1. Januar 2019 | Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

01. Januar 2019 von Kirsten Fehrs

Neujahr, Krippenandacht, Predigt zur Jahreslosung aus Psalm 34.15

Liebe Neujahrsgemeinde,

es war ein magischer Moment, als am 3. Advent in die Herz-Jesu-Kirche in Hamm, bis unters Dach gefüllt mit Hunderten von Jugendlichen und Kindern in Pfadfinderkluft, das Friedenslicht von Bethlehem hineingetragen wurde. Plötzlich wurden alle total still. Feierlich still. Zwei von ihnen hatten das Licht in Wien abgeholt, gemeinsam mit Hunderten Pfadis aus allen Städten Europas. Europas Jugend spannt den Friedensbogen zum Nahen Osten – allein das schon ein Zeichen, das in diesen Zeiten der Aufrüstung in Worten und Waffen so dringend gebraucht wird!

Und wie sie nun dieses Friedenlicht behutsam nach vorn trugen, damit es in der zugigen Kirche ja nicht ausgeht, wurde klar wie unglaublich strahlend und zugleich gefährdet dieses Licht ist. Die Botschaft ist deutlich: Niemals darf es ausgelöscht werden, dieses Friedenslicht, allen Stürmen und Dunkelheiten zum Trotz. Frieden ist alles. Er ist Weg und Ziel. Frieden schenkt Geborgenheit in der Familie. Er lässt uns frei atmen und einander zugewandt sein. Er erlöst in Unversöhnlichkeit und Streit. Frieden ist die Grundlage für jede demokratische Verschiedenheit und Völkergemeinschaft. Kurz: Frieden ist die unauslöschliche Verheißung, die mit dem Krippenkind auf die Erde gekommen ist und uns Sehnsucht und Ansporn zugleich sein will. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, singen dazu die Engel.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ Wir dürfen niemals aufhören damit. Wie wieder einmal eine Jahreslosung so genau die Stimmungslage im Land trifft, denke ich, als am Ende dann beim Hinausgehen aus der Kirche mitten unter den fröhlich schnatternden Pfadis jemand ruft: „Kommt, wir zieh‘n in den Frieden!“

Sie sind, was sage ich, wir alle sind Kinder des Lichts. So beschreibt es der Epheserbrief: „Und die Frucht des Lichtes ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Dieses Dreigestirn gehört zum Frieden, auch zum inneren Frieden mit sich selbst. Zuerst die Güte, heißt hier: die Liebe, die geschenkt und empfangen werden will. Dann die auf Ausgleich ausgerichtete Gerechtigkeit, die jedem und jeder ihr Menschenrecht gibt. Und nicht zuletzt die Wahrheit – denn es gibt nichts, was mehr vergiftet als die Lüge; wir erleben es gerade in so vielen Ländern. Die Lüge verunsichert, schürt Neid und Ängste. (Oft sind‘s doch Phantomängste!) Wenn man bedenkt, liebe Gemeinde, dass der Begriff „Fakenews“ inzwischen Teil unserer Alltagssprache ist. Das ist doch bedrückend! Nein, deckt sie auf, die Werke der Lüge und der Finsternis, heißt es. Wandeln wir als Kinder des Lichtes. Oder um es mit den Pfadis zu sagen: „Komm, wir zieh‘n in den Frieden!“

So heißt übrigens auch das neue Lied von Udo Lindenberg – zugegeben eine etwas andere Musikkultur als die eben so wunderbar dargebrachte 4. Kantate des Weihnachtsoratoriums. Aber inhaltlich rockt sie durchaus ähnlich:

Wir sind mehr als du glaubst
Wir sind schlafende Riesen
Aber jetzt stehen wir auf
Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind
Am Ende werden wir gewinnen
Wir lassen diese Welt nicht untergehen
Komm wir ziehen in den Frieden

Ja, antwortet die Kantate. Denn mein Jesus heißt Leben! Er hat des Todes Furcht vertrieben!
Auch Rezitative gibt es in der Rockversion – zwischen den Strophen des Liedes nämlich sprechen Kinder so überaus beeindruckend und auswendig die einzelnen Artikel der Menschenrechtserklärung, die im Dezember vor 70 Jahren von der UN ratifiziert wurde. Sie beginnt wie folgt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Dermaßen starke Worte, verwurzelt in unserem Glauben: Menschenrecht ist von der Schöpfung her heilig, heißt also: unantastbar.
So stark sind die Worte, auch weil Kinder sie sprechen. Denn wir wissen es und doch geht es uns allen zu Herzen: Die Kinder sind es, die in den Kriegsgebieten unserer Erde unter Bombenbeschuss und Vertreibung besonders leiden, die traumatisiert sind, von Gewalt, von immerwährender Angst und Verfolgung, die zutiefst verloren sind, durch den Verlust der Eltern und der Heimat. Als ich just vor dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung 2015 in Jordanien in den Flüchtlingslagern war, hat mich besonders die Begegnung mit Kindern berührt, die nicht mehr hören konnten. Taub geworden durch die Detonation der Bomben direkt vor ihnen. Sie waren noch Monate danach angsterstarrt. Unvorstellbar – und ungehört – die psychischen Belastungen, die diese kleinen Menschen in tiefe seelische Dunkelheit gestürzt haben. Hören wir sie! Sie sind Menschen mit Rechten, Kinder des Lichtes!
Unsere Kinder hier – sie ahnen und wissen das. Und bangen um den Frieden, machen sich Sorgen um die Welt. Zu Recht, wie wir alle zugeben werden. Von so viel Gefährdung, von Gewalt, Unfrieden und Flucht hören wir jeden Tag – und werden uns zugleich gewahr, dass das auch bei uns einmal bittere Realität war. Es jährt sich ja zum 80. Mal der Beginn des 2. Weltkrieges, der von deutschem Boden ausging…
So lang schon wütet Krieg, seit Menschengedenken, jetzt und immerdar. So besonders lang und so besonders wütend in Syrien, mein Gott. Fast die ganze Bevölkerung, so viele Kinder hungern wegen eines Krieges, der doch letztlich dem Machtstreben weniger dient. Ganz ähnlich ist es im Jemen – auch befeuert übrigens durch deutsche Waffenexporte!
Wir haben wahrlich Grund, Frieden zu suchen und ihm nachzujagen. Es gibt keine Alternative und wir haben keine Zeit. Jagen wir dem Frieden nach, schnell, gerade wir, die wir ihn seit über sieben Jahrzehnten geschenkt bekommen haben – gute Güte, aufstehen müssen wir und dafür dankbar etwas tun. In den Frieden ziehen, heißt, unbeirrt vom Frieden zu reden. Denn sonst – ich zitiere die Neujahrsbotschaft eines Erich Fried:

Der Nichtssagende
Wer nichts zum Frieden
sagen will
aber vorschlägt
im nächsten Jahr
wieder zusammenzutreffen
um wieder nichts zu sagen
und ein Jahr darauf
wieder zusammenzukommen
um abermals nichts zu sagen
der fördert den Frieden
auf nichtssagende Weise
und die Freunde des Krieges
sehen sich vielsagend an

Es ist dieses Jahr vom Frieden zu reden. Mit Politikern, Schülerinnen, Nachbarn. Religiösen und Nichtreligiösen. Natürlich kann man nicht – das konnte man noch nie – über Gewalt hinweggehen, als gäbe es sie nicht. Militärisch. Machtpolitisch. Diktatorisch – auch direkt im Haus nebenan. Aber sie klar beim Namen nennen, das können wir.
Kinder des Lichtes zu sein, heißt eben – laut Lindenberg wie Epheserbrief – wach werden aus dem Schlaf, aufstehen, die Wahrheit erzählen und von den Träumen einer friedlichen Welt.
Suche Frieden und jage ihm nach. Mit Kerzen und Gebeten. Bedenken wir – es ist schon einmal gelungen. Auch das gehört ins neue Jahr: Vor 30 Jahren, 1989 hat es eine friedliche Revolution gegeben. Es waren tatsächlich unsere alten biblischen Verheißungen, die die Menschen bewegt haben. „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Nur die Wahrheit wird frei machen“ hieß es. Und sie haben sich nicht mehr abgefunden mit Lähmung, Lüge und Schweigen, sondern haben Widerstand geleistet – offensiv und subversiv, allein mit Kerzen und Gebeten, verrückt vor Hoffnung. Und die Mauer fiel.
„Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Wir können das. Wir können Leuchtfeuer der Humanität entzünden, die Orientierung geben und dabei helfen, dass Anstand und Nächstenliebe in unserem Land ebenso wie in Europa nicht Schiffbruch erleiden. Wir können uns für Seenotrettung einsetzen – immer noch für Flüchtlinge auf der Seawatch, die derzeit einen rettenden Hafen sucht. Wir können mit dem Artikel 3 der Menschenrechtscharta auch in unserem Land erinnern: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Dafür, eben auch für unsere Demokratie in unserem Land braucht es Engagierte, jede und jeden von uns, die aufstehen und all die Mauern zu Fall bringen, die einige wieder aufbauen wollen.

„Dona nobis pacem“ – mit Kerzen, Liedern und Gebeten, so stehen wir alle heute hier an der Krippe – gemeinsam Suchende durch die Zeiten, junge und alte Kinder des Lichtes, Hirte wie Maria mit gleichem Menschenrecht. Alle voller Sehnsucht, in den Frieden zu ziehen – dem Stern aus Bethlehem hinterher! Wie diesem Stern, schauen Sie, einem Fröbelstern – die Hoffnungsgeschichte dazu möge nun am Ende der Predigt dem Anfang Ihres neuen Jahres ein ganz besonderes Friedenslicht mitgeben.
Eine Woche vor Weihnachten rief ein 91-jähriger Mann an, bedankte sich für die Glückwünsche zu seinem Geburtstag und erzählte, dass seine Frau vor kurzem gestorben sei. Auf einem zwar langen, aber friedensleisen Weg sei sie ins ewige Licht gegangen. Und während er all die Zeit neben ihr am Sterbebett gesessen hat, hat er lauter Fröbelsterne gebastelt. Über 600 Sterne! Ob ich die brauchen könnte? Ob ich sie verteilen könnte und mit ihnen helle Gedanken? Ich habe sie alle verteilt, bis auf den einen hier. An Obdachlose, suchende junge Menschen, an Gottesdienstbesucher im Lübecker Dom, an Agnostiker und Kinderbischöfinnen. Und es war für mich unglaublich zu erleben, wie sehr sich die Menschen beschenkt fühlten, wie sie auf einmal ruhig wurden, nachdenklich, fröhlich. Eben: mit Frieden gesegnet.
Gehen Sie mit diesem Sternenlicht gesegnet ins neue Jahr 2019, liebe Gemeinde. Erfüllt von Frieden, höher als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

Datum
01.01.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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