie man dem Leben nicht nur Tage schenkt, sondern den Tagen Leben.

Herr Schröder empfängt mich in seinem besten Anzug. Der sitzt schon recht locker wie die Worte, die aus ihm herausperlen. Charmant, interessiert und unglaublich wach fragt er mich, wie es mir geht. Ich erzähle, was alles heute an Heiligabend zu tun ist, achja. Und ich halte inne und denke: Das ist doch hier verkehrte Welt. Und frage meinerseits: Wie geht es denn Ihnen? Und er sagt: „Hier ist ein so lebendiger, ja fast heiterer Ort. Seit November bin ich hier und es war wie ein neuer Anfang. Denn, wissen Sie, natürlich sitzt einem der Tod im Nacken. Das weiß man. Nur: hier fühlt man es nicht mehr.“

Und mir wurde ganz leicht zumute. Beschenkt, ganz umsonst, mit der Gewissheit, dass Gott selbst solidarisch ist und mit uns wohnen will in unseren Hospizzimmern, Hochhäusern und Kitas. Und der mit jeder helfenden Hand sagt: Siehe, hier ist der neue Himmel und die neue Erde.

Einen gesunden Durst nach Gerechtigkeit wünsche ich uns und die Erfahrung, dass Gott uns die Kraft schenkt, dafür einzustehen! Erfüllt von Frieden, höher als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
01.05.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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