20 Jahre nach Krawallen in Rostock-Lichtenhagen

Gauck: Rechtsextremisten "nicht unsere Angst schenken"

Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Hier kam es 1992 zu den massivsten fremdenfeindlich motivierten Übergriffen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Hier kam es 1992 zu den massivsten fremdenfeindlich motivierten Übergriffen der deutschen Nachkriegsgeschichte.© wikipedia, mc005

21. August 2012 von Simone Viere

Rostock/Schwerin. 20 Jahre nach den ausländerfeindlichen Krawallen in Rostock-Lichtenhagen appelliert Bundespräsident Joachim Gauck an die Deutschen, dem Rechtsextremismus ohne Furcht entgegenzutreten. "Wir schenken Rechtsextremisten nicht unsere Angst, wir lassen sie nicht gewähren", sagte Gauck der in Rostock erscheinenden "Ostsee-Zeitung".

Die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl mahnte Änderungen im Asylrecht an. Der Rostocker Migrantenrat kritisierte indes, dass es noch keine Gedenktafel, kein Denkmal und kein Museum gibt, das an die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen erinnert. 

Gauck bei Gedenkveranstaltung am Sonntag in Rostock-Lichtenhagen dabei 

Gauck besucht am Sonntag, 26. August, die Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages in Rostock. Er wolle "zeigen, dass wir in Deutschland auch wirklich eine Kultur der Abwehr des Extremismus trainiert haben und dass wir da weiter aktiv bleiben wollen". Als Ursache für die Ausschreitungen sieht Gauck unter anderem das damalige Fehlen einer offenen Bürgerdebatte in Ostdeutschland. Anfang der 90er Jahre seien viele Menschen im Osten ohne Arbeit und orientierungslos gewesen. Ein Teil von ihnen sei anfällig für einfache Wahrheiten und für Schwarz-Weiß-Denken gewesen. 

Die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl forderte unterdessen eine Umkehr in der Asylpolitik. Pro Asyl erinnerte in Frankfurt am Main daran, dass nach den Ausschreitungen das deutsche Asylrecht verschärft worden war. "Das Rostocker Pogrom steht bis heute für das Zusammenwirken von Politik und dem rassistischen, gewalttätigen Mob der Straße", erklärte die Organisation. Seither solle die Drittstaatenregelung Schutzsuchende von Deutschland fernhalten. 

Nach Überzeugung des Vorsitzenden des Vereins Aktion Courage, Sanem Kleff, waren die damaligen Ereignisse indes auch "die Geburtsstunde einer Zivilgesellschaft im gerade geeinten Deutschland". Es habe die Erkenntnis Raum gegriffen, dass die Bekämpfung des Rechtsextremismus nicht mehr allein dem Staat überlassen werden dürfe, sondern dass sich die Bürger aktiver für den Schutz der Republik einsetzen müssten. So sei 1992 der Verein Aktion Courage e.V. gegründet worden, dessen wichtigstes Projekt das Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist. 

Innenminister Lorenz Caffier: "Sich zu Fehlern bekennen"

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sagte in Schwerin, der 20. Jahrestag der damaligen Ereignisse müsse Anlass sein, sich zu Fehlern zu bekennen. Dass die Situation in Rostock-Lichtenhagen damals eskalierte, habe mehrere Gründe. Unter anderem habe es ein "Ping-Pong-Spiel" zwischen Innenministerium und der Kommune hinsichtlich der Verantwortlichkeit gegeben. Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock hätte wesentlich eher aufgegeben werden müssen. Die Polizei habe zu wenig Führungskräfte im Einsatz gehabt und sei technisch nicht entsprechend ausgerüstet und ausgebildet gewesen. 

Vom 22. bis zum 26. August 1992 ereigneten sich im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. 150 Menschen gerieten in akute Lebensgefahr. Zu den Tätern gehörten Neonazis aus ganz Deutschland. Die Krawalle einiger hundert Gewalttätiger wurden durch etwa 2.000 bis 3.000 Sympathisanten und Schaulustige vor Ort unterstützt.

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