31. August 2017 | Christuskirche Eimsbüttel

Siehst du mich? Wirklich?

31. August 2017 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst für Lehrer und Lehrerinnen zum Schuljahresanfang, Predigt zu Lukas 19, 1-10

So lautete die Leitfrage einer Übung, mit der wir vor Jahren im Rahmen einer Fortbildung zu biblischen Texten durch den Raum geschickt wurden. Sie kennen diese Selbsterfahrungen. Oft sehr überraschend. Faszinierend, wie nahe einem ein Blick gehen kann. Und zunächst auch ein bisschen, unangenehm, ehrlich gestanden. So genau und direkt angeschaut zu werden – uff. Man fühlt sich zunächst auch ungeschützt. Sind doch, sagt man, die Augen das Fenster der Seele. Und so schauten wir uns in die Augen, Kleines, machten zunächst Witze, um die spontan empfundene Schüchternheit zu überwinden. Bis ich dann wirklich schaute. Sah. Versuchte zu verstehen. Mich öffnete. Meine Angeschaute sagte: Ich kann solche Übungen eigentlich nicht ausstehen. Aber – so angesehen zu sein, hat mich bewegt. Und  - letztes Zitat aus Casablanca – es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Bis heute.

Der minutenlange Blick kann Menschen zusammenbringen, auch wenn wir einander gar nicht kennen, völlig andere Hintergründe haben, nicht dieselbe Sprache sprechen. In diesem Video sieht man dabei eine unglaubliche Intensität. Und auch Fröhlichkeit. Ein lachen, das sich ernst meint. Menschen, die sich „erkennen“  - weil sie eines schaffen in den 4 Minuten: über die Grenzen all der Affekte hin zu dem anderen selbst zu kommen, mit ihm oder ihr eine ganz besondere Nähe zu empfinden. Look beyond  borders – es geht um eine heilsame und eröffnende Grenzüberschreitung.

Wie bei der Geschichte vom Zachäus. Ich habe sie immer schon geliebt, gerade als Kind. Denn die Botschaft ist ja so sonnenklar: Jesus sieht uns kleine Leute, hat ein Herz für die, die am Rand stehen oder im Hintergrund. Sie, die sich immer anstrengen müssen, um von anderen Menschen gesehen zu werden. Die auf Bäume klettern, sich auf Zehenspitzen stellen, High-Heels tragen und Armani-Anzüge, die winken und rufen und laut singen, damit man sie wenigstens hört. Und die manchmal im Schatten der Großen krumme Dinger drehen, wie der Zachäus, der irgendwann dann auch innerlich klein geworden ist und neidisch und geizig wohl auch.

Bis, ja bis Jesus ihn sieht. Wie er da so sehnsüchtig nach Anerkennung auf seinem Baum hockt, sehnsüchtig auch danach gut sein zu dürfen und Größe zu zeigen. Der Text sagt nicht, wie lange Jesus den Zachäus anschaut, ob es nur ein paar Sekunden sind oder eine Minute oder sogar noch länger. Aber mit dem Blick und mit dem Gesehen-Werden beginnt die Veränderung. Da will er auf einmal das Beste aus sich herausholen. Und seine gute Seite zeigen. Passiert Ihnen doch sicherlich auch mitunter -  in der Schule, zwischen Lehrerin und Schüler, zwischen Kolleginnen und Kollegen, zwischen Schulleiter und Lehrerin.  Die Geschichte fragt uns: Wen sehe ich – oder sehe ihn nicht? Wer sieht mich? Wirklich? Wer ich bin und was ich tue?

Und liegt es vielleicht manchmal auch an mir selbst, dass ich nicht gesehen werde, weil ich mich verstecke?

Und Jesus sagt: „Zachäus, steig eilend herunter. Denn ich muss heute in deinem Hause einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ Jesus sieht genau hin. Und sieht den, der gesehen werden will. Er holt ihn von seiner Verstiegenheit auf Augenhöhe herunter und macht Zachäus zu einem Angesehenen. Folge: Zachäus ist so froh. Gar liebeswillig. Und so will er gleich allen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückgeben. Zachäus will ins Reine kommen. Doch so einfach ist das für die anderen nicht. „Als sie das sahen, murrten sie: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“

Das ist doch erstaunlich, liebe Gemeinde! Nicht Zachäus, Jesus empört die Seelen! Denn er überbringt die Liebeserklärung Gottes zuallererst nicht den Frommen, sondern dem Verlorenen.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und glücklich zu machen, was verloren ist. Das ist die Revolution des wirklich Heilsamen: Gottes Liebe ist im Sinne des Wortes insofern „radikal“, als sie „an die Wurzel geht“. Sie setzt gerade beim Unvollkommenen in uns an, beim Unbarmherzigen, beim Schuldhaften, beim Neid. Und so ist sie deshalb heilsam: Heilsam ist die geduldige Übung sich zu einigen, auch wenn es manchmal sagenhaft anstrengend ist. Heilsam ist der Widerstand gegen Zertrennung und Ausgrenzung – aufgrund von Rasse, Geschlecht, Religion. Heilsam ist die freundschaftliche Annäherung, auch für den fremdesten Gast. Heilsam, den Blick des anderen zu suchen, um der Seele Raum zu geben.

Zachäus fühlt sich von nichts und niemandem gesehen als der, der er ist. Er wird beschimpft, gekränkt, beneidet.  Aber keiner sieht ihn. Keiner würdigt ihn in seiner individuellen Persönlichkeit als Mensch. Jesus durchbricht das, der hört und sieht ihn. Einen kleinen Mann auf dem Baum. Mit all seinen Nöten. Endlich. Und endlich hat Zachäus eine Chance, auf sich selbst anders zu blicken. Aus Zweifel wird Zu- ver- sicht. Auf ein neues Leben.

Diese alte Geschichte versteht viel. Mag sein auch von uns. Von unseren Fluchten. Davon, wie wir uns missachtet gefühlt haben und verletzt. Wie wir uns dann abgeschottet haben und zu anderen gesagt: Ach, bleib doch, wo du bist! – Übrigens nicht nur etwas, was wir persönlich erleben, sondern derzeit auch gesellschaftlich und europäisch: Abschottung. Bleibt doch, wo Ihr seid!

Und, auch das wissen wir genau, es wird ja nicht besser, wenn man wegsieht. Doch dazu braucht man einen anderen. Einer, der diese Verschlossenheit aufbricht. Der oder die quasi die „inneren Schleusen“ öffnet und die Augen dazu. Der sagt: „Und nun lass dich anschauen: Wie geht‘s dir denn wirklich?!“ Und die dann mit dem Herzen zuhört – und versteht.  Das Herz ausschütten – ich glaube, es gibt viele Menschen, die sich danach sehnen. Die auf ihren Bäumen hocken und in ihren Etagen, die ein wenig einsam und unnahbar darauf hoffen, dass einer sagt: Komm! Du hast so viel zu geben. Wertvoll bist du, Mensch. Eben: Wunderbar gemacht.

Wir Christen haben in dieser sich verändernden und religiös sehnsüchtigen Welt also eine Aufgabe: Dass wir der Botschaft von dieser Liebe Gottes Gehör verschaffen. Dass wir angesichts von Zerbrochenheiten davon reden, was aufbaut. Dass wir Räume öffnen, Kirchräume wie diesen hier, aber auch Schulräume. Damit Menschen hoffen, damit sie lernen, damit sie innerlich wachsen und weiterkommen. Damit sie sich mit all den Warumfragen ihrer Existenz aufgehoben fühlen wie in Abrahams Schoß. Und in all dem sollen und können wir in dieser Welt zeigen, dass unser Glaube die private Überschaubarkeit sprengt, unsere engen Grenzen Look beyond border: Denn der Himmel Gottes ist universal und unfassbar weit.

Die Schule genauso wie auch die Kirche sind für mich so gesehen ein wenig der Himmel auf Erden, nämlich Räume, in denen wir uns ansehen können. Räume, die ihrer Bestimmung nur dann gerecht werden, wenn wir uns in die Augen schauen. Hier geht es gar nicht anders, als angesehen zu werden. Es würde geradezu anstrengen, einander NICHT anzugucken.

Ich stehe bewundernd davor, wie Sie das hinbekommen in Ihren Klassen. Gerade in Zeiten, in denen dort so viele Kinder und Jugendliche mit so verschiedenen Sprachen, aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen.

Und nun wollen wir das auch hier einmal ausprobieren. Wenden Sie sich doch einfach mal Ihrem Nächsten, Ihrer Nachbarin zu. Schauen Sie sich an. Lächeln ist erlaubt. Vielleicht müssen wir das nicht vier Minuten lang machen, aber 30 Sekunden sollten es schon sein. Mindestens.

GEGENSEITIGES ANSCHAUEN

Wir haben, liebe Gemeinde, Gottes Ansehen längst, von allem Anfang an. Weil Gott selbst weiß, wie es ist, nicht gesehen zu werden.  Dazu zum Abschluss eine kleine Geschichte, die Martin Buber aufgeschrieben hat. „Rabbi Baruchs Enkel Jechiel spielte einst mit einem  anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein  Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen. Er kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: „So spricht auch Gott: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“

Ich finde es wunderbar, dass immer wieder Menschen aufbrechen, um Gott zu suchen. Und dass sich immer wieder auch Menschen auf den Weg machen, um andere Menschen zu suchen. Ich wünsche Ihnen viele gute Begegnungen in diesem Schuljahr, einen guten Blick und viel Kraft.
Amen.

Datum
31.08.2017
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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