1. Oktober 2017 | Wohldorfer Hof

Erntedank – Gott sei Dank!

01. Oktober 2017 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zum Erntedankfest auf dem Wohldorfer Hof, Predigt zu Lk 12, 15-21

Liebe Erntedank-Reithallen-Gemeinde,

Erntedank – das lässt uns jedes Jahr wieder innehalten. Um zu erkennen, was uns reich macht im Leben. Auch wenn es dieses Jahr eher arm an Früchten des Feldes ist, so ist und bleibt Erntedank – Gott sei Dank! reich an Festen. Und was für ein Fest hier auf dem Wohldorfer Hof! So viele haben mitgedacht und mitgetan, dass dieses Fest ein besonders schönes wird; froh, hier mit Ihnen gemeinsam feiern zu dürfen, danke ich Ihnen allen dafür von ganzem Herzen! Dank steht sowieso heute allem voran. Danke sage ich den Kirchengemeinden Lemsahl-Mellingstedt und Wohldorf-Ohlstedt und Pastor Schumacher und Pastorin Meyer-Köhn - und natürlich dem wunderbaren Posaunenchor unter der Leitung von Werner Holzhauer. Siebzehn Jahre, lieber Herr Holzhauer, haben Sie ehrenamtlich den Bläserchor geleitet. Heute ist tatsächlich Ihr letzter Auftritt, und ich kann mir gut vorstellen, wie nahe Ihnen das geht. Und offenkundig nicht nur Ihnen, das war eben deutlich am Applaus zu merken. Wir werden ja nachher noch Einiges dazu zu hören – doch möchte ich Ihnen auch schon an dieser Stelle herzlich danken für Ihren Dienst, der ja auch von reicher Ernte zeugt!

Und ich schaue auf diese und jene Früchte dort vor dem wunderschön geschmückten Altar. Es ist diese geerdete, ja sinnliche Feierlichkeit, die ich so mag. Schon als Kind. Ich komme ja aus Dithmarschen – und unabhängig davon, ob die Ernte gut ausgefallen ist oder schlecht, hieß es immer und heißt es doch bis heute mit einer gewissen Ehrfurcht: „Wi seggt di Dank, leeve Vadder.“ Denn wer wirklich mit der Erde in Berührung ist, weiß ja, wie wenig wir wirklich in der Hand haben. Dass wir zutiefst angewiesen sind auf ihn, der‘s wachsen lässt. Und – so werden wir es nachher noch singen -  der unser Leben „in Segen wickelt, gar zart und künstlich fein“. Wunderschön bringt das Erntelied zum Klingen, wie kostbar jedes Leben ist! Ja, letztlich ein Wunder. Erntedank feiert dies rauf und runter: Das Leben ist zum Wundern schön.

Deshalb Oh! Oh heißt das Buch voller Geschichten zum Wundern; eine davon möchte ich Ihnen erzählen:

Ein kleiner Junge will Gott treffen. Also packt er etwas zu Essen in seinen Rucksack und geht in den Park. Dort sieht er eine alte Frau und setzt sich neben sie auf die Bank. Als er seinen Rucksack öffnet, sieht er ihren hungrigen Blick und gibt ihr etwas ab. Dankbar lächelt sie ihn an -  es ist ein wundervolles Lächeln. Um dieses Lächeln noch einmal zu sehen, bietet er ihr wieder etwas an. Sie nimmt‘s und lächelt strahlender als zuvor. So sitzen die beiden den ganzen Nachmittag.

Als der Junge nach Hause kommt, fragt ihn seine Mutter: „Was hast du denn Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?“ Der Junge antwortet: „Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen, und sie hat ein wundervolles Lächeln.“

Auch die alte Frau wird von ihrem Sohn gefragt, warum sie so fröhlich aussehe. Sie antwortet: „Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen, und er ist viel jünger, als ich dachte.“

Schön, oder? Diese schnelle Freundschaft, das leise Einverständnis, der Humor-  mit Gott zu Mittag essen ist wahrlich Lebensfreude. Es kann auf der Parkbank stattfinden, beim Abendmahl oder beim Jazzfrühschoppen, es ist so unspektakulär wie liebevoll, es macht fröhlich, innerlich satt – und (meistens) nicht dick. Mit Gott zu Mittag essen, das heißt, nicht allein zu sein. Das heißt, Brot zu teilen und Herzlichkeit und gutes Wort. Der Tisch des Herrn ist mit all dem reich gedeckt. Und wir, die wir so unterschiedlich sind wie der Junge und die alte Dame, sind alle eingeladen an diesen Tisch des Friedens, jeden Tag aufs Neue.

Wie freudlos dagegen die Geschichte, die wir im Evangelium gehört haben. Obwohl der reiche Bauer zunächst sagenhaftes Glück hat. Seine Felder tragen gut! Und was macht er also? Klar - investieren. Er reißt seine alten Scheunen ab und baut größere. Ein zupackender Unternehmer, ein Macher. Ein Richtig-Macher, sollte man meinen. Denn, wie er selbst sagt: „Du hast einen großen Vorrat für viele Jahre, hab nun Ruhe.“ Hier irrt er; wir wissen die Geschichte geht überhaupt nicht gut aus. Denn er stirbt. – Doch mal ehrlich, was ist an seinem Verhalten eigentlich so verwerflich? So wie er machen wir es doch auch. Wir sichern unsere Pfründe, sichern uns ab. Sind wir deshalb etwa habgierig?

Weil ich das von Ihnen nun wirklich nicht glauben kann, lese ich das Gleichnis noch einmal genau, hören wir hin: „Und der Kornbauer dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ichmeine Früchte sammle. Und sprach: das will ich tun. Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast großen Vorrat für viele Jahre , iss, trink und habe guten Mut.“

Neun mal „ich“ und „mein“ in drei Versen! Nicht sein Reichtum, liebe Gemeinde, auch nicht das Vorsorgen, die totale Selbstbezogenheit ist es, die den Kornbauern in den Augen Gottes zu einem habsüchtigen Menschen macht. Da scheinen um ihn keine Nachbarn zu leben, keine Frau, keine Kinder, kein Geschöpf, dem er verbunden ist. Es gibt nur ihn und seine Scheunen. Und so kann er nichts von seinem Besitz abgeben, er kann nicht teilen, weil er gar nicht sieht, mit wem. Sogar seine Worte teilt er in Selbstgesprächen nur sich selbst mit. Armer Kornbauer, der nicht von sich selbst absehen und das Glück empfinden kann, das er erlebt. Denn er fühlt sich nicht, buchstäblich. Und so glaubt er, sich kaufen zu können, was ihm nur geliehen wurde: sein Leben. Allerdings hat er da die Rechnung ohne den eigentlichen Wirt gemacht. Narr, schilt Gott ihn. Auf Plattdüütsch klingt es etwas freundlicher:„Döösbaddel“. Und nimmt von ihm das geliehene Leben.

Döösbaddel – heut auf die Geschichte geschaut, könnten ein bisschen auch wir gemeint sein… Weniger was die Kornbauern angeht, als vielmehr wir als Verbraucher. Döösbaddelig nämlich sind wir, wenn wir zu selbstbezogen sind und nicht danach fragen, wie unsere Lebensmittel hergestellt werden. Wenn wir zu selten bereit sind, einen gerechten Preis zu bezahlen. Gestern das Supersparangebot: 88 Cent für ein Kilo Möhren und 88 Cent für Salatherzen! Wirklich ein „super Angebot“?! Oder Milch. Auch wenn wir in letzter Zeit für  Milch und Butter etwas tiefer in die Tasche greifen müssen: Das meiste bleibt bei den Handelskonzernen hängen, es kommt immer noch zu wenig Geld bei den Bauern an. Sie aber sind es, von denen letztlich vieles abhängt: Die Lebenssituation der Tiere, die Pflege unserer Landschaft, die Qualität von Milch und Gemüse, von Obst und Getreide. Doch gerade die kleinen Familienbetriebe haben es schwer in den letzten Jahren: Viele haben sogar ein Minus gemacht, weil die Milchpreise so im Keller waren, die festen Kosten aber eher gestiegen sind. „Jeden Morgen, wenn ich in den Stall gehe, muss ich mehrere hundert Euro Eintritt zahlen, um dort den ganzen Tag lang arbeiten zu dürfen“, so drastisch hat es ein Landwirt beschrieben.

Narren sind wir, wenn wir nur auf Industrialisierung, Technik und Chemie setzen und die natürlichen Kreisläufe des Lebens missachten. Narren, sagt Gott, die ihr glaubt, ihr könnt ausnahmslos alles in Geld und Kapital verwandeln – als würde sich das wirklich lohnen!

Der Preis dieses Systems vom „Immer-Mehr“ ist viel zu hoch. Auch persönlich. Und ich denke an einen Freund, der nun alles andere war als ichbezogen und habgierig. Der sich im Gegenteil zeit seines Lebens krumm gelegt hat, um für seine Familie zu sorgen, mit Haus und Garten und Aktienanlagen und was nicht alles. Er hat alles getan, nur damit die anderen es gut haben. Und dann, als endlich er leben wollte, endlich leben!, starb er, zwei Tage vor seinem 65. Geburtstag.

Unser Leben ist so kostbar, liebe Gemeinde. Viel zu kostbar, um es nicht zu leben. Jetzt. Es wird uns so unglaublich viel geschenkt. Jetzt. Dies einmal zuzulassen, wie reich wir sind, reich bei Gott, – das eröffnet eine neue Dimension. Keine, die man herbeipredigen kann. Sondern eine, die sich innerlich ereignet, in der oft so von der Sorge aufgescheuchten Seele, wenn sie hier zur Ruhe kommt. Mit dem Himmel über uns, der Musik in uns, dem Menschen neben uns.

Dieses Reich-Sein bei Gott, das ist die Spitze des Textes. Evangelium pur. Du kannst vertrauen, dass dein Leben gesegnet ist, sagt es. Dass dein Leben so in Liebe gelebt sein will und irgendwann zu Ende gehen wird wie es aus lauter Liebe in diese Welt hineingeboren wurde. Dieses Gottvertrauen macht reicher als alle Scheunen der Welt. Es ist ein Reichtum an innerer Kraft, an Klar-Sicht, an Großzügigkeit.

Gerade doch dieser so stimmungsvolle Gottesdienst hier auf dem Wohldorfer Hof zeigt, dass der Tisch des Herrn nicht im Jenseits steht, sondern mitten in dieser Welt. Und wir, mittendrin, schauen auf diese Fülle der Erntegaben und werden uns bewusst, demütig doch auch, wie wenig selbstverständlich das ist. Fragen uns, wo wir teilen können angesichts des Mangels, den es in vielen Teilen der Welt auch gibt. Und wir denken unweigerlich an die furchtbare Hungersnot in so vielen afrikanischen Ländern. Denn Danken hat immer etwas mit Denken zu tun. Wir werden uns klar, dass jeder Sonnenstrahl, dass die Posaunen am Morgen und Geistesgegenwart am Lebensabend, dass dein Kind auf dem Schoß, die überstandene Krankheit und die Hand des Freundes auf der Schulter, dass all dies ein Gnadengeschenk ist, das uns hilft zu leben.

Und dann macht sich‘s doch oft Luft mit: Gott sei Dank! Ganz vom Herzen her. Ungezwungen. Danken ereignet sich. Im Singen und im Gebet, im Lachen, im ganz Praktischen, beim Deutschlernen mit Flüchtlingen, beim Gärtnern, im Begehren, in der Liebe. Überall dort, wo ich mich hinein-, ja hin-gebe. Und auf einmal, während man so beschäftigt damit ist, sich zu bedanken, nimmt Gott selbst neben dir Platz. Als ältere Dame, gewitzter Junge, als abgerissener Bettler. Und als Flüchtlingskind auch. Und dann sagt er: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“. Heißt ja: Du lebst, je mehr du gibst. Weil das Lebenssinn stiftet und Segen. Das ist unsere christliche Botschaft auf dem Marktplatz auf der Welt: Wir werden reicher je mehr wir teilen. In der Fürsorge für Geschwister, seien sie nah und fern. Fürsorge für die, die nicht nur auf der Parkbank sitzen, sondern auf ihr schlafen müssen, für sie, die auf dieser Erde kein Ackerland haben und keine Früchte, für die Hoffenden und Flüchtenden und all die Traurigen auch: wir haben ihnen so viel zu geben, spricht Gott. Und er fügt hinzu: Man los. Jetzt. Wees man nich bang, ick bün bi di. Alltieds un allerwegen.

Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt jeden Augenblick unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 

Datum
01.10.2017
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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