Heiligabend, 24. Dezember 2018 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Erbarmen Gottes auf die Welt helfen

24. Dezember 2018 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zur Christvesper in der Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg mit einer Predigt zu Jesaja 9

Der Friede von Gott unserem Vater und das Licht unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen in dieser Heiligen Nacht. Amen.

„In dulci jubilo“, in süßer Freude begrüßen wir das Christkind, liebe Festgemeinde. Buchstäblich, denn Weihnachtszeit ist Schokoladenzeit. Vermutlich haben alle heute schon mindestens ein Stück gegessen oder verschenkt. Schokolade schmeckt nicht nur gut, sie macht meist auch freundlich, in Maßen genossen. Und sie gibt manchmal genau das bisschen Kraft, das man zum Weitermachen braucht …

Wie sehr so gesehen Schokolade Nervennahrung ist, habe ich vor ein paar Tagen erlebt, als ich mit der Seemannsmission auf weihnachtlichem Bordbesuch war. Ich war da ja noch nie … Dabei, liebe Gemeinde, geht der Großteil des Welthandels per Schiff vonstatten; 90 Prozent auch all der Geschenke, mit denen Sie sich heute bedenken, sind auf Containerschiffen transportiert worden.

Und eine Seefahrt, die ist wahrlich nicht nur lustig ... Sie müssen sich vorstellen, dass die Seeleute über Monate hin schwere körperliche Arbeit leisten – fast ohne Freizeit. Und die vorgeschriebenen sechs Stunden Ausruhzeit am Stück sind ebenfalls selten. Dauernd ist Schicht. Lärm. Stress. So also ist das Gefährlichste die dauernde Übermüdung, auch Fatigue genannt. Häufige Ursache für Unfälle. Nach neun Monaten mit wenig Ruhe ist man kaputt, überreizt und unkonzentriert. Deshalb Schokolade! Sie ist kein Luxus, sondern Lebensmittel für die Entnervten.

Die Seemannsmissions-Frauen und -Männer nun, mit dem Ankerkreuz auf der blauen Weste, spenden nicht nur Trost und schöne Worte. Sie sind handfest, praktisch, haben Telefonkarten dabei, die ebenso begehrt sind wie eben: Süßigkeiten. Eine Tonne Schokolade pro Monat bringen sie im Seemannsclub Duckdalben an den Seemann bzw. die Seefrau. Eine Tonne!  Wenn jeder von Ihnen mir jetzt fünf Tafeln Schokolade nach vorne bringen würde (was übrigens ein netter Zug von Ihnen wäre), dann kämen wir ungefähr auf diese Menge.

Ich habe viel in diesen Stunden an Bord gelernt. Auch dass Weihnachten ein echter Lichtstrahl ist am Horizont. Denn der Hafen macht tatsächlich einen Tag lang Pause, morgen, am ersten Weihnachtstag. Der Duckdalben ist schon jetzt, in genau dieser Stunde rappelvoll mit Menschen aus aller Herren Länder – Russen und Filipinos, Ägypter und Chinesen, Mannschaften und Offiziere. Sie singen gemeinsam, sie beten. Denn – glauben Sie’s – diese nach außen oft so rauen und wortkargen Männer sind nach innen hin tief religiös. Und es sagt ihnen was, dieses kleine Baby in der Krippe. Weil es ihre Sehnsucht nach einem Ort aufnimmt, an dem Heimat ist. Die Familie, die man so vermisst. Und Ruhe …

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“,so heißt es in unserem Predigttext. Und weiter schreibt der Prophet Jesaja: „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.“

Auch in diesem Text bricht sich die Sehnsucht Bahn. Die Hoffnung, in eine Heimat zu kommen aus dem Exil heraus, in dem das Volk Israel damals lebte. Die Hoffnung, einen sicheren Ort zu finden in einer Welt, die aus den Fugen gerät.

Kommt uns bekannt vor, oder? Die Suche nach einem sicheren Ort in unsicherer Zeit, wo ich sein kann wie ich bin, wo man zur Ruhe und zueinander kommt, die bewegt so viele, ganz besonders die, die mitten im Arbeitsleben stehen. Endlich mal nicht alles in Geschwindigkeit tun. Unter Druck. Fatigue – bleierne Müdigkeit scheint die neue Zivilisationserscheinung zu sein in einer Menschheit, die zunehmend digital-rasant unterwegs ist.

Neulich habe ich in einem vergilbten Filmschnipsel unseren Hafen in den 1920er Jahren gesehen. Wie unglaublich viele Menschen haben da damals gearbeitet! Wie auf einem Wimmelbild sieht man sie auf Kaimauern Kisten schleppen und Fässer rollen, alles allein aus Muskelkraft! Zugleich aber stehen sie auch immer wieder so herum. Sie warten auf ein Fuhrwerk oder eine Sackkarre. Man sieht, wie sie reden, scherzen, rauchen – sie machen das, was heute nur noch wenige können: Pause.

Man verdiente wenig – aber lebte entschleunigt. Anders heute: Man ist ständig online, schnell, darf auf dem Bildschirm ja kein Signal übersehen, alles ist schwer unter Kontrolle.

Nicht für jeden ist das ein Problem. Aber ich höre doch sehr oft: Mein Job lässt sich nur schwer auf Distanz halten. Die Arbeit rückt immer dichter, Arbeitsverdichtung ist das Stichwort, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Ständige Erreichbarkeit, auch jetzt und in der Freizeit, ist gerade für Jüngere ein Muss: „Wieso antwortest du nicht auf meine WhatsApp? Ich sehe doch, dass du online bist …“

Die gute Nachricht nun: Heute ist Weihnachten. Wir können runterkommen. Wie Gott selbst. Weihnachten erinnert daran, dass wir herunter kommen müssen, um menschlich zu sein. Der Mensch braucht ab und zu das befreite Aufatmen. Pausen. So viele sehnen sich danach. Nach einer Gesellschaft auch, in der man sich nicht dauernd beweisen muss. Ja, nach Stille, die nicht ständig von vermeintlich Wichtigerem unterbrochen wird. (Deshalb ja auch bin ich Ihnen dankbar, dass Sie heute Ihr Smartphone ausgestellt haben. Haben Sie doch, oder?)

Ich bin sicher: Die Digitalisierung, von der ja alle reden (und vielleicht sogar das Gleiche meinen), die ja als die nächste große Revolution der Menschheitsgeschichte gilt, erleichtert das Leben und bereichert uns durch Vielfalt. Aber sie darf uns nicht wegdiktieren, was für unser Leben lebenswichtig ist: Liebe und Zeit für die Liebe, für die Familie, Zugehörigkeit, Essen und Reden, Spielen. Damit Herzlichkeit und Humor nicht verloren gehen und ganz wichtig: Empathie denen gegenüber, deren Hoffnung müde geworden ist. Wie wär’s, heute mal das Leben zu genießen, mit Freude und ohne Hektik? Ja, wie wär’s mit einem Heiligabend komplett „offline“? Es ist doch allein unsere Entscheidung!

Denn HEUTE ist Weihnachten. Euch ist heute der Heiland geboren – auf dies Wörtchen in der Weihnachtsgeschichte kommt’s an. Es geht um den Moment. Hinschauen auf das Kind. Kind-Kieken ist doch das Wunderbarste überhaupt! Um das Wunder zu bestaunen, das sich in diesem kleinen Kind an Liebe zeigt. Also, Ruhe. Jetzt!

Stellt Euch vor: Gott der größer ist als alles, was wir denken und googlen (!) können, hört auf, ein Gedanke zu sein. Gott wird Mensch. Leibhaftig. Zart. Mit einem unsagbar großen Herzen für all seine Barmherzigkeit, mit kleinen Händen und unabgelaufenen Füßen und Gänsehaut. Das ist der Allmächtige. Gott gerneklein in der Krippe. Und genau dort und jetzt ist der Ort, wo die Gegenwart einmal nicht überschattet wird vom Gestern und vom Morgen. Wo es keine Beschleunigung gibt, sondern himmlische Ruh’. All die Aufgeregten und Entnervten und Ängstlichen unserer Tage, wir alle also dürfen aufatmen: Christ der Retter ist da.

Seit Christus ihn gerettet habe, erzählt gestern Hossein, ist er nicht mehr müde. Hossein ist aus dem Iran, und wir haben gestern in Jenfeld mit über 300 Menschen aus dem Iran, aus Afghanistan, den USA und aus Hamburg einen internationalen Gottesdienst gefeiert. Hossein war die meiste Zeit seines Lebens atheistisch, weil er allem Religiösen zutiefst misstraute, als Naturwissenschaftler allemal. Was er nicht beweisen konnte, gab es für ihn nicht und so hat er eben alles, was ihm widerfuhr, auch die Liebe zu seiner Frau, die Geburt seiner Kinder, versucht rational zu erklären. Und da das eigentlich nicht gelang in seiner Tiefe, war das immerzu so anstrengend!

Dann hat er hier in Deutschland die Taufe seiner Frau miterlebt. Und ihm sind, völlig unwissenschaftlich unkontrolliert, die Tränen gekommen. Aus Freude. Aus Freude weinen können – das war so eine Erleichterung. Ihm wurde klar, wieviel Kraft es kostet nicht glauben, nicht vertrauen zu können. Nach und nach hat er sich anvertraut mit seinen Fragen, dem Pastor, Christus. Er hat das erlebt als Barmherzigkeit ihm gegenüber und merkte, dass er selbst davon weitergeben kann. Seitdem ist er keinen Tag mehr müde gewesen. Es gibt ja schließlich genug Sinnvolles zu tun …

Der Gottesdienst dauerte nur zwei Stunden. Es musste ja in allen Sprachen gesungen, sich gefreut und gebetet werden. Und es war klar: Um unser Neugeborenes herum fallen Mauern. Es lösen sich Abgrenzungen auf und die Angstmacher unserer Tage haben keine Chance. Denn hier sammeln sich alle in großer Menschenfreundlichkeit, Hirten ebenso wie Könige – und zwar völlig gleichberechtigt! All die Menschen aus aller Herren Länder, hier im Michel, in Jenfeld, auf dem Duckdalben, auf der Welt: Weihnachten ist das integrativste Fest überhaupt.

Ausnahmslos jeder versteht die Botschaft, dass nur Liebe den Hass überwindet. Dass es sich lohnt, wach zu bleiben und die Hoffnung auf Frieden niemals müde werden zu lassen. Und dass die Barmherzigkeit Jesu Taten braucht. Wie sehr passt es da, dass Jesaja in einer sehr politischen Sprache redet: „Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht […] wird  ins Feuer geworfen.“ Wie aktuell ist hier beschrieben, was viele Menschen erlebt haben an Krieg und Unterdrückung in ihren Ländern! Gerade etwa jetzt im Jemen – gute Güte, liebe Gemeinde, fast die ganze Bevölkerung, so viele Kinder hungern wegen eines Krieges, der doch letztlich dem Machtstreben Weniger dient. Auch befeuert übrigens durch deutsche Waffenexporte!

Nein. Mit Ruhe. Lasst uns hinsehen. Und verstehen, wenn Jesaja den Erlöser mit programmatischen Namen nennt: „Wunder-Rat, Gott-Held, Friede-Fürst“. Könnten wir nicht mitmachen bei diesem Programm? Verantwortung übernehmen? Und selbst einen neuen Namen der Erlösung tragen – als Einsamen-Besucherin, Umwelt-Freund, Obdachlosen-Beherberger, Seenot-Retterin?

Lasst uns nicht müde werden, liebe Geschwister, dem Erbarmen Gottes auf die Welt zu helfen. Mit Zuversicht. Zukunftsmut! Ist uns doch dies besonders geschenkt: das Vertrauen, dass wir alle fähig sind vom Segen abzugeben. Es muss ja nicht gleich eine Tonne sein. Es reicht schon ein bisschen „dulci jubilo“.

Von Herzen wünsche ich Ihnen ein genussreiches, fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest, liebe Festgemeinde! Voller Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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