2. März 2019 | Rostock-Warnemünde

Offener Himmel? Christus in Vorpommern und anderswo

02. März 2019 von Hans-Jürgen Abromeit

Bericht aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern auf der 2. Tagung der II. Landessynode

Die Landschaft und die Menschen

„Weiße Segel fliegen auf der blauen See,
weiße Möwen wiegen sich in blauer Höh’,
blaue Wälder krönen weißer Dünen Sand;“
so schwärmt der Theologe und Dichter Gustav Adolf Pompe in einem Gedicht, das später als Pommernlied vertont wurde, von seiner Heimat. Ich finde seine Beschreibung bezeichnend für das, was auch zwei Jahrhunderte später noch die Region und ihre Menschen prägt. Wer über Pommern spricht, spricht über die Natur, die unser Leben und gerade auch unser kirchliches Leben in beeindruckende Maße prägt. Ich nehme eine große Heimatverbundenheit wahr: Der Himmel, die Wolken, die Luft und das Meer, dann und wann Wälder und viel grünes Land, im Mai auch schon mal gelb. Auch im Landesinnern spielt Wasser eine große Rolle: Flüsse, Bäche und Seen. Vor allen Dingen: nicht so viele Menschen. Wer täglichen Stau gewohnt ist, freut sich über die Weite des Landes und die Natur. Viele, die hier aufgewachsen sind, sind eng verbunden mit dieser Landschaft und dieser Natur.

Zu den bekanntesten pommerschen Beispielen gehören in dieser Hinsicht die frühromantischen Maler Caspar David Friedrich (1774–1840) aus Greifswald und Philipp Otto Runge (1777-1810) aus Wolgast. In ihrem künstlerischen Oeuvre finden wir viele Darstellungen von Landschaften und eine stark naturbezogene Frömmigkeit, besonders bei Friedrich spezifisch lutherischer Prägung. Gott kann in allem, dem Mächtigen wie dem Geringen, gefunden werden. Er hat sich in Jesus Christus und mit Betonung in seinem Kreuz gezeigt. Gott ist das heimliche Zentrum der Schöpfung. Die herausgehobene Beziehung zu Land und Meer wächst daraus. Die Verbindung zur Landschaft stärkt das Heimatgefühl. Ein Heimatgefühl, das ebenso stark wie kompliziert ist – zu DDR-Zeiten gab es staatlich verordnet kein „Pommern“, was sich in der Umbenennung der pommerschen Landeskirche 1968 in „Greifswalder Kirche“ niederschlug. Es ist gut, bei aktuellen Diskussionen die jahrzehntelange Tabuisierung von „Pommern“ im Hinterkopf zu haben.

Als sogenannter ‚Beute-Pommer‘ bin ich gerne hier. Wie aber kommt ein Westfale mit ostpreußischen Wurzeln nach Pommern? Aus eigener Anschauung kannte ich Pommern nicht. Mir war die Region zunächst aus Dietrich Bonhoeffers Biographie geläufig, über den ich promoviert habe: Zingst, der Zingsthof und Barth, Greifswald (wo B. mit dem Stadtsuperintendenten und späteren Bischof von Scheven und Prof. Rudolf Hermann in Konflikte geriet) und Behrenhoff, Anklam und Stettin, Finkenwalde und Altdamm, Köslin, Schlawe und Stolp – diese Orte hatte ich alle zuerst auf der Landkarte nachgeschlagen und bin erst viel, viel später dann jeweils auch da gewesen.

Dazu kommt eine bestimmte Seelenverwandtschaft von Westfalen und Pommern. Die Westfalen sind im Unterschied zu den Rheinländern auch eher Flacheuphoriker. Begeisterung kommt nicht so schnell auf. Es heißt: „Man muss erst einen Sack Salz miteinander gegessen haben“. Sollte man aber zueinander finden, dann bleibt man einander in Treue zugewandt. Vielleicht hat diese Nähe auch damit zu tun, dass schon seit dem Mittelalter immer wieder Westfalen nach Pommern ausgewandert sind. Ihre Spuren sind u.a. in St. Marien /Greifswald; Kirch Baggendorf und an vielen anderen Orten zu entdecken.

Ja, Pommern ist mir in den vergangenen Jahren vertraut geworden. Meine Frau und ich fühlen uns hier zu Hause. Das liegt nicht allein an der Landschaft, sondern auch und gerade an den Menschen, die hier wohnen. Manche Geschichte habe ich gehört. Von der Kraft, die das Leben in der Zeit der beiden deutschen Diktaturen gekostet hat. Von den verschiedenen Wegen, die Menschen, auch getaufte, gegangen sind. Von der Scham, das Christsein in der Zeit der DDR verborgen zu haben und von den Mühen, am christlichen Glauben festgehalten haben. Darunter sind Menschen, die sich vom christlichen Glauben unter dem Druck der DDR abgewandt haben und die in der neugewonnenen Freiheit wieder angefangen haben, nach Gott zu fragen. Ich habe unter den Jüngeren auch solche kennengelernt, die nie die Gelegenheit hatten, etwas vom christlichen Glauben zu erfahren und die heute vorsichtig tastend und manchmal etwas ungelenk Kontakt zu Kirche und Glauben suchen. Ich habe ein neues Zuhause gefunden, Geschwister mit einer unverwechselbaren Geschichte kennengelernt und neue Sichten auf das Leben wahrgenommen

Weichenstellungen in meinem Dienst

Als ich am 16. September 2001 vom EKD-Ratsvorsitzenden Manfred Kock in meinen Dienst als Bischof eingeführt wurde, habe ich über den Schluss des Matthäusevangeliums gepredigt. Damals sagte ich zur Pommerschen Evangelischen Kirche: „Nicht der Vergleich mit deiner ehemaligen Größe und Bedeutung macht dich zur Kirche Jesu Christi, sondern einzig und allein die Tatsache, ob der lebendige Christus unter uns lebt oder nicht. – Ohne Christus ist die Kirche nur die Summe ihrer Mitglieder.“[1] Von diesem Christus in Vorpommern und seine Nachfolgerinnen und Nachfolgern habe ich viel erfahren und gelernt.

Gleichzeitig habe ich auch gespürt, wie die kleiner werdenden Zahlen schmerzen und nachdenklich machen:

PEK 2001: 110.454 Gemeindeglieder
2005: 103.758 Gemeindeglieder
2010:   94.119 Gemeindeglieder
2015:   83.365 Gemeindeglieder
2017:   79.573 Gemeindeglieder

Die/der PEK hat in 20 Jahren etwa ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Das ist eine dramatische Entwicklung, die in Friedenszeiten ihresgleichen sucht. Die meisten können es nicht mehr hören, wenn solche Zahlen präsentiert werden. Viele nehmen sie nicht zur Kenntnis. Andere relativieren sie: „Was sagen schon Zahlen?“ Wieder andere rechnen – völlig ohne Anhalt an der gesellschaftlichen Entwicklung – mit einer möglichen Umkehr der Tendenz. Manch Pastor empfindet diese Zahlen als Kritik an seinem Wirken. Es ist emotional nicht leicht, die Wucht dieser Zahlen auszuhalten. Trotzdem hat Axel Noack, der letzte Bischof der Kirchenprovinz Sachsen (Magdeburg) uns bei einem Generalkonvent einmal gesagt hat, die Devise sei: „Kleiner zu werden und dabei wachsen zu wollen.“ Es ist beides wichtig: Die Statistiken ernst zu nehmen und den Mut nicht zu verlieren. Ich denke heute, uns überfordert Noacks Formulierung. Ich würde eher sagen: Es geht darum, „kleiner zu werden und dabei unserem Auftrag treu zu bleiben.“ Ja, das Evangelium ruft zum Glauben. Es ruft zur Communio sanctorum, zur „Gemeinschaft der Heiligen“. Und es fordert die ganze Frau und den ganzen Mann, wenn – zumindest wahrnehmbar für unsere Augen – es nur wenige sind, die sich rufen lassen.

Die Präses der EKD-Synode, Frau Dr. Irmgard Schwätzer, wird jetzt gelegentlich mit der Überlegung zitiert, wo für die Kirche die Relevanzschwelle liegt. Gibt es eine bestimmte Größenordnung, unterhalb derer eine Kirche für die Gesellschaft nicht mehr relevant ist? Die Frage liegt nahe, denn wir sehen, dass über die beiden großen Kirchen relativ häufig berichtet wird, während das in der Regel bei Freikirchen und kleineren Glaubensgemeinschaften nicht der Fall ist. Trotzdem bin ich zu einer anderen Überzeugung gelangt. Ich habe gelernt, dass Relevanz nicht von der Zahl abhängt. Bonhoeffer und die Bekennende Kirche in Pommern waren nicht viele, „Schwerter zu Pflugscharen“ war keine Massenbewegung, lebendiges und authentisches Gemeindeleben heute ist wichtiger als volle Kirchen. 

Hier liegt für uns als Kirche in unserer Generation die größte Herausforderung. Es gilt, realistisch zu sein. Wir stecken den Kopf nicht in den Sand. Wir haben als Kirche gemeinsam vieles versucht, um diesen Verlust aufzuhalten. Wir im Osten aufgrund der DDR-Geschichte mit etwas schlechteren Ausgangsbedingungen als die Kirche im Westen mit ihrem Selbstverständlichkeit als Volkskirche. Es ist uns nicht gelungen, und ich sehe uns hier im Sprengel als Vorreiter einer Entwicklung, die wir über kurz oder lang in der gesamten EKD finden. Von hierher nun aber etwa auf ein Versagen der Hauptamtlichen oder überhaupt auf irgendjemandes Schuld zu schließen, wäre Nonsens, eine absurde Vorstellung. Wer so redet, empfindet eine Kränkung, weil viele das, was ihnen wichtig ist, ignorieren. Aber dass Menschen zum Glauben kommen, hängt an vielen Faktoren, von denen wir die meisten nicht oder kaum beeinflussen können, am meisten aber am Wirken des Heiligen Geistes. Wir haben es eben nicht in unserer Hand.

Wir müssen aber trotzdem in doppelter Hinsicht darauf reagieren und ich habe versucht dies zu tun. Im kirchenleitenden Handeln sollten zwei Grundlinien erkennbar sein. Die eine Linie betrifft die Struktur unserer Kirche, die sich in den letzten knapp 18 Jahren deutlich verändert hat, und das zweite betrifft die Inhalte, die wir immer wieder zu kommunizieren beauftragt sind.

Mit Blick auf die Struktur unserer Kirche habe ich Weichenstellungen vorgefunden, die ich versucht habe, mit Kraft und Engagement zu befahrbaren Gleisen weiterzuentwickeln und – um im Bild zu bleiben – dann auch zu befahren. Bereits im Herbst 2000, also gerade, als ich über eine Kandidatur als Bischof nachdachte, beschlossen die Bischöfe Kohlwage, Beste und Berger einen Kooperationsvertrag der drei Kirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern. Es ging seinerzeit darum, kirchenübergreifende Aufgaben gemeinsam wahrnehmen. Dazu gehörte die Absicht, sich bei bestimmten Aufgaben in Konferenzen der EKD und der anderen gliedkirchlichen Zusammenschlüsse durch einen gemeinsamen Repräsentanten vertreten zu lassen. Hier leuchtete das Zielbild einer gemeinsamen Kirche auf, von der dann später immer wieder mit dem Kürzel Nordkirche gesprochen wurde.

Als ich dann in Greifswald angekommen war, stellte ich fest, dass die Kirchengemeinden und Kirchenkreise, die Pfarrerschaft und die Mitarbeitenden noch damit beschäftigt waren, die Folgen der Kirchenkreisfusionen und der Pfarrstellenreduktionen der 1990er Jahre zu bewältigen. Aus 15 Kirchenkreisen waren seinerzeit vier geworden und auch die Zahl der Pfarrstellen hatte sich etwa halbiert. Man war zu vielem bereit, aber nicht dazu, die Strukturdebatte wieder aufzunehmen. Umgekehrt ließ sich jedoch auch sehen, dass der Zeitpunkt günstig war, auch auf landeskirchlicher Ebene uns neu aufzustellen.

Dass wir uns damals für die Orientierung an den Grenzen des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern und nicht an den alten preußischen Grenzziehungen orientiert haben, die für eine Fusion mit der Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gesprochen hätten, war und ist aus meiner Sicht die richtige Entscheidung. In den Jahren 2003 – 2006 haben wir versucht, mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs eine gemeinsame Landeskirche zu bilden. Diese Gespräche drohten an der Jahreswende 2006/2007 zu scheitern und viele in Pommern begannen, sich nach Berlin-Brandenburg zu orientieren.

Ich habe damals auf dem Höhepunkt der Krise in den Gesprächen mit der Mecklenburgischen Kirche einen Brief an die Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche geschrieben, der zum Ausdruck brachte: Wenn wir einmal eine gemeinsame Kirche gründen wollen, dann besteht jetzt die Möglichkeit dazu und später nie wieder[2]. Dieser Brief, den ich allein in meiner Verantwortung als Bischof geschrieben habe, war der entscheidende Anstoß zu Sondierungsgesprächen zur Bildung der Nordkirche. Bischof Beste hat mir das übel genommen und auch in Pommern sprachen einige später von einer Intrige des pommerschen Bischofs. Alle, die eine rein ostdeutsche Lösung der Kirchenfusion vorgezogen hätten, waren über diese Initiative verärgert. Ich fühlte mich aber dem von unserer Kirche abgeschlossenen Vertrag mit Nordelbien und Mecklenburg verpflichtet und habe auf einen Brief von Bischöfin Wartenberg-Potter geantwortet. Sechs Jahre, fast sieben, nach der Fusion kann ich nur sagen: Das Experiment einer deutsch-deutschen Kirchenfusion auf Augenhöhe ist gelungen. Die Struktur der Kirche Pommerns ist so aufgestellt, dass unsere Kirche aus diesem Gesichtspunkt ruhig in die Zukunft blicken kann.

Ich meine einmal die Teilhabe Pommerns an der Nordkirche als einer größeren kirchlichen Gemeinschaft. Der Gewinn, zum Beispiel in personalplanerischer Hinsicht dazu zu gehören, ist nicht zu unterschätzen. Man kann schon die Ausbildung für 30 – 40 Vikarinnen und Vikare ganz anders gestalten als für zwei bis vier. Als zuständiger Bischof für Ratzeburg, wo meiner Meinung nach das Herz der Nordkirche schlägt, weiß ich, wie wertvoll das gemeinsame Lernen und der Austausch dort nicht nur für die Berufsbiographien sind. Junge Leute können sich hier in andere Weise entfalten. Die größere Kirche bietet für die weitere Entwicklung andere und mehr Möglichkeiten.

Die Weite der Nordkirche ist vielleicht ihre größte Chance. Hier treffen unterschiedliche Traditionen und Theologien aufeinander, die sich ansonsten schnell aus den Augen verlieren. Ich erinnere mich an eine Begegnung auf einer der ersten Synode bei der mir von einem Synodalen ziemlich unvermittelt mitgeteilt wurde, dass er mich auf Grund meiner Haltung zur Homosexualität bei der nächsten Gelegenheit abwählen würde – und ging davon. Ich habe diese Begegnung zum Ansporn genommen, immer wieder für ein geschwisterliches Miteinander zu werden. Wir haben in unserer Kirche verschiedene theologische Ansichten und ringen um die Wahrheit. Ich bin dankbar dafür, dass wir auch bei theologisch schwierigen Entscheidungen, die nicht nur ethische Fragen sondern z.B. auch das Pfarrbild betreffen, kritisch-konstruktiv beieinander bleiben. 615 Kilometer beträgt der Weg von der Kirche St. Jürgen in List auf Sylt bis zur Kirche Friedrichstahl bei Gartz an der Oder. [Das ist weiter als von Hamburg nach Nürnberg.] Die unterschiedliche Situation der beiden Gemeinden unterstreicht diese Spannweite zusätzlich. Es ist eben so, wir sind verschieden. Wir tun uns selbst keinen Gefallen, ja, wir schaden uns als Volkskirche und als Leib Christi, wenn wir Gremien homogenisieren, anstatt unbequeme Meinungen zuzulassen. Ich habe in den Vereinigungsgesprächen eine großherzige Liberalität kennengelernt: Wenn wir es mit unserem Glauben an Jesus Christus ernst meinen, dann lassen wir uns nicht auseinander dividieren. Wir glauben es dir, dass du nicht aus Bosheit einer anderen Überzeugung bist, sondern in deinem Gewissen gebunden. Wir werden einen Weg finden, der es uns erlaubt, unseren weiteren Weg gemeinsam zugehen. Als ich bei einer Diskussion bei dem Konvent der schwulen und lesbischen Theologen einmal arg zerrupft wurde, es ging um meine Ablehnung der Ehe für alle, weil ich der Überzeugung bin, dass die Ehe aufgrund der biblischen Schöpfungsaussagen nur eine Verbindung von Mann und Frau ist, sprang mir ein schwuler Pastor bei und sagte: „Lasst den Bischof doch. Ich bin mir sicher, dass Bischof Abromeit in der U-Bahn, wenn mir nachgestellt würde, mir beistehen würde. Wir müssen aber nicht in allem die gleiche Meinung haben.“ Wenn die Grundlage stimmt, können wir – besonders in ethischen Fragen – auch Unterschiedliches aushalten. Bei gutem Willen werden wir einen Weg finden, den wir gemeinsam gehen können. Die Ausgrenzung des anderen ist auf jeden Fall keine einer Volkskirche angemessene Verhaltensweise.

Für ein solches Miteinander auf Augenhöhe ist unsere Verfassung eine gute Grundlage. Ohne die miteinander neu in paritätischer Weise erarbeitete Verfassung wären wir nicht zueinander gekommen. Es ist gelungen, eine moderne Verfassung für eine lutherische Kirche zu erarbeiten, an der sich sogar schon andere orientieren. Die Verfassung baut auf dem Priestertum aller Glaubenden und Getauften auf, betont daneben aber auch die Gleichursprünglichkeit des ordinierten Amtes. Sie ruht auf der tragenden Funktion der Ehrenamtlichkeit, gibt den Charismen der Gemeindeglieder Raum und wertschätzt gleichzeitig den Dienst der Ordinierten. In der Verfassung führt dies zu einer Art Gewaltenteilung der kirchenleitenden Organe.

Besonders in dreierlei Hinsicht halte ich unsere Verfassung für fortschrittlich:

1. Unsere Kirche hat eine föderale Grundstruktur. Sie gibt den Kirchenkreisen und Regionen Gewicht. Viele Entscheidungen, z.B. die Pfarrstellenplanung, fallen dort, wo die notwendigen Kenntnisse vorhanden und die Folgen der Entscheidungen zu spüren sind.

2. Wir machen auch auf der Leitungsebene Ernst mit der in sich differenzierten Realität des Leibes Christi. Entscheidungsgremien (Kirchenleitung, Kirchenkreisrat, Kirchengemeinderat) stehen neben Ämtern und Verwaltung. Leitung geschieht als geistliche Leitung immer in Gemeinschaft. Das jeweils kollektiv wahrgenommene Bischofsamt oder Propstamt ist in dieser Weise einmalig in Deutschland.

3. Wir Pommern brachten die „Barmer Theologische Erklärung“ als zu unserem Bekenntniserbe gehörig in den Vereinigungsprozess ein. Nach kurzer, heftiger Diskussion wurde das akzeptiert. Damit wird erstmalig in einer lutherischen Kirche die „Barmer Theologische Erklärung“ unter die Bekenntnisgrundlagen gerechnet. Das macht deutlich: Das Bekenntnis ist nicht im 16. Jahrhundert abgeschlossen, sondern bis in die Gegenwart sind wir aufgefordert, in der Spur Jesu Christi aus Bibel und Bekenntnis Folgerungen für unsere Verortung in Gesellschaft und geistiger Welt zu ziehen. So wie Barmen eine Absage gegenüber staatlichem Totalitarismus und religiöser Überhöhung des Volkes ausspricht, so sind auch wir gefragt, wo unser Bekenntnis zu Christus Folgen im persönlichem und im politischen Raum hat. Weitere lutherische Kirchen sind uns in der Aufnahme von Barmen gefolgt.

Voneinander lernen

Wir sind als Kirche vielleicht mehr denn je zuvor eine Lerngemeinschaft geworden. Kirche als „Lerngemeinschaft“, das ist übrigens auch ein Erbe des Bundes der Ev. Kirchen in der DDR. Wir lernen voneinander, Stadt und Land, Ost und West, Tourismusregion und Peripherie. Als Pommern bringen wir unter anderem ein besonderes Verhältnis im Pfarrkollegium mit. Die amtsgeschwisterliche Verbundenheit hat mir immer wieder imponiert. Pfarrkonvente waren nicht alleine organisatorische Veranstaltungen, sondern sie boten Raum für vertrauensvolle Begegnung. Es ist kostbar, wenn Pfarrkonvente nicht nur Kollegien sind, sondern wenn hier geistliche Gemeinschaft praktiziert wird. In Pommern und in Mecklenburg hat das Tradition.

Wir lernen in der Kirche generationsübergreifend voneinander. Ich freue mich sehr, dass ich im Ende meines Dienstes über 70 Pastorinnen und Pastoren ordiniert haben werde. Eine junge Generation von Theologinnen und Theologen ist herangewachsen, die unsere Zeit des Wandels nicht nur erlebt, sondern gestaltet. Als ich in der vorigen Woche im Konvent der – mit Ausnahme der Stadt Greifswald – sehr ländlich geprägten Propstei Demmin war, habe ich sie erleben können. So viele junge Pastorinnen und Pastoren sind hier im Dienst, rund 2/3 von ihnen habe ich im Laufe der Zeit zum Dienst an Wort und Sakrament beauftragt. Mir war es immer wichtig, jungen Leuten etwas zuzutrauen und sie für unsere Region zu gewinnen. Früh machen unsere jungen Theologinnen und Theologen die Erfahrung: Wir werden gebraucht. Das prägt ihre Mentalität.

Damit in Zusammenhang steht ein zweiter Punkt. Als Pastorinnen und Pastoren haben wir Theologie studiert, nicht Wirtschaft und nicht Bauwesen. Den theologischen Eros sollten wir jedenfalls erhalten und pflegen. Ich verstehe das Bischofsamt nicht zuletzt als eine Chance, theologische Impulse zu setzen. Jedoch erleben wir gerade in Pommern, wo die Pastorinnen und Pastoren vielleicht noch häufiger als sonst Allrounder sein müssen, wie wichtig Zusatzqualifikationen über Verkündigung und Seelsorge hinaus sein können. Ich bin froh, dass wir im Jahr 2004 das „Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ (IEEG) als universitäres Institut unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Herbst gegründet haben. Eine Reihe heutiger Pastorinnen und Pastoren haben an ihm studiert oder Fortbildungen (zum Beispiel zum spirituellen Gemeindemanagement) belegt. Das Institut war und ist ein großer Gewinn für unsere kirchliche Arbeit nicht nur hier in Pommern. Manch ein Student ist wegen des Instituts nach Greifswald gekommen und später geblieben. Einige von ihnen wirken heute in unserer Kirche als Pastorinnen und Pastoren. Von diesen Kontakten wünsche ich mir mehr. Wie können kirchliche und wissenschaftliche Arbeit noch enger verzahnt werden und auf diese Weise Synergien für alle Seiten entstehen?

Wir alle sind Lernende. Als zuständiger Bischof für den Bereich Medien habe ich manches Mal über die Strukturen und Herangehensweisen gestaunt, die die Nordkirche aus dem alten Nordelbien übernommen haben. Hin und wieder hatte ich den Gedanken, dass es auch mit etwas weniger Hochglanzdesign gehen kann. Aber ich habe dazu gelernt. Z.B. hier: Die Kampagne zur Wahl der Kirchengemeinderäte 2016 war ein Erfolg. Viele Gemeinden konnten nicht zuletzt über die Möglichkeit der Briefwahl ihre Beteiligung halten oder sogar ausbauen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass sich die Einrichtungen für die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche als dienende Einrichtung verstehen und Anfragen aus den Gemeinden offen gegenüberstehen. Wir nutzen die Möglichkeiten der Mitgliederkommunikation noch viel zu wenig. Hier dürfte es sich lohnen, weiter zu investieren.

In den letzten Jahren hat sich etwas geändert, dass ich zumindest in dem Maße früher nicht wahrgenommen habe. Es gibt eine wachsende Aufgeschlossenheit der Kirchengemeinden gegenüber dem Gemeinwesen und auch der Gemeinwesen für die Kirchengemeinden. An vielen kommunalen Veranstaltungen wie Dorffesten, Jubiläen, Feuerwehrfesten o.ä. beteiligt sich die Kirche. Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen dienen der gesamten Gesellschaft. Bei meinen bischöflichen Besuchswochen habe ich eine sehr große Aufgeschlossenheit nichtkirchlicher Verantwortungsträger in den Gemeinden und Kommunen uns gegenüber wahrgenommen. Es mag uns überraschen, wie selbstverständlich und wie positiv so mancher Bürgermeister und so manche Ortsvorsteherin auf die Kirche zugeht. Die Kirche im Dorf ist ein wichtiges Symbol für die Identität, sie erzählt auch die Geschichte der Vorfahren, und so engagieren sich nicht durch die Amtsleiterinnen und Bürgermeister, sondern viele Ehrenamtliche dafür, ohne dass sie deshalb Kirchenmitglied werden. Wir sind nach wie vor eine große Organisationen, die gerade auf dem ansonsten strukturschwachen Land wahrgenommen wird und die trotz DDR-Geschichte häufig einen erstaunlich großen Vertrauensvorschuss genießt.

Noch ist vieles in Bewegung. Manches wird sich im Laufe der Zeit klären. Durch die Nordkirche ist ein Durchmischungsprozess angelaufen, der beim Studium beginnt, im Vikariat sich fortsetzt und bei den Pastorinnen und Pastoren zur Anstellung weitergeht und für uns als Kirche eine Bereicherung ist. Dabei ist Pommern eine Pastorenschmiede. Wir bringen mehr Pastorinnen und Pastoren hervor, als wir selbst wieder anstellen. Umgekehrt ist in unserem armen Landstrich kirchliche Arbeit in seiner jetzigen Form ohne die Staatsleistungen und den Mitteltransfer aus reicheren Kirchenkreisen undenkbar. Wir erleben also ein Geben und ein Nehmen. Auch dafür können wir dem Himmel danken.

Offene Fragen

Es bleiben Fragen offen. Am schwersten ist es hinzunehmen, dass sich bei uns die Kirche nicht nur aus demographischen Gründen weiter verkleinert. Es schmerzt, dass nach wie vor gerade die jungen Erwachsenen besonders geneigt sind, aus der Kirche auszutreten. Wir müssen auch diesen Umständen in’s Auge sehen und wir brauchen den Mut, immer wieder neu aufzubrechen. Haben wir Kraft und Ideen, neben Jugendarbeit und Familienarbeit uns auch denen zuzuwenden, die in ihrer Lebenssituation dazwischen sind? Heißen wir wirklich alle Menschen in unseren Gemeinden willkommen, oder mögen wir nicht doch ganz gerne unter uns sein – im Gewohnten?

Mir ist mehr denn je deutlich: Mein Dienst als Bischof findet in einer Schwellenzeit statt. Wohin werden sich Kirche und Glaube entwickeln? Wir stehen in einer Zeit der großen Veränderungen. Es wird an unserem Glauben nicht spurlos vorüber gehen. Bonhoeffer 1944 etwas gesagt, über das ich immer wieder nachdenken muss: „Auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch zu fassen und aussprechen zu können.“[3]

Mühen wir uns in unserer Kirche um einen solchen geistlich-theologischen Neuaufbruch? Das Dezernat Theologie des Landeskirchenamtes hat dazu in der letzten Zeit einige Anregungen gegeben. Aber insgesamt nehme ich war, dass es uns schwer fällt, unsere Herausforderungen als theologische Herausforderungen zu begreifen. Wir werden den steten Mitgliederverlust nicht managen können, sondern müssen uns auch fragen: „Was will Gott uns damit sagen? Welche Kirche sollen wir nach seinem Willen sein? Trauen wir den großen überlieferten Worten noch zu, dass sie etwas „Neues und Umwälzendes“ schaffen können?

Ich kann es nur so sagen: Wir leben unter einem offenem Himmel und spüren doch manchmal so wenig davon. Der Pfarrdienst und die Aufgabe eines Bischofs in Pommern sind schön und herausfordernd zugleich. Er gibt immer mehr Möglichkeiten, als wir bearbeiten können – so viel ist noch zu tun! Manchmal muss man aber auch sich zurücklehnen und einfach abwarten, wohin Gott uns führt. Denn es ist doch wahr: Wir werden die Kirche nicht retten – und müssen es auch nicht.

Ich bin jedenfalls über die vergangenen fast 18 Jahre dankbar, sehr dankbar. Es hat Freude gemacht und tut es noch, gemeinsam mit Ihnen und allen im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis der Kirche in Pommern und in Norddeutschland und ganz besonders den Menschen in unserer Region zu dienen. Der Himmel ist offen und Christus ist mitten unter uns. Vielen Dank!

[1] Hans- Jürgen Abromeit: Alle Tage! Predigt über Mt 28,16-20, ThBeitr 33 (2002), 113-116, hier 113.

[2] Vgl. Brief von Bischof Hans-Jürgen Abromeit vom 4. Dezember 2006; in: M. Ahme u.a. (Hg.), Gemeinsam auf dem Weg. Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kiel 2016, 9f.

[3] Dietrich Bonhoeffer: „Gedanken zum Tauftag von D.W.R. Mai 1944“. In: ders.: Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.  Hg. von Eberhard Bethge, Berlin: 1977, S.321 ff.

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