Stille Geburten - Gedenkgottesdienst

Wenn auch die Engel weinen

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Symbolsbild© epd-bild / Christian Ohde

19. Februar 2015 von Timo Teggatz

Es ist ein schweres Schicksal, wenn Babys sterben. Zwei Eltern erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man ein Kind verliert. Sie berichten von der Trauer, aber auch von schönen Momenten mit ihrem still geborenen Kind. Und sie erläutern, warum eben nicht alles gut ist, wenn ein gesundes Baby folgt.

Stefan ist der stolze Vater einer Tochter, die nie gelebt hat. Er hebt den Finger, um zu betonen, dass er es war, der die Nabelschnur durchgeschnitten hat. Und als er davon erzählt, wie die kleine Svea bei der Geburt aussah, da lacht er und sagt: „Sie kam nach mir – das hat man sofort gesehen.“ Alle Väter sagen so was, doch Stefans Schicksal ist ein besonderes: Als Svea auf die Welt kommt, ist sie bereits gestorben. Im Bauch ihrer Mutter platzte die Fruchtblase, Ärzte entbanden Svea in der 20. Schwangerschaftswoche – viel zu früh, um auf dieser Welt zu überleben. So beginnt mit der Geburt für die Eltern der Abschied.

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An diesem Vormittag sitzt Stefan im Arbeitszimmer von Birgit Berg, die für den Kirchenkreis Hamburg-Ost als Friedhofspastorin arbeitet. Sie begleitet Eltern, die ihre Kinder früh verloren haben, und hat die Gruppe „unsichtbare Eltern“ gegründet. Darin haben sich Mütter und Väter organisiert, denen man eben nicht ansieht, dass sie Eltern sind. Auch Nicole  ist gekommen. Ihre Tochter Emma starb nur ein paar Stunden nach der Geburt.

Im Mutterleib war ihr ein großer Tumor am Steißbein gewachsen. Ärzte operierten Emma gleich nach der Geburt – vergeblich. Die beiden Eltern wissen, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Wie man mit der Trauer fertig wird. Und wieso nach einer erfolgreichen Geburt nicht immer alles gut ist.

"Es ist wichtig, Erinnerungen zu schaffen"

Als Stefan  und seine Frau  zum ersten Mal Eltern eines lebenden Kindes werden, sind sie schon  lange unsichtbare Eltern. 2006 verlieren die beiden zum ersten Mal ein Kind in der Schwangerschaft. Es folgen zwei weitere stille Geburten, die so heißen, weil die Kinder bei der Geburt nicht schreien. In mehreren Hamburger Kliniken werden sie behandelt, doch nirgendwo kommt jemand auf die Idee, ihnen zum Beispiel einen Seelsorger  zur Seite zu stellen. Als sie einen Arzt danach fragen, ob sie ihr verstorbenes Kind noch einmal sehen können, verlässt dieser den Raum und kommt einfach nicht mehr wieder. Ihre Tochter nicht mehr gesehen zu haben, das sei für seine Frau bis heute die schlimmste Erfahrung, sagt Stefan.

In der vierten Schwangerschaft, kurz vor der stillen Geburt von Svea, lernen die beiden Birgit Berg kennen. Die damalige Krankenhausseelsorgerin  hilft betroffenen Eltern, redet mit ihnen, hört ihnen zu, damit sie ankommen in dem, was ihnen gerade geschieht: „Gebt eurem Kind einen Namen“, empfiehlt sie, denn mit einem Namen bekommt das Kind  für die Erinnerung ein Gesicht. Und sie rät Eltern, vom verstorbenen Kind persönlich Abschied zu nehmen. „Bis zu 36 Stunden nach dem Tod gehört der Leichnam den Angehörigen“, sagt Birgit Berg. Außerdem ist es immer gut, eine Kamera dabeizuhaben. So können Eltern Fotos von ihren Kindern machen. „Es ist wichtig, Erinnerungen zu schaffen, denn das geht nur jetzt“, sagt Pastorin Berg.

Wie Eltern Abschied nehmen

Auch Stefan und seine Frau  haben zu Hause jetzt Bilder ihrer kleinen Svea. Und sie haben sie begrüßt und von ihr Abschied genommen, von den „ schlanken Händen“, den „langen Beinen“ und den Gesichtszügen, die nach dem Vater kamen. Heute erinnert sich Stefan  an „schöne Momente“.

Dann wird  seine Frau wieder schwanger, und wieder gibt es Probleme. Sverre kommt als Frühgeburt auf die Welt, die Ärzte geben ihm wenig Chancen. Ob die Zeit traurig war? „Nein“, sagt Stefan. Er fährt jeden Tag in die Klinik und freut sich über jeden Tag, an dem Sverre in seinem kleinen Brutkasten lebt. Und mit jedem Tag wächst auch die Chance aufs Überleben. Heute ist Sverre, übersetzt „wilder Mann“, drei Jahre alt und geht in den Kindergarten.

Schicksale wie die von Stefan und seiner Frau gibt es  in Hamburg ungezählt viele. Doch in der Statistik bleiben sie meist unsichtbar. 90 Kinder kamen 2014 in Hamburger Geburtskliniken und dem Geburtshaus tot auf die Welt, meldet die Gesundheitsbehörde. Gemeldet werden aber meist nur Kinder, die lebend zur Welt kommen. Noch größer ist die Zahl der Kinder, die nur ein paar Stunden gelebt haben.

"Sie war ein bildhübsches Kind"

So wie die kleine Emma, die in dieser Statistik auch gar nicht auftaucht. Denn sie hat gelebt, für ein paar Stunden. Der Tumor am Steißbein, den die Ärzte noch operierten, war am Ende zu groß. Um sich von den Strapazen zu erholen, muss Mutter Nicole  noch eine Woche in der Klinik bleiben. Regelmäßig bringt ihr Pastorin Berg in dieser Zeit die verstorbene Emma. Weil kleine Körper langsamer verwesen, geht das auch oft noch eine Woche nach dem Tod. „Sie war ein bildhübsches Kind“, sagt Nicole. Zusammen mit ihrem Mann  ziehen sie Emma ihre Baby-Sachen an, halten sie lange auf dem Arm. Auch ihr großer Bruder (11) verabschiedet sich so von seiner kleinen Schwester.

Zu Hause stellen die Eltern Fotos ihrer Tochter auf, an der Tür zum Kinderzimmer hängen immer noch ihre Buchstaben. Und wenn die Großeltern zu Besuch kommen, dann bringen sie oft auch etwas für Emma mit, zum Beispiel einen Teddy für ihr Grab. So kann Emma wenigstens im Herzen ihrer Familie aufwachsen.

Vor einem Jahr bringt Nicole  Mika zur Welt – ein gesunder Junge. Trotzdem ist nicht alles gut. „Ihn aufwachsen zu sehen, das ist schön und schmerzhaft zugleich“, sagt Nicole. Bei vielen  Gelegenheiten fragen sich die Eltern: Wie Emma das jetzt wohl machen würde? Auch wenn Mika mit ihnen aufwächst, vermissen sie Emma eben immer noch. „Mika ist ja kein Ersatz-Kind“, sagt Nicole.

Beim „Vaterunser“ schweigt Nicole

Und was passiert bei einem solchen Schicksal mit dem eigenen Glauben? Fühlt man sich von Gott verlassen? Nicole  sagt, sie sei nach Emmas Tod buchstäblich vom Glauben abgefallen. Als Erzieherin arbeitet sie in einem evangelischen Kindergarten, und wenn beim Kindergottesdienst das „Vaterunser“ aufgesagt wird, dann kann sie lange nicht mitbeten. Erst nach einigen Monaten fühlt es sich nicht mehr so an, dass Emma sie verlassen hat. Es war ganz anders: „Meine Emma ist zu Gott gegangen.“

Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Eltern verzichten wir darauf, ihre vollen Namen zu nennen.

Info

Am Sonntag, 22. Februar, hält Pastorin Berg einen Gedenkgottesdienst für Eltern und Angehörige von früh verstorbenen Kindern. Unterstützt wird sie vom Team der „unsichtbaren Eltern“: Nicole, Stefan, Sabine, Andreas und Tanja  gestalten den Gottesdienst mit, der jedes Jahr gefeiert wird. Für Musik sorgt der Gospelchor „Sisters in Soul“ aus Barmbek, der unter anderem „Tears in heaven“ und „Bridge over troubled water“ singt. Der Gottesdienst beginnt um 11 Uhr in der Fritz-Schumacher-Halle des Friedhofs Ohlsdorf.

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