9. Dezember 2018 | Dreifaltigkeitskirche zu Hamburg-Hamm

Liebe ist tatsächlich A und O

09. Dezember 2018 von Kirsten Fehrs

Ordinationsgottesdienst am 2. Advent 2018, Predigt zu Jesaja 35,1-10

Liebe Gemeinde,

„Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir“ Für mich ist es das Adventslied überhaupt. Und dann auch noch bei einer Ordination …

Sehr treffend dieses Lied, weil es ja all‘ die abholt, die sich zwischen allen Welten erleben. So wie es bei Ihnen und Ihrer Familie ist, liebe Frau Pelz. Zwischen Empfangen und Abrunden, Fliegen und Ankommen, examiniert und ordiniert werden. Ein Zwischenraum ist das jetzt; mit einer Stärkung für das, was kommt. Aber auch mit einer Erwartungsfreude, die das Jetzt bestimmt. Und so befinden wir uns hier und jetzt im Warteraum der Zukunft. Der ja zugleich auch auf den Punkt bringt, was Advent heißt. Warten wir doch – auf einen, der die Welt liebt.

Wie soll ich ihn empfangen – jüngst saß ich in der Empfangshalle des Flughafens und wartete. Das Flugzeug hatte Verspätung. Und so guckte ich in die Welt. Was bleibt einem auch anderes übrig. Und plötzlich, liebe Schwestern und Brüder, werde ich gewahr, wie unübertrefflich das ist, was ich da sehe: unzählige Momente, in denen die Liebe Geschichte schreibt.

Ich sehe zwei Männer, alte Freunde offenbar, die sich nach einem kurzen Innehalten ganz still umarmen, still inmitten all der Turbulenz. Unmittelbar daneben schließt eine türkische Familie laut lachend die Heimgekehrte in mindestens dreißig Arme gleichzeitig. Zwei Liebende sehe ich, die mit einem Seufzer regelrecht ineinander fallen und sich – ungeachtet der amüsierten Zuschauer – sehnsüchtig küssen. Ich sehe syrische Kinder mit Blumen in der Hand, um sie der Großmutter in den Schoss zu legen, die im Rollstuhl in die Halle gefahren wird – Familienzusammenführung! Ein kleines, dunkelhäutiges Mädchen sehe ich, das auf ihren Großvater zuläuft und ihm selig die Ärmchen um den Hals schlingt.

Ich sehe Menschen über Menschen, die in diesen Momenten des Ankommens nur dieses Eine wollen: ihre Liebe zeigen. Ich habe so viel Freude, gelöste Gesichter, erfüllte Sehnsucht und anrührende Zärtlichkeit gesehen wie selten zuvor in einer Stunde meines Lebens. Wir müssen manchmal warten, um zu sehen, was wirklich im Leben zählt.

Und mir wurde bewusst, dass diese Liebe, von der wir Christen ja immer und immer wieder zu erzählen haben (in unserem Beruf allemal), dass diese Lebensliebe Gottes etwas total Reales und Irdisches ist. Keine abgehobene geisteswissenschaftliche Debatte, sondern die höchst selbst zu erfahrende Tatsache, dass wir ohne Liebe vergehen würden. Ohne Berührung und das Du, das Dich sieht. Ohne gegenseitige Achtsamkeit und tiefe innere Bindung, die einen zugehörig macht. Liebe ist tatsächlich A und O. Denn aus lauter Liebe heraus werden wir in diese Welt geboren und so Gott will gehen wir geliebt wieder von dieser Erde. Sie ist es, die uns trägt im Leben und die auch tief erschütterten Seelen wieder Frieden zu geben vermag.

Im Advent warten wir auf diese Liebe, die die Kraft hat, Frieden zu wecken und Zerbrochenes zu heilen. Die, um es mit Jesaja zu sagen, unsere wankenden Knie wieder fest stehen lässt und unser verzagtes Herz mutig macht. „Seid getrost, fürchtet euch nicht“, sagt er im Blick auf den, der uns liebt. „Seht, da(!) ist euer Gott.“

Seht. Nicht auf euch selbst. Nein, erhebt eure Häupter. Aufrecht und aufgerichtet – das ist die Haltung dazu. Gerade jetzt im Advent. Auf diesem Weg von dunklen Tagen der Buße und Trauer hin zum Licht, zu dem, der alles neu machen wird. Jesajas Prophezeiung hat genau diese Pointe: Gottes Liebe in Person zu empfangen, das ist ein innerer Weg von A bis Z, von der Angst bis zur Zuversicht.

Jesaja spricht diese Worte nämlich zu ängstlichen Menschen mit zitternden Knien. Die Israeliten im Exil hatten keinen Halt mehr. Heimatverloren waren sie, auch weil es ihnen so vorkommt, als sei Gott – ja, unbekannt verzogen und ließe sie unbehaust zurück. Und so warten auch sie. Allein sie wissen nicht, worauf. Was wird werden? Was oder wer wird kommen? Um sie zu erlösen von Schmerz und Not, um zu lösen, was die Angst in einem fesselt?

Verzagte Herzen … Ich beobachte, dass viele Menschen derzeit in so einem ängstlichen Wartezustand verharren. Der Soziologe Heinz Bude spricht sogar von einer „Gesellschaft der Angst“. Da kommt manches zusammen: Angst vor dem Verlust des Wohlstands, vor Umweltzerstörung (gerade bei Jugendlichen), Angst vor der Digitalisierung (gerade nicht bei Jugendlichen) oder auch Angst vor Flüchtlingen (Bei wem eigentlich wirklich?). Das Paradox dabei ist, dass die meisten Menschen in Deutschland ihre persönliche Situation derzeit so gut einschätzen wie selten zuvor. Ist also die alles überdeckende Angst die, das Erreichte zu verlieren?

Klar, das wird keiner bestreiten, verlieren sich alte Sicherheiten – es gibt ein Grundgefühl der Verunsicherung. Mich besorgt auch, wie der Raubbau an der Natur voranschreitet und wie zerbrechlich der Frieden ist, auch in unserem Land! Der Prophet Jesaja hat dazu übrigens ebenfalls nie ein Blatt vor den Mund genommen – er hat allen, die es hören und nicht hören wollten, sehr drastisch die Folgen ihres zerstörerischen Lebensstils geschildert. Und doch stehen zwischen diesen Anklagen immer wieder Hoffnungs- und Friedensbilder wie diese: „Sagt den verzagten Herzen: ,Seht, da ist euer Gott. Der kommt und wird euch helfen.‘ Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“

Hört und: seht da hin, hebt die Häupter auf – Aufrichtigkeit ist die Haltung. Sie ist es, die dem Menschen Sicherheit gibt. Nichts ist verunsichernder für ängstliche Menschen als die Lüge. Nichts toxischer als die Abwertung alles Guten und Gelungenen. Als Pastorinnen, als Pastoren stehen wir durch unser Amt für eine Haltung der Aufrichtigkeit. Heißt auch: die offene und bisweilen schonungslose Analyse wagen. Und dies zugleich in der Gewissheit tun, dass wir auf gutem Grund stehen. Zeigen, dass wir einerseits Realisten sind und die Wirklichkeit benennen, aber doch andererseits immer damit rechnen, dass zwischen Himmel und Erde viel mehr möglich ist, als wir jetzt schon erfassen können.

Also erhebt eure Häupter und richtet euch auf. Unser Glaube ist eine einzige Einladung zur heilsamen Selbstrelativierung. Demut. Und Wahrhaftigkeit. Vielleicht ist das in diesen politischen Zeiten, mit all den lügenhaften Lautsprechern und narzisstischen Präsidenten in der Weltpolitik die wichtigste Botschaft überhaupt? Dass wir uns trauen – im doppelten Sinne – und herausgehen mit unserem Friedensevangelium aus unseren Kirchen und Warteräumen? Aktiv dorthin, wo man eigentlich darauf wartet, auch wenn nur wenige dabei auf uns warten, weil man uns gar nicht mehr kennt – uns Christen und die Religion überhaupt.

Sie haben, liebe Tia Pelz, mit Vikariatskollegen genau das gemacht. Raus aus vertrauter Gemeinschaft, rein ins Leben. So wie es eigentlich immer in ihrem Leben war. Tja, und dann landet man auf dem Jungfernstieg, im Talar … Gar nicht so einfach, sich zu zeigen in fremder Welt, ja, sichtbar zu bekennen, wofür ich stehe. Doch als Weltenwanderin hatten Sie da jede Menge Übung, auch in der Erfahrung, dass jede Reise in fremdes Land einen immer wieder neu ankommen lässt bei dem, was zählt im Leben. Und im Glauben. Dass jede Reise einen an manche Grenze bringt, wo ja bekanntlich die Erkenntnis erst richtig beginnt. Und Türen sich öffnen.

Und so ist ja auch diese Ordination eine Eröffnung. Reise in neues Land. Es ist einerseits ein inneres Ankommen, aber zugleich doch auch ein Weitergehen, respektive -fliegen. Sie ist Wegstation und öffnet zugleich die Tür zum Amt der Kirche, zum Dienst als Pastorin.

Also rein in die Welt. Unsere Welt braucht neuen Zusammenhalt – um all dies zu halten, was uns Christenmenschen wert ist und gefestigt in langer Tradition: Menschenrecht, Freiheit, Frieden, Nächstenliebe.

Deshalb, liebe Ordinandin, liebe Gemeinde, dürfen wir uns nicht zurückhalten, als Kirchen in ökumenischer Gemeinschaft nicht, und als dialogfähige Religionsgemeinschaften auch nicht: Es gilt Zeugen zu sein der Liebe, die dem Hass den Eintritt verbietet. Die Augen und Ohren öffnet, und die Türen in der Welt auch. – Meint: Es ist immer wieder neu möglich, zu Christus zu kommen. Gebt keinen verloren, heißt es denn auch in der Ordinationsagende. Es ist immer wieder neu möglich, eine Tür zu öffnen, liebe Frau Pelz.

Ich bin sicher, dass Sie genau diese wichtige Eigenschaft mitbringen, die es da besonders braucht und die im Adventslied des Neubeginns heißt: Herr Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist! Offen – herzlich, so habe ich Sie erlebt. Wo immer Gott sie hinstellt respektive bewegt; Sie sind ganz da, mit Geist und Sinn.

Lässt doch gerade der Glaube immer etwas offen. Er ist wirklich ein offenbarender Glaube. Und so haben Sie sich immer auf Neues einlassen können: Der unverstellte Blick – er möge Ihnen erhalten bleiben! Zugewandt und aufmerksam. Ein Blick auch, der über das Jetzt und das Selbst hinausgeht. Denn darin liegt enorme Kraft: Die Kraft der Barmherzigkeit. Auch die Barmherzigkeit übrigens mit sich selbst …

Wankende Knie festigen, müde Hände wieder stark machen zum Gebet und zum Dienst am Nächsten – das ist Gottes Dienst in dieser Welt. So dass wir Sicht bekommen, Zu-versicht. Mit Zuversicht also sollen wir empfangen. Auch ihn, auf den wir warten und der uns liebt. Mit ihm im Herzen lässt sich‘s, liebe Gemeinde, in die Welt fliegen – und ankommen. Bleiben Sie und Ihre Familie behütet, Frau Pelz. Das neue Land vor Ihnen ist hell und weit. Und: Es ist ein schönes Amt, das auf Sie wartet.

Ich wünsche Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, eine gesegnete Adventszeit voller Friede, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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