28. Januar 2018 | Dom zu Lübeck

Gott bereitet uns den Weg in eine solidarische Welt

28. Januar 2018 von Kirsten Fehrs

Septuagesimae, Predigt zu Jeremia 9, 22 f.

Liebe Gemeinde,

rühme dich nicht. Weder deiner Weisheit, noch Stärke noch deines Reichtums. Fünfmal wiederholt der Prophet Jeremia das Wort. Rühme dich nicht, denn: es ist alles nicht dein Verdienst!

Verstanden!, möchte man Jeremia entgegenrufen. Sich selbst rühmen – also angeben und einen „auf dicke Hose“ machen, weil die Taschen vor Geld überquellen –, das geht gar nicht. Das wissen wir Protestanten allemal. Wir haben eine empfindliche Nase, wenn Eigenlob seinen Geruch entfaltet. Und insofern sind weder Sie noch ich so einfältig, sich vor anderen zu rühmen, wie witzig, schlagfertig, klug und überaus einfallsreich man wäre. Und also ist auch im urprotestantischen Gepräge Lübecks hanseatisches Understatement geradezu in die DNA der Stadt eingewoben. Auch wenn man sich…bei aller Selbstkritik, versteht sich – erlaubt darauf hinzuweisen, dass einem dies oder das auch einmal gelungen ist. Und dann schmunzelt man ein wenig ertappt. Weil ja eigentlich in jedem diese menschliche Sehnsucht wohnt, geliebt und geachtet und bedeutsam zu sein. Gesehen zu werden mit dem, was man geleistet hat. Anders als es ja den Weingärtnern ergeht. Und so trifft Wilhelm Busch so herrlich selbstkritisch den Kern der uns innewohnenden Dialektik.

Die Selbstkritik hat viel für sich
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Sich zu rühmen hat viele Facetten. Und Jeremias Worte bekommen auf einmal Tiefgang, wenn man sich den hebräischen Begriff einmal genauer anschaut. „Hallel“ bedeutet nämlich eigentlich ganz positiv gewendet: auf etwas stolz sein. Indem man sich der eigenen Stärken durchaus bewusst ist. Dankbar selbst-bewusst.  Hallel – es gibt Grund, über sich selbst zu jubeln, ein Halleluja auf sich selbst singen. Allerdings nicht als Echoraum der Selbstbestätigung, wie toll man ist. Sondern indem man sich im doppelten Sinne des Wortes „verlässt“. Sich also mit all seinen von Gott geschenkten Gaben auf seine Nächsten besinnt. Auch weil man merkt, dass man sich nicht selbst umarmen kann und segnen.

Jeremia hatte im 6. Jahrhundert v. Chr. wenig Grund für ein Hallel. Er klagt vielmehr. Übt fundamentale Zeitkritik, und die ist verstörend aktuell. Es gibt kaum einen Propheten, der so intensiv in eine Welt hineinspricht, ja hineinruft, die aus den Fugen zu geraten droht.  Vor den Grenzen des Königreiches Juda steht die antike Supermacht Babylon, die alle Völker in der Umgebung unterworfen hat. Schlimmer aber noch als diese äußere Bedrohung  ist die innere Krise des Landes und der Gesellschaft. „Sie gingen mit bösen Dingen um, schimpft er. … und halfen den Armen nicht zum Recht.“ Jeremia klagt vor allem die Eliten an, die Priester am Tempel, die politisch Verantwortlichen, die falschen Propheten. Während sie alle nur die äußere Gefahr sehen, sieht Jeremia die Ursache der Krise. Alles ist verdreht und verkehrt. Die Menschen beten Gegenstände aus Metall und Holz an, sind stolz auf ihre eigenen Schöpfungen, vor allem aber auf sich selbst. Sie vergessen dabei die Schwächeren. Halten sich für unbesiegbar. Sie stehen darüber - und irgendwann gegen alle anderen.

Ganz fremd ist uns das heute nicht. Der Nationalismus in Europa und weltweit nimmt in beängstigender Weise zu. Dabei war es eine der großen Leistungen nach dem Zweiten Weltkrieg, dieses zerrissene Europa zu einen. Nach unvorstellbaren Gräueltaten so lange den Frieden zu halten.

Gestern haben wir der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 und damit all der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Jüdische Kinder, Frauen, Männer. Christen auch. Sinti und Roma. Menschen mit Behinderung. Homosexuelle. Politisch Andersdenkende. Frauen und Männer im Widerstand. An so vielen Orten haben wir  ihrer gedacht – auch hier im Dom. Wir haben an sie erinnert, geklagt, nach Worten gerungen, alles, damit die unglaublichen Schrecknisse und Abgründe nazistischer Rassenideologie niemals vergessen und verschwiegen werden. Nie wieder – das ist die Botschaft.

Wir wissen nur zu gut, dass auch etliche in unseren Kirchen sich haben verführen lassen. Von Macht. Ruhm. Der „neuen Zeit“. Wir wissen – heute! -  dass gerade wir Protestanten hätten mutiger widerstehen, klarer Widerworte sprechen und inständiger hätten beten müssen. Und dass wir der Gleichschaltung in den Kirchen Hausverbot hätten erteilen müssen. Der Lübecker Oberkirchenrat Sievers unterzeichnete als einer von sieben Kirchenleitern in Deutschland die „Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden“. Darin heißt es: „Eine deutsche evangelische Kirche hat das religiöse Leben deutscher Volksgenossen zu fördern. Rassejüdische Christen haben in ihr keinen Raum und kein Recht. Die unterzeichnenden deutschen evangelischen Kirchenleiter haben deshalb jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben. Sie sind entschlossen, keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden.“

Auch das, all das gehört zu unserer Geschichte. Es bleibt unser historisches Erbe: Wir leben in Deutschland nach Auschwitz.

Viele mögen das nicht mehr hören. „Irgendwann muss doch Schluss sein“, sagen sie. „Gibt es denn nicht genug, auf das wir auch stolz, dessen wir uns nicht auch rühmen dürfen?“ Die anderen erschreckt das. „So wenig man Trauer verordnen kann, so wenig kann man sie verbieten“, sagen sie. Es darf uns nicht unberührt lassen, was Menschen erlitten haben, weil wir sonst vergessen, wozu andererseits Menschen in der Lage sein können.

Gestern hier im Dom, im Ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Shoa, gab es erstmals in Lübeck eine jüdisch-christliche Dialogpredigt. So viele Jugendliche haben zugehört. Waren berührt von dem Leid und der Traurigkeit, aber auch gestärkt durch die Gemeinschaft über die Generationen und Religionen hinweg. Denn alle hier sagten allein mit ihrer Anwesenheit: „Nie wieder!“ Und so wird es weitergehen und muss es weitergehen, das Holocaustgedenken, auch 80 Jahre danach. Auch durch die nachfolgenden Generationen.

Und es kann nur weitergehen, wenn man Worte sucht. Immer wieder. Auch für den Schrecken. Über die authentischen Berichte der Zeitzeugen hinaus. Worte, die unsere jungen Menschen erreichen. Indem man einander im Dialog aufsucht, weil man den Frieden will.

Denn sine vised verbo. Nicht mit Gewalt, sondern mit dem überzeugenden, überzeugten Wort. Das gilt seit Luther für uns, gerade uns Protestanten. Mit dem Wort gilt es, zu protestieren. Gerade denen zu wehren, die töten. Die auch heute töten. Die mit Waffen töten, in Afghanistan, im Jemen, in Syrien. In Amokläufen. Oder – subtiler – mit schneidenden Worten. Etwa im Internet. Kaum zu fassen, mit welcher „Wort-Gewalt“ sich Menschen austoben. Es gibt, liebe Gemeinde, tatsächlich so etwas wie einen Verbalradikalismus, der Menschen in den Tod treibt. Ungezügelt und brutal. Radikalismus ist näher an unserem Alltag als wir manchmal glauben. Und also: Es gilt – ungeahnt aktuell – sine vi sed verbo: Widerwort zu geben. Und dazu gehört, Worte zu suchen und auszusprechen, um vergessenen Opfern eine Sprache, ja ihre Geschichte zurück zu geben. Sie beim Namen zu nennen. Sie zu rühmen, indem wir Gottes Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit loben.

Während meiner Vikariatszeit waren wir 1989 in Theresienstadt. Besonders nachgegangen sind mir die Kinderzeichnungen dort. Sie waren so erschütternd fröhlich. Mit Blumen und Schmetterlingen. Einer Vase auf dem Tisch. Bilder voller Alltäglichkeit. Auf einem Bild, es ist mir richtig im Herzen geblieben, sieht man nur einen kleinen, braunen Koffer. Auf dem Koffer steht mit weißer Farbe geschrieben „Leah Süß“.

Wir wissen alle, liebe Gemeinde, dass diese Koffer nie ausgepackt wurden. Dass auch die Namen nie wieder gerufen wurden. Keine Leah. Sarah. Jakob. Aus den Namen wurden Nummern. Millionen, heißt es. Millionen kamen um in den Vernichtungsmaschinerien nazistischer Diktatur. In einem System, das es perfektioniert hatte, sich selbst zu rühmen, das Ruhm und Ehre pervertierte und in den Mittelpunkt stellte. Das Barmherzigkeit und Gerechtigkeit unterdrückte und selbst kleinste Kinder mit Füßen trat.

Sine vi sed verbo. Es ist dran, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Grundwerte zu rühmen. Unsere Gesellschaft braucht gute Worte, um gegenzuhalten gegen schleichende Bosheit. Und immer lauteren Antisemitismus. Den es wirklich gibt – kürzlich sah ich in einem Video, wie ein jüdischer Gastwirt in Berlin minutenlang von einem Passanten angeschrien, bepöbelt, angespuckt wurde. Sie glauben gar nicht, liebe Gemeinde, wie furchtbar real auf einmal so ein Wort wie „Antisemitismus“ wird. Es braucht klares Widerwort gegen die, die uns heute Angst machen. Vor einigen Wochen haben wir deshalb in Hamburg als Vertreter aller großen Religionsgemeinschaften die Synagoge besucht, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Um deutlich zu sagen:  Wir stehen zusammen gegen Hass, Menschenverachtung und Antisemitismus. In Gottes Namen, des unaussprechlichen und uns allen zugewandten.

Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Gott-kennen, das ist klug. Lebensklug. Im Dialog gerade auch mit den Religionen. Denn das ist die Weite, die uns unsere Geschichte und der Prophet lehrt: Meinen Gott kennen, heißt ihn so zu bezeugen, dass immer wieder neue Gemeinschaft entsteht. Nicht Gräben aufreißen – sondern den anderen rühmen in seiner Barmherzigkeit. Halleluja – das ist der Ton.  Gegen all die Angstparolen und Hoffnungslosen, die sagen: was soll´s?

Halleluja. Denn Gott selbst bereitet uns den Weg in eine solidarische Welt.

Damit es nie wieder so sei wie damals.

Nie wieder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
28.01.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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