28. Oktober 2019 | St. Katharinen Hamburg

„Lerne die anderen kennen!“ – 100 Jahre Uni Hamburg

28. Oktober 2019 von Kirsten Fehrs

Ökumenischer Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum der Universität Hamburg, Kurzpredigt zu Sprüche 4,7 in Verbindung mit Sprüche 3,13-23

Liebe Festgemeinde,

hundert Jahre Uni Hamburg – Ausrufungszeichen. Es lebe die Exzellenz in Vielfalt! Die Freiheit der Forschung! Die Unabhängigkeit der Studierenden! Und der Bildungsfrohsinn der Lehrenden – Ausrufungszeichen. Smiley. Alles in nur 240 Zeichen!

Zeichen tragen die Botschaften unserer Tage. Keine Whats-App-Nachricht mehr ohne Emojis, ohne Zeichen für Lachen, Liebe, Ärger, Drama. Damit auch klar ist, was jemand fühlt. Es scheint wichtig geworden zu sein, sich dessen möglichst oft zu vergewissern.Deswegen liefert jedes Softwareupdate immer gleich ein paar neue Emojis frei Haus, Gefühle auf Vorrat sozusagen.

Denn Gefühle sind sowas von da. Immer. Sie beeinflussen alles Kognitive, ob ich will oder nicht. Sie lassen mich eine Sache in besonderer Weise hören, lesen, erfassen. Machen etwas authentisch. Sie stecken an, grenzen ab, schaffen Verbindung oder stören sie.

Gefühle, echte, tiefe Gefühle sind also Ausdruck einer lebendigen Weltbeziehung.

Wir konnten in den vergangenen Monaten beobachten, wie emotional und gerade deswegen klug junge Menschen auf die Straße gingen, um für besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Auf vielen Schildern wurde der Zusammenhang zwischen Bildung und existentieller Betroffenheit thematisiert: „Wozu lernen, wenn Ihr die Welt zerstört?“ Aber auch: Missing our lesson we will teach you one – indem wir den Unterricht versäumen, bringen wir Euch was bei. Diese Bewegung wird sicherlich irgendwann wieder abklingen – aber sie wird eine ganze Generation dazu bringen, sich in Beziehung zum Weltganzen zu setzen, zum Universum, zur universitas. Sie werden in wenigen Jahren oder Monaten an die Universität kommen und diese Leidenschaft mitbringen.

Aber so wichtig sie sind: Gefühle können auch zu Tyrannen werden. Auch das sehen wir im öffentlichen Leben. Wenn Hass und Wut sich „blind-wütig“ gegen beliebige Feindbilder richten: Nachbarn, Kollegen, Flüchtlinge. Gegen Juden, jüngst in Halle, furchtbar. Angst und hemmungslose Aggression werden bewusst geschürt von Wutbürgern und Demagogen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Allen gemeinsam ist die Verachtung der rational feststellbaren Wirklichkeit. Wenn Emotionen tyrannisch werden, dann schaffen sie „alternative Fakten“, die dem Verstand, der Klugheit, der Wissenschaft frech ins Gesicht grinsen.

Gibt es einen besseren Grund, die 100 Jahre Universität laut zu feiern? Und damit gegenzuhalten: Bildung. Ausrufungszeichen. Unabhängige Lehre. Freiheit des Denkens und Freiheit der Meinung. Lerne den Mund aufzumachen, klug, weise, und wahr, werde mündig! Das ganze reformatorische Programm. Et voilà: Ich lese den kürzesten Predigttext aller Zeiten: 90 Zeichen:

„Denn der Weisheit Anfang ist: Erwirb Weisheit,
und erwirb Einsicht mit allem, was du hast.“

Mit allem, was Du hast: Verstand und Klugheit und Wissenschaft – sie sind die Gegenakzente gegen jede Verdummung, Demokratiefeindlichkeit und Vernichtungswut. Es braucht eben Geist und Verstand, die über den momentanen Groll – oder auch die gerade entflammte Verliebtheit – hinaus reichen. Eine Klugheit, die aus Erfahrung gelernt hat, auch aus der Erfahrung anderer.

Wir haben in der beeindruckenden Rede des ersten Rektors Karl Rathgen gehört, dass die Gründung der Universität unmittelbar zu tun hatte mit den Schrecken des gerade zuende gegangenen Krieges. „Lerne die anderen kennen!“ – dieses Motto gilt doch auch heute!

Am Anfang also… war die Weisheit. Eine Klugheit, sich die Welt anzueignen, indem man sie zunächst kennenlernt. Dazu gehören Liebe und Leidenschaft für das jeweilige Fach ebenso wie die nüchterne Distanz und Analyse. Gefühl und Verstand – die Wissenschaft braucht beides. Und sie braucht vor allem „universitas“, den Blick aufs Ganze. Nicht zufällig entstand ja die Hamburger Universität zeitgleich mit der ersten deutschen Demokratie. Es braucht vielfältigste qualitativ höchste Bildung, wenn Demokratie auch in dieser immer komplexeren Welt weiterhin gelebt werden soll. Und sie ist unverzichtbar, wenn Menschen verschiedenen Glaubens sich verständigen wollen. So erinnere ich heute auch an ein zweites Jubiläum: denn vor fast genau 65 Jahren, am 13. November 1954, wurde die Universität Hamburg um entscheidende Fakultäten erweitert. Hinzu kamen die Evangelische Theologie sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Erst damit wurde die Uni bundesweit als Volluniversität anerkannt.

Die Universität, man kann es gerade heute nicht oft genug sagen, muss auch die Theologie, muss auch die religiöse Bildung umfassen, weil sie eine Dimension des Menschseins ist. Und genauso brauchen die Religionen die Universität, um sich in Beziehung zu setzen zur Vernunft und zur Wirklichkeit der Anderen. Das biblische Buch der Sprüche sekundiert denn auch mit dem Loblied auf weise Erkenntnis:

Wohl dem Menschen, der solch Weisheit erlangt…! Sie ist ein Baum des Lebens. Der Herr hat die Erde durch Weisheit gegründet. Lass sie nicht aus deinen Augen weichen, bewahre Umsicht und Klugheit! Das wird Leben sein für dein Herz!

Ist das nicht wie geschrieben für diesen Anlass!? Denn Sie sagen mit einer Bildungsinstitution wie der Universität doch letztlich genau dies: Es ist immer Zeit, klüger zu werden, die Weisheit der Schöpfung gilt es immer wieder neu zu erfassen. Und zwar Weisheit eben nicht allein verstanden als Wissensmacht. Sondern als Herzensklugheit. Und das Herz schlägt nie nur für mich selbst. Sondern doch besonders verliebt für einen anderen. Um des Friedens Willen für unser Weltenhaus: Lass sie nicht aus den Augen – lerne die anderen kennen!

Also dann, weiter so. Mit Lehre und Forschung, die Lust macht zu Klugheit und Weltentdeckung. Mit Bildung, die junge Menschen so mit der Schöpfung verbindet, solche Weltbeziehungen stiftet, dass Lebensliebe und Mitgefühl durch keine Wut der Welt aufgerieben werden.

Gratulation dem Geburtstagskind, der großen – Emoji – „alma mater“, der Universität Hamburg. Und Ihnen allen der Friede Gottes, höher als alle Vernunft.
Amen.

 

Datum
28.10.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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