11. Juli 2017 | Hamburg-Blankenese, Emmaus-Hospiz

Herberge für die Zuneigung zum Leben

11. Juli 2017 von Kirsten Fehrs

Grußwort zur Eröffnung des Emmaus-Hospizes Blankenese

So viele haben auf diesen Tag nicht nur gewartet, sondern ihn regelrecht herbeigesehnt: Ich gratuliere Ihnen von Herzen zur Eröffnung des Emmaus-Hospizes und bin beeindruckt, mit wie viel Elan, zielorientierter Hartnäckigkeit und mit wie viel Liebe zur Sache Sie es tatsächlich geschafft haben, diesen Ort der Barmherzigkeit zu bauen, ja, zur Erfüllung zu bringen.

Es haben viele den Tag ersehnt, an dem das Hospiz seine Türen öffnet. Weil es eben nicht allein ein Zeichen christlicher Nächstenliebe ist, dass Menschen in der ja so kostbaren letzten Lebenszeit liebevoll und kompetent begleitet werden. Sondern weil es auch ein gesellschaftliches Zeichen ist, Sterbenden gegenüber die Tür unserer Gedanken und unseres Mitgefühls zu öffnen.

Als ich das erste Mal an einem Sterbebett stand, war ich 19 Jahre alt. Es war ein Versehen; gerade angekommen als Jüngste im Klinikseelsorge-Praktikum schickte man mich ins letzte Zimmer links, doch auf den falschen Flur.

Hinter dieser geschlossenen Tür lag Felicitas. Sie war so alt wie ich. Fee, wie sie sich nannte, litt unter einem inoperablen Hirntumor. Als ich in ihr abgedunkeltes Zimmer trat, angefüllt mit Stille und Schmerz, wurde mir schlagartig klar, dass das Sterben eines Menschen alles aus den Angeln hebt. Das, was ich zuvor geglaubt, gedacht, gelernt hatte, die Absicht, Tröstendes und Hilfreiches zu tun und vor allem zu sagen, verstummte angesichts der Zerbrechlichkeit dieser jungen Frau. Seelsorge an der Grenze – sie durchbricht jede Theorie und jede Routine. Sie ist angewiesen auf die Empathie des Augenblicks. Jeden ihrer letzten Tage bin ich zu Fee gegangen. Habe ihre unruhige Hand gehalten. Eigentlich hielten wir uns gegenseitig. Sie auf der einen, ich auf der anderen Seite des Lebens.

Diese Begegnung der Gegenseitigkeit hat mich zutiefst geprägt in meiner pastoralen Identität. Das ist jetzt 37 Jahre her. Inzwischen hat sich manches getan. Es gibt immer mehr Palliativstationen und Gott sei Dank viele Hospize wie dieses hier (von denen es immer noch zu wenige gibt). Ärzte werden aufmerksamer ausgebildet, und über das Sterben zu reden, ist kein Tabubruch mehr. Und dennoch: Im Umfeld der letzten Dinge des Lebens erreicht einen immer eine eigentümliche Stille. Eine leise Sprache, die die Grenze des Endlichen nur schwer erfasst. Das wird dann besonders deutlich, wenn wir selbst betroffen sind  -  durch schwere Diagnose, eine Todesnachricht, durch Sterbebegleitung eines Menschen, der einem nahe ist. Und es wird einem bewusst, dass es viel mehr als der Tod selbst das Sterben ist, das einen ängstigt. Es ängstigt der Schmerz, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein. Es ängstigt, nicht zu wissen, wie es wirklich ist, wenn es soweit ist.

Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden – so hörten wir es eben in der Geschichte der Jünger zu Emmaus. Tieftraurig und verängstigt  über die Ereignisse um die Kreuzigung Jesu sind sie auch innerlich auf dem Weg und kommen ins Gespräch mit dem vermeintlich Fremden. Doch der ist ihnen auf einmal so nahe, weil er sie versteht. Sie reden lässt. Ihre Trauer teilt. Ja, überhaupt so tiefsinnig und umfassend mit ihnen teilt, also: kommuniziert. Und da sagen die Jünger diese Worte, als sie im Dorf Emmaus ankommen: Herr, bleibe bei uns. Denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.

Und er bleibt. Isst mit ihnen und trinkt mit ihnen. Da erkennen sie ihn, den Auferstandenen. Getröstet wunderbar.

Die Emmaus-Geschichte ist eine Trostgeschichte. Und das Emmaus-Hospiz ist eine Trostherberge. Sie ist Herberge für die Zuneigung zum Leben. Hier wird geredet, und – wer weiß – bestimmt auch gelacht, hier wird der Abschiedsschmerz geteilt und das tiefe Sehnen nach Leichtigkeit.  Hier wird einem beim Aufstehen geholfen, jeden neuen Morgen, und mit ausgehalten, dass man eben nicht weiß wie es ist, wenn es soweit ist.

Kein Mensch weiß das. Und deshalb kann man es auch nicht sagen. Es liegt Würde darin, das Sterben eines Menschen unbeschreiblich sein zu lassen. Sie, die Sie hier arbeiten werden – haupt- und ehrenamtlich  - können und werden zuhören, wenn es das Haus zu bestellen gilt; Sie können die Hand halten, den Segen sprechen, wissend, dass Leib- und Seelsorge eng zusammengehören.  Und vielleicht trösten und glauben Sie mit dem feinsinnigen Sermon Luthers „von der Bereitung zum Sterben“, dass jeder leidende Mensch wie Christus in den Armen des Schöpfers aufgefangen sein wird. Sie können und werden hier so viel Segensreiches tun -  doch den letzten Schritt geht jeder Mensch für sich. Würdiges Sterben braucht diesen Raum der Individualität. Es braucht Zeit und Geduld, das leise Gespräch, es braucht aber auch Lebensnähe, die Findigkeit, so viel nur geht genießen zu können. All das ist für mich Ihr Emmaus-Hospiz, ein Ort, an dem man nicht dem Leben Tage gibt, sondern den Tagen Leben.

Ich danke allen von Herzen, die es ermöglicht haben, dass dafür heute die Türen geöffnet werden. Damit die alte Trostgeschichte wahr wird - in der Begegnung der Gegenseitigkeit. Und ich wünsche allen, die in diesem Hospiz in der Zukunft leben, arbeiten, kommen und gehen werden, Gottes Kraft, Nähe und Segen.

Datum
11.07.2017
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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