1. April 2018 | Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Auferstanden – wahrhaftig auferstanden. Das ist Ostern!

01. April 2018 von Kirsten Fehrs

Ostersonntag, Predigt zu 1. Samuel 2 – Hannas Lobgesang

Liebe Ostergemeinde!

Und Johanna steht auf. – Sie ist ungefähr 17 Jahre alt, Teil eines Jugendteams in Flensburg, das ich am Gründonnerstag besucht habe zu einem besonderen Abendmahlsgottesdienst,  ihrem „Abendma(h)l anders“, mit begeistertem Chor und veganer Suppe – eine richtig gesunde, grüne Suppe am Donnerstag – und Johanna steht auf und predigt.

Mit einem Poetry Slam:

  • Und ich denke, wie konnte ich das tun, ganz allein eine Predigt, da habe ich den grünen Salat!
  • Meine Gedanken sind so viele, nie im Leben passen die alle in eine Predigt, und ich bekomme Angst, was sage ich Panik, und ich schiebe sie heraus, die Predigt, bis heute, bis vorhin, oje.
  • Und nun steh ich hier und ich freue mich zu sehen, wie wenig ich allein bin, mit Euch hier, das wird schon, was für ein Glück.

Und so steht sie und predigt, und ich fühle mich sehr verstanden. Oder glauben Sie, liebe Gemeinde, diese Predigt wäre schon vor Tagen fertig gewesen? Oder hätte an Gedankenarmut gelitten? Im Gegenteil! Doch nun, hier im Michel, bin ich so wenig allein und osterfroh, mit Ihnen gemeinsam über Ostern nachzudenken, das wird schon - was für ein Glück.

Was für ein Glück: Wie Johanna steht auch Hanna auf. Sie, die immer vor Kummer gebeugt war und zu den Verliererinnen zählte. Aufrechten Hauptes zeigt sie ihr Glück. Dieses kleine Kind Samuel, pulsierend vor Lebendigkeit, glucksend und satt. Hanna kann es noch gar nicht fassen. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit dem Leben! Jahrelang war sie wegen ihrer Unfruchtbarkeit taub vor Trauer – und in damaliger Gesellschaft vor 3.000 Jahren zudem ausgegrenzt weil unnütz. Ihr Mann liebt sie zwar, doch verführerisch ist eine andere, Lebenslustige.

Gott sei Dank hat Hanna das nicht nur ertragen. Sie hat ihr wundes Herz über die Mauer all der Demütigungen geworfen und es vor Gott ausgeschüttet. Mit heißen Tränen und wütendem Hader. Gott kann das alles ab. Und sie war so befreit auf einmal. Trauern zu können, liebe Gemeinde, ist der erste Schritt wieder zur Lebendigkeit. Weil man sich nicht nur mehr im Schatten des Verlustes sieht, sondern als eigener Mensch, der auch sein Recht hat auf Leben. Mit vielen Möglichkeiten, fruchtbar zu sein. Diese Erkenntnis verändert Hanna. Sie wird schwanger und hält das Wunder in Händen mit Namen Samuel. Und singt, wen wundert`s: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.“ 

Die Geschichte von Hanna, liebe Gemeinde, gehört zu den schönsten Auferstehungsgeschichten der Bibel. Auch weil sie so zeitlos ist. Ich denke z. B. an all die Paare, die sich sehnsüchtig ein Kind wünschen – und die für ihr Wunder viel auf sich nehmen. Ich wünsche ihnen von Herzen Segen! – Auch sehe ich den Manager, dem die Frau seines Lebens fast über den randvollen Terminkalender verloren ging – und der ihr heute wieder eine Liebes-SMS schicken darf. Und ich stehe bewundernd vor Sylvia, die sich nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes wieder aufgerappelt hat und um Flüchtlingskinder kümmert. Im Deutschunterricht übt sie mit den 12- und 14-Jährigen die fremden Laute und erklärt die schwere Grammatik. Geduldig verbessert sie auch zum zehnten Mal: „Es heißt, die Sonne scheint‘, aber ‚der Sonnenschein‘.“ Der afghanische Jugendliche verdreht die Augen. „Deutsch so schwer!“ Sylvia lacht. Und merkt: Diese Kinder sind ihre Sonne. Ein Glück!

So einMoment des Glückes, wo sich die Trauer löst, kann sein wie ein kleines, persönliches Ostern. Ein Sich-Aufrichten-Können. Und Singen, wie Hanna. „Mal bist du arm, mal reich. Mal erniedrigt, mal erhöht. Am Ende aber hebt Gott den Dürftigen aus dem Staub.“ Das ist ihr Lied. Ihr Psalm des Lebens mit all seinen Umkehrungen, „Re-volten“.

Für dieses Leben stehen auch sie auf. So viele junge Menschen in den USA.  800.000 haben jüngst in Washington protestiert gegen diesen Waffenwahn, der schon so viele Leben ausgelöscht und soviel Blut von Schülerinnen und Schülern vergossen hat. Doch Gott sei Dank -  auch die Älteren stehen auf. Es ist ein sensationeller „March for our lives“. Gibt es eine hoffnungsvollere Ostergeschichte unserer Tage, liebe Gemeinde?

Die Jugend steht auf. Und auch sie singt. Etwa alte Protestsongs wie die von Bob Dylan.  "The Times They Are A Changin'“. Die Zeiten ändern sich. Die Sängerin Jennifer Hudson singt es in Washington – gemeinsam mit dem Chor der Parkland High School – für alle. Sie selbst hat vor zehn Jahren Mutter und Bruder durch Waffengewalt verloren. „Der jetzt Langsame wird später schnell sein, wie die Gegenwart später Vergangenheit sein wird. Und der Erste jetzt wird später der Letzte sein, denn die Zeiten ändern sich.“

Und sie stimmt damit ein in das alte Lied der Hanna. „Am Ende aber hebt Gott den Dürftigen aus dem Staub…“ Der Psalm des Lebens will, dass nicht nur die Zeiten, dass auch wir uns verändern. Deshalb vergisst er niemals die Opfer, aber fällt auch nicht in die Trauer zurück. „Der Herr führt herab zu den Toten,“ singt Hanna, „und wieder herauf!“ Herauf. Auferstanden. Und zwar wahrhaftig auferstanden. Das ist Ostern! Und der Chor antwortet unbändig froh und singt von dem lebendigen Heiland.

Wahrhaftigauferstanden – wir sind beim Kern der Osterbotschaft. Und haben unsere Mühe, oder? Bei dieser Vorstellung sperren sich zunächst unsere Vernunft und unsere Erfahrung. Als die Frauen im Evangelium das leere Grab vorfinden, sind sie ja auch erst einmal erschrocken… Und brauchen eine Weile, um das Unglaubliche zu erfassen: Ja er ist wirklich auferstanden. Meint: Ganz und gar, mit Leib und Seele, mit Stimme und Kleidern, Wunden und Gefühlen. Interessant: Alle Evangelien betonen diese Leiblichkeit des Auferstandenen. Er geht – ganz körperlich – mit den Emmaus-Jüngern ein gutes Stück Weg. Er zeigt sich – direkt. Und als manche immer noch nicht glauben wollen, dass sie kein Gespenst sehen, bittet er sie um ein Stück gebratenen Fisch "und nahm's und aß vor ihnen".

Warum betonen die Evangelisten diese Leiblichkeit so, wo sie doch immer schon so schwer zu verstehen ist? Wieso reicht nicht einfach die Bekräftigung, dass seine Ideen, seine Worte lebendig bleiben in unseren Herzen und Gedanken? Das wäre einfacher zu glauben – und ginge doch am Sinn von Ostern völlig vorbei. Denn die Geschichte Jesu ist von Anfang an eine Geschichte vom Gott, der Mensch geworden ist: Das Wort ward Fleisch. Von Weihnachten bis Ostern: Zum Menschsein gehört der Körper unabdingbar dazu.

Diese scheinbar banale Erkenntnis ist für mich in der letzten Zeit immer bedeutsamer geworden. Denn unsere Gesellschaft ist dabei, den Menschen immer stärker über Geist und Gedanken zu definieren und seinen Körper immer weiter in den Hintergrund zu drängen.

Allein, was unter dem Stichwort „Digitalisierung“ an tiefgreifender Veränderung in der Arbeitswelt und Kommunikation stattfindet, geht ja  einher mit einer zunehmenden „Körperlosigkeit“. Sicher, der Leib ist als Bild noch wichtig, aber doch eher als sorgsam gestyltes Ideal. Schauen Sie bloß, wieviel Wert die Nutzer sozialer Medien auf ihr Profilbild legen und welche Industrie rund um die Verschönerung des eigenen „Bodys“ entstanden ist!

Aber der wahre, wahrhaftig auch bedürftige und schwache Leib wird immer öfter als lästige Realität betrachtet.  Dazu passt, dass es schon jetzt hohe künstliche Intelligenz und nimmermüde Roboter gibt, die einerseits vieles erleichtern, sogar in der Pflege. Die doch aber niemals ersetzen können, was die Begegnung von Mensch zu Mensch an Wärme ausstrahlt, was sie an Berührung ermöglicht und Liebesempfinden.

Was passieren kann, wenn man diese Körperlichkeit aus dem Blick, oder besser: aus den Empfindungen verliert, zeigt eben genau dieser Waffenkult  - ob man nun fasziniert von Schusswaffen ist wie in den USA. Oder ob man Kriegswaffen produziert und sie in alle Welt exportiert, wie es viel zu oft von Hamburg aus geschieht. Über diese Waffen würde ganz anders geredet und gedacht, wenn wir uns nicht in erster Linie die ausgefeilte Technik vorstellten oder die Exportstatistik. Sondern wenn wir Menschenkörper vor Augen hätten, die von Kugeln durchsiebt, von Drohnen und Minen zerrissen würden. „Ihr denkt an das abstrakte Recht, Waffen zu tragen“, sagten die Schüler in Washington. „Wir denken an unsere Mitschüler, die nie mehr mit uns sprechen, lachen, spielen werden.“

Überall, wo es menschlich zugehen soll, muss der Körper mit dem Geist untrennbar verbunden sein. Auch Christus hätte ohne Körper nicht mit den Menschen essen und trinken können, nicht schlafen und nicht weinen. Er hätte nicht heilen können und nicht trösten, nicht umarmen und nicht leiden, nicht fühlen und nicht mitgehen. Er wäre eine gute Idee geblieben, die doch nicht zur Welt gekommen wäre. Eine Idee, der wir zwar nacheifern könnten, die uns aber nicht wirklich verändert.

Denn auch das ist wahr: Dass der Auferstandene verändert, weil er selbst verändert ist. Die Jünger jedenfalls erkennen Jesus im ersten Moment nicht. Erst Stimme und Gesten verraten seine Identität. Er ist nach wie vor ein ganzer Mensch, er trägt nach wie vor die Wunden, und doch ist er ein ganz anderer. Und damit zeigt das Ostergeschehen auch den Weg unserer eigenen Verwandlung im Glauben. Wir werden niemals Mensch sein nur mit unserem Geist, sondern erst dann lebendig, wenn wir atmen, um zu singen, wenn wir Sterbenden sanft den Arm streicheln, wenn wir den Geflüchteten und den Verlorenen unserer Tage die Hand reichen. Christlicher Glaube braucht menschliche Hände in dieser Welt.

Gott will nicht ohne uns sein, predigt Johanna in ihrem Poetry Slam. Wo käme die Welt sonst hin? Und die Jungen und Mädchen an diesem „Abendmahl anders“ sehen das ganz genauso. Und haben gehört, dass das geht: Jede Woche mindestens eine gute Tat zu tun. Fröhlich, ob dieser Aussicht brechen die Jugendlichen altes Brot vom Bäcker, weil es so herrlich nach Hoffnung schmeckt.

Die Jugend steht auf, liebe Gemeinde, wie Hanna. Und mit ihnen auch wir. Gegen Tod und Waffenwahn – aufgestanden! Gegen Schöpfungs- und Menschenverachtung – aufgestanden! Gegen dieses: „Wir können nichts tun“ jetzt: „Wir können viel bewegen.“ Also aufgestanden. Werden wir Mensch, ganz und gar, wie er. Denn: Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!  
Amen.

Datum
01.04.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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