1. Februar 2019 | Landeshaus Kiel

„Wir müssen reden“

01. Februar 2019 von Landesbischof Dr. h.c. Gerhard Ulrich

Vortrag im Rahmen der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Fakultät für Evangelische Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Sehr verehrter Herr Landtagspräsident Schlie,
sehr geehrter Herr Präsident Professor Kipp,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Professorin Parchmann,
liebe Bischöfin Ilse Junkermann,
lieber Bischof Gothart Magaard,
lieber Vizepräsident Dr. Horst Gorski,
sehr geehrter Herr Staatsrat Pörksen,
sehr geehrter Herr Dekan Professor Dr. Popkes,
sehr geehrte Frau Fricke,
sehr geehrte Professorinnen und Professoren,
Kommilitoninnen und Kommilitonen,
meine Damen und Herren,
liebe Familie und Freunde,

I

als Erstes lassen Sie mich meinen tiefempfundenen Dank für diese Ehrenpromotion zum Ausdruck bringen.

Mein Dank für diese Auszeichnung ist ein doppelter: Ganz persönlich bedanke ich mich dafür, von heute an ehrenhalber ein akademisches Mitglied dieser Universität sein zu dürfen, und als Landesbischof danke ich für diese Ehre, die auch meine Kirche und ihre Förderung des Dialogs zwischen wissenschaftlicher Theologie und verfasster Kirche würdigt.

Mein Dank gilt dem Konvent der Fakultät, der diesen Beschluss fasste und dem Senat der Universität, der ihm zustimmte. Ebenso den Professores Müller und Popkes, die als Dekane den akademischen Prozess, der zu meiner Ehrenpromotion führte, beförderten. Professor Rosenau danke ich für seine Laudatio, Ilse Junkermann, Horst Gorski, Gothart Magaard, Staatsrat Pörksen und Frau Fricke danke ich für die Grußworte. Und ich danke dem Kieler Blechbläserensemble für die musikalische Gestaltung!

Dass die Christian-Albrechts-Universität meine Projekte und Veröffentlichungen insbesondere im Bereich der Praktischen Theologie, mein Engagement für eine Kirche, die in theologisch reflektierter Weise öffentlich zu wesentlichen Fragen Stellung bezieht, sowie meinen Einsatz zur Förderung der Theologischen Fakultäten und des Studiums an ihnen im Bereich der Nordkirche eines Doktorats honoris causa für würdig erachten, erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit.

II

Aufgabe wissenschaftlicher Theologie und der Fakultäten, an denen sie lebt, ist es natürlich, Stätten für die Ausbildung zu sein: von Pastorinnen und Pastoren, Religionslehrerinnen und Religionslehrern. Genauso sind es aber auch Orte, an denen Verantwortung für eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz eingeübt und öffentlich wahrgenommen wird: sozialethische Sensorien für die humane Qualität unseres Miteinanders und des Umgangs mit unseren Mitgeschöpfen werden hier entwickelt. Ebenso wird hier wissenschaftlich reflektiert Zeugnis für eine Hoffnung über das nur innerweltlich Wahrnehmbare hinaus in den akademischen und gesellschaftlichen Diskurs eingebracht.

In einer immer komplexer werdenden Welt und Gesellschaft, in der als eine Reaktion darauf die Sehnsucht nach einfachen Antworten wächst, spielt die Wissenschaft eine zunehmend wichtige Rolle: die Universität bildet die Komplexität und Diversität ab. Vielfalt ist geradezu eine Grundvoraussetzung für Forschung und Lehre. In unserer Zeit werden belastbare Fakten immer wichtiger als Gegenrede zu dem, was öffentlich über Twitter und andere Medien verbreitet wird.

Und darum ist die Universität ein unverzichtbarer Ort des Leben-Lernens, der Persönlichkeitsbildung, der Vermittlung unterschiedlicher Werte und Kulturen; Ort des Dialogs zwischen Kulturen – und damit auch zwischen Religionen. Hier geht es eben nicht nur um Wissens-Vermittlung, sondern um das Einüben von Toleranz, Offenheit und globaler Orientierung. Und in diesen vielfältigen Chor gehört die Stimme der Theologie hinein. Die Theologische Fakultät leistet in Forschung und Lehre wichtige Beiträge für die Gesellschaft insgesamt.   

Wir brauchen die wissenschaftliche Theologie als Reflektionsraum für unser öffentliches Reden. Denn nur, wenn wir nachvollziehbar, klar und herleitbar reden, verdienen wir Gehör. Und diese Gesellschaft braucht unsere Stimme in den notwendigen Dialogen zwischen den Religionen und Kulturen. Denn, wenn die dem Spiel der Kräfte überlassen werden, wird Religion nicht nicht-kommuniziert, sondern sie wird benutzt für eigene, ganz menschliche Macht-Ziele. Wenn die religiöse Dimension unkontrolliert eingespeist wird, besteht die Gefahr des Fundamentalismus.

Reflexion der öffentlichen Bedeutung christlicher Orientierungen in gegenwärtigen Problemlagen und die Erörterung der Fragen von öffentlicher Bedeutung im Lichte theologischer Traditionen – darum geht es an den Theologischen Fakultäten. Dabei sind ihre ersten Adressaten stets Kirchen und Glaubende. Die wissenschaftliche Theologie leistet einen wichtigen Beitrag, beide zu befähigen, den Gehalt der eigenen geistlichen Traditionen angesichts aktueller persönlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen angemessen zu formulieren und diese klare und geklärte christliche Orientierung dann in den allgemeinen Diskurs einzubringen. Und sie meistert in unserer religiös und weltanschaulich pluralen Welt die anspruchsvolle Aufgabe, die Sprache des christlichen Glaubens so in die der säkularen und andersreligiösen Vernunft zu übersetzen, dass sie hier verstehbar wird, ohne ihr Proprium aufzugeben – Öffentliche Theologie im besten Sinne ist das.

Mit großer Sorge beobachten viele, dass sich das gesellschaftliche und politische Klima verändert hat. Rechtsextreme Parolen und Symbole werden unverhohlen gebrüllt und zur Schau getragen. Neben denen, die schreien, gibt es auch jene, die nicht weggehen, nicht dagegenhalten. Dabei ist jede Stimme wichtig und jede Geste von Bedeutung, die nichtmit einstimmt in den Chor von Hass, von Vorurteilen, von Gewalt. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Das muss der Grundkonsens in unserer demokratischen Gesellschaft bleiben.

Gemeinsam und in Sorge stehen wir vor noch weiteren Herausforderungen: Wenn wir sehen, wie die Unzufriedenheit derer wächst, die sich nicht gesehen fühlen in dem, was sie leisten; wie die Schere zwischen Arm und Reich auseinander klafft; wie Menschen auf der Flucht sind; wie Lebensräume zerbombt werden, abgeholzt, ausgeblutet; wie Machtstrukturen in Versuchung führen und das Dunkelste im Menschen ans Licht bringen. Wie zusammenhängt, was wir essen, was wir kaufen, womit wir uns kleiden mit den katastrophalen Bedingungen, unter denen Menschen auf der anderen Seite der Welt leben. Und wir erleben, wie die Folgen des Klimawandels Tausenden das Leben nehmen und ganze Landstriche verwüsten – und die Migrationsströme verstärken.

Was sollen wir tun? Den Kopf in den Sand stecken? In geschlossenen Räumen singen, beten und räsonieren? Nein. Wie christlicher, jüdischer und muslimischer Glaube eine feste Zuversicht auf das ist, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, so wurzelt säkularer Humanismus in einem tiefen Vertrauen auf die Kraft der Vernunft im Menschen. Dieser Glaube und diese Überzeugung stärken nach innen und drängen nach außen. Dafür die Stimme zu erheben und diese verändernden Kräfte zu verkünden, das ist unser Auftrag. Für mich der Auftrag: zu verweisen auf den, der mit seinem Leben und Sterben die Spirale der Gewalt durchbrochen hat, der angefangen hat, aufzuhören. Erinnern die Verheißung des Lebens in der Welt des Todes: Es ist diese Welt, der das rettende Handeln Gottes gilt, der in allen wirkt, die guten Willen haben. Es ist diese Zeit, in der wir gerufen sind zu hoffen, zu handeln und eben nicht zu verzagen.

III

Als ein Theologe, der seine ersten spirituellen und theologischen Entdeckungen auf dem Theater gemacht hat, leitet mich ein Satz Bertold Brechts: In seinen „Schriften zum Theater“ führt er aus: „Die heutige Welt ist den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine veränderbare Welt beschrieben wird…, weil sie der Veränderung bedarf.“[1] Ich empfinde den Satz Brechts als eminent theologischen – und damit auch politischen – Satz. Denn die Konfrontation mit dem Wort Gottes führt nicht in die Zufriedenheit, sondern in die Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie ist. Die Kreativität dieser Unzufriedenheit ist zu inszenieren und zu gestalten. Anders ist sie nicht auszuhalten.

Das treibt mich nun seit fast 40 Jahren um. „Wir müssen reden!“ Ich habe als Pastor, als Bischof die Macht des Wortes. Diese Macht wächst nicht aus dem Reden-Können, sondern aus dem Hören: den Armen das Evangelium predigen, den Gefangenen, dass sie frei sein sollen! Parteiisch reden. Und das ist schwer. Oft eine Last. Ebenso eine Lust. Und eine Gefahr zugleich: Überzeugen und überreden stehen in Spannung. Kritik und Lob. Zustimmung und Ablehnung. Am schlimmsten: Gleichgültigkeit. Ich bin nicht zuerst Wissenschaftler, sondern Prediger. Ausleger des Wortes. Ich brauche überhaupt nicht die Debatte, ob die Kirche politisch sein darf oder wenn ja: wie stark; ich brauche eine Diskussion, wie das sein kann, was sie ja immer ist: öffentliche Einmischung. Na klar: Predigt steht eigentlich in Spannung zur Komplexität der Fragen dieser Gesellschaft –u.a. Thomas Schlag, Praktischer Theologe in Zürich, hat darauf aufmerksam gemacht.[2]

Ich ringe seit 40 Jahren darum, verantwortlich zu reden, Ambivalenzen nicht zu verleugnen, Spannungen nicht aufzulösen – kurz: nicht selber populistisch zu reden und damit die Sehnsucht nach einfachen Antworten zu bedienen.

Und dasselbe geschieht doch den Menschen, die in diesem Haus arbeiten, auch: Wir müssen reden, wissen sie alle. Und sie tun das ja auch. Im gläsernen Plenarsaal unten, bei Öffentlichen Veranstaltungen, Parteitagen, Debatten. Und sie stehen vor denselben Herausforderungen: wie rede ich so, dass die Leute verstehen und mitkommen können?

Es gibt – genau wie bei uns auf den Kanzeln – Reden, die man schon selber vorab halten kann, wenn man sieht, wer an das Rednerpult/auf die Kanzel steigt; und es gibt diese überraschenden Momente, die aufhorchen lassen; nicht, weil sie das Weltrettungskonzept parat hätten, sondern weil sie suchend den Fragen  auf die Spur kommen und wirklich jene meinen, die vor ihnen sitzen, die Subjekte bleiben möchten ihrer Gedanken.

Wir brauchen für unser Reden-Müssen ein klares, Fakten-fundiertes, historisch gewachsenes, zuordnungsfähiges Wertesystem. Davon hängen ab Zuspruch und Widerspruch. Davon hängen ab Dialog und Auseinandersetzung. Haben wir es nicht erkennbar oder erkennbar nicht, dann wundern wir uns bitte nicht, wenn die Menschen uns nicht ernstnehmen oder nicht in den Dialog wollen. Das gilt für Theologen und Politikerinnen gleichermaßen. Es hat mit Begabung zu tun, natürlich. Aber auch mit Selbstbewusstsein: je gewisser ich mir meines Selbst bin (woher komme ich, was leitet und bestimmt mich), desto klarer kann ich reden unter Absehung meiner selbst und der Abhängigkeiten, in denen ich stehe.

Für die Predigenden ist das die eigene Glaubensgewissheit: was ich für wahr erkannt habe, das öffnet mir den Mund.

Für Politikerinnen und Politiker ist es das Wertesystem, das sie leitet.

IV

Also:  wir müssen reden. Öffentlich und miteinander. Damit wir in Würde zusammenleben können. Damit Freiheit wachsen kann, die erst Verantwortung ermöglicht.

Und dennoch: Mir geht es da immer noch, nach fast 40 Jahren und kurz vor meiner Pensionierung – wie dem Propheten Jeremia, den der Herr aussondert und zum Propheten für die Völker bestellt: Genauso wie er möchte auch ich raus aus der Nummer: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ Aber so leicht findet sich kein Schlupfloch, denn Gott insistiert: „Sage nicht, ‚ich bin zu jung‘, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr…“

Sehr gut. Nur keine Angst. Mund auf. Aber denn doch nicht, wie ich will und kann, sondern wie Gott will, dass ich kann: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

Das uralte „in forum te voco“, dem wir alle folgen –- von Tacitus einst so formuliert – gibt dem Reden, dem wir verpflichtet sind, Macht. Ausreißen, zerstören, verderben kann es. Darum dürfen wir nicht einfach nur hin-gerissen predigen oder hin-reißend politisch reden, sondern verantwortlich und rational kontrolliert. Auch darum brauchen wir in allen Religionen wissenschaftliche Theologie und in allen politischen Parteien wissenschaftliche Politikberatung.

In der Tat: reden müssen wir angesichts dieser Welt. Wo ausgerissen werden Lebenswurzeln, eingerissen Städte und Völker in Krieg und Terror.

Reden müssen wir angesichts der Gewalt, die sprachlos macht; angesichts der Flüchtlings- und Migrationsströme, die uns nach Worten ringen lassen; angesichts frecher Ausgrenzung und wachsendem Rassismus bei uns: nie hätte ich gedacht, dass das Völkische wieder Atem findet und sich mit bürgerlicher Maske vor der Fratze des Hasses ungeniert zeigt.

Wir müssen reden: öffentlich und miteinander – angesichts der Welt, die aus den Fugen geraten scheint. Wir müssen reden angesichts der Ängste, der Sorgen, der Polarisierung in unserer Gesellschaft. Wir müssen reden als Menschen, die eine Vorstellung haben von guter Zukunft, die Worte haben, wo es anderen die Sprache verschlägt. Wir müssen reden und dürfen nicht das Feld denen überlassen, die Hass säen, Ängste verstärken; die polarisieren, vereinfachen, lügen.

Unsere Narrative sind nicht die Horrorbilder der Fremdenhasser, die den Eindruck erwecken, unser Land befände sich am Rande des Chaos; unsere Narrative sind nicht die apokalyptischen Bilder derer, die den Untergang des christlichen Abendlandes, des wahren Türkentums oder des Heiligen Russland beschwören und eine Invasion des Islam, des Christentums oder einfach der modernen Welt befürchten.

Unsere Narrative wachsen aus dem aufbauenden Wort, das uns je in unserer Religion oder unserem humanistischen Wertegefüge in den Mund gelegt ist.

Wir müssen reden. Das ist eine wunderbare Chance  – bei allem Risiko. Weil die Chancen und Nöte der Menschen uns bewegen, uns nötigen, zu sagen, was uns im Mund liegt und auf der Zunge. Nicht runterschlucken. Raus damit.

Und es wird erwartet, dass wir reden. Dass wir reden.

„Herr Landesbischof, schön, dass Sie im Haus sind“, sagte der Regisseur am Mecklenburgischen Staatstheater Mecklenburg in Schwerin, als ich für eine Theaterpredigt erschienen war, nach deren Ende wiederum eine Abendvorstellung stattfand. Es war der Tag nach dem 13. November 2015: nach den Terroranschlägen von Paris. „Der Generalintendant möchte, dass Sie vor Beginn der Vorstellung vor den Vorhang treten und etwas sagen zu Paris.“ Der Name dieser wunderschönen Stadt war jetzt Synonym für Terror, Tod und Angst.

Ich machte zuerst den Jeremia: was soll ich reden? Und wieso ich? Doch dann begriff ich. „Wir müssen reden“ heißt hier: ich, unvertretbar ich muss reden. Jetzt. Wohlgemerkt: Es war ein Atheist, der mich darauf aufmerksam machte, was meine Rolle in dieser Situation sein musste. Gottes Geist weht, wo er will und sein Handeln geschieht auch extra muros ecclesiae.

Und also habe ich geredet. Fünf Minuten jenseits der Kanzel. Fünf Minuten, die rückblickend zu den wichtigsten meines Predigerlebens gehören: an einem anderen Ort.  Und ich habe gespürt, wie das Reden hinein in die Ängste und Unsicherheiten hat aufbauen können: aufrichten Verzagte. Unter den Zuschauerinnen und Zuschauern. Und im Schauspielensemble: „Jetzt dürfen wir spielen“, haben sie mir hinter der Bühne gesagt, wo sie genau zugehört hatten.

Die Rede der Kirche, in der diese Verantwortung wahrgenommen wird, ist in erster Linie Kanzelrede. Und die Kanzel kann stehen in der Zeitung, im Fernsehen, im Netz. Predigt geschieht an fremden Orten: In der Fabrikhalle, auf Marktplätzen und – bei mir sehr oft – auf der Theaterbühne. Also:  Ich will weit denken von der Öffentlichen Religiösen Rede – sie ist „vernünftiger Gottesdienst“ im Alltag der Welt. Ich will sie annehmen und nutzen, die „Chancen des Alltags“ – wie der Theologe Ernst Lange sie treffend genannt hat – die gerade das mediale Zeitalter bietet und sie nicht verpassen durch monologische Textnachrichten von 200 Zeichen Länge.

Wir müssen reden, weil wir gehört werden. Mit dem klärenden Wort. Mit dem die Gesellschaft querenden Wort. Mit dem störenden, in Ehrlichkeit, mit Verantwortung gesprochenem Wort, das falschen Frieden stört, damit wahrer Frieden werden kann; das Unruhe stiftet, damit Ruhe einkehren kann.

V

Besonders der Verantwortung, die der Öffentlichen Rede auferlegt ist, muss unsere Aufmerksamkeit gelten. Angesichts von genauso öffentlichen Aufrufen, Migranten und andere Minderheiten auszugrenzen, von öffentlichen Reden, die das Friedensprojekt Europa schmähen und stattdessen unsere Erkenntnisse über die Schrecken des von Deutschland geführten II. Weltkrieges und die Verbrechen der Wehrmacht geschichtsrevisionistisch umdeuten wollen.

Es hat seinen guten Grund, dass in der Rhetorik nicht jede Rede, die in der Öffentlichkeit stattfindet, Öffentliche Rede genannt wird, sondern nur jene dieses Attribut verliehen bekommt, die sich des Gemeinwesens annimmt: die öffentliche Sache – die res republica – ins Zentrum rückt und so republikanische Rede ist. Und diese republikanische Kultur der politischen Rede gilt es zu verteidigen. Denn angegriffen wird sie von außen durch die öffentlichen Hetzreden der Populisten und von innen her wird sie vergiftet, wo es jenen gelingt, den demokratischen Parteien ihren Jargon aufzudrängen, in der irrigen Annahme, nur so die abgewanderte Wählerschaft zurückgewinnen zu können. Wir müssen aufpassen – Politikerinnen und Politiker genauso wie wir Theologinnen und Theologen – dass wir nicht in die populistische Falle tappen und selber populistisch, z.B. über den Populismus, reden.

Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem die Trennung von Kirche und Staat gilt. Mir ist aber ebenso bedeutsam, dass wir nicht in einem laizistischen Staat leben, sondern in einem Land, das die Religionen als einen wichtigen Teil der Kulturen, in denen und aus denen wir leben, anerkennt und ihnen Raum gibt. In einem Land, das sich bewusst ist, dass die Welt nicht aufgeht in dem, was wir sehen, verstehen, begreifen und machen. Deswegen müssen wir uns energisch gegen Versuche wehren, die Religionen zu marginalisieren. Wir dürfen uns die Definition dessen, was zur Mitte unserer Gesellschaft gehört, nicht aus der Hand nehmen lassen.

VI

Natürlich – jeder politscher Rhetor will Menschen gewinnen. Bliebe die republikanische Rede aber hierbei stehen, wäre sie nur auf Wirkung, nicht auf wirkliche Handlung bedacht. Die Gefahr, das zu tun, war zu allen Zeiten groß. Quintilian, römischer Lehrer der Redekunst und aufklärerischer Geist im ersten christlichen Jahrhundert, stellt zu seiner Zeit fest: dass „ein boshafter Mann, der dabei beredt wäre, dem Gemeinwohl höchst schädlich sein würde“, weil man „zum Verderben des menschlichen Geschlechts nicht einen Soldaten, sondern einen Mörder mit den Waffen der Beredsamkeit ausgerüstet hätte“.

Doch auch dies ist seit alters her bekannt. Etwa 100 Jahre vor Quintilian fasst Cicero die Aufgabe der Politikerin und des Politikers als Redner so zusammen: „Was ist vollends so königlich, steht einem freien Manne so an und ist so wohltuend, wie Schutzflehenden zu Hilfe zu kommen, die Niedergeschmetterten aufzurichten, Rettung zu bringen, aus Gefahren zu befreien und Menschen das Bürgerrecht zu erhalten?“ Wohlgemerkt: durch Sprache, durch öffentliche Statements in der Gesellschaft. Politiker haben, so Cicero weiter, eine hohe Verantwortung für die humane Gesellschaft. Deshalb müssen es rechtschaffene, moralisch denkende Personen sein. Die Macht der Rede, Menschen zur Verfügung gestellt, welche diese Charaktereigenschaften nicht haben, schreibt er in De Oratione, pervertiert zur Waffe, in die Hand eines Rasenden gegeben. Hier trifft er sich mit Quintilian und unseren Erfahrungen im 20. und 21. Jahrhundert.

Aus eigenen Interessen öffentlich zu predigen und politisch zu reden oder um der Wahrheit des Glaubens beziehungsweise dem Wohl der Gesellschaft zu dienen – das macht den Unterschied.

Echte politische Rede greift also weit und tief. Sie antwortet angemessen auf eine Situation, die uns herausfordert. Sie ist deshalb vom Inhalt bestimmt und versucht, die berechtigten Interessen aller zu sehen. Und weil dies nie einem Einzelnen gelingen kann, ist sie Rede im Dialog; Rede, die geradezu die Gegenrede erwartet, von der sie lernt. Solche Reden haben die Kraft, neue Horizonte für das Zusammenleben zu öffnen. Solche Reden sind Handlungen, sprachliche Handlungen – performative Akte, wie es die Sprachphilosophie nennt – die den Weg zu neuer gesellschaftlicher Wirklichkeit weisen. Religionen und Weltanschauungen können sie hier wesentlich unterstützen, indem sie Überzeugungen anbieten, die jede Gesellschaft braucht, die der weltanschauungsneutrale Staat aber nicht aus sich selbst heraus entwickeln kann.

„Wie politisch darf die Kirche sein? Darf sie parteiisch sein?“ – Auf diese grundsätzlich gemeinten Fragen darf ich als Kirchenmann gefasst sein, sobald ich auf eine Anfrage reagiere, doch bitte einen „O-Ton“ von mir zu geben zu gesellschaftlich relevanten Fragen und Themen. Es ist oft die Öffentlichkeit, die die politische Dimension kirchlicher Verlautbarungen einfordert – und sie tut das zu Recht: Kirche – das ist erst einmal Kirche in einer Gesellschaft, die dynamisch, nach vorne offen ist und so auch immer Diskursraum von Menschen, die sich kritisch beschäftigen mit Aspekten, Tendenzen und Entwicklungen in dieser Gesellschaft. Natürlich hat Wolfgang Schäuble recht, wenn er mahnt, Religion müsse zunächst einmal Religion sein.[3] Aber Kirche ist immer Teil der Polis, nicht ihr gegenüber. Ihre Verkündigung geschieht nie in den luft- und geschichtsleeren Raum hinein. Alles, was uns gesagt ist, spricht hinein in konkrete geschichtliche und Lebens-Situationen konkreter Menschen. Evangelium ist immer Sache der Polis, der Öffentlichkeit, ist immer öffentliche Einmischung mit öffentlicher Rede.

Wir tun den Mund auf nicht, weil wir meinen, die besseren Politikerinnen und Politiker zu sein – und wenn wir diesen Eindruck erwecken, scheitern wir in dem Dialog. Wir tun den Mund auf, weil wir beauftragt sind dazu: „Was ich euch ins Ohr gesagt habe, redet von den Dächern“, sagt Jesus den Seinen. „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich Euch“. Und daraus, aus dem Hören auf Gottes Wort, folgt unser Reden und Tun.

Kirche nimmt teil an der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Menschen wissen, dass Kirche Narrative hat für eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz. Sie tut das nie als politische Partei, sondern als Partei für die Menschen. Und ihre „Predigt legt nicht primär den Hörern und Hörerinnen eine bestimmte ethisch-moralische Haltung nahe, sondern sie befördert(e) das Selbstbewusstsein, sich zueinander in ein produktives Verhältnis zur gemeinsamen Gestaltung der Welt setzen zu wollen.[4]

Kirche existiert in der Öffentlichkeit, sie ist eine Teil-Öffentlichkeit. Der „homiletische Ernstfall“ kann jederzeit eintreten und nahezu jeder Ort unvermittelt zur Kanzel werden. Ich verorte mich als Landesbischof in meinem und Evangelische Kirche in ihrem Öffentlichkeitsbezug in der Perspektive der predigenden, am Wort orientierten Kirche. Und wie für mich Predigt stets Gespräch mit dem Zuhörer ist, so sind die gesellschaftspolitischen Beiträge der Kirche immer Debattenbeiträge: Beiträge zum demokratischen öffentlichen Diskurs. Um dessen Diskursivität wir gerade jetzt angesichts der rechtspopulistischen Vereinfacher kämpfen müssen. Stets geht es um „Die Kunst, verantwortlich zu reden. Rhetorik-Ästhetik-Ethik“ – so der Titel eines Werks (1994) des in Hamburg habilitierten, dann in Mainz lehrenden praktischen Theologen Gert Otto.

Die Praktische Theologie beschäftigt sich, wenn es um öffentliches Reden geht, vor allem mit der klassischen Kanzelrede. Die Predigt aber „…stellt für den produktiven Umgang mit Komplexitäten, Ambivalenzen und Dilemmata per se einen Grenzfall dar…“, sagt ganz richtig der Praktische Theologe Thomas Schlag, der in einem Beitrag bischöfliche Predigten ausgewertet hatte.[5] Aber die Kanzelrede ist eben nicht die einzige, noch nicht einmal die wichtigste Form öffentlicher Rede der Kirche.

Für mich höchst eindrücklich war ein Statement einer Frau im ZDF-Neujahrsgottesdienstes aus der Dresdner Frauenkirche zum Thema der Jahreslosung 2019: „Suche den Frieden und jage ihm nach“. In dem Abschnitt „Friedensgedanken“ sagte Frau von der Osten: „Ich leite ein Hotel am Dresdner Neumarkt und werbe gerne für unsere Stadt. Vor einigen Wochen traf ich ein Ehepaar in Berlin, die noch nie hier waren. Sie sagten: Ach ja, toll, Dresden – das soll ja eine wunderschöne Stadt sein, aber wir haben uns vorgenommen, diese Stadt momentan zu meiden. Die sind da doch alle rechts angehaucht, oder? Innerlich zerriss mich das. Ich muss mich mit etwas identifizieren (werde mit etwas identifiziert?), was ich nicht bin und für was ich nicht stehe. Was kann ich tun, um wieder mehr Differenziertheit um mich herum zu erleben?“ Und: „Montagabend in Dresden. Ich spüre keinen Frieden. Ich schaue auf den Neumarkt und empfinde eine große Verbitterung der Menschen, die dort demonstrieren. Ich möchte runterlaufen und sie schütteln und fragen, warum sie nur mit so viel Verachtung ihr Anliegen herausbrüllen? Ich gehe auch runter und versuche ins Gespräch zu kommen – erfolglos. Ein vernünftiges Gespräch ist ohne Schreierei nicht möglich. Ich scheitere und gehe nach Hause. Frustriert.“[6]

Dies ist ein hoch politischer Einwurf, wie ich finde, im Rahmen der Liturgie. Gerade, weil er beschreibt, verweist und so mir als Hörendem nahekommt, mich anregt und auch überrascht und Raum schafft für Eigenes; weil er zur Sprache bringt nicht Lösungen, sondern Fragen in einfachen Bildern, authentisch; denn er beschreibt die Sprachlosigkeit dieser Zeit und die Grenzen der Kommunikation. Weil diese Sätze die Ambivalenzen und Spannungen nicht auflösen, sondern benennen. Sie geben Anstoß, sie verweisen, sie geben Sprachhilfe für Eigenes. Sie benennen Realität. Der Einwurf hat keine Lösungen parat – und ist doch inspirierend – und legt Spuren, auf die Suche zu gehen, dem Frieden nachzujagen.

VII

Die Herausforderung, verantwortlich zu sprechen, sei es weltlich oder geistlich, erreicht eine neue Dimension dort, wo Soziale Medien eingesetzt werden, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. „Twitterei“ nannte Herbert Prantl[7] es kürzlich.  Geben 200, 400, 600 Zeichen einem überhaupt die Möglichkeit zu argumentieren und sich an rationalen Dialogen zu beteiligen? Die Twitterei übt einen starken Druck aus, einfache Botschaften „abzusetzen“. In der gegenwärtig aufgeheizten gesellschaftlichen Atmosphäre verführt es auch dazu, hoch emotionalisierte „Text-Messages“ zu veröffentlichen. Es geht darum, zu polarisieren, indem man möglichst große Zustimmung oder Ablehnung, am besten beides zusammen, erzeugt. Die Algorithmen unterstützen dies. Das negative Potential, das darin liegt, benutzen rechtspopulistische Ideologen gezielt, um durch Hate-Speeches Menschen aufzuheizen oder zu diffamieren. Die Kommunikation bleibt jeweils in dem eigenen Resonanzraum.

Robert Habeck und andere haben darauf aufmerksam gemacht, was auch zu dem Problematischen bei der Twitterei, als ein Beispiel, gehört: der Verzicht auf die Begegnung, auf das Sich-dem-Anderen-Aussetzen. Aber ebenso die Verführung zu aggressiver, zugespitzter Kommunikation, der er selbst, wie Habeck schreibt, erlegen sei[8].

Eine Öffentliche Rede ist kein Monolog, geht dem Gegenüber nicht aus dem Weg, sondern ist Teil eines Dialogs, so wie jede Predigt ein Gespräch mit dem Predigthörer ist. Beide wollen nicht stumm machen, bloß ein zustimmendes Klicken oder einen Gegenschrei auslösen, sondern die Zuhörenden aktivieren, sich am Austausch zu beteiligen. Eine Rede oder Predigt, die sich am mundtoten Zuhörer erfreut, korrumpiert sich selbst. Die meisten politischen Short Messages erledigen sich für mich deshalb von alleine. Die Kultur der Öffentlichen Rede kann nur dort blühen, wo Demokratie die politische Lebensform ist. Das sollen wir nicht vergessen und darum gemeinsam wider den Stachel aller Versuche löcken, autoritäres Denken und Handeln erneut salonfähig werden zu lassen.

VIII

Miteinander reden, Kommunikation insgesamt, ist ja nicht nur das Senden und Empfangen von Botschaften, ist nicht nur das digitale Mitteilen von Emotionen. Kommunikation ist mehr als die Sprache des Wortes. Zu kommunizieren verlangt die Begegnung mit dem Anderen oder der Anderen. Miteinander reden ist mehr als nur sprechen – es beteiligt alle Sinne: den Anderen erfassen, verstehen; sehen, was ihn oder sie bewegt; sehen, was er oder sie hören kann oder will, aushalten kann oder will. Sehen und hören und bemerken auch, wie und ob meine Botschaften sie oder ihn erreicht. Kommunikation ist Hören, Innehalten, Aushalten. Einfach loszureden ist häufig auch das Ausweichen vor dem Hören und Wahrnehmen des Anderen.

Nicht von ungefähr heißt die Botschaft derer, die sich in unserem Land abgehängt fühlen: ihr interessiert euch nicht wirklich für uns. Wir wollen nicht eure Videobotschaften, nicht eure Werbung, mit denen ihr euch uns nur vom Leibe halten wollt. Wir wollen euch selbst bei uns – in den Regionen, den Dörfern am Rand. Wir wollen, dass wir gesehen werden, damit ihr dann reden könnt: für uns, auch über uns und natürlich weiter mit uns. Wenn ihr das nicht tut, werden wir euch zeigen, dass es mit eurer Macht nicht getan ist. Dann werden wir euch zeigen, was Reden über die Menschen hinweg, an ihnen vorbei bedeutet und anrichtet.

Das ist es, was wir derzeit erleben: eine Nicht-Kommunikation, eine daraus wachsende Aggression und ein daraus wachsender Hass. Ich habe das oft selbst erfahren. Zum bisher letzten Mal bei meinem Besuch in einer Kirchengemeinde in Vorpommern, in der als abgehängt bezeichneten Regionen. Mein Besuch war mit den Worten angekündigt worden: „Unser Landesbischof aus Hamburg kommt!“ Als mein Persönlicher Referent in einem Telefongespräch mit dem verantwortlichen Pastor vorsichtig darauf hinwies, der Landesbischof komme aus Schwerin, antworte der so ein wenig Zurechtgewiesene: „Lieber Amtsbruder, ich bin nicht so dumm, nicht zu wissen, dass Bischof Ulrich aus Schwerin kommt, aber wenn ich meiner Gemeinde mitteile, dass er aus der Landeshauptstadt anreist, werde ich die Antwort erhalten: von dort erwarten wir nichts mehr.“ Und dann, als ich dort war, erhielt ich die scheinbar paradoxe Antwort auf meinen Besuch: „Sie sind der erste, der hierherkommt“.

Wir haben als Kirche, Gesellschaft und Politik vielleicht noch sehr viel mehr zu tun und zu investieren, die Menschen zu verstehen in ihren unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, nah und fern. Zu verstehen, wie sie „ticken“, denken, erfahren; zu verstehen ihre Ängste, Sorgen Hoffnungen. Und dafür und daraus dann eine Sprache und eine Rede zu entwickeln, die öffentlich wird und offen bleibt. In diesem Sinn ist die digitale Form immer ein Teil der Kommunikation, aber sie kann die analoge Form nicht ersetzen. Sie kann sie bereichern und ergänzen, nie aber an deren Stelle treten. Und: Dialog ist riskant. Kommunikation riskiert den Widerspruch, dass ich nicht in der Mitte stehe, aber eine Mitte beschreibe, um die sich Menschen sammeln. Das meint „Öffentlichkeit“.

IX

„Fürchtet euch nicht … Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird“, sagt Jesus im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums. Und weiter: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern“.

Dort, wo das „Fürchtet euch nicht“ den Grundton angibt, wird Gottesfurcht zur befreienden Kraft. Wo Gott selbst hörbar ist, geht die Welt nicht auf in dem, was mir die Stimme verschlägt und den Atem raubt. Sondern wird gestellt in das befreiende Licht einer Öffentlichkeit, die er schafft. So macht uns Gottes Wort in allen abrahamitischen Religionen – unbenommen der Unterschiedlichkeit, in der wir es hören – frei von Zwängen, indem es offenbart beides: die Realität der Welt und die Realität Gottes in ihr.

Deshalb heißt das „Fürchtet euch nicht“ eben auch nicht: Es gibt keinen Grund, Angst zu haben.

Wenn Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht“, dann meint er: Schaut hin, ruft von den Dächern, was Gott will; seht hin, wie Gott sich an die Seite der Armen und Schwachen stellt und Stimme der Marginalisierten und Fremden ist. Wie er sie in die Gemeinschaft aller, in die Mitte der Gesellschaft ruft und ihnen das Wort erteilt.

Habt keine Furcht davor, offen von Gottes Liebe und Gegenwart zu sprechen und damit öffentlich zu machen, was in Welt und Gesellschaft diese Liebe und Menschlichkeit mit Füßen tritt.

Das kann man von uns als Kirche, das kann man von allen Religionsgemeinschaften und humanistisch orientierten Menschen erwarten: dass sie nicht stille halten. Dass sie sich einmischen in die Diskurse der Gesellschaft. Dass sie Partei ergreifen mit denen, die schwach sind und denen es die Sprache verschlagen und den Mut verhagelt hat.

Darum ist der Glaube nicht Privatsache, sondern eine öffentliche Angelegenheit und eine Angelegenheit, die sich um das Gemeinwohl kümmert: Sie lässt sich nicht einsperren zur Pflege des frommen Ich.

Der Glaube, der die Realität der Welt sieht und die Liebe Gottes darin gleichermaßen, bringt zusammen Freiheit und Gemeinschaft, führt zu der Tat des Friedens, in den Widerspruch gegen Ungerechtigkeit, in die Konfrontation mit dem wieder aufstehenden Hass gegen alles, was fremd erscheint, was nicht einheitlich, sondern vielfältig ist. Weil ihm alle Menschen gleich­wertig und gleichrangig sind und ihre Würde nicht antastbar.

Und so werden wir das, uns in das Ohr gesagt wurde, weiter von den Dächern rufen in alle Welt. Das ist Öffentliche Rede aus Glauben. Wir werden den Mund aufmachen und uns einmischen. Von Gott werden wir reden im Gehorsam gegen sein Wort und den Menschen zu Nutzen. Indem wir von Gott reden, reden wir von der Welt – und in der Welt. Und zwar in der Gewissheit: Es gibt mehr Grund, dem „Fürchtet euch nicht“ zu vertrauen, als es scheinen mag.

Danke für Ihre Geduld.

[1] Bertold Brecht, Schriften zum Theater, Frankfurt 1968, S. 8+9

[2] Thomas Schlag, Die Predigt als Herausforderung für eine öffentliche Theologie und Kirche. In: Sonja Keller, Parteiische Predigt. Leipzig 2017, S 34

[3]  So u.a. in Wolfgang Schäuble, Reformationsjubiläum 2017 und die Politik in Deutschland und Europa; Pastoraltheologie 105 (2016), S. 44-53

[4] Kristin Merle, Pluralität gestalten. In: Sonja Keller (Hrsg.), Parteiische Predigt, Leipzig 2017, S 48

[5] Thomas Schlag, Die Predigt als Herausforderung für eine öffentliche Theologie und Kirche. In: Sonja Keller (Hrsg.), Parteiische Predigt, Leipzig 2017, S 34

[6] ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Dresdner Frauenkirche, Neujahr 2019; zitiert aus dem Textbuch des Senders

[7] Vgl. SZ v. 7. Januar 2019

[8] Vgl. Robert Habeck in SZ v. 7. Januar 2019

Datum
01.02.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Landesbischof Dr. h.c. Gerhard Ulrich
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