19. Januar 2018 | Jacobikirche Greifswald

Julia Männchen. Wir werden sie vermissen.

19. Januar 2018 von Hans-Jürgen Abromeit

Traueransprache für Julia Männchen, geb. 1. Mai 1939, gest. 1. Januar 2018, zu Psalm 121, bes. V. 5

Liebe Frau Kratochwil, lieber Herr Männchen, liebe Angehörige,
liebe Trauergemeinde,

wir nehmen Abschied von Frau Prof. Dr. Julia Männchen. Sie ist im Alter von 78 Jahren am 1. Januar verstorben. Der Tod hat damit eine Lücke gerissen, nicht nur in ihrer Verwandtschaft, sondern auch hier in Greifswald. Denn Julia Männchen war in Greifswald eine Institution. Gewiss, sie fiel im Straßenbild schon auf durch ihren gebückten Gang, der ihr durch ihr Leiden auferlegt war. Aber sie war ein großes Original. Mit ihr ist ein Mensch gestorben, der – wie alle Menschen, die Gott geschaffen hat – unersetzlich ist. Es gibt ja keinen Menschen zweimal. So erinnert uns dieser Tod, dass auch wir nur ein einziges Leben haben.

Sie haben ein Bibelwort über diesen Tod gestellt, aus Psalm 121, 5: „Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten, er steht dir zur Seite.“ Das ist etwas eingängiger übersetzt als Luther, der sagt: „Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand.“ Gott kümmert sich, er schafft dir Raum für dein Leben, er ist dein Lebensbegleiter dein Leben lang.

Der Psalm beginnt ja mit der Frage: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ (V. 1). Es handelt sich um ein Wallfahrtslied, das schon die Pilger des ersten Bundes, Israeliten auf ihrem Weg zum Heiligtum nach Jerusalem, gesungen haben. Wir gebrauchen Jerusalem auch in einem metaphorischen Sinn. Wir reden von Jerusalem als dem himmlischen Jerusalem als unserem Ziel am Ende der Tage. Dann ist der Weg dorthin unser Weg zu Gott selbst. Ist unser ganzes Leben dann nicht ein Pilgerweg zu Gott?

So kann dieser Psalm auch gelesen werden als Zuspruch auf dem Lebensweg. Wir gehen diesen Weg nicht allein. Ein stiller Partner ist mit uns auf dem Weg. Aber wir müssen ihn entdecken. Er drängt sich nicht auf. Er ist da, auch wenn unsere Augen ihn nicht sehen und wenn andere Hilfsangebote sich in den Vordergrund drängen.

„Woher kommt mir Hilfe?“ fragt sich auch der Pilger auf dem Weg nach Jerusalem. Um diese Stadt herum, im judäischen Bergland, gibt es viele Hügel. Gerade habe ich dieses eindrucksvolle Panorama noch gesehen. Erst Dienstagnacht bin ich aus Jerusalem zurückgekehrt. Auf beinahe jedem dieser Hügel muss es zu alttestamentlichen Zeiten ein Heiligtum anderer Gottheiten gegeben haben. Meist waren es Fruchtbarkeitsgottheiten, deren kleine Nachbildungen wir in großer Zahl heute im Museum betrachten können. „Woher kommt mir Hilfe?“ Von diesen vielen anderen Göttern? Es gibt im Laufe eines Lebens viele Versuchungen, sein Vertrauen auf andere Instanzen zu setzen, als auf den Gott Israels und den Vater Jesu Christi.

Manchmal geben irdische Autoritäten auch falsche Versprechungen ab und geben vor, etwas garantieren zu können, was nur Gott vermag. Dafür war Julia Männchen nicht anfällig. Sie kam aus einer kirchlichen Familie. Schon der Vater war Jurist im Landeskirchenamt in Dresden. Den Einflüsterungsversuchen der DDR, das Vertrauen doch lieber auf den Sozialismus zu setzen, widerstand sie. Nach fünfjähriger Tätigkeit als Medizinisch-technische Assistenin (MTA) studierte sie in Leipzig Theologie und kam 1968 im Alter von 29 Jahren nach Greifswald. Hier wurde sie Wissenschaftliche Assistentin und übernahm schon bald den Hebräischunterricht. Jahrzehntelang prägte sie dadurch die Theologiestudierenden. Die Mehrheit der pommmerschen Pfarrerschaft dürfte bis heute Hebräisch mit Hilfe von Julia Männchen gelernt haben, ja mehr noch auch eine Ehrfurcht vor dem Gott, der sich in hebräischer Sprache offenbart hat.

„Woher kommt mir Hilfe?“ Natürlich von dem Gott, „der Himmel und Erde gemacht hat“ (V.2) und damit jeden Menschen in seiner Originalität. Natürlich von dem Gott Israels. Hier in Greifswald hatte Julia Männchen ihren Platz gefunden. 36 Jahre hat sie hier gewirkt und an ihrem Ort und auf ihre Weise zum Profil der Theologischen Fakultät beigetragen. Sie hat hier nicht nur großen Alttestamentlern zugearbeitet (wie Alfred Jepsen und Hans-Jürgen Zobel und anderen), sondern auch zunehmend ein eigenes wissenschaftliches Profil gewonnen. Dies erreichte sie unter Aufnahme und Aufbereitung der in Greifswald sich befindenden palästinakundlichen Sammlung Gustav Dalmans. Eine gründliche, in zwei Bänden erschiene Dalmanbiographie ging daraus hervor, aber vor allem die Weiterarbeit an Dalmans Themen. Das Standardwerk zur Palästinakunde schlechthin, „Arbeit und Sitte in Palästina“, hat sie mit der Herausgabe des achten Bandes zum Abschluss gebracht.

Es ist der Hüter Israels, von dem Hilfe und Schutz kommen. Darum hat Julia Männchen ihre Kraft eingesetzt, um die Verbindung zum Judentum der heutigen Kirche ins Bewusstsein zu schreiben. Dieses Judentum lebt auch noch heute. Darum ist die Verbindung zwischen Kirche und Judentum entscheidend wichtig. Julia Männchen engagierte sich im landeskirchlichen Arbeitskreis „Kirche und Judentum“ und sorgte mit dafür, dass eine die Zusammengehörigkeit ausdrückende Formel in die Pommersche Kirchenordnung aufgenommen wurde, von wo aus sie im Jahre 2012 in die Nordkirchenverfassung übernommen wurde. So heißt es heute in der Präambel der Verfassung der Nordkirche: „Die Evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland bezeugt die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel. Sie bleibt im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit ihm verbunden.“

Weil diese Verbindung der Kirche mit dem Judentum auch das gegenwärtige Judentum einschließt, hat Julia Männchen im durchaus fortgeschrittenen Lebensalter von 68 Jahren noch Ivrit gelernt und anschließend auch gelehrt. Dass es nach der friedlichen Revolution einfach möglich war, das Land Israel zu besuchen, war ihr eine große Freude. Jahr für Jahr nutzte sie das zum Besuch des Sommerulpans in Beerscheba.

Wer die Verbindung mit dem Judentum ernst nimmt, weiß auch um die Schuld, die diese Beziehung trübt und immer trüben wird. Nicht nur Deutschland war schuldig geworden (schon gar nicht nur die Nationalsozialisten), sondern auch die Kirche. Daran hat in einer Vielzahl von ihr mitgestalteten Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht am 9. November Julia Männchen erinnert. Auch das Foto auf dem Programmheft dieses Gottesdienstes ist bei einer solchen Veranstaltung entstanden. Vieles wäre in diesem Zusammenhang noch zu nennen, besonders ihr Einsatz für das Verlegen der Stolpersteine.

Weil sie uns diese lebendige Verbindung zum Judentum gelehrt hat, hat sie die Nordkirche im Jahre 2016 mit der höchsten von ihr vergebenen Auszeichnung geehrt, der Bugenhagenmedaille.

In allem vertraute Julia Männchen auf ihren Hüter, den Gott Israels. Sie wusste, dass dieser Gott ein lebendiger Gott ist. Sie suchte auch nach zeitgemäßen Formen des Gottesdienstes und der Glaubensgemeinschaft mit jungen Menschen. Darum gehörte sie zu den treuen Besucherinnen des neuen Gottesdienstprojektes Greifbar. Solange sie noch unterwegs sein konnte, nahm sie an den etwa zweimonatlichen Veranstaltungen teil. Manche haben nicht verstanden, wie das zusammenpasst: Engagement und Kompetenz für eine neue Beziehung zum Judentum einerseits, Interesse an missionarischen und zeitgenössischen Glaubensveranstaltungen. Für Julia Männchen waren das zwei Seiten der gleichen Medaille. Der Gott Israels ist ein lebendiger Gott. Es tat ihr gut zu sehen, wie heute junge Menschen Gott ganz ernst nehmen und nach der Relevanz Gottes für ihr Leben fragen.

„Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten, er steht dir zur Seite.“ Galt das auch für das Leben der Verstorbenen? Wer sie in den letzten Jahren gesehen hat, mag vielleicht diese Frage stellen. Schon immer war sie klein und musste für die Verrichtungen des Alltags mehr Anstrengungen aufwenden als andere. Im Alter kam ihre Verkrümmung dazu und machte ihr sehr zu schaffen. Zuerst mit einem Rollkoffer in den Straßen Greifswalds unterwegs und ab 2012 mit einem Rollator war sie im Stadtbild nicht zu übersehen. Das Gehen und mehr noch das Treppensteigen war äußerst mühsam. War sie deswegen unzufrieden? Ihr besonderer Weg und der Lebensraum, den ihr der Gott Israels und ihr Gott eröffnete, hatte sie zu einer selbstbewussten und couragierten Frau gemacht. Sie konnte sich mit ihrer Situation arrangieren und war zufrieden. Sie war dankbar, dass sich so viele um sie kümmerten und sie so ihre Eigenständigkeit bis zum Schluss erhalten konnte. Selbst nach dem Sprachverlust, der sie im letzten Sommer ereilte, wollte sie in ihrer Wohnung bleiben. Sie war ja geistig noch rege, las noch, konnte sich aber nur in – fehlerfrei geschriebenen – schriftlichen Botschaften mitteilen.

So ist ihre Pilgerschaft auf dieser Erde zu Ende gegangen. Ihr Weg, ein sehr origineller und profilierter Weg, ist an sein Ziel gekommen. Wir werden sie vermissen. Sie hat uns vieles hinterlassen, hinter das wir nicht wieder zurückfallen dürfen. Ich sage das in einer Zeit, in der in der Beziehung zum Judentum für nicht wenige nichts mehr bedeutet. Aber sie selbst hat das Ziel ihrer Pilgerschaft erreicht. Möge Gott sie aufnehmen in sein ewiges Reich. „Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten, er steht dir zur Seite.“ Uns in unserer Trauer und Julia Männchen in Ewigkeit.
Amen.

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