Geschichte

Vor 25 Jahren in der DDR: Der Ruf der Christen nach Gerechtigkeit

DDR-Volkspolizisten versperren im Jahr 1989 nach dem wöchentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche den Kirchenbesuchern den Weg.
DDR-Volkspolizisten versperren im Jahr 1989 nach dem wöchentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche den Kirchenbesuchern den Weg. © epd-ost, Archiv

23. Januar 2014 von Simone Viere

Berlin. Die "Zeichen an der Wand" waren Anfang 1989 unübersehbar: Das Volk begann, das verordnete Glück abzulehnen. Doch die Herrschenden in der DDR wollten davon nichts sehen und nichts hören. Sie träumten weiter vom "Glück des Volkes" hinter der Mauer.

Eines der damaligen Zeichen war das Papier "Mehr Gerechtigkeit in der DDR". Mitte Januar nahm es seinen Weg in christliche Gemeinden, in evangelische, katholische und die der Freikirchen. Seit dem Frühjahr 1987 saßen berufene Vertreter der drei Glaubensrichtungen für "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" zusammen und dachten nach, wie aus der DDR ein lebenswerter Staat für alle werden könnte. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer sagte dazu: "In all unserer freien Zeit saßen wir von Greifswald bis Suhl zusammen, machten emsig Vorschläge oder arbeiteten an Papieren. Wir machten uns auf alles gefasst. Wir wollten keineswegs mehr so weiterleben wie bisher."

Was da "nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch" herauskam, galt schon bald als "Magna Charta der DDR-Opposition", als ihre "Regierungserklärung", sollte die SED einmal gehen müssen. Auch wenn das nicht wenige Menschen herbeisehnten, der Termin stand in den Sternen.

Friedrich Schorlemmer: "Wir wollten keineswegs mehr so weiterleben wie bisher."

Das Papier war mutig: Es rief die Christen auf - und nicht nur sie - in ihrem Umfeld "mutige Schritte zu mehr Gerechtigkeit" zu gehen, also ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dafür sollten sie "auch Opfer und Nachteile auf sich nehmen". Dass Mut in der DDR Nachteile bringt, wussten alle: Parteigänger, Gegner, Unentschlossene. Bewusst Opfer und Nachteile in Kauf zu nehmen, hatten bis dahin vor allem Menschen gewagt, die mit der DDR total abgeschlossen hatten. Nun sollte jeder dazu bereit sein, sagten die Kirchen.

Sie forderten die Herrschenden auf, Wahlen zu organisieren, die "die Urteilsfähigkeit der Bürger wirklich erfordern" statt einer Einheitswahl mit 99 Prozent Zustimmung. DDR-Wahlen mit Einheitsliste und offener Stimmabgabe nahm ohnehin kaum einer ernst. Manch einer spottete sogar: "Das Ergebnis interessiert erst, wenn es über hundert Prozent liegt." Bei vorhergehenden Wahlen hatte kein Wahlhelfer Zustimmungsraten von 99 Prozent erlebt - der Verdacht der Fälschung lag nahe.

Forderungen nach unabhängigen Richtern und einem unabhängigen Bildungswesen

Gefordert wurden unabhängige Richter und ein Bildungswesen, das zu eigenem Urteil befähigt. Gängelung und Frustration, Mangel an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit entmutigten, verbitterten und entmündigten Menschen. "Weil vom Bürger erwartet wird, dass er sagt, was man hören will, hat er sich daran gewöhnt, etwas anderes zu sagen, als er denkt und anders zu handeln, als es seinen Überzeugungen entspricht", stand da geschrieben. Und: "Wenn sich Bürger auf Grund gemeinsamer gesellschaftlicher Interessen zusammenfinden, geraten sie schnell in den Verdacht staatsfeindlicher Aktivitäten." Weiter hieß es: "Wer irgendwie auffällt und sich nicht wie erwartet angepasst verhält, muss mit Rückwirkungen in ganz anderen Lebensbereichen rechnen."

Ein weiteres Zeichen an der Wand kam aus Leipzig. Am Gedenktag für die im Januar 1919 ermordeten Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wiederholten in Liebknechts Geburtsstadt Oppositionelle das, was im Jahr zuvor Berliner gewagt hatten und mit Verhaftungen und Ausweisungen bezahlen mussten. Am "heiligen" DDR-Gedenktag, an dem SED-Genossen schweigend durch die Straßen zogen, demonstrierten sie. Dabei wiederholte sich in Leipzig der Tabubruch mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" - ein Zitat, das SED-Gläubige kaum kannten, weil es "Andersdenkende" nicht geben durfte.

Die Methode Friedhofsruhe funktionierte nicht mehr

5.000 Flugblätter hatten die Demonstranten in Leipzig verteilt. So eine Großaktion blieb der Stasi nicht verborgen. Sie verhaftete am Ende zwölf Organisatoren. Dennoch: Zum Zeitpunkt der Demonstration waren 700 bis 800 Menschen vor Leipzigs Rathaus, die fast alle am Schweigemarsch teilnahmen. Die DDR-Polizei löste diesen erst nach einem guten Stück Weg auf und setzte "Rädelsführer" fest. Doch Ende Januar war alles vorbei: Die Inhaftierten kamen frei. Die Methode Friedhofsruhe allerdings funktionierte nicht mehr. Das Zurückweichen der Staatsmacht bei diesem Probelauf ermutigte im Herbst zu weiteren Demonstrationen, denen erst Zehntausende, dann Hunderttausende folgten.

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