Serie: 25 Jahre Mauerfall

Gemeindepartnerschaft lebt nicht vom Blick nach hinten

Mauerläufer (1989) von Juergen Lottenburger
Mauerläufer (1989) von Juergen Lottenburger© Jürgen Lottenburger / bpb / cc-Lizenz 3.0

09. Oktober 2014

Vor 25 Jahren fiel die Mauer - ein historisches Ereignis, auch für die Menschen in der heutigen Nordkirche. In einer Serie erzählen sie hier ihre Geschichte. Am 10. Oktober im Porträt: Klaus Freudenberg. Der gebürtige Dresdner lebt seit den 1960er Jahren in Stralsund. Über Jahrzehnte engagierte er sich dort in der evangelischen Kirche. Er erinnert sich - und richtet den Blick in die Zukunft.

„Für mich begann der Dialog mit dem Westen nicht 1989, sondern schon in den frühen 1980er Jahren”, erinnert sich der engagierte Christ. „Unsere Superintendenten in den Kirchenkreisen Stralsund und Hamburg-Blankenese hatten damals Kontakt aufgenommen. Die Freundschaft, die uns im Lauf der Jahre daraus erwachsen ist, dauert bis heute an. Obwohl wir alle älter geworden sind, treffen wir uns immer noch einmal im Jahr.“

Jeder Besuch war ein Abenteuer

In den 80er Jahren sei jeder Besuch der Blankeneser Gruppe in Stralsund ein Abenteuer gewesen, erzählt Freudenberg. „Unsere lieben Hamburger mussten ja erstmal die Grenze überwinden. Das hatte etwas Symbolisches. Es zeigte, dass wir uns nicht einfach auseinanderteilen lassen, dass wir als Christen zusammengehörten.“

Dieses Gefühl hielt auch nach der politischen Wende an. Obwohl die Lebenswirklichkeiten so unterschiedlich waren, standen die Gemeinden in einem offenen Austausch auf Augenhöhe. Freudenberg entsinnt sich, dass Blankenese damals die Verbindung nach Tansania aufbaute. „An sowas war bei uns nicht zu denken, jedenfalls nicht in dieser Weise. Wir waren schon beeindruckt von der lebendigen Gemeindearbeit in Blankenese.“

 

Immer wieder war die politische Situation ein Thema: „Jeder noch so kleine Hoffnungsschimmer wurde von uns allen umfassend reflektiert – da hatten die Hamburger ja oft einen anderen Informationsstand als wir,“ sagt Klaus Freudenberg. „Dadurch kam es immer wieder zum Dialog und zur Ermutigung.”

Ob es auch Missgunst gab? „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir uns auf einer Ebene begegnen. Allerdings habe ich auch nicht neidvoll darauf geblickt, dass es den Blankenesern anders ging. Ich sage bewusst nicht: besser. Ich glaube, dass wir im Osten mehr gewusst haben, was wir leisten und dass man das nicht an materiellen Dingen festmachen kann.“

Nach der politischen Wende haben alle erstmal aufgeatmet, erinnert sich Freudenberg. Manche seien durch die Ereignisse aber aus dem Tritt gekommen. Auch bei den Pfarrern sei Idealismus gewichen, der vorher Vieles am Laufen gehalten hatte. „Die Schwierigkeiten, die wir zu DDR-Zeiten in der Kirche hatten, schienen überwunden. Wir dachten, dass alles leichter und einfacher würde. Tatsächlich aber merkten wir schnell, dass wir mit unbekannten Situationen konfrontiert waren. Mit der neuen Arbeitslosigkeit beispielsweise. Damit hatten wir nicht gerechnet. Das Kraftfeld der Gesellschaft hatte sich komplett verändert, das galt auch für die Kirche.“

Klaus Freudenberg hält nichts davon, in alten Geschichten zu wühlen: „Richten wir den Blick möglichst nach vorne. Mittlerweile sind Jüngere in die Gemeinden Stralsund und Blankenese gekommen. Wir erinnern uns gemeinsam. Aber die Gemeindepartnerschaft lebt nicht vom Blick nach hinten”, hält er fest. „Wir haben neue Themen. Zum Beispiel, wie wir mit unseren verschiedenen Biografien die Zukunft unserer nunmehr gemeinsamen Nordkirche gestalten.“

Sakularisierung der Gesellschaft - wir haben heute neue Aufgaben

Die Säkularisierung der Gesellschaft ist ebenfalls eine Herausforderung. Da gebe es große regionale Unterschiede, sowohl in Mecklenburg-Vorpommern wie in Hamburg und Schleswig-Holstein, sagt Freudenberg. „Meiner Meinung nach liegt das aber überall vor allem daran, wie die Kirche sich gibt.“ Die Kirche solle auf die Menschen zugehen. Man könne nicht darauf warten, dass die Leute von allein kommen. „Wenn sich die Kirche nicht in solidarischer Weise mit Menschen auf den Weg macht, dann kann es nichts werden.”

Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen

Eine kritische Anmerkung hat Klaus Freudenberg am Ende noch: „Wenn wir uns statt für Freiheit für Befreiung einsetzen, dann könnten wir auf vieles verzichten. Freiheit ist heute in anderer Weise aktuell als 1989. Theoretisch ist neuerdings fast alles möglich. Aber „Freiheit“ ist auch ein Deckmantel, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die Kirche muss sich auf Fragen der Gerechtigkeit einstellen. Das ist eigentlich eine Verpflichtung, wenn man sich unsere christliche Botschaft ansieht. Sind wir bereit, die große Maxime der Bundesrepublik, nämlich die Besitzstandswahrung, in Frage stellen?“

Hier, an dieser Stelle sieht er den Osten und den Westen wieder in einem Boot. Das gemeinsame Projekt, Kirche und Gesellschaft zu gestalten, könne gerade durch die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Biografien und Lebenswirklichkeiten eine Freiheit des Denkens fördern. „Diese Freiheit brauchen wir dringend.” 

Das Gespräch führte Silke Ross. Redaktion Doreen Gliemann.

 

Im Porträt

Klaus Freudenberg, Jahrgang 1938, studierte Wasserwirtschaft in Dresden. Seit den 60er Jahren lebt er in Stralsund und engagiert sich dort in der evangelischen Kirche, weil für ihn Christ sein und gesellschaftliches Engagement zusammen gehören. Bis vor wenigen Jahren leitete er ein Umweltplanungsbüro, das er nach der Wende aufgebaut hat. Heute ist er im Ruhestand. 

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