20. Mai 2018 | Kirche in Hamm

Gottes Verheißung braucht uns

20. Mai 2018 von Kirsten Fehrs

Festgottesdienst zur 325-Jahr-Feier der Kirche in Hamm, Pfingstsonntag, Predigt zu Johannes 14, 23-27

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.
 

Frieden und Segen – das wünsche ich Ihnen allem voran, liebe Festgemeinde. Frieden und Segen zu diesem besonderen Jubiläum Ihrer Kirchengemeinde. 325 Jahre, das ist schon ein hammerstolzes Alter! Und wenn ich Sie als Gemeinde so anschaue in ihrer farbenreichen Vielfalt und Lebendigkeit, muss ich schon sagen: Sie haben sich wirklich gut gehalten… Was liegt näher, als die heute so spürbare Dankbarkeit in einem Pfingstgottesdienst zum Ausdruck zu bringen. Feiert Pfingsten doch nicht nur die Kirche in Hamm, sondern die christliche Kirche überhaupt ihren Geburtstag. Und also laden heute zwei äußerst agile, lebensfrohe Hochbetagte zum Geburtstagsfest. Zwei, die schon eine Menge hinter sich haben – und – bei allen Veränderungen – immer auch Verheißungsvolles vor sich. Das sollte man keineswegs zu wenig feiern, da bin ich Ihrer Meinung! Eine Festwoche ist das mindeste… Zumal es viel frische Luft gibt im Programm: Freiluftgottesdienst, Gartenfest, Stadtteilfest, Freiluftkino. Alle sind buchstäblich aus dem Häuschen und der Himmel geht über allen auf. 
Mit Pauken und Trompeten also soll gefeiert werden, samt Kantorei und HAMMonia-Chor und dieser großartig dargebotenen Pfingstkantate von Bach. Mit Klängen nämlich, die den Aufbruch wagen! Denn das ist Pfingsten: die Ermunterung durch einen stets neuen Geist, der wirklich weht. Vorzugsweise nach vorn. In die Neuigkeiten der Zukunft. Und da hat die Hammer Kirchengemeinde wahrlich Übung. So viel Veränderungen, wie sie über die Jahrhunderte hin progressiv vorangebracht, geschultert und sicher manches Mal auch durchlitten hat, ist sie mit die fortschrittlichste Gemeinde hier in Hamburg. Mutig wohl auch deshalb, weil all die Menschen, die seit 1693 in Hammer Kirchenbänken saßen, wussten: We´ll never walk alone. Wir gehen nicht allein. Wir sind gemeinsam mit Gott unterwegs in seines Geistes Gegenwart. Gut protestantisch. Und ökumenisch. Kirche mitten in der Metropole.

Mitten in Jerusalem vor über 2000 Jahren – da wehte dieser Geist der Erneuerung zum ersten Mal. Man weiß gar nicht wie, aber plötzlich ging ein Ruck durch die erste Christengemeinde. Eben noch wussten sie nicht, wie es nun nach Jesu Himmelfahrt weitergehen sollte, so allein und mit allen möglichen Baustellen. Ratlos und ein wenig unglücklich waren sie – aber nun, nun ist alles irgendwie klar. Sie schauen einander an – ihn da aus Pamphylien und sie dort aus Kappadozien neben dem Jungen aus Libyen, willkommen! – und sie empfinden so eine tiefe Verbundenheit und Zuversicht im Herzen. „Komm, du sanfter Himmelswind, wehe durch den Herzensgarten!“ – kommentiert die Kantate. Und dann fingen doch tatsächlich alle gleichzeitig an zu predigen. Eine hinreißende Vorstellung für so ein Jubiläum, liebe Gemeinde! Was wäre das für ein heiliges Durcheinander! Wie damals. Durcheinander waren sie nämlich auch deshalb, weil sie sich tatsächlich einmal verstanden! Mühelos haben sie in verschiedenen Sprachen gesprochen und einen gemeinsamen Geist gelebt. Integration – besser geht‘s nicht. Jede und jeder hatte Anteil am Wort Gottes und am Feuer der Liebe. Gleichberechtigt. So unterschiedlich sie waren, alle erlebten geradezu, was Jesus gemeint haben musste, als er seine Abschiedsworte sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

Wo die Liebe wohnt, da wohnt Gott, heißt das. Dort also, wo Menschen dankbar sind für ihr Leben und dass sie einander haben. Wo sie sich Sorgen umeinander machen und wo ein Wimpernschlag den anderen heiß rührt. Dort, wo das Kind zur Pfingstkantate tanzt und alle sich daran freuen, dort, wo zwei reden, um wieder zueinander zu finden, wo gekämpft wird für die verletzte Würde eines anderen, wo Menschen im Schweigen miteinander tragen, was keine Worte hat – überall dort, wo bei euch die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Da ist er gegenwärtig. Mit seinem Segen. Und seinem Frieden.

Meinen Frieden gebe ich euch. Jesus fasst unsere christliche Botschaft des Lebens in nur fünf Worte.Keine wortreichen Versprechungen, wie wir sie zuhauf auf dem Marktplatz der Welt hören, sondern Verheißung. Keine Vertröstung, sondern Trost. Weil eben keine Phrase, sondern Wahrheit. Was für eine Botschaft in diesen Zeiten, in denen Lügen und Fake News salonfähig zu werden scheinen. Durchschnittlich fünfmal pro Tag lügt der amerikanische Präsident. Wobei ja nicht allein die Lüge das Schlimmste ist, sondern das Verschwimmen dessen, was Wahrheit ist. Aufgewacht! Wir müssen uns hier gerade machen, liebe Gemeinde. Der Geist der Wahrheit liegt nicht im Echoraum der Selbstbestätigung. Er liegt in der Liebe, die immer den anderen sieht. Die versteht und verstehen will, was die anderen in ihrer Wirklichkeit umtreibt und besorgt, was sie dankbar macht oder trostbedürftig. Dafür stehen wir als Kirche – mitten im Stadtteil respektive mitten in dieser Welt! Kirche, die in dieser Zeit der vielen Umbrüche und Verunsicherungen konsequent Nächstenliebe lebt und Zuversicht.

Durch all die bewegten Zeiten hindurch eben: „Meinen Frieden gebe ich euch“

325 Jahre allein hier. In diesem Stadtteil, der ja verglichen mit anderen noch gar nicht so alt ist und doch innerhalb von drei Jahrhunderten zweimal nahezu komplett ausradiert wurde. 1813 war die Hammer Kirche das einzige Gebäude, das die französischen Truppen nach der völligen Zerstörung des Stadtteils stehen ließen, wenngleich als Ruine. Im letzten Krieg verbrannte dann auch sie im Feuersturm 1943 – mit samt den anderen Kirchen und den Schulen, den Wohnungen und Werkstätten und vielen, vielen tausend Menschen. Das Mahnmal vor der Kirche steht dafür, dies nie zu vergessen.

Hamm stand immer wieder auf, es ist ein Stadtteil der Innovation. Kein Zufall, dass Johann Hinrich Wichern hier das Rauhe Haus gründete. Und kein Zufall, dass die Gemeinde beim Wiederaufbau 1957 mutig einen der modernsten Kirchenbauten Hamburgs errichtete. Dreifaltigkeit bildet mit der Dankeskirche und Pauluskirche bis heute die Orte kirchlichen Lebens hier im Stadtteil. Ein Stadtteil, der inzwischen durch eine Vielzahl von Konfessionen und Religionen geprägt ist. Sichtbares Zeichen dafür ist etwa die Simeonkirche, die seit 2003 von der Griechisch-Orthodoxen Gemeinde mit Leben erfüllt wird.

Hamm wir was vergessen? Na sicher: das bunte kirchliche Leben jetzt! Ein Segen ist‘s, nicht nur für Hamm, sondern insgesamt für unsere Kirche und für diese Stadt, dass Sie mit so viel Wärme und Engagement so viel aufstellen für Kinder und Eltern, Jugend und Senioren. Danke dafür! Danke für inklusive Schule unterm Kirchturm, lebendige Gottesdienste und soziales Engagement, fürs offene Ohr für Ratsuchende wie Flüchtlinge. Und musikalisch ist´s hier ja sowieso vom Feinsten, wie zu hören war. Mit einer wunderbaren Kantorei der Großen und Kleinen.

Und wo ich nun schon so im Dankesschwung bin, danke ich von Herzen allen Ehren- und Hauptamtlichen jetzt und in den Jahrzehnten zuvor, die sich so eingesetzt haben, ja sich auch riskieren und für manch Problem ganz schön Nerven brauchen, danke den Pastoren und Pastorinnen (davon gibt´s und gab´s hier  ganz viele) heute und früher. Danke für Eure Liebe zur Eurer – und unserer Kirche. Und ich danke Gott, dass er Ihnen allen die Kraft gegeben hat für Ihr Tun. So dass Kirche in Hamm den Menschen nahe ist mit diakonischer Tatkraft und unbeirrbarem Friedenswort.

Über die Zeiten hin bis heute - meinen Frieden gebe ich euch. Auch die Menschen in Jerusalem damals, die unter der Gewaltherrschaft der Römer litten, haben ihn heiß ersehnt. Und also das getan, was eine besondere Kraft (nicht nur) unserer Religion ist: Sie haben das Leben gefeiert und für den Frieden gebetet.  „Was soll das denn bringen?“, mokieren sich bis heute die Skeptiker, die das am Rande des Geschehens beobachten. „Die haben wohl einen über den Durst getrunken?!“ Doch Irrtum! Das, was sie für einen Vollrausch hielten, ist in Wirklichkeit die heilsamste Ernüchterung, die unserer Welt je widerfahren ist. Nämlich die Einkehr göttlicher Geistesgegenwart in eine mehr oder weniger geistesabwesende Menschheit. 

Geistesabwesende Menschheit, weil ständig auf Sendung. Aber kaum noch auf Empfang. Zuhören ist in unserer Gesellschaft eine selten gewordene Kunst geworden. Zuhören, aufnehmen und verstehen wollen. Zuhören und hinsehen, was wirklich ist, nicht was man uns über Twitterkanäle vormachen will.

Und also schaue ich mich um und sehe, dass die Welt so zerrissen ist, getrennt durch Zäune und Mauern, in der die reichen Nationen für sich bleiben und die armen sich selbst überlassen. Dahinein (!) hoffen wir: Komm, du Geist der Gerechtigkeit.

Und ich sehe die Millionen in den Flüchtlingslagern der Welt. So viele Länder, in denen unzählige Christen verfolgt werden. An sie ist gerade Pfingsten zu denken und zu beten: O komm, du Geist der Barmherzigkeit.
Ich schaue mich um und sehe, wie eine Diktatur in Syrien nun schon sieben Jahre wütet, auch weil dies anderen Despoten nützt. Dahinein träumen wir: Ach komm, du Geist des Friedens.
Dahinein! Für mich macht dies genau unser Christsein aus: unsere Verheißung unbeirrt zu glauben und zu hoffen und zu träumen, und sie niemals kleinzureden. Nur so kann Versöhnung geschehen, nur so ringen wir darum, dass Fäuste sich öffnen und die Waffen schweigen, dass Gegner miteinander reden oder  - ich träume! - sogar gemeinsam beten. Ein interreligiöses Friedensgebet – was für ein Zeichen wäre das heute in diesem Jerusalem, wo alles begann! In diesem Heiligen und zugleich so unversöhnlichen Land. Ich bitte Sie, liebe Gemeinde, schauen wir es nicht nur an, was da in Gaza passiert, beten wir mit den Friedensstiftern!

Wir brauchen das Wort, das sich traut. Brauchen des Geistes Wahrheit inmitten der Realitäten. Und umgekehrt: Gottes Verheißung braucht uns. Hier in der Stadt. Als Pfingstbegeisterte. Als jung gebliebene Kirche und wache Zeitgenossin – wie hier in Hamm.

Gut dabei zu wissen ist: You´ll never walk alone. Mit uns zusammen ist Gottes Geist ganz da, ganz präsent in dieser Welt. Wie ein Freund an unserer Seite. Dabei schenkt er uns Gemeinschaft an Orten wie diesem hier: „Gott will die Seelen zu Tempeln bereiten“ – so vorhin der Choral. Und das bedeutet ja: Jede/r von uns ist ein jung gebliebener Teil dieser Kirche. Jeder Christ, jede Christin ein Tempel, jeder trägt in sich auch ein Gegenmodell zur Welt, wie sie ist. Nicht in Abgrenzung, sondern als Ansporn, als Inspiration, als Hoffnungszeichen für die Welt.
We´ll never walk alone. Gehen wir mutig in die nächsten 325 Jahre, liebe Schwestern und Brüder. Dass immer wieder frohe Pfingsten werde! Segen und Frieden sei mit Euch, Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Datum
20.05.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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