14. April 2019 | St. Marien zu Lübeck

Glocken haben einen Zauber

14. April 2019 von Kirsten Fehrs

Palmarum, Glockenweihe in St. Marien, Predigt zu Jesaja 50, 4-6

Der Friede Gottes sei mit uns allen. Amen

So feierlich ist dieser Moment. Friedvoll. Berührend.
Glocken haben einen solchen Zauber!
Sie rufen, mahnen, verbinden sich und uns in einem ganz eigenen Klang.
Erst beginnt eine, die kleinste, mit glasklarem Ton.
Und kaum dass er verklingt, kommt der nächste und wieder der nächste…
Schon setzt die zweite Glocke ein.
Im Duett läutet sie mit der ersten,
mal gleichzeitig, mal im Wechsel mit ihr,
als würden sie tanzen, die zwei.
Dann fällt die dritte Glocke ein, dann die vierte, bis alle neun
kraftvoll und machtvoll der Stadt ihren Klang geben.
Es läutet, schwingt und klingt und tönt und dröhnt und hallt und schallt.
All die Häuser und die Straßen,
all die Menschen und ihr Tun und Lassen,
alles ist eingehüllt in diese Musik der Glocken.
Sie geben der Stadt guten Ton.
Jede Stadt braucht das: den guten Ton. Zu ihrem Besten.

Liebe Festgemeinde zu Palmarum 2019,
sie sind da, die beiden neuen Glocken im Nordturm, was für eine Freude! Die kleinste, die Glocke der Gastfreundschaft, ein „b“. Und die zweitkleinste, die Ratsglocke, ein echtes „as“. Beide zusammen wiegen nur 1.033 Kilogramm, geradezu zierlich, die beiden. Aber einen Klang haben sie! Die Stadt Lübeck wird ihren guten Ton nun noch strahlender zu hören bekommen…
Ganz herzlich danke auch ich Prof. Dr. Otte und allen, die es in St. Marien samt Bauverein möglich gemacht haben, dass wir heute die Ratsglocke und die Glocke der Gastfreundschaft weihen. Zwei Glocken mit einer wunderbaren Symbolik, die buchstäblich das Miteinander betont inmitten einer Gesellschaft mit viel zu viel Gegeneinander. Ich danke Ihnen von Herzen dafür und auch, dass ich dabei sein darf an diesem wahrhaft besonderen Tag.
Das ist ja die Einweihung einer neuen Glocke sowieso immer.
Aber in dieser Kirche und an diesem Sonntag, dem Palmsonntag, der sich so tief in das Gedächtnis der Stadt Lübeck eingebrannt hat…Das ist schon etwas sehr Besonderes.
Als ich in der Sexta war, sind wir – wie wahrscheinlich die meisten Schüler in Schleswig-Holstein – beim Klassenausflug hier in Lübeck in St. Marien gewesen. Nie werde ich vergessen, wie erschrocken und beeindruckt wir von den heruntergestürzten Glocken dort im Südturm waren. Zerschmettert auf dem Boden, gebrochen das Fundament, rundherum der Totentanz und zugige Kälte… diese Glocken haben mehr erzählt von den Verwundungen durch Bomben und Krieg als manche Geschichtsstunde.
Und so bin ich – wie wahrscheinlich Sie alle hier – emotional sehr berührt und vor allem zutiefst dankbar, dass die neuen Glocken wieder vervollständigen, ja vielleicht sogar versöhnen, was in dieser schrecklichen Nacht zu Palmarum 1942 zerbrochen wurde. Zerbrochen in St. Marien und in dieser Stadt mit dem Verlust so vieler Menschenleben. Aber auch durch die Nazidiktatur mit dem Verlust von Anstand und Menschenrecht, von Christenmut und Wahrheitsliebe. Auch deswegen ist es heute so bewegend und feierlich, den vollen Neun-Glocken-Klang zu hören, der unbeirrbar von Frieden spricht und Freundschaft, von der Liebe, die den Hass überwindet.

Das große, festliche Geläut also heute! Und nicht nur heute – feierlich sind ja so viele Anlässe in unserem Leben, in denen die Liebe Regie führt. Eine Hochzeit. Konfirmation – gerade an Palmarum. Weihnachten, Ostern, andere große Feste.
Mit herausgeputzten Menschen und fröhlicher Stimmung. Mit Palmzweigen, Jubel und Hosianna-Rufen. Menschen, die das Leben feiern und Großes erwarten, wie damals in Jerusalem, als Jesus einzog und Erwartung in der Luft lag. Und Hoffnung! Zukunft. Großartige Klänge braucht´s zu großen Momenten: Das schaffen Glocken.

Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe einer Glocke: dem Leben einen guten Ton geben. In jeder Lage, nicht nur wenn es schön ist. Denn sie mahnt ja auch und sie warnt, vor Sturm und vor Feuer. Sie ruft – zum Gebet und uns zur Besinnung. Und nun, lieber Bürgermeister Lindenau, ruft sie vielleicht wieder zur Ratssitzung?
Glocken geben dem, was geschieht in unserem Leben, ihren guten Ton. Denn sie machen hörbar, dass es viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was wir in menschlicher Kraft bewirken könnten. Sie erinnern an Gottes Kraft und Segen für die Stadt und für ihre Menschen. Dass sie das Beste für die Stadt suchen mögen. Stets und immer. Und zwar für alle Menschen. Für diejenigen, die in dieser Stadt zu Hause sind und sie repräsentieren: Dafür steht die Ratsglocke.
Und genauso für diejenigen, die nicht oder noch nicht dazugehören, die Gäste, die freundlich empfangen und beherbergt werden wollen: Dafür steht die Glocke der Gastfreundschaft.
Sie klingen jetzt gemeinsam mit den anderen sieben, die Frieden heißen und Versöhnung, Gnade und Hosanna, also: hingebungsvolles Loben. Dass all das zum guten Ton der Stadt gehört, liebe Lübeckerinnen und Lübecker, dazu kann man Ihnen nur gratulieren!

Doch ist guter Ton nicht selbstverständlich. Wir brauchen nur hinzuhören. Abwertung, Ungeduld, Aggression, immer ungehemmtere Wut – der Zusammenhalt der Menschen und ihre Gastfreundschaft können auch müde, der Ton sauer werden. In unseren Städten und unserem Land. Besonders besorgniserregend aber ist, wie derzeit in Europa die national-feindselige Tonart zunimmt, liebe Gemeinde. Von einem Brexit, der ein ganzes Land bis in die Familien hinein in zwei verhärtete Lager spaltet, nicht zu schweigen.
Nein, alle neun Glocken braucht´s heutzutage, in dieser europäisch verbundenen Hansestadt, regelmäßig, mit ihrem Rhythmus. „Gott der Herr hat mir einen Klöppel gegeben, dass ich wisse, für die Müden zu rechter Zeit zu läuten.“ So ließe sich der Predigttext, den wir vorhin gehört haben, aktuell deuten.
Denn in diesen Worten des Propheten Jesaja geht es auch um einen, der in schwerer Zeit die Aufgabe hat, Mut zuzusprechen. Inmitten der Bitterkeiten des Exils in Babylon. „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, … dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“
Mit den Müden reden! Und nicht aufhören damit. Dieser sogenannte Gottesknecht gibt nicht auf. Die Hoffnung nicht und seine Mitmenschen auch nicht. Ich will an ihrer Seite bleiben, sagt er. Will sie erinnern – an den guten Ton des Lebens, den Gott einst angeschlagen hat. Wie mit einer Glocke.

Der Gottesknecht weiß, wie unglaublich müde man werden kann. Hoffnungsmüde. Zukunftsmüde. Friedensmüde. Er kennt Schläge, die keine Glockenschläge waren. Er kennt Schmach und Scham, hat Feinde, die ihm sein Recht nehmen wollen. Hart geworden wie ein Kieselstein ist sein Gesicht – so angefochten ist er und gebrochen, wie Jesus am Gründonnerstag und am Karfreitag.
Am Boden zerstört, der Gottesknecht.
Am Boden zerstört – so wie die Glocken im Südturm, die Kinder schon an Krieg und Zerstörung erinnern. Und eben nicht nur an die äußere Zerstörung der Stadt. Sondern auch an die innere Zerstörung, die Menschen so lange in sich getragen haben und manche weitergaben von Generation zu Generation. Die Angst, den Schrecken, das Verstummen. Das Trauma.
Auch das gehört zu dieser Stadt, dass das „Gute“ im Ton sich immer wieder einen Weg suchen muss durch dunkle Erfahrungen, in denen etwas zerbrochen ist. In einem modernen Kirchenlied ist das schön beschrieben:
„Ich will gegen das Geläut der Leute mein Geschweige stimmen.
Ich will gegen das Gedröhn der Bomben meine Träume summen.
Ich will gegen das Geleucht der Lichter meinen Dunkelheiten trauen.
Ich will für die große Flut der Tränen eine Freudenmauer bauen.“

Die Glocke gibt Kraft dazu. Denn ihr Klang kann unsere Seele ganz besonders tief berühren. Manchmal gar erreicht er die Tiefe eines Schmerzes. Und so können Glocken etwas lösen. Können sanft in Bewegung setzen. Rufen dich, ganz individuell. Rufen vielleicht auch etwas in dir wach?
Alte Sehnsüchte, Träume? Pläne. Wünsche. Gott weckt dies alle Morgen… So viel liegt in uns, ich bin sicher, was geweckt werden will. Das eine Wort, das jemanden versöhnen könnte. Das Lied, das dem Kind Mut macht. Der Traum von Europa, der Verbündete sucht. Der Neubeginn, der jedoch zuerst einen Abschied braucht.
Gott „weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr“, so singt es das Lied des Gottesknechts, „dass ich höre wie die Jünger hören.“
Hingehört, heißt das, aufgewacht! Aufmerken mit all unseren Sinnen und aufstehen! Schläfst Du etwa noch?! Meister Jacob, und Du! hörst du nicht die Glocken?
Die Ratsglocke – sie ruft dich hinein in die Verantwortung für das Beste der Stadt, und heraus aus dem Rückzug ins Private oder in die Verdrossenheit! Die Glocke der Gastfreundschaft – sie erinnert, dass Gäste zu Engeln werden können. Ist das nicht eine großartige „Erweckung“, im Fremden Gottes Segen zu entdecken?

Nein, wir dürfen nicht müde werden, liebe Geschwister. Wir dürfen nicht müde werden, dafür einzustehen, was der Glockenklang in sich vereint:  Versöhnung, Frieden, Freundschaft und Hosanna!
Denn ja, es beginnt erst einmal nur eine, die kleinste. Aber sie bleibt nicht allein.
Glocke für Glocke gesellt sich dazu. Neun Glocken, das überhört doch keiner!
Nächsten Sonntag wird das so sein, zum Osterfest.
Neun Glocken werden das neue Leben einläuten.
Sie werden davon erzählen, dass die Liebe den Tod besiegt hat.
Trauer und Resignation haben nicht das letzte Wort.
Sie werden beschwingt einladen zum Feiern und Freuen!

Aber erstmal, jetzt, heute
ist die Stille Woche eingeläutet.
Heute erklingen auch die leisen Töne,
die den Gebrochenheiten des Lebens zu ihrem Recht verhelfen.
Und unser waches Ohr hört genau:
Die Glocken werden langsamer.
Ihre Töne werden leiser, zögern, lassen auf sich warten.
Glocke um Glocke verstummt.
Und am Ende: gespanntes Lauschen.
Kommt da noch ein Ton?
Oder war das eben der letzte?

Der Friede bleibt, höher als alle Vernunft.
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

 

Datum
14.04.2019
Quelle
Stabsbstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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