1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2018 | Dom zu Lübeck

Eine Sehnsucht der Menschen aller Zeiten

25. Dezember 2018 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zum Christfest im Dom zu Lübeck mit einer Predigt zu Johannes 1

Liebe Gemeinde!

Worte gibt’s – die kann man sich nicht selbst sagen. So schrieb mir Ihr Pastor Klatt vor einer Woche diese, wunderschön: „Dir wünsche ich in der Fülle des Vielen Momente des Erfülltseins von dem, was wir nicht machen, sondern was uns geschenkt wird – einfach so.“ Einfach so.

Es gibt Worte, die kann man sich nur schenken lassen. Worte der Freundschaft und Zuneigung sind es gerade in der Weihnachtzeit, Wünsch-Worte mit leichter Poesie oder großem Liebesgewicht, mit Humor und tiefem Ernst. Und wenn diese Worte dann auch noch handschriftlich daherkommen … – was übrigens wieder häufiger passiert!

Die Schrift verrät noch einmal mehr über den Schreiber, die Schreiberin. Schwungvolle Bögen oder winzig kleine Buchstaben, das ist alles höchst persönlich. Manche Schrift erkenne ich sofort. Ich sehe, wo jemand wieder neu angesetzt hat, wo die Schrift zittert, bisweilen ist ein Wort durchgestrichen. So lassen sich auch Gefühle und Gedankengänge erahnen.

Unsere Schrift ist so einzigartig wie unsere Persönlichkeit. Das Wort ward Fleisch – was im Johannesprolog ebenso feierlich des großen Gottes Menschwerdung besingt und bestaunt, wird auch im Kleinen schön: Auf jeder Weihnachtskarte ein kleiner Abdruck eines ganz individuellen, ungenormten und einzigartigen Menschenkindes.

Deshalb: Am Anfang war das Wort. Sein, Gottes Wort. Und dies war ganz am Anfang, nicht erst bei Johannes, sondern auf der allerersten Seite der hebräischen Bibel: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Allein durch sein Wort. Indem er es spricht, wird die Welt. Zuallererst wird Licht. Unauslöschlich – als Sonne, Mond und Sterne am Firmament. Und siehe – so gut war, was er schuf. Sieben Tage – und immer gut.

So weit zurück, bis an den Anfang aller Welt geht Johannes, viel weiter zurück als die anderen Evangelisten. Ja, bei ihm beginnt die Weihnachtsgeschichte in einer Zeit, in der im Weltenraum noch nichts war außer dem Wort, das zunächst noch ganz bei Gott war. Aber nun! Das Wort ward Fleisch. Gott selbst wird irdisch und verletzbar, ein Mensch wie wir, mit Haut und Herz, zusammengesetzt aus 100 Billionen Zellen. Gottes Sohn. Willkommen kleiner Herre Christ, Licht der Welt.

Der Logos, das Wort ist also keines unserer menschlichen Worte, mal so dahingesagt oder hastig ins Smartphone getippt, und schon ist es wieder vorbei. Um Gottes Willen, nein. Dieses, sein Wort lebt und bleibt und leuchtet. Weil es wahr ist. Im kleinen Kind offenbart sich die Wahrheit in Person, wenn man so will: die nackte Wahrheit. Und die ist so hell und klar und unbeschreiblich wie sie unbestechlich wahr ist. Nicht umsonst ist diese Szene der Geburt umleuchtet – vom überaus hellen Stern zuallererst. Dass es hier um den neuen Anfang für die Menschheit ging, die Erlösung der Verdunkelten, zeigt der Lichtstern. Und jedes Jahr – mit auch unseren Sehnsüchten nach einem neuen Anfang – fragen wir ja: Wie kommen sie bei uns an, herunter gekommener Gott, wo sind sie in unserem Leben, deine Lichtsterne der Wahrheit?

Schauen Sie vor sich. Im Dom liegen ungefähr 200 Fröbelsterne. Für Sie. Die Geschichte dazu ist anrührend. Vor einigen Tagen rief ein 91-jähriger Mann an, bedankte sich für die Glückwünsche zu seinem Geburtstag und erzählte, dass seine Frau vor kurzem gestorben sei. Auf einem zwar langen, aber friedensleisen Weg sei sie ins ewige Licht gegangen. Und während er all die Zeit neben ihr am Sterbebett gesessen hat, hat er lauter Fröbelsterne gebastelt. Über 600 Sterne! Ob ich die brauchen könnte? Ob ich sie verteilen könnte und mit ihnen helle Gedanken?

So also für euch Freunde und auch für Fremde helle Gedanken. Lichtsterne der göttlichen Ewigkeit. Nehmt sie nachher mit, für Euch oder andere!

Ich habe diese Sterne schon an viele Menschen verteilt: an Obdachlose, Glaubenssuchende und Kinderbischöfinnen. Und es war faszinierend, wie dieser Segen ankam, buchstäblich. Oft kam’s zum Gespräch, und das hatte stets Tiefe: Woher wir kommen, und wohin wir irgendwann gehen. Wie es ist mit unseren Anfängen im Leben und in der Liebe. Wie wahr wird, was wir einmal sein wollten. Der Lichterstern rührt all dies an, unseren Ursprung und die Suche nach dem Wahren im Leben.

Diese Suche oder Sehnsucht hat ja Menschen aller Zeiten bewegt, aufzubrechen. Wir wissen es besonders von den drei Weisen aus dem Morgenland. Diese Geschichte gehört für mich zum Anfang vom wahren Wort, weil es zuerst von ihnen erkannt wurde! Ich möchte sie Euch vorlesen in der Übersetzung des elfjährigen Michael.

„Es waren einmal drei Sterndeuter, die eines Nachts einen wunderschönen Stern sahen. Sie waren richtig begeistert, denn sie verstanden etwas davon. Sie sagten: „Das muss ein Königsstern sein, einer, der über die Erde regieren wird.“ Und so zogen sie los nach Jerusalem. Aber der König Herodes dort wollte von einem neuen König nichts wissen. Er war in heller Aufregung und rief: ,Meine Frau hat keinen König geboren. Ich habe sie doch heute Morgen noch gesehen! Doch wenn ihr ihn gefunden habt, dann kommt zurück und sagt mir, wo er ist.’ Das sagte Herodes aber nur so zum Schein. Darum sagt man auch scheinheilig zu solchen Leuten.

Die Weisen gingen nach Bethlehem und haben dem Jesuskind Weihrauch, Myrrhe und viel Gold geschenkt – das kann man immer brauchen. Und sie sind dann nicht mehr nach Jerusalem zurück, sondern haben einen großen Bogen um Herodes gemacht. Na klar, der war scheinheilig und heimtückisch. Mit so was darf man sich nicht zusammentun. Und so ist Herodes dumm geblieben.“

Michael war einmal in einer meiner Jugendgruppen und hat viele solcher wunderbaren Nacherzählungen geschrieben. Er war sagenhaft klug und zugleich sehr schüchtern. Als es dann an das obligatorische Krippenspiel ging, waren in null Komma nichts die Rollen der Maria, Engel, Hirten und Floh vergeben. „Und, Michael, was willst du spielen?“, frage ich ihn. „Ich wäre gern der Stern“, antwortete er. „Wie spielt man denn einen Stern?“ „Ganz einfach“, sagt er, „man stellt sich auf einen Stuhl und strahlt.“ Und das hat er dann auch gemacht. Zaghaft zunächst, doch dann immer klarer hat er sich zu erkennen gegeben, ganz allein dort oben auf der Bühne auf einem Stuhl, still, ein wenig einsam und unerhört freundlich.

Nicht nur eine persönliche Sternstunde. Vielmehr zeigte sich hier die ganze Tiefe des Weihnachtsgeschehens. Geht es doch um Offenbarung, die Offenbarung unseres Glaubens. Darum auch, in diesem Glauben erkennbar zu sein. Jenseits der Kostümierungen und unser aller Rollen und Funktionen offen für Gott zu sein und das wahre Wort in Empfang zu nehmen, das uns in den Wirrungen unseres Lebens einen neuen Anfang schenkt.

Das Wort ward Fleisch und will unter uns wohnen. Mit seiner geerdeten Wahrheit, wer wir sind. Und was nicht.

Es will hier wohnen – allen Herodesmenschen zum Trotz. Sie sind verdunkelt in ihrer Scheinheiligkeit. Denn sie drehen sich ausschließlich um sich selbst – und die Wahrheit so, wie sie ihnen gefällt. Mir geht nach, wie selbstverständlich der Begriff „Fake News“ inzwischen zu unserem täglichen Wortschatz gehört. Ausdruck – leider! – für die Realität, dass einflussreiche Politiker in der Welt behaupten, es gebe nur noch Meinungen und keine nachprüfbaren Fakten mehr. Die Lüge wird damit der Wahrheit gleichgestellt. Was für eine perfide Verwirrtaktik, bei der am Schluss keiner mehr richtig durchblickt. Und so ist das Gefährliche dabei nicht allein die Lüge, sondern dass sich verwischt, was Wahrheit ist. Selbst Journalisten lassen sich davon anstecken.

Und so sind all die Herodesse dumm geblieben … Deshalb, jedes Jahr wieder: Das wahre Wort ward Fleisch. Inmitten dieser Lügenwelt. Gott wird tatsächlich wahrer Mensch, der isst, lacht, heilt und tröstet. Einer, der mit Leidenschaft lebt, mit Passion. Der so liebt, dass er damit selbst den Tod überwindet. Luther, der ja zuweilen eine sehr geradlinige Sprache pflegte, beschreibt das sehr drastisch: „Der liegt neun Monate in dem Leib Marias, der Jungfrauen, scheißet und pisset in die Wiegen, darnach stirbt am Kreuz erbärmlich, als ein Dieb und Schelm. Das soll ein Gott sein?“ Um gleich zu antworten: „Ja. Denn nur einer, der alles Menschliche erlebt hat, kann auch den Menschen erlösen.“

Und ich schaue erleichtert auf den Stern, der uns hellsichtig machen soll, dass wir ja keiner Scheinheiligkeit auf den Leim gehen! Nein, das wahre Wort soll unter uns wohnen. Heißt also: Sternenklartext reden – wenn etwa Grenzen in Europa dazu führen, dass Humanität und Anstand ins Bodenlose sinken. Ihr erinnert das Drama des Flüchtlingsrettungsschiffes „Seawatch“ in den vergangenen Monaten, das nirgends anlegen konnte, vollbeladen mit Flüchtlingen, die knapp dem Tode entronnen waren – und ich frage: Keine Seenotrettung, wo gibt es sowas? Nein, Sternenklartext reden, liebe Gemeinde, wenn Menschenwürde untergeht, wenn Lüge und Fremdenfeindlichkeit, wenn Antisemitismus und politische Gewalt sich ausbreiten. Klartext angesichts der Erkenntnis, wie wenig selbstverständlich unsere Demokratie geworden ist!

Das Wort will unter uns wohnen, also müssen wir es ergreifen. Wir müssen reden. Miteinander. Aber insbesondere mit denen, die anders sind als wir selbst. Heißt: Raus aus den Filterblasen, rein ins Leben! Wie sonst sollen wir ein realistisches Bild von der Wirklichkeit bekommen, wenn wir uns immer nur mit Menschen umgeben, die letztlich ähnlich ticken wie wir selbst?

Das wahre Wort wirkt – ich will diesen Anspruch nicht aufgeben. Auch wenn es Schweiß kostet. Denn der Stern von Bethlehem führt uns unbeirrbar zur Wahrheit in Person. Ein kleines Kind, das keinem Angst macht, ist der wahre König. In unerhörter Freundlichkeit schaut es uns an, wie wir wahrhaft sind. Und das ist die Rettung. Denn der Gottessohn weiß genau, dass wir nicht leben können ohne die zärtlichen Geste, das Versöhnungswort, die Umarmung. Ohne Sternstunden.

Vor kurzem übrigens traf ich Michael wieder. Er ist heute ein erfolgreicher Wissenschaftler in der Krebsforschung. Er ist immer noch ein wenig schüchtern. Als ich ihn fröhlich begrüße und sage: „Weißt du noch – deine Sternstunde?“ Da nickt er bloß und sagt: „Selten so geschwitzt!“ – und strahlt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

„Nicht nur eine persönliche Sternstunde. Vielmehr zeigte sich hier die ganze Tiefe des Weihnachtsgeschehens. Geht es doch um Offenbarung, die Offenbarung unseres Glaubens. Darum auch, in diesem Glauben erkennbar zu sein. Jenseits der Kostümierungen und unser aller Rollen und Funktionen offen für Gott zu sein und das wahre Wort in Empfang zu nehmen, das einem in den Wirrungen unseres Lebens einen neuen Anfang schenkt.“

 

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