24. Dezember 2017 | Dom zu Greifswald

„Ein Kind ist uns geboren“

24. Dezember 2017 von Hans-Jürgen Abromeit

Predigt in der Christvesper 2017 über Jesaja 9, 1-6

Liebe Gemeinde,

„ein Kind ist uns geboren“ – das feiern wir heute. So wie es der Prophet Jesaja im 8. Jahrhundert gesagt hat und wie es das Weihnachtsevangelium erzählt. Die Geburt eines Kindes gehört zu den grundstürzenden Erlebnissen, die man im Leben nur haben kann. Ich habe die Geburt all unserer fünf Kinder miterlebt und kann aus eigener Erfahrung sagen: Kaum etwas hat mich mehr aufgewühlt, mehr erschrocken und erfreut als diese Geburten. Du siehst gerade noch den dicken Bauch deiner Frau. Du erlebst, wie es deine Frau fast umwirft, wie sie an der Grenze des Erträglichen schreit und wimmert, und dann ist auf einmal das neue Leben da. Ein Wunder! „Ein Kind ist uns geboren“ – nichts konfrontiert dich mit dem Wunder des Lebens mehr als eine Geburt. Du kannst es nicht machen, aber du bist beteiligt. In der Geburt begegnet dir die Kraft des Lebens. Etwas Eigenständiges ist da. Ein neuer Mensch. Ein Geschenk Gottes. Diese Erfahrung ist so einzigartig, dass ich mehrfach junge Eltern kennengelernt habe, die vor der Geburt ihres Kindes mit Gott nichts anfangen konnten und die nachher anfingen, nach Gott zu fragen und an ihn zu glauben. „Ein Kind ist uns geboren“ – was macht das mit uns? Du siehst die Welt anders an. In dieser Welt soll dein Kind aufwachsen? Welche Welt willst du deinen Kindern hinterlassen? Ich habe Menschen kennengelernt, die zunächst nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut!“ gelebt haben, die dann nach der Geburt ihres Kindes anfingen, über die Folgen ihres Lebens nachzudenken. So ein Kind kann alles verändern. Es schenkt ganz neu Sinn und Zuversicht im Leben.

„Ein Kind ist uns geboren“ – so verkündigte zunächst der Prophet Jesaja um 730 v. Chr. Das Land Israel ist von den Assyrern bedroht und besetzt. Da wird in Jerusalem ein Thronfolger geboren, der demnächst auf dem Thron Davids sitzen wird. Das gibt Hoffnung. Wird er die Besatzung beenden und Freiheit für Israel und Juda herbeiführen?  Auch damals fühlte sich das Volk Israel als ein Volk, das im Finstern wandelte. Es hatte Angst. Wohin sollte das alles noch führen? Die Unterdrückung war hart. Abhängig vom Mutwillen der Besatzer war man jeder Demütigung ausgeliefert. Soldatenstiefel und Kriegsmantel stehen für das Unrecht, das jeder Krieg mit sich bringt. In solcher Situation ist man ein Mensch von einem Tag. Morgen kann einem das Leben schon genommen werden.

„Ein Kind ist uns geboren“. Das sollte nun ein ganz anderer Herrscher sein. Er würde Ordnung in das Leben bringen, aber keine Gewalt ausüben. Dieses Kind ist der Gesalbte, mit hebräischer Bezeichnung der Messias, im Griechischen der Christus. Gemäß altorientalischer Tradition bekommt dieser Herrscher Thronnamen, die das Besondere seiner Herrschaft beschreiben.

Er heißt „Wunder-Rat“. Er ist Gott ganz nah. Er plant wunderbare, erstaunliche Dinge, wie das sonst nur Gott tut. Er regiert nicht nach seiner eigenen Laune, nicht willkürlich, sondern er hört auf Gott. Man darf von ihm erwarten, dass er Außergewöhnliches bewirkt.

Er heißt „Gott-Held“. Für jüdisches Denken, das immer Gott und Mensch auseinander hält, geht dieser Name an die Grenze des Aussagbaren. Aber in diesem Stellvertreter Gottes ist Gott selbst zur Stelle. Seine Stärke ist Gottes Stärke.

Er heißt „Ewig-Vater“. Er ist ein Regierer, der väterlich mit den Regierten umgeht. Er weiß, dass sie zu ihm gehören und hat sie lieb. Vor allem: Seine Herrschaft ist ewig. Sein Regieren hört niemals auf. Auf ihn kann man sich verlassen, für ein ganzes Leben - und noch viel länger.

Er heißt „Friedefürst“. Der Gegensatz ist klar: Während die weltlichen Herrscher immer wieder Krieg für unvermeidlich halten, schafft dieser Messias Frieden. Doch Friede, besonders im hebräischen Verständnis des Schalom, ist viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Friede ist ein Zustand, in dem jeder bekommt, was er oder sie braucht. Friede ist ein Zustand einer Gemeinschaft, die ausgeglichen, unversehrt, ganz ist. Friede setzt Gerechtigkeit und Recht voraus.

Wir merken, dass auf diesem Kind Erwartungen liegen, die kein Mensch erfüllen kann. Aber die Menschen waren stets der Willkür anderer Menschen ausgesetzt und sehnten sich nach Frieden. Um gerecht zu regieren, muss der Herrscher ganz im Sinne Gottes regieren. Interessanterweise vermeidet Jesaja den Königstitel. Dieser Herrscher ist eben anders. Er übt nicht nach der Weise menschlicher Herrscher Macht aus. Er ist ein Kind.

„Ein Kind ist uns geboren“. Wir hörten eine Geschichte, da ist eine junge Familie in Unruhe. Die junge Frau, mit ihren 13, 14 Jahren fasst noch ein Mädchen, Maria, ist schwanger und sie behauptet, noch nie mit einem Mann geschlafen zu haben, sondern vom Heiligen Geist dieses Kind empfangen zu haben. Ihr anvertrauter Ehemann, Josef, von Beruf Schreiner, hält zu ihr, obwohl er aufgrund dieser unwahrscheinlichen Geschichte auch verunsichert ist.

Jesus war kein Wunschkind seiner Eltern. Unsicherheit und Zweifel herrschten zunächst bei Maria und Joseph vor. Zu jung, nicht verheiratet und schwanger. Doch es überwog das Vertrauen in die Worte des Engels, der verheißen hatte: Jesus ist das Wunschkind Gottes. Dieses Vertrauen in den guten Plan Gottes scheint heute vielfach abhandengekommen zu sein. An die Stelle von „guter Hoffnung sein“ ist die „Risikoschwangerschaft“ getreten, das Bedürfnis, Schwangerschaft, Geburt und Kindheit umfassend zu kontrollieren. Das Kind wird zunehmend zum Projekt der Eltern und der Gesellschaft. Nicht Gottesgeschenk, sondern „selbst gemacht“. Die Rede vom „Kindermachen“ ist das Gegenteil vom Staunen über das Wunder der Schöpfung Gottes. Wer Kinder „macht“, kann sie auch „wegmachen“ und so werden jedes Jahr rund 100 000 Kinder in Deutschland jedes Jahr getötet, bevor sie das Licht der Welt erblicken können. Gewiss, ein Kind, mit dem eine Frau ungewollt schwanger geworden ist, durchkreuzt erst einmal unsere Pläne. In der Bibel durchkreuzt Gott oft die Pläne der Menschen – und zwar, weil er einen besseren Plan für sie hat. Auch die Weihnachtsgeschichte erzählt davon. Sie ermutigt uns, Gott zu vertrauen und seiner Liebe zu jedem Kind, anstatt alles für unsere Kinder bis ins Kleinste kontrollieren und planen zu wollen. Und sie rührt uns an, weil sie von der unendlichen Würde erzählt, die jedes schutzlose Kind hat – weil Gott, der Allerhöchste selbst ein Kind geworden ist.

„Ein Kind ist uns geboren“. Nach dem katholischen Denker Heinrich Spaemann setzt Gott damit „Liebe gegen die Angst.“ „Gott setzt gegen die Welt der Zwänge nicht einen anderen Zwang. Er beginnt die Befreiung damit, dass er selbst zunächst einmal ein kleines Kind wird, dass er also das genaue Gegenteil von dem tut, was zwingen heißt: Er vertraut, er vertraut sich uns an, obwohl wir Sünder sind, mit der Vertrauensseligkeit des vollkommen schutzlosen und bedürftigen Kindes. Der ein Kind wird, nimmt uns die Angst. Er befreit uns aus einer falschen Gottesvorstellung, eben jener, die aus unseren Zwängen kommt.“ [1] Dadurch dass Gott als Kind in diese Welt kommt, setzt er die Liebe als Grundprinzip des Miteinanders, des Miteinanders von Gott und Mensch und von uns Menschen untereinander.

„Ein Kind ist uns geboren“. Diese Szene mit der rührenden Geburt in einem Stall und dem verletzlichen Kind ist der Ursprung eines Friedensreiches. Weihnachten verbindet das Persönliche und Private mit dem Öffentlichen und Politischen. Die heile, aber angefochtene Familie steht im Zusammenhang mit den großen Menschheitssehnsüchten nach Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Das Kleine hängt mit dem Großen zusammen: „Alles muss klein beginnen. Lass etwas Zeit verrinnen. Es muss nur Kraft gewinnen, und endlich ist es groß“ (Gerhard Schöne). Der Frieden im Kleinen und der im Großen hängen zusammen. Liebe Gemeinde, so wie wir miteinander im Nahbereich leben, so strahlt es auch aus in die Welt der großen Politik.

„Euch ist heute der Heiland geboren“, sagt der Engel zu den Hirten. Und dann singen die himmlischen Heerscharen von Gott in der Höhe, dem die Ehre zu geben ist, und dem „Frieden auf Erden“. Man versteht die Engelsbotschaft nur recht, wenn man sie im Zusammenhang der alttestamentlichen Verheißungen vom „Friedensfürsten“ (Jesaja 9, 6) stellt. Verheißen ist mit dem Kommen des Retters der Anbruch eines Weltfriedensreiches ohne Ende. Dieses Friedensreich stützt sich auf die Durchsetzung von Recht und Gerechtigkeit. Es ist die Aufrichtung eines universalen Friedens (Schalom), der Heil, Wohlergehen, Ganzsein umfasst und von keinem Übel oder Krieg gestört ist. Genau das ist die faszinierende Weihnachtsbotschaft.

Das Kind in der Krippe wurde geboren, Christus ist in die Welt gekommen, damit wir für unser Leben schon jetzt Orientierung finden hin auf zeitlichen Frieden. Aber darüber hinaus will er uns zu einem ewigen Frieden führen, der uns Leben und ewige Seligkeit schenkt. Wenn Menschen uns verlassen, wenn unsere Kräfte nachlassen und wenn wir einmal aus diesem Leben scheiden müssen, dürfen wir im Glauben an dieses Kind in der Krippe ein Leben im Paradies erwarten. Gott hat verheißen, uns durch seinen Sohn Jesus Christus in den Himmel zu führen. In aller Freiheit dürfen wir wählen, ob wir uns mit diesem Leben begnügen wollen, oder im Vertrauen auf Jesus Christus auf ein zukünftiges Leben hoffen wollen.

Es gilt schon jetzt aus Kräften der Ewigkeit Gottes zu leben, denn eine Welt, die Krieg führt, gegen ein fremdes oder das eigene Volk, in der große Konzerne betrügen, ist keine Welt, die Gottes Friedensreich entspricht, das auf der Basis von Recht und Gerechtigkeit aufgebaut wird. Initiiert wird es durch Jesus Christus, dem, der in der Krippe geboren wurde und am Kreuz für uns starb. Mit seiner Geburt hat das Friedensreich schon begonnen. Noch ist es verletzlich und zerstörbar. Aber in Ewigkeit wird es vollendet werden. So ein Kind kann alles verändern. Es schenkt ganz neu Sinn und Zuversicht für dieses Leben und darüber hinaus.
Amen.

[1] H. Spaemann, zuerst erschienen in: „Mitten in der Welt“, einer Publikation der Gemeinschaften Charles de Foucauld, Heft 21, 1961.

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