23. Juli 2017 | Dom zu Lübeck

Gottes Gegenprogramm

23. Juli 2017 von Kirsten Fehrs

6. Sonntag nach Trinitatis mit einer Predigt zu Jes 43, 1-7

Liebe Gemeinde,

Neugeborene bekommen als erstes einen Namen. Möglichst einen besonderen, unverwechselbaren: Ben, Johanna, Laura Jane. Der Name ist Ausdruck der höchst eigenen Menschenwürde. Der einmaligen Persönlichkeit. Der Herkunft auch. Deshalb ist der Name bisweilen eine schwierige Geburt. Soll er doch zärtlich das Kind umhegen, ein Leben lang, und etwas aussagen und gefallen und nicht unschön abgekürzt werden und was nicht alles. Namen sind eben auch Programm.

Ebenso ist’s mit dem Allerhöchsten höchstselbst. Als Mose nämlich Gott nach seinem Namen fragt, antwortet der: „Ich bin der ich bin“ oder, noch besser übersetzt: „ich bin der ‚ich bin da‘. Meint: Gott ist präsent. Gegenwärtig. Und er ist zugleich in Bewegung, geht mit, wo wir sind - ob in der Fremde, in der Not, auf der Lebenssuche, beim Verlieben, auf dem Sterbebett. Und so hat auch Jesus als Gottes Sohn diesen Namen gelebt. Als Jeschua, d.h. Gott ist Retter. Indem er ausnahmslos jedem Zuneigung entgegenbrachte, den Ausgestoßenen und Verletzten zuallererst. Und Jesaja nun – wir haben es eben gehört – begründet das mit Gottes Wort. Seinem Wort, das alles Leben schuf: Weil du, spricht Gott, in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Diese Worte totaler Zuneigung sollten wir uns täglich dreimal positiv zumuten, liebe Gemeinde! Diese unbeirrbare Lebensliebe ist das Gegenprogramm Gottes in einer Welt, in der so viel gekämpft, vernichtet, kalkuliert wird und viel zu wenig geliebt.

Auf dieses Programm sind wir getauft. Auf seinen Namen, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und so haben wir als Getaufte genau dies zu bezeugen, inmitten dieser Welt: Gott ist gegenwärtig! Mit seinem Programm, das diese verstörte Welt immer wieder hören muss! Mit dieser inneren Überzeugung finde ich mich beim Kirchentag ein zu einer Friedensandacht mit den Pfadfindern. Ich soll sie halten im Lustgarten in Berlin. Genau zu dem Zeitpunkt, am Freitag um 12 Uhr, an dem in einer Schweigeminute kirchentagsweit der Flüchtlinge gedacht werden sollte, die vor den Außengrenzen Europas zu Tausenden umgekommen sind. Sie, die von Osten, Westen, Süden her aufgebrochen sind und samt aller Hoffnung untergingen. Schweigen also, weil man ihre Namen nicht mehr rufen kann – solch Jammer braucht die Stille.  

Stattdessen: Betrieb. Lärmende Touristenströme, die den Lustgarten durchpflügen. Die winzige Bühne der Pfadfinder ist kaum zu sehen und steht überdies mitten auf dem Fahrradweg. Perfekter Standort, denke ich… Dauerhaft werden wir beschallt von einem wahnsinnig machenden Dudelsackspieler.

Und so stehen wir – wir sind vielleicht 30 Personen, orangebetucht und unterschiedlichsten Alters – und schweigen.

Doch keiner hört uns.

Aber nun, nun gibt‘s ja noch meine Ansprache! Die Worte allerdings, die ich mir ausgedacht habe, fühlen sich auf einmal so abseitig an. Nicht weil es inhaltlich irgendwie falsch gewesen wäre, sondern weil die gesamte Situation so absurd ist: Ich komme mir vor wie am Speakers Corner. Zunächst andachte ich noch tapfer weiter – doch als ich gerade die Tageslosung mit etwas unsicher gewordenem Pathos zitiere: „Betet an den, der Himmel und Erde gemacht hat!“, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie auf einmal ein Fahrradfahrer anhält, absteigt und mich total verstört ansieht, als hätte er eine Erscheinung. Und ich höre ihn geradezu denken: „Wie merkwürdig ist das denn...“  und ich denke zurück: „Du hast sowas von recht.“

Nun kann man sachlich anführen, dass vielleicht dieser Standort für Andachten suboptimal ist. Dass eine bessere Mikrofonanlage auch nicht geschadet hätte. Doch das eigentlich Wichtige war, dass das Eigentliche keine Rolle spielte. Es brachte keinen aus dem Konzept, was zum Trauern, Klagen, Jammern und Fürchten ist auf dieser Erde. Und es brachte erst recht keinen zum Innehalten, dass da irgendwer Deutungsworte sprach.

Es spiegelt, liebe Geschwister, genau diese Realität von Kirche in säkularem Raum wider. Mich treibt das schon seit langem um. Diese Diskrepanz zwischen ambitioniertem Selbstprogramm und  befremdeter Fremdwahrnehmung. Natürlich gibt es vieles, was mich in unserer Kirche ehrlich beeindruckt, weil es so gut gelingt. Und: mich nerven diese Abgesänge, allzumal wenn man eine so vielseitige Gemeinde erlebt wie hier am Dom zu Lübeck. So vieles Wichtige wird in unserer Kirche aufgenommen: Menschen, Themen, Kultur, die Kinder. Die Ungetauften auch. Alle, die persönliche und globale Katastrophen erleiden. Da leben ökumenische, spirituelle, diakonische Initiativen ohne Ende. Im Namen des Gottes, der die Welt und alle darin geschaffen hat.

Auf der anderen Seite aber nehme ich auch Abkapselung und Selbstgenügsamkeit wahr. Und ich fühle schon lange Zeit, dass wir uns mehr oder anders zeigen sollten. Als Getaufte auf seinen Namen haben wir doch eine prophetische Stimme! Genau so höre ich Jesaja. Und diese prophetische Stimme ist viel mehr als ein Appell. Sie ist viel inwendiger. Sie kommt zu sich selbst in dem Maße, wie wir die Menschen unserer Zeit bei ihrem Namen rufen und hinhören, was sie uns zu sagen haben. In dem Maße auch, wie wir uns in sie hineindenken – und fühlen, um herauszufinden, was sie fürchten. Oder wen sie lieben. Wir könnten gut mal hinuntersteigen von den Kanzeln und Bühnen, eher fragen als antworten oder gar belehren. Und genau diese Bewegung zur Seele des anderen hin heißt für mich: Position beziehen. Sich aussetzen. Hinwenden. Mit dem Risiko, selbst angefragt zu werden und verletzbar zu sein.

Fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir, ermutigt Gott uns entgegen aller Verunsicherung und Resignation. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

Vor zwei Wochen beim G20-Gipfel – war so viel Feuer. Burning Hamburg. Unvorstellbar. Brennende Autos, brennende Barrikaden. Es war ein Ausbruch der Gewalt, wie ich ihn noch nie erlebt habe, enthemmte Hooligans, deren Motto „Welcome to hell“ schon ganz passend gewählt war. Ich stand während dieser Tage bis in die Nacht hinein im Kontakt zu drei Kirchengemeinden, die mitten in den betroffenen Stadtvierteln lagen. Darunter die St. Pauli-Kirche. Sie hatte ein Zeichen gesetzt, echte Prophetie 2017! Sie hielt nämlich mitten in all dem Unheil und all der Angst ihren Kirchgarten offen. Jeden Abend lud sie Nachbarn, Demonstranten und Polizisten gemeinsam an einen Tisch. Essen, trinken, einander halten, auch aushalten, beten, segnen. „Danke für die tolle Gastfreundschaft“, schrieb später ein Hundertschaftsführer der Bereitschaftspolizei an den Pastor. An der Kirche hatte die Gemeinde ein Banner aufgehängt: „Welcome to heaven“.

Fürchte dich also nicht, klar beim Namen zu nennen, was nicht zu tolerieren ist. Fürchte dich nicht, den Brandstiftern in unserer Gesellschaft die Stirn zu bieten! Mit Gottes Gegenprogramm: Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! Und zum Süden: Halte nicht zurück!

Ja, wir sind eine universale Familie. Nichts weniger. Eine geschwisterliche Gemeinschaft „all inclusive“. Mit einer tiefen Würdigung des jeweils anderen – so will es Gott. Hier liegt die Kraft unseres Glaubens, liebe Gemeinde. Dass wir uns nicht friedlos machen lassen durch Hetze und Hass, sondern überwinden, was ängstigt. Indem wir immer wieder die Begegnung suchen. Aktiv. Auch in einer verwundeten Stadt wie Hamburg im Moment. Und gerade mit denen, die wir nicht oder nicht mehr verstehen. Das ist das Programm. Getragen von der unbeirrbar positiven Annahme, dass in ausnahmslos jedem Menschen eine Antwort Gottes auf die Frage liegen kann, wo der Sinn ist und der Friede.

Es ist dran, der prophetischen Stimme mehr zuzutrauen. Und sich also nicht in Verlautbarungen zu verlieren, sondern Zeichen zu setzen. Unerschrocken Türen und Herzen zu öffnen!  Für das Andere im Anderen. Für die Begegnung zwischen Kulturen, Lebenswelten, Sehnsüchten, zwischen Alt und Jung, zwischen ihnen mit und ohne Handicaps. Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe. Geschaffen zu Gottes Ehre  -  ausnahmslos alle.

Dazu eine letzte Episode vom Kirchentag. Viel zu spät, total abgehetzt, angestrengt erreiche ich die Messehallen; es steht ein Interview von Café Inklusiv an.  Mich erwartet aufgeregt schon Michael. Er ist um die 50, teilweise erblindet und hat eine geistige Behinderung. Und: er ist schon ganz nervös, weil ich zu spät komme. Außerdem hat er vor Aufregung wegen dieses Interviews eine ganze Nacht nicht geschlafen. All das erzählt er mir, während wir zur Bühne gehen. „Jetzt machen wir aber alles so, wie ich das geplant hab´, sagt er. „Klar“, erwidere ich, „wer zu spät kommt, der fügt sich!“

Michael beginnt das Interview – mit einem Gebet: „Ich danke dir, Vater im Himmel, dass uns beim Kirchentag nichts passiert ist. Du begleitest uns, ohne dich kommen wir da ja auch gar nicht durch. Amen.“

Und ich denke: Junge, derweiß, was er beten soll! Just am Tag zuvor war der Anschlag auf die Kopten passiert. Dann stellt Michael seine Fragen: was man denn so tut als Bischöferin. „Beten“, sage ich, „gehört unbedingt dazu“. Und sein Gebet sei ein ganz besonders schönes gewesen. Da strahlt er und stellt weiter seine Fragen. Klug. Ein bisschen raffiniert auch. Und weil ihm das so sehr gefällt, beantwortet er die Fragen auch gleich selbst.

Als er durch ist, fragt er gespannt: „Na, wie fandst du mein Interview??!“ „Großartig“, antworte ich wahrheitsgemäß, „so ein tolles Interview habe ich wirklich noch nie erlebt!“   Und er, total aus dem Häuschen: „Ach, ich bin so froh, ich bin so glücklich… Und jetzt will ich dich segnen.“ Und dann hält er die Hand über mir und sagt: „Lieber Gott, wir bitten dich, begleite auch die Bischöferin, dass ihr ja nix passiert. Kannst sowieso nur du. Amen.“

Ich wünsche euch von Herzen, liebe Geschwister, dass Menschen immer wieder für euch beten und euch segnen. Dass sie Euch bei Eurem Namen rufen und damit Gottes Wort weitergeben: Ich bin bei dir. Gerade weil wir uns ja alle oft so abhetzen und uns vieles so schwach machen kann. Ich jedenfalls ging leichten Schrittes weiter. Mit neuer Kraft. Und einem tiefen inneren Frieden.

Höher als alle Vernunft. 

Amen.

Datum
23.07.2017
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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