29. September 2018 | Lübeck-Travemünde

Gottesdienstlandschaften im Wandel

29. September 2018 von Hans-Jürgen Abromeit

Bericht aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern auf der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (gemeinsam mit Bischof Dr. von Maltzahn)

Bischof Dr. Andreas von Maltzahn:

Auch unseren diesjährigen Bericht vor dieser Synode wollen wir thematisch fokussieren. Was viele Gemeinden umtreibt, sind die Veränderungen in der Gottesdienstlandschaft.

Acht Befunde aus dem ‚real existierenden‘ Mecklenburg und Pommern:

  1. Zunächst einmal erstaunlich: Die Zahl der Gottesdienste nimmt ab, aber die Zahl der Feiernden bleibt stabil. 2016 zum Beispiel wurden in Mecklenburg rund 1250 Gottesdienste weniger gefeiert, aber die Zahl der Teilnehmenden stieg sogar um gut 6.000.[1] Nach der jüngsten Statistik liegt der durchschnittliche Gottesdienstbesuch im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern bei 4,3% der Gemeindeglieder und damit fast doppelt so hoch wie in Hamburg (2,3%). In Schleswig-Holstein sind es 2,0%.[2] Es zeigt sich: Die Zahl der Kirchenmitglieder ist zwar in unserem Bundesland deutlich geringer, ihre Bindung an das Format „Gottesdienst“ jedoch vergleichsweise hoch.
  2. Andererseits gilt: Der klassische Sonntagsgottesdienst ist – insbesondere in strukturschwachen, ländlichen Räumen – zumeist eine Veranstaltung von Wenigen. Der öffentliche Charakter eines Gottesdienstes ist oft nicht mehr erkennbar. Theoretisch steht der Gottesdienst zwar allen offen, ist jedoch liturgisch eher etwas für ‚Eingeweihte‘. Soziale Kontrolle ist in manchen Dörfern nach wie vor wirksam. („Rennst du jetzt auch zum Pastor?“); dazu das faktische Image („da sind die unter sich“) – all das sorgt an normalen Sonntagen eher für eine geschlossen wirkende Gesellschaft. Christian Möller hat in diesem Zusammenhang von der Gefahr der „Verwohnzimmerung“[3] der Kirche gesprochen.                                                       

Dabei geht es ihm nicht so sehr um die kleine Zahl, sondern um eine „Atmosphäre von Gleichgesinntheit und Gleichgestimmtheit…, die es einem Außenstehenden schwer macht, noch dazwischen zu kommen“.[4] Mitunter fallen Gottesdienste aus Mangel an Beteiligung aus. Oder die kleine Zahl lässt liturgische Vollzüge häufig nicht mehr stimmig sein. Jugendliche feiern normalerweise nicht mit – mit Ausnahme von Konfirmand*innen, die zu ihren Unterschriften kommen müssen.

Gottesdienste zu unterschiedlichsten Höhepunkten werden häufiger angeboten und gut besucht:

  • Gottesdienste zu Jubiläen großer diakonischer Einrichtungen;
  • anlässlich des Erntefestes (meint aber nicht den klassischen Erntedankgottesdienst);
  • zu Dorffesten – nicht nur zu runden Jubiläen.

Wir sind ein gutes Stück vorangekommen in der Wiedergewinnung des öffentlichen Raumes – gerade auch hinsichtlich der dörflichen Festkultur.

Gottesdienste für besondere Zielgruppen werden vermehrt gefeiert und sprechen erfreulicherweise auch Menschen an, die mit Kirche normalerweise nichts am Hut haben. Da gibt es unter anderem:

  • Hubertusmessen
  • Floriansmessen für Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr
  • Reitergottesdienst zu Ostern
  • zum Jubiläum der Maler-Innung
  • Töpfergottesdienst zum jährlichen Töpfermarkt
  • nicht nur Biker-, sondern auch Traktorengottesdienste mit anschließendem Rockkonzert im Pfarrgarten.

Gottesdienste an besonderen Ortenerfreuen sich zunehmender Beliebtheit:

  • Himmelfahrt unter freiem Himmel ist weithin üblich;
  • Seebrückengottesdienste an der Küste haben erstaunlichen Zulauf;
  • Sommergottesdienste in den privaten Gärten der Leute – und die Leute stehen Schlange, einmal mit ihrem Garten Gastgeber zu sein;
    Tauf-Feste an der Ostsee oder einem Binnensee.

Gottesdienste mit besonderem liturgischem Gepräge sprechen Hochverbundene, aber auch Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit an:

  • Passionsandachten reihum in der Region, in denen meditative Elemente und Symbolhandlungen an die Stelle der Predigt treten
  • Passionsandachten an Orten heutigen Leidens:
    • zum Beispiel an einer Kreuzung mit tödlichen Unfällen;
    • am ehemaligen Konsum, der als Ort der Kommunikation vermisst wird;
    • an einer Bushaltestelle, an der nur noch selten ein Bus hält und die dafür steht, dass Menschen sich von der gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt fühlen;
    • am Grab eines unbekannten Soldaten;
    • vor einer stillgelegten Schule;
    • auf dem Hof eines Milcherzeugers, der von seiner Arbeit nicht mehr leben kann.

An diesen Orten heutiger Leiderfahrungen wird von unterschiedlichen Akteuren jeweils ein Wort zur Sache und ein geistliches Wort gesagt und liturgisch aufgenommen – mit erstaunlicher Resonanz!

  • Thomas-Messe in der Nacht der offenen Kirche;
  • Friedens-Andachten im Bangen um den Fortbestand der  Werft;
  • Friedensgebete und  Andachten anlässlich von Aufmärschen und Demonstrationen oder nach einem Anschlag;

das klassische Taize-Gebet in abgewandelter Form: Ein Vierteljahr lang wird es einmal pro Woche in einem der Dörfer gefeiert, das nächste Vierteljahr dann in einem anderen – und einige aus dem ersten Ort, die diese Andachtsform liebgewonnen haben, machen sich auf den Weg an den neuen Ort.

Die Zusammenlegung von ‚normalen‘ Gottesdiensten führt meist nicht dazu, dass die Leute dann auch in den Nachbarort fahren. Das ist nicht nur eine Frage der Einstellungen oder Beweglichkeit. Die Leute sind ‚ihrem eigenen‘ Kirchgebäude hoch verbunden. Neue, kleine Gottesdienstformen, die Woche für Woche von Kirchenältesten in der örtlichen Kirche für geistliches Leben sorgen, sind noch nicht implantiert. Die Anzahl der Lektor*innen und Prädikant*innen ist stabil, deckt aber bei weitem noch nicht den Bedarf.

Schließlich ein Blick auf die Kasual-Gottesdienste:

  • Die Zahl der kirchlichen Trauerfeiern geht spürbar zurück – leider auch bei Verstorbenen, die zur Kirche gehören. Hier kommt die Entfremdung der nächsten Generationen zum Tragen.
  • Andererseits ist die Trauerfeier oft nach wie vor der bestbesuchte Gottesdienst auf dem Land und erreicht viele Menschen – auch jenseits der Gemeinde.
  • Vermehrt werden kirchliche Trauerfeiern für Menschen ohne Kirchenmitgliedschaft angeboten. Auch darum ist es gut, dass wir die Leitlinien kirchlichen Lebens im Sinne einer gastfreien, dienenden Kirche überarbeiten.

Eventkultur oder neue Achtsamkeit?

Wie sind die beschriebenen Entwicklungen zu deuten? Man kann die gottesdienstliche Hinwendung zu besonderen Anlässen, Orten, Liturgien oder auch an spezielle Zielgruppen wie Reiter und Liebhaber von Traktoren als ‚Einbruch des Zeitgeistes‘ geißeln. Vielleicht ist es jedoch etwas anderes – ein waches Wahrnehmen der Menschen in ihren Bedürfnissen und worauf sie ansprechbar sind, der Impuls, zu den Menschen hinzugehen und auch gottesdienstlich auf sie einzugehen.

Heinrich Rathke entwickelte auf der Bundessynode 1971 in Eisenach das Leitbild einer ‚Kirche für andere‘ und sagte dabei:

„Nur im Hingehen zu den anderen (Mission) erhält die Gemeinde sich selbst das Evangelium. ...Nur im Anreden der Anderen begreift die Gemeinde das Evangelium. So erst erweist sich, ob unser Wort verstanden wird und befreit oder ob wir Steine statt Brot austeilen. Es geht nicht nur darum, dass wir christliche Wahrheiten in der Sprache von heute ausdrücken und weitergeben und mit modernen Übersetzungen und Stilmitteln in der Kirche operieren. Wo das Wort des „Menschen für andere“ mich drängt, wirklich auf den anderen einzugehen, könnte es geschehen, dass erst dann beiden aufgeht, wie dieser Jesus unser Leben prägt (Mt 18, 20; Lk 24,31).[5]

Wenn dies der bewegende Impuls der Veränderungen ist – nicht nur Formen der Kommunikation des Evangeliums auf der Höhe der Zeit zu suchen, sondern darin auch das Evangelium von Jesus Christus für sich selbst neu verstehen zu wollen – dann kann ich solchen Impuls nur begrüßen.

Rahmenbedingungen für eine vielfältige Gottesdienstlandschaft

Es braucht eine ‚Kultur der Erlaubnis‘! Bedrückende Kleinst-Gottesdienste nicht krampfhaft durchhalten zu müssen, Schwerpunkte auch bei Gottesdiensten setzen zu dürfen, eine kreative Atmosphäre zu fördern, in der die Suche nach neuen Gottesdienstformen unterstützt wird – all das ist Aufgabe von Leitung. 

Und Gemeinden machen sich auf den Weg: Begleitet von Gottesdienstinstitut und Gemeindedienst wird zum Beispiel in der Unterregion Mirow/Wesenberg an einer gemeinsamen Gottesdienstplanung gearbeitet. Für die zwei Kleinstädte und 16 Dorfkirchen stehen nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Pastoren zur Verfügung. Zur Situation gehört aber auch: Regionale Gottesdienste werden gut angenommen. Zudem haben sich viele erfreuliche Einzeltraditionen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten herausgebildet. Ein Konzept „Kirche mit Kindern und Erwachsenen“ mit monatlichen Angeboten in der Region kann mangels Mitarbeiter*in zurzeit nicht verlässlich installiert werden. Darum wird angestrebt, die Beteiligungsmöglichkeiten Ehrenamtlicher zu erhöhen und Gottesdienste auch dadurch lebendiger und generationsübergreifender zu gestalten. Kein Gottesdienstort soll ganz aufgegeben werden. Veranstaltungen mit erwartbar geringer Resonanz sollen eher nicht geplant werden.

Das bedeutet: Im Normalfall werden zukünftig sonntagvormittags Gottesdienste in beiden Kleinstädten sowie in zwei Dörfern gefeiert. Ausnahmen stellen die Festzeiten dar. Hier sollen auch in vielen Dörfern Gottesdienste angeboten werden. Die bewährten Regionalgottesdienste werden verstärkt ins Programm genommen (jetzt 14 pro Jahr). Sie sollen von einem der Pastoren mit Ehrenamtlichen gemeinsam vorbereitet werden.

Apropos Ehrenamtliche: Sie auszubilden und zu begleiten, sie nicht als Lückenbüßer zu missbrauchen, sondern ihre Gottesdienste als kostbaren Dienst am Leib Christi zu achten – darauf kommt es an.

In Mecklenburg sind derzeit 62 Prädikantinnen und Prädikanten aktiv. Sechs Personen sind aktuell in der Ausbildung. Diese Zahl ist in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Das könnte an der begrenzten Zahl der Ausbildungsplätze in der Nordkirche liegen. Ob deutlich mehr geeignete Kandidatinnen zur Verfügung ständen, ist allerdings nicht genau erhoben worden. Die Zahl der Prädikantinnen und Prädikanten in Pommern liegt bei 24.

Hinzu kommen 147 Lektorinnen und Lektoren, die einen 5-Wochenend-Kurs absolviert haben. Sie leiten selbständig Gottesdienste. Die Lektoren-Kurse finden jährlich seit 2000 in Kooperation mit Lübeck-Lauenburg statt – in diesem Jahr mit immerhin 18 Teilnehmenden. Im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis zählen wir 30 - 40 Personen, die dafür ausgebildet sind, Gottesdienste anhand von Lesepredigten zu halten.

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit:

Nach dieser Momentaufnahme aus unserem Sprengel stellt sich die Frage: Was ist eigentlich ein guter Gottesdienst? Wir sind heute zehn Jahre nachdem das Thema Qualitätsentwicklung von Gottesdiensten durch den Reformprozess ‚Kirche der Freiheit‘ auf die Agenda innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland kam. Ich möchte Ihnen aus der Perspektive des Sprengels Mecklenburg und Pommern einige Beobachtungen mitteilen.

Grundsätzlich ist die ebenso nüchterne, einfache und darin geniale Formulierung Luthers bei der Einweihung der Torgauer Schlosskapelle 1544 wegweisend, nach der es einen Gottesdienst ausmacht, „dass darin unser Herr mit uns redet durch sein heiliges Wort und wir wiederum ihm antworten in Gebet und Lobgesang.“[6] Guter Gottesdienst ist also ein Dialog von Gott und Mensch. Guter Gottesdienst lässt sich also nur bedingt von Menschenhand machen, er geschieht viel mehr. Lässt sich überhaupt messen, ob ein Gottesdienst gut genannt werden kann? Das ist schwierig. Zahlen über Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher sind nur sehr eingeschränkt aussagekräftig. Viele unterschiedliche Faktoren spielen eine Rolle. Ist die Region kirchlich geprägt und hat einen traditionell hohen Gottesdienstbesuch oder nicht? Die bäuerliche Region um Altentreptow schaut da sehr anders aus als das traditionell unkirchliche Rügen. Ist die Gemeinde vielleicht touristisch stark frequentiert und damit besonderen saisonalen Schwankungen unterworfen? Das erleben wir vor allem in den Seebädern zwischen Boltenhagen und Ahlbeck. Die Voraussetzungen sind sehr verschieden.

Wir müssen also beides zugleich tun: Wir müssen die Empirie ernst nehmen und damit die Statistik. Zugleich dürfen wir sie nicht unreflektiert verwenden. Dazu ein Beispiel: Den Zahlen nach ist die Greifswalder Johanneskirchengemeinde in den vergangenen Jahren geschrumpft: Von 967 (9/2012) auf 822 (12/2017) Gemeindegliedern. Das entspricht einem Rückgang um 15%. Allerdings gilt dies nur für die Zahl der Kirchenmitglieder. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist zwischen 2010 und 2017 von durchschnittlich 61,4 auf 86,9 Personen gestiegen. Und, was mit Blick auf die Kirche der Zukunft besonders positiv ist: Die Zahl der Kinder ist in diesen Gottesdiensten, zu denen auch parallel Kindergottesdienste angeboten werden, im gleichen Zeitraum von 6,7 auf 13,7 gestiegen.

Wie wird ein Gottesdienst gut und attraktiv? Es gibt dafür kein Patentrezept, aber Merkmale.

Da liegt zunächst der Fokus auf der Predigt.  Es ist tatsächlich so: Der Predigt kommt nach wie vor größte Bedeutung zu. Wie sehr das zutrifft, konnten wir in der Weihnachtszeit des vergangenen Jahres erleben. Die Predigt des Berliner Pfarrers Steffen Reiche provozierte den Journalisten Ulf Poschardt von der Welt[7]. Es gab ein Rauschen im Blätterwald von der TAZ bis zur FAZ über die Frage, wie politisch eine Predigt sein darf. Die Aufregung zeigt: Die Predigt ist Ausdruck und Markenzeichen unserer evangelischen Kirche schlechthin. Für eine gute Predigt gilt nach wie vor Ernst Langes Definition: „Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben.“[8] Entscheidend ist also die Erfahrung: Ich bin gemeint! Pastorinnen und Pastoren erreichen das durch eine plastische Sprache und in besonderer Weise durch die freie Rede bei der Predigt. Der heutige Greifswalder Domprediger hat es einmal in der Zeitschrift chrismon zu einer besonders positiven Würdigung gebracht, da er in seiner damaligen Gemeinde in Heringsdorf eben frei gepredigt hat und trotzdem theologischen Tiefgang bewahrte.[9] Das deutet jedoch nicht zwangsweise, dass nun jeder frei predigen müsse. Entscheidend ist, dass der Hörer den Eindruck gewinnt: Die Predigerin ist im Gespräch mit mir.

‚Einladend predigen‘[10] ist zugleich der Titel einer Langzeitweiterbildung am Greifswalder Institut für die Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung. Hier arbeiten Predigerinnen und Prediger an ihrem ureigenen Tagesgeschäft, das zugleich anspruchsvoll ist. Vier Themen werden dabei bearbeitet: Erstens geht es um eine Theologie, die darauf aus ist, dass das Evangelium bei den Menschen ankommt, nicht nur (irgendwie) ausgerichtet wird. Zweitens braucht es eine Kultursensibilität für die Menschen der Region, in der Gottesdienst gehalten wird. Drittens wird an der Rhetorik gearbeitet. Und viertens bedarf es für einladende Predigten einer missionarischen Spiritualität. Dazu kommt, dass die Predigt nicht banal sein darf. Weiß die Predigerin oder der Prediger über Allgemeinplätze hinaus nichts zu sagen, werden die Gottesdienstbesucher nicht wieder kommen. Was ich einfacher in der Zeitung oder im Netz lesen kann, muss ich sonntags nicht von der Kanzel hören. Die konkreten Gemeindeglieder wollen mit ihrer inneren Welt im Gottesdienst vorkommen.

Glücklich die Gemeinde, die einen haupt- oder nebenamtlichen Kirchenmusiker, bzw. Kirchenmusikerin hat. Sonst ist schon hier Raum für Gemeindebeteiligung. Die Beteiligung als Lektorinnen und Lektoren oder als Mitbeter beim Fürbittengebet sind einfache, aber effektive Mittel, den Beteiligungsgrad zu erhöhen. Mindestens genauso wichtig sind diejenigen, deren Einsatz man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Die Küsterinnen und Küster und viele mehr, die sich um ein angenehmes Gottesdiensterlebnis bemühen und dies häufig ehrenamtlich oder für eine Aufwandsentschädigung tun.

Nun ist es nicht nur die Predigt allein, die uns das Evangelium nahe bringt. In ebenbürtiger Weise gilt dies auch für die Liturgie. Ich denke etwa an den Pastor auf Mönchgut, dem man abspürt, dass er sich in die liturgischen Abendmahlstexte hinein begeben und sie richtig durchgearbeitet hat. Seine Worte weichen manches Mal von der klassischen Liturgie ab, aber sie wirken, weil sie zugleich seine Worte sind und die des liturgischen Vorbilds. So wird er selbst zum Wegweiser in das Heilige, zum ‚Mystagogen‘ (Manfred Josuttis)[11]. Das erleben die Menschen, wenn sie sich selbst oder ihre Kinder hier taufen lassen oder wenn sie getraut werden. Die überschaubare Zahl von Amtshandlungen in den Gemeinden macht es möglich, intensiv auf die Menschen einzugehen. So wird um Beispiel der Name aller Täuflinge im Greifswalder Dom in die Taufschale graviert. Die Tauffamilien fühlen sich so dauerhaft mit der Taufkirche verbunden. Trauungen am Strand sind an der Küste keine Seltenheit – obwohl wir natürlich auch eine Vielzahl wunderschöner Dorfkirchen mit malerischer Kulisse haben. Ich erlebe viele Pastorinnen und Pastoren, aber gerade auch Küsterinnen und Küster, die segensreich an diesen Gottesdiensten mitwirken.

Ein weiterer Faktor für gute Gottesdienste ist der Umgang mit Familien. Wenn Kindergottesdienste angeboten werden, zu denen die Kinder gerne gehen, haben alle drei Seiten etwas davon: Die Kinder erleben eine wertvolle Zeit, in der sie etwas von Gottes Wort erfahren; die Eltern haben die Gelegenheit, selbst aufzutanken und sich einmal nur auf ihre eigenen spirituellen Bedürfnisse zu konzentrieren; die Gemeinde erlebt, dass Kinder da sind (schon das hebt bei einigen die Laune) und hat zugleich eine Zeit, die nicht durch Störung unterbrochen wird, wie es ganz normal wäre, wenn kleine Kinder eine Stunde am Stück einen Gottesdienst erleben, der nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dabei kann man erleben, dass die Kinder selbst zu einer Steigerung der Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher beitragen, weil sie ihre Eltern bitten, zum Gottesdienst zu gehen, um dort ihre Freunde zu treffen. Menschen ziehen Menschen. Wenn der Gottesdienstbesuch stark ist, kommen leichter Leute dazu.

Immer wieder erlebe ich das zum Abschluss der Bischöflichen Besuchswoche. Einmal im Jahr besuche ich mit einem Team eine Region aus fünf zumeist ländlichen Gemeinden. Den Abschluss bildet dann ein gemeinsamer Gottesdienst für die ganze Region mit anschließendem Empfang für die Ehrenamtlichen. Die Ehrenamtlichen werden zuvor per Post eingeladen. Das erleben sie als Wertschätzung. Sie kommen gerne und erleben gerade den Gottesdienst sehr positiv. Ohne besonderen Anlass im Kirchenjahr ist die Kirche voll. Zumeist nehmen um die 250 Personen teil. Zum Abschluss bedanke ich mich persönlich bei jedem Ehrenamtlichen für ihr Engagement mit einigen persönlichen Sätzen und einer Blume. Besonders bewegt mich ein Satz, den ich immer wieder von den Menschen höre und der in ihren Gesichtern geschrieben steht: „Es tut gut, einmal in so großer Runde Abendmahl zu feiern, zu singen und die christliche Gemeinschaft zu erleben.“ Beide Elemente sind wichtig, die persönlich erfahrene Wertschätzung und die größere Gemeinde, die Gottesdienst feiert.

Im Oktober 2000 lud der damalige pommersche Bischof Eduard Berger zu einer Studienreise zum Besuch der sog. Megachurch-Gemeinde in Willow Creek bei Chicago/USA ein. 40 Pastorinnen und Pastoren, ein durchaus erheblicher Teil der pommerschen Geistlichen, nahmen an dieser Reise teil. Der Besuch hatte erhebliche Diskussionen und Auseinandersetzungen zur Folge. Als ein Ergebnis entstand auf dem pommerschen Land, in Poggendorf, „ein anderer Gottesdienst“. Pastor Martin Wiesenberg hat diesen Gottesdienst anderer Art ins Leben gerufen. Bis heute treffen sich vier Mal im Jahr rund 100 Leute in einer Gaststätte, um Gottesdienst zu feiern. Dabei handelt es sich bei 10-20% um Kirchendistanzierte und Nicht-Mitglieder der Kirche. Sie haben Freude an einem Gottesdienst, der von einem Team vorbereitet und durchgeführt wird, Lebensfragen aufgreift und Antworten sucht durch Theater, eine freie Predigt und rockige Musik. Hier wird Luthers Wort vom Priestertum aller Getauften erfahrbar. Auch andere Projekte alternativer Gottesdienste haben sich etabliert. So entstand 2002 in Greifswald die GreifBar-Gemeinde (heute ein Projekt des PEK) mit regelmäßigen missionarischen Veranstaltungen und einer eigenen Sozialarbeit im sozialschwachen Wohngebiet. Dazu gehört der sogenannte große GreifBar mehrmals im Jahr in der Greifswalder Stadthalle, der eigentlich kein Gottesdienst ist, sondern eher eine mit einem großen Team liebevoll vorbereitete Form einer Veranstaltung, die zum Glauben einlädt. GreifBar plus heißt der wöchentliche Gottesdienst, der von der Form her sehr schlicht ist und eher einem sog. Lobpreisgottesdienst ähnelt, wobei die Grundstruktur (2. Kriterium) des Ev. Gottesdienstbuches erhalten bleibt. Insgesamt wurden im GreifBar plus insgesamt gut 600 Mal Gottesdienst mit zusammengerechnet ca. 55 Taufen gefeiert. Im Schnitt kommen an einem Sonntagnachmittag 70-100 Erwachsene und 10 Kinder zusammen.

In der pommerschen Kleinstadt Jarmen kam vor drei Jahren der Vorsitzende des örtlichen Motorradclubs ‚Berserker‘ auf den jungen Pastor zu. Er wollte einen Gottesdienst zur Eröffnung der Motorradsaison und der Pastor stieg gerne ein. Mittlerweile kommen über 150 Leute (Clubmitglieder und Freebiker), aber auch Mitglieder der Kerngemeinde, die die Atmosphäre und die Band der Nachbargemeinden ‚Reverends and friends‘ schätzen. 30 Clubmitglieder – Kirchenmitglieder oder nicht – packen ehrenamtlich an, um den Gottesdienst zu stemmen. Ausgehend von dem Gottesdienst im Clubhaus hat sich ein kleines Dorffest entwickelt. Das Leitthema war in diesem Jahr sehr passend: ‚Auftanken‘.

Guter Gottesdienst ist nicht das Werk einzelner Profis. Der Gottesdienst ist gerade in unserer sogenannten Postmoderne erfahrungsbezogen und lebt von Beteiligung. Er ist ein Ort persönlicher Begegnung ohne Vereinnahmung. Guter Gottesdienst entsteht auch in Mecklenburg und Pommern, wenn Ehrenamtliche und Hauptamtliche gut zusammenarbeiten und wenn elementare Theologie auf reale Menschen trifft. Wenn er gelingt, ist es ein Geschenk der Gnade Gottes.

 

Bischof Dr. Andreas von Maltzahn:

Vorhang zu – und manche Fragen offen

Auf viele Fragen weiß ich noch keine befriedigende Antwort:

Wie kann die hohe Bindung an die ‚eigene‘ Kirche wieder stärker gottesdienstlich zum Tragen kommen? Manchmal träume ich davon, dass Gottes Geist Menschen bewegt, sonntags wieder in die kleine Dorfkirche zu gehen, auch wenn kein/e Pastor/in da ist: Eine stimmt ein Lied an. Ein anderer liest das Evangelium. In einem Moment der Stille halten sie Gott hin, was sie bewegt. Gemeinsam wird das Vaterunser gebetet. Jemand spricht den Segen. Wo es gelänge, solch eine neue Tradition zu pflanzen, kann das die Atmosphäre eines Ortes verwandeln.

Wie können wir Jugendliche wieder für den Gottesdienst gewinnen?

Und wie steht es mit Gottesdiensten für Menschen, die sich reflektiert als ‚religiös unmusikalisch‘ beschreiben? Müssen sie erst werden wie wir? Oder kann es gelingen, einen anderen Weg mit ihnen und für sie zu entwickeln, so dass sie ins Vertrauen, Lieben und Hoffen, also in die Beziehung zu Gott finden, ohne zuvor religiös ‚musikalisch‘ werden zu müssen? Hans-Martin Barth hat die Herausforderung formuliert, auch nach Sprache, Ritualen und Gestalten für ein religionstranszendentes Christsein zu suchen.[12]

Michael Klessmann hat zu Recht gefordert: „Kirche braucht eine ‚Ambivalenz-sensible Praxis‘“.[13]  Wie kann es gelingen, Gottesdienste so zu feiern, dass die Zwiespältigkeit menschlicher Lebenserfahrungen echte Resonanz in einem nicht-harmonisierten Gottesverständnis findet?

All das sind spannende Zukunftsaufgaben für Theologie und Kirche. Ich bin zuversichtlich, dass wir in dieser Suchbewegung nicht scheitern werden – hat doch Gott selbst verheißen:

„Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR“ (Jer 29, 13b.14a)

[1] Die Zahl der Gottesdienste sank von 15.080 auf 13.834, aber die Zahl der Gottesdienstbesucher erhöhte sich von 624.906 auf 630.957 (Vgl. Kirchliches Leben in Mecklenburg in Zahlen, http://www.kirche-mv.de/Zahlen-und-Fakten-ELKM.37.0.html; hier: 2016 und 2017). Dazu kommen noch einmal 7.384 Gottesdienste in Pommern.

[2] Vgl. Angaben der Statistikabteilung des Landeskirchenamtes; diese Statistik bezieht sich auf die Bundesländer. Im Jahr der Kirchenwahl lag dieser Wert gar bei 5,1%. Auch in den Vorjahren wurden ähnliche Werte erreicht.

[3] Christian Möller, „Tritt frisch auf, machs Maul auf, hör bald auf“. Von Martin Luther predigen lernen, in: Deutsches Pfarrerblatt 11/2017, S. 633

[4] Vgl. ebenda.

[5] Heinrich Rathke, Kirche für andere – Zeugnis und Dienst der Gemeinde (Bundessynode Juli 1971 in Eisenach) in: Kirche als Lerngemeinschaft. Dokumente aus der Arbeit des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR, Berlin 1981, 179

[6] Zitiert nach: Rat der EKD (Hg.), Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, Gütersloh 2009, S. 31.

[8] Ernst Lange, Predigen als Beruf. Aufsätze zu Homiletik, Liturgie und Pfarramt (EEL 3, 1982), hier S. 58.

[11] S.a. Manfred Josuttis, Einführung in das Leben, Gütersloh 1996.

[12] Vgl. Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013

[13] Michael Klessmann: Ambivalenz und Glaube. Warum sich in der Gegenwart Glaubensgewissheit zu Glaubensambivalenz wandeln muss, Stuttgart 2018, S. 271

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