6. Oktober 2019 | St. Severini zu Kirchwerder

Es wird nicht aufhören Saat und Ernte, Wachsen und Gedeihen!

06. Oktober 2019 von Kirsten Fehrs

Erntedankfest, Predigt zu 1. Tim. 4,4-5

Also, alles was recht ist, liebe Festgemeinde: Feiern können Sie hier in Kirchwerder. Mehr geht wirklich nicht. Danke, dass Sie mich das heute miterleben lassen! Gestern Abend ging’s ja schon los mit der Großen Schlagernacht. Heute nun etwas andere Töne in Dank- und Lobgesang  – danke, liebe Sängerinnen und Sänger, für die schwungvolle Musik zum Festgottesdienst in dieser wunderschönen Kirche. Und die ist heute ganz besonders schmuck. An dieser Fülle der Erntegaben vorm Altar kann man sich doch buchstäblich satt sehen!

Bei allem Auf und Ab und aller Sorge gerade in der Landwirtschaft – heute gibt der Dank den Ton an! Die Freude über das Erreichte. Und über das von Gott Geschenkte. Ich komme ja aus Dithmarschen (das kann passieren) und habe Erntedank immer geliebt. Denn unabhängig davon, ob gute oder schlechte Ernte, immer sagte man mit  Ehrfurcht: „Wi seggt di Dank, leeve Vadder.“ Denn wer wirklich geerdet ist, also mit der Erde in Berührung ist, weiß ja, wie wenig wir wirklich in der Hand haben. Dass wir zutiefst angewiesen sind auf ihn, der‘s wachsen lässt.

Also: Wi seggt di Dank, auch dieses Jahr. Es ist letztlich gut ausgegangen – mehr noch für die Obst- als für die Getreideernte. Zu wenig Regen, klar. Allerdings: Ich war kürzlich in Brandenburg, gute Güte: staubige Alleen, dürre Felder, schwarz- vertrockneter Mais, dort bekommt man Existenznot hautnah zu spüren. Und wie wichtig die Ressource Wasser geworden ist, merken wir alle. Dennoch: gut. Gut ausgegangen.

Deshalb die Erntekrone. Sie ist nicht nur majestätisches Symbol für erfolgreiche Arbeit, sondern auch für höchst königliche Gnadengabe. Dazu die Erntekönigin, gestern noch war Viktoria bei der Übergabe der Erntekrone an die Stadt dabei, heute nun übernehmen ihre Nachfolgerin samt Prinzessinnen. Gekrönt und gesegnet, wie die ganze Ernte und Sie alle, die Sie mitgearbeitet haben oder sich mit freuen. Deshalb folgt Norddeutschlands größter Erntedankumzug! Mit Zehntausenden an den Straßen, mit Tracht und danz op de deel – und all das organisiert von so vielen Ehrenamtlichen in Verbänden, Förderverein und Kirchengemeinde. Ohne jeden Zweifel: Hier gibt der Dank den Ton an, ein einziges Fest des Lebens!

Eine unter Ihnen, eine Landfrau aus den Vier- und Marschlanden, hat mir mal gesagt: „Wir hätten weniger Streit und Krieg, würden die Menschen mehr feiern und danken.“ Recht hat sie! Dankbar, ja aufmerksam sein für das Gute um uns – darin liegt ein Geheimnis des Friedens. Wertschätzung ist das Wort. Es war den Landfrauen gestern so immens wichtig in ihrer Rede: Wir leben friedlicher, toleranter, achtsamer mit Natur und Mensch, wenn wir das Gute zu sehen bereit sind. Abwertung und Abschätzigkeiten gibt es in unserer Gesellschaft weiß Gott genug.

Nein, heute gibt der Dank den Ton an. Ich lese den kürzesten Predigttext aller Zeiten aus dem 1. Timotheusbrief: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Das müssen wir uns mal gegenseitig sagen und uns anschauen dabei: Alles was Gott geschaffen hat, ist gut. Ein starker Satz. Gleich ob Mann, Frau, Sudanese oder Viermarschländerin, syrisch-muslimisch oder russisch-orthodox – alles gut. Nichts ist zu verwerfen, die Blumen nicht, der Maulwurf nicht, die Biene, auch der Käfer nicht und all die kleinen Organismen, die für uns erst einmal unnütz oder schädlich scheinen. Alles ist gut – sieht man den größeren Zusammenhang.

Sie, die Landfrauen und Landwirte unter uns, sind ja seit jeher die Experten für diese Zusammenhänge vom Werden und Wachsen. Und gerade in der Großstadt ist es so wichtig, dass nicht nur die Kinder immer wieder erinnert werden, woher unsere Lebensmittel eigentlich stammen. Dass die Äpfel von Bäumen gepflückt werden müssen, die wiederum gehegt und gepflegt werden wollen. Und dass die Milch nicht einfach einem Tetrapack entspringt, sondern gemolken werden muss aus einer Kuh, der es gut gehen soll, weil sie ein lebendiges Wesen ist und keine Maschine.

Heutzutage wird diese sinnliche und geerdete Seite von Erntedank immer wichtiger, finde ich. Denn wir erleben ja, dass generell Arbeit nicht nur immer schneller wird, sondern auch unverbundener, anonymer, digitaler. Mit den Sinnen kaum noch zu erfassen. Ein Fingerwischen auf dem Display, und schon werden komplizierte Abläufe in Kraft gesetzt, auch in der Landwirtschaft. Ohne Computer geht auch hier nichts. Einerseits ist das erleichternd für die Arbeit. Andererseits sind wir dadurch auch unglaublich beschleunigt. Und mir geht oft durch den Kopf, dass dieses Erd- und Naturverbundene, das Nah-Türliche wie Sie es in Ihrem Motto dieses Jahr nennen, ein so heilsamer Impuls für unsere ganze Gesellschaft ist, der sagt: Kommt mal runter, Leute! Nicht immer mehr ab- und überdrehen, bleibt bitte nah bei den Menschen, bleibt auf dem Boden der Realitäten. Humilitas nennt man das in der christlichen Tradition: Demut. Nicht umsonst ist darin „Humus“ enthalten. Von dieser Demut könnte unsere Gesellschaft deutlich mehr brauchen. Im Sinne von: Bleiben wir auf dem Teppich, schauen wir auf das, was im Leben wirklich zählt. Bleiben wir nah-türlich. Und nachbarschaftlich, achtsam mit der Natur, nachhaltig und ethisch anständig.

Gutes Stichwort für den Ton des Dankes. Denn Ihnen, liebe Bäuerinnen und Bauern, danke ich auch als Kirche ausdrücklich dafür, dass Sie immer und immer für eine ethisch verantwortliche Landwirtschaft einstehen, obwohl die Bedingungen immer und immer schwerer werden. Sie wissen hier mehr davon als ich. Von Existenzsorgen der kleinen und mittleren Betriebe, weil keiner sie übernehmen will. Von Nitratbelastung des Grundwassers. Von Gemüse, das gar nicht erst in den Handel kommt, sondern vorher tonnenweise weggeworfen wird. Diese Sorgen sollten uns gemeinsam umtreiben, liebe Gemeinde! Und es sollten unsere Landwirte mehr Würdigung erfahren, die für uns alle große Risiken tragen. Wir als Verbraucherinnen und Verbraucher sind ebenso in der Verantwortung! Wir beeinflussen mit, dass es faire Preise und Bedingungen für die regionale Landwirtschaft gibt. Und dazu gehört unbedingt, der Predigttext ist hochaktuell, dass wir alles in den Blick nehmen. Um die Zusammenhänge sichtbar zu machen. Persönlich. Regional. Global. Alles, was Gott geschaffen hat, will dem Guten dienen – alles. Nicht nur in unserer kleinen Welt, sondern universal.

Erntedank, das heißt eben: Für den vollen Teller auf meinem Tisch zu danken und gleichzeitig an die Menschen in den Regionen unserer Erde zu denken, in denen seit Jahren Dürre herrscht. Krieg und Hunger dort (zum Beispiel in vielen afrikanischen Ländern), Frieden und Überfluss hier – wir haben wirklich Grund, dankbar zu sein. Und haben deshalb Verantwortung zu übernehmen. Muss ja nicht sein, dass wir Deutschen immer noch durchschnittlich 55 kg Lebensmittel wegwerfen, immerhin: 2017 waren es noch 75 kg.

Nichts ist verwerflich, sagt dagegen der Timotheusbrief. Er würdigt das Leben und die Schöpfungsgaben von Grund auf und erinnert, dass das Leben heilig, also unantastbar ist. Also! Das Heilige schützt man. So rufen uns die Jungen nicht nur freitags ungeduldig entgegen, dass wir deutlicher gegen den Klimawandel angehen müssen, es gibt keine zweite Erde, keinen Plan(eten) B. Die Kompromisslosigkeit, mit der sie uns konfrontieren, wirkt wie ein Weckruf! Oder hätte jemand von Ihnen gedacht, dass Hunderttausende auf die Straße gehen? Vielleicht waren Sie dabei? Waren als Großeltern für Ihre Enkel dabei, als Jugendliche für Ihre Zukunft, und als Politiker – nicht nur als grüner – für einen schnelleren Klimaverbesserungskurs.

Ja, es muss besser werden, schneller besser.

Damit es wieder gut wird. Mit der CO2-Bilanz. Theologisch gesprochen: mit der Schöpfungsliebe. Der Achtung vor jeder Kreatur. Der Menschenwürde.

All dies ist unantastbar. Denn nichts ist verwerflich, sagt der Timotheusbrief. Abwertung, Demütigung, Hassparolen hingegen verletzen die Würde eines anderen und sind kurzum: gottesfern. Das ist wichtiger Klartext, liebe Gemeinde, jetzt in diesem Land. Mit politischen Entwicklungen, die uns doch auch besorgt sein lassen. Von unserem Glauben her, vom Christentum mit seinem Blick aufs Ganze stehen wir – das geht gar nicht anders – ein für eine offenherzige Gesellschaft. Für eine Haltung, die entgegen all der Polarisierungen gerade aussteigt aus der Abgrenzung von hier „Gut“ und dort „Böse“.

Alles ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Meint: Nicht die Abwertung, sondern die Sprache der Anerkennung ermöglicht es, dass wir in Frieden leben. Das können wir alle selbst erleben: Wenn jemand für etwas dankt, das wirft er doch nicht weg! Wer danke sagen kann, verwirft nicht. Sich selbst nicht und andere auch nicht. Wer danken kann für das gesunde Kind auf dem Schoß und den treuen Freund an der Seite, wer danken kann für überstandene Krankheit und überwundenen Streit, wer danke sagen kann für die Liebe des Lebens und für die Musik, wer danken kann, der kann denken, dass es den anderen gibt, der das gleiche braucht: Freundschaft. Frieden. Liebe. Brot. Und Würde. Sie ist und bleibt unantastbar. Lassen Sie uns das wachhalten in diesem Jahr, in dem unser Grundgesetz seinen 70. Geburtstag feiert! Lassen Sie uns das tun, was dieser Neuanfang von 1949 auf so großartige Weise möglich macht: friedlich miteinander leben, reden, nah-türlich sein und in aller bleibenden Verschiedenheit uns als Menschen respektieren, über alle Grenzen von Nationen und Religionen hinweg.

Wir leben in einem so reichen Land. Gut, dass der Dank heute den Ton angibt. Dieses „Gott sei Dank!“, das ganz von innen kommt. Danken ist eben nicht nur Denken. Sondern ein tiefes Gefühl. Es möge Sie und Euch erfüllen, heute beim ausgiebigen Feiern. Aber auch im stillen Schauen auf die Kinder, im Lachen und Tanzen, im Gebet und Gesang, im ganz Praktischen, beim Deutschlernen mit Flüchtlingen, beim Gärtnern, im Begehren, in der Liebe. Überall dort, wo ich mich hinein-, ja hin-gebe. Da wächst Sinn und Segen. Und all das wird nicht aufhören, sagt Gott. Es wird nicht aufhören Saat und Ernte, Wachsen und Gedeihen. „All de goden Gaben kaamt her von Gott den Herrn; so seggt em Dank un glöövt an em!“

Denn sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt jeden Augenblick unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

 

Datum
06.10.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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