23. Mai 2019 | Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Orientalisches Christentum. Perspektiven aus der Vergangenheit für die Zukunft

23. Mai 2019 von Hans-Jürgen Abromeit

Grußwort im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Altripp, sehr geehrter Herr Professor Dr. Suermann, sehr geehrter Herr Dr. Suhm,

es „ist wahr, dass Jesus Christus am Ende einer in ihn ausmündenden Geschichte steht, welche mit diesem Lande unauflöslich verknüpft ist, wegen deren wir eben Palästina das Heilige Land nennen“[1]. Als Gustaf Dalman diese Worte schreibt, ist er der Gründungdirektor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes in Jerusalem. Sein ganzes Lebenswerk steht als Beispiel dafür, wie der Protestantismus, man müsste vielleicht präzisieren: der deutsche Protestantismus, den Nahen Osten neu für sich entdeckt. Das war nötig geworden, denn die innere Verbindung zwischen deutschen evangelischen Kirchen und der gesamten nahöstlichen Region war in seiner Zeit wenig ausgeprägt. Erst im 19. Jahrhundert war das Interesse an der Region erwacht. Wer sich in das Heilige Land aufmachte, stellte oftmals überrascht fest, dass dort nicht wenige Christen lebten. In den verschiedenen Regionen stellten sie etwa 10 % der Bevölkerung. Sie lebten in all den Jahren unter wechselnden, zumeist muslimischen Herrschaften im gesamten Nahen Osten. Sie nahmen und nehmen dort eine Schlüsselfunktion wahr. Durch sie und auch durch weitere religiöse Gruppen und Gemeinschaften war eine einzigartige Vielfalt entstanden. Die Christen sind dabei das Scharnier zwischen Orient und Okzident, zwischen morgen- und abendländischen Kulturen. Durch sie lernte auch ich den Orient kennen.

Seit ich Anfang der 1980er für eine Zeit in Israel und Palästina lebte, nehme ich die Lage im Nahen Osten mit anderen Augen wahr. Die einander widerstreitenden Interessen der globalen Supermächte, der industrielle Hunger nach Öl und Absatzmärkten und toxische Mischungen aus religiösem Fanatismus, Tribalismus und Nationalstaatsdenken machen die Region regelmäßig zum Pulverfass. Zwischen allen Fronten stehen oftmals die Christen. Obwohl alle ihre Heimat lieben, sehen sie manchmal nur die Flucht als letzten Ausweg. Wie oft habe ich die Pastoren der evangelischen Kirchen der Region, halb staunend, halb resigniert feststellen hören, wie viele ihrer Gemeindeglieder über den gesamten Globus verteilt sind und keineswegs mehr in ihrer Heimat leben. Die Bethlehemer evangelische Gemeinde hat etwa 400 Mitglieder. Weltweit gibt es aber circa 2.000 evangelische Christen, die ursprünglich aus dieser Gemeinde hervorgegangen sind. Der Nachbarort von Bethlehem, Beit Jala, hat heute circa 15.000 Einwohner, von denen noch die Mehrheit christlich ist. Im Lauf der letzten 150 Jahre sind sehr viele Christen ausgewandert. Allein in Chile leben circa 400.000 Christen palästinensischen Ursprungs. Davon sollen allein 70.000 aus Beit Jala stammen, beziehungsweise sollen ihre Vorfahren aus Beit Jala ausgewandert sein. Die Christen sind oftmals die ersten, die gehen. Vertrieben von den Härten, die ein Leben in der Minderheit mit sich bringt und angezogen von dem Versprechen, in der westlichen Welt unter Geistesverwandten zu leben.

Die christliche Auswanderung aus Palästina ist kein neues Phänomen. Es gibt sie seit 150 Jahren. Aber sie hat in den letzten 20 Jahren eine neue Qualität gewonnen, die die Existenz der Christenheit in Palästina in Frage stellt, wenn sie weiter so anhält. Palästina steht hier leider nicht allein. Die Gründe einer Auswanderung aus Palästina sind solche, die sich aufgrund des israelisch–palästinensischen Konfliktes von den Gründen der christlichen Auswanderung aus den anderen arabischen Ländern wie Syrien, Irak und Ägypten unterscheiden. Die Ergebnisse sind die gleichen. Die Zahl der Christen in Nahost hat in den letzten 20 Jahren dramatisch abgenommen.

Doch wenn das orientalische Christentum mit seiner ganzen konfessionellen Vielfalt untergeht, verlieren wir mehr, als wir vermutlich glauben. Der Orient droht dann, in einer kulturellen Isolation zu versinken. Die Begegnung zwischen den Hemisphären wird zunehmend zum Kontakt einander fremder Welten und die Mittler fehlen. Die Bewahrer unseres christlichen Erbes in dem Landstrich, den Dalman noch in Aufnahme eines Zitats des Kirchenvaters Hieronymus als fünftes Evangelium beschrieb, werden nicht mehr da sein. Mit den Christen vergeht in der arabischen Welt der letzte Garant eines gewissen, wenn auch beschränkten Pluralismus. Es war der Bethlehemer lutherische Theologe Dr. Mitri Raheb, der in den letzten Jahren immer wieder auf diesen kulturellen Verlust hingewiesen hat, der dem Orient mit dem Verschwinden des Christentums droht. Aus einer über die Jahrhunderte religiös und kulturell sehr gemischten Region wird ein in beiderlei Hinsicht fast monolithisch islamisch bestimmter Raum werden.

Beim Jahresfest des Jerusalemsvereins, einem 1852 gegründeten Verein, dem ich seit 1998 vorstehe, sagte Raheb im Jahr 2012: „Was für eine Kultur wird in dem Land herrschen? … Christen haben hier eine ganz wichtige Rolle zu spielen. In Deutschland wird immer von einer Multi-Kulti-Gesellschaft gesprochen, das Straßenbild zeigt es deutlich, wie sehr dies für dieses Land zutrifft. Im Nahen Osten werden die Straßenbilder immer eintöniger und einfarbiger. Die Präsenz von Christen in der Region ist wichtig, damit Pluralismus im Nahen Osten nicht bloß eine abstrakte Idee, sondern durch konkrete Menschen, lebendige Menschen fühlbar bleibt.“[2] Als Christinnen und Christen und als Kirchen sind wir froh, dass mit dieser Tagung der Reichtum orientalischen Christentums auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wird.

Ich bin den Organisatoren dieser Tagung und namentlich Professor Dr. Michael Altripp dankbar, dass er sie für Greifswald gewonnen hat. An diesem Ort, in dieser Stadt, in der Gustaf Dalman als Professor der Theologie gewirkt hat und die heute noch seinen Nachlass pflegt und verwaltet, ist es besonders passend, an die Bedeutung des Nahen Osten und seiner christlichen Minderheit zu erinnern. Wir können nicht oft genug hören, wie es den Menschen geht, die dort, wo unser Glaube buchstäblich geboren wurde, leben und den Glauben verkündigen. Aber ich wünsche mir auch, dass die Kenntnisnahme und Erforschung für unser kirchliches und politisches Handeln nicht folgenlos bleiben. Daher wünsche ich Ihnen und uns eine anregende und gesegnete Tagung.

[1] S. a. Gustaf Dalman, Das Heilige Land und die heilige Geschichte, Palästinajahrbuch des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes zu Jerusalem, 8. Jahrgang (1913), S. 67–84, 67.

[2] M. Raheb, Christ-Sein in der arabischen Welt. 25 Jahre Dienst in Bethlehem. Gesammelte Aufsätze und Reden eines kontextuellen Theologen aus Palästina, Berlin 2013, 206f.

Veranstaltungen
Orte
  • Orte
  • Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Flensburg-St. Johannis
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Michael in Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Nikolai-Kirchengemeinde Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Petrigemeinde in Flensburg
  • Hamburg
    • Hauptkirche St. Jacobi
    • Hauptkirche St. Katharinen
    • Hauptkirche St. Michaelis
    • Hauptkirche St. Nikolai
    • Hauptkirche St. Petri
  • Greifswald
    • Ev. Bugenhagengemeinde Greifswald Wieck-Eldena
    • Ev. Christus-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Johannes-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Marien Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Greifswald
  • Kiel
  • Lübeck
    • Dom zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Aegidien zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lübeck
    • St. Petri zu Lübeck
  • Rostock
    • Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde Rostock
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock Heiligen Geist
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Evershagen
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Lütten Klein
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis Rostock
    • Ev.-Luth. Luther-St.-Andreas-Gemeinde Rostock
    • Kirche Warnemünde
  • Schleswig
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig
  • Schwerin
    • Ev.-Luth. Domgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Berno Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin
    • Ev.-Luth. Petrusgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Schloßkirchengemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Versöhnungskirchengemeinde Schwerin-Lankow

Kirchenmusik
Orte
  • Orte
  • Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Flensburg-St. Johannis
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Michael in Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Nikolai-Kirchengemeinde Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Petrigemeinde in Flensburg
  • Hamburg
    • Hauptkirche St. Jacobi
    • Hauptkirche St. Katharinen
    • Hauptkirche St. Michaelis
    • Hauptkirche St. Nikolai
    • Hauptkirche St. Petri
  • Greifswald
    • Ev. Bugenhagengemeinde Greifswald Wieck-Eldena
    • Ev. Christus-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Johannes-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Marien Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Greifswald
  • Kiel
  • Lübeck
    • Dom zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Aegidien zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lübeck
    • St. Petri zu Lübeck
  • Rostock
    • Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde Rostock
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock Heiligen Geist
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Evershagen
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Lütten Klein
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis Rostock
    • Ev.-Luth. Luther-St.-Andreas-Gemeinde Rostock
    • Kirche Warnemünde
  • Schleswig
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig
  • Schwerin
    • Ev.-Luth. Domgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Berno Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin
    • Ev.-Luth. Petrusgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Schloßkirchengemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Versöhnungskirchengemeinde Schwerin-Lankow

Personen und Institutionen finden