Serie: 25 Jahre Mauerfall

Ihre Frauenkreise kannten keine Grenzen

Aenne Richter, hier im Gespräch mi Silke Ross, war jahrzehntelang engagiert in der kirchlichen Frauenarbeit
Aenne Richter, hier im Gespräch mi Silke Ross, war jahrzehntelang engagiert in der kirchlichen Frauenarbeit© Timo Teggatz

13. November 2014

Vor 25 Jahren fiel die Mauer – ein historisches Ereignis, auch für die Menschen in der heutigen Nordkirche. In einer Serie erzählen sie hier ihre Geschichte. Heute im Porträt: Aenne Richter, die jahrzehntelange Frauenkreise leitete – über Grenzen hinweg.

Zur Kirchenarbeit kam Aenne Richter aus recht pragmatischen Gründen: „Ich war nicht berufstätig und hatte drei Kinder – da fiel mir ein bisschen die Decke auf den Kopf, und darum habe ich angefangen, mich in unserer Kirchengemeinde in Wismar-Wendorf zu engagieren.“ Die Evangelische Frauenhilfe bot Ende der 60er Jahre Fortbildungen an, und Aenne Richte stieg mit 34 Jahren in die Frauenarbeit ein.

Thematisch wurde behandelt, „was uns auf der Seele brannte“. Dabei lebte man in einer Gesellschaftsordnung, in der man nicht alles offen sagen konnte, was man meinte oder fand. Doch in den kirchlichen Gruppen herrschte Offenheit mit einer echten Vertrauensbasis, erinnert sich Aenne Richter. Umso größer vor ein paar Jahren dann der Schock: „Es gab ein, zwei Frauen, die alles weiter berichteten“ So dramatisch können die Berichte nicht ausgefallen sein, denn Aenne Richter merkte nichts davon, dass der Kreis ausgespäht wurde, und Repressalien fanden auch nicht statt. Trotzdem schmerze diese Enttarnung der vermeintlichen Freundinnen noch immer.

Evangelische Frauenarbeit gab's auch in der DDR

Es gab in der DDR eine evangelische Frauenarbeit, die auch Hefte mit Impulsen, Bibelarbeiten und Gebeten zur Jahreslosung herausgaben. Nach diesen Heften gestaltete Aenne Richter ihre Kreise. Nach einiger Zeit wurde sie zur Redaktion nach Potsdam eigeladen und durfte sogar selbst einige Themen mit vorbereiten. „Ein wichtiger Punkt war für uns Frauen in der DDR auch immer der Weltgebetstag. Das war immer ein spannender Blick über den Tellerrand, und wir haben uns viel mit dem Material zu dem Land beschäftigt und auch versucht, mehr Informationen zusammenzutragen.“

In Wismar und Umgebung galt ab 1972 der so genannte Kleine Grenzverkehr. Das hieß für die Bewohner bestimmter festgelegter Gebiete, zum Beispiel Wismar, dass sie leichter eine Reisegenehmigung für den Westen bekommen konnten.

Ihr Pastor aus Wismar hatte Kontakt zu einem Pastor aus Lübeck. Dieser hatte eine halbe Stelle für die Studenten - und eine halbe Stelle für Frauenarbeit. Er plante, für beide Gruppen Begegnungen mit ähnlichen Gruppen aus der DDR zu organisieren. Aber als der Pastor Aenne Richter fragte, ob sie mit ihren Frauen Kontakt zu einem Lübecker Frauenkreis haben wolle, war es für sie nicht ganz einfach: „Lust hatte ich schon, aber mein Mann hatte einen Posten im Rechenzentrum auf der Werft. Und das hieß, dass ihm Westkontakte verboten waren. Aber ich dachte, wer will mir das verbieten? Darum hat es dann angefangen, dass wir regelmäßigen Besuch aus Lübeck bekamen. Die Frauen kamen immer nachmittags zu mir nach Hause, und abends war dann unser Frauenkreis und dann saßen wir alle noch zusammen, die Lübeckerinnen mussten vor Mitternacht wieder die Grenze passiert haben.“

Das Thema zu Beginn des Besuches waren meist die Erlebnisse an der Grenze, denn die Damen aus Lübeck wurden bei fast jedem Besuch durchsucht. „Trotzdem kamen sie und brachten uns Obst mit und vor allem die Hefte für den Weltgebetstag. Im Westen gab es die nämlich schon viel früher und die waren auch hübscher und hatten besseres Papier“, so Aenne Richter.

Worauf die Frauen aus dem Westen neidisch waren

Neben den Grenzerfahrungen waren die Gesprächsthemen vielfältig: „Am auffälligsten war ja der Unterschied zwischen uns, dass wir alle gearbeitet haben, und die Frauen aus Lübeck alle nicht berufstätig waren. Da waren manche der Besucherinnen aus dem Westen neidisch, denn sie hätten auch gern gearbeitet und eigenes Geld verdient, aber es war dort nicht üblich und die Männer wollten das auch manchmal nicht. Dazu kamen natürlich so Themen, die uns als Frauen und Mütter bewegten, zum Beispiel, ob die Kinder nur Konfirmation oder Konfirmation und Jugendweihe haben sollten, oder wir sprachen über die unterschiedlichen Schulsysteme“.

Während die politische Situation sich zuspitzte, änderten sich die Themen in den Frauenkreisen, denn die schnelle Entwicklung überholte die Kommunikation: „ Am 9. November 1989 war ich in Stralsund. Seit dem Sommer merkte man ja schon, dass eine ganz große Spannung in der Luft lag – ein paar Mal war ich auch in Schwerin zum Demonstrieren. Irgendwie wussten auch alle, dass etwas passieren wird, darauf haben alle gewartet.“

Pastor auf Suche nach Partnerkreis

Relativ bald nach der Wende kam ein Brief aus Stockelsdorf in der Nähe von Lübeck. Der Pastor suchte eine Gemeinde, die Interesse an einem Austausch hätte, vor allem aber wolle der Frauenkreis seiner Frau gern mit einem Frauenkreis in Mecklenburg in Kontakt kommen. „Da habe ich die Frauen gefragt, und die hatten Lust. Also habe ich dem Pastor dann geantwortet, und dann kamen die Frauen aus Stockelsdorf gleich zum nächsten Frauenkreis angereist. Da war die Stimmung so euphorisch, dass wir dann vierzehn Tage später nach Stockelsdorf gefahren sind.“ Diesen Frauenkreis mit der Verbindung nach Stockelsdorf leitete Aenne Richter dann noch 15 Jahre.

Ob Aenne Richter einen typisch westdeutschen Wesenszug benennen kann? Nach einigem Überlegen fällt ihr ein, dass ihr in den Anfangszeiten der Partnerschaft die Frauen aus dem Westen doch ein bisschen besserwisserisch vorgekommen waren – aber dass diese die Ostdeutschen vermutlich auch für undankbar hielten. Beide Einschätzungen haben sich aber in den 15 gemeinsamen Jahren gelegt. Aenne Richter ist froh, dass auch heute noch Frauen aus ihren Frauenkreisen gemeinsam unterwegs sind.

Zur Person

Aenne Richter, Jahrgang 1935, engagiert sich seit 1969 ehrenamtlich in der evangelischen Frauenarbeit. Sie hat drei Kinder und lebt in Schwerin.

Das Gespräch führte Silke Ross. Redaktion Timo Teggatz

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