NS-Zeit

Zerborstene Glocken als Mahnmal: Die Zerstörung der Lübecker Altstadt

Nach den Luftangriffen 1942 stehen der Dom und weite Teile der Lübecker Altstadt in Flammen
Nach den Luftangriffen 1942 stehen der Dom und weite Teile der Lübecker Altstadt in Flammen© Bundesarchiv, Bild 146-1977-047-16 / CC-BY-SA 3.0

13. März 2017 von Simone Viere

Es war die Nacht auf Palmsonntag: Mehr als 300 Menschen kamen vor 75 Jahren beim Luftangriff auf Lübeck ums Leben. Erstmals wurde das Zentrum einer deutschen Großstadt flächendeckend bombardiert. Hamburg, Dresden und andere Städte sollten folgen.

Das Wetter war für die Piloten ideal: Ein voller Mond schien auf die Lübecker Altstadt, als sich in der Nacht auf den 29. März 1942 die britischen Bomber von Norden her näherten. Innerhalb von drei Stunden warfen sie rund 400 Tonnen Bomben ab. Es war eine Woche vor Ostern. Als der Palmsonntag dämmerte, lag die Lübecker Altstadt in Schutt und Asche. Erstmals wurde vor 75 Jahren eine deutsche Großstadt großflächig zerstört, die keine herausragende kriegswirtschaftliche Bedeutung hatte. Stadt und Kirche werden bereits am 25. März an den Jahrestag erinnern.

Stadt und Kirche erinnern an den Jahrestag

Vor allem die Folgen der 25.000 Brandbomben waren verheerend. In den engen Altstadtgassen entwickelten sich die Einzelfeuer zu einem Feuersturm. Bereits gelöschte Brände wurden durch neue Brandbomben wieder entflammt, während Sprengbomben die Fassaden zum Einsturz brachten und dadurch die Brandbekämpfung erschwerten. Die Löscharbeiten gestalteten sich schwierig, weil in der eiskalten Nacht der Fluss Trave und die Teiche zum Teil zugefroren waren und zudem die Hauptwasserleitung von Bomben getroffen wurde.

Am nächsten Morgen zog sich auf der historischen Altstadtinsel eine etwa 300 Meter breite Schneise der Verwüstung vom Dom zum Markt. Nach offiziellen Angaben kamen 320 Menschen ums Leben, knapp 800 wurden verletzt. 1.468 Gebäude wurden völlig zerstört, mehr als 15.000 Lübecker wurden obdachlos.

Mahnmal gegen den Krieg

Die Stadtkirche St. Marien, "Mutterkirche der Backsteingotik", brannte mit ihren beiden Türmen fast völlig aus. Vernichtet wurde auch die berühmte Totentanzorgel, auf der schon Dietrich Buxtehude und vermutlich auch Johann Sebastian Bach gespielt hatten. Heute ist die Kapelle mit den zwei herabgestürzten deformierten Bronzeglocken ein Mahnmal gegen den Krieg.

Auch der Dom wurde weitgehend zerstört. Erst Sonntagmittag stürzten die beiden brennenden Türme unter den Augen der Bevölkerung ein. Das Rathaus kam vergleichsweise glimpflich davon. Auch die Aegidien- und die Jakobikirche blieben weitgehend unbeschädigt. Vom Buddenbrookhaus, dem Wohnhaus der Großeltern von Heinrich und Thomas Mann, stand dagegen nur noch die Fassade.

Anweisung zum Flächenbombardement aus dem britischen Luftfahrtministerium

Vorausgegangen war dem Bombenangriff die "Area Bombing Directive" aus dem britischen Luftfahrtministerium. Dabei handelte es sich um eine Anweisung zum Flächenbombardement, die dem Oberkommandierenden Arthur Harris einen schrankenlosen Einsatz seiner Streitkräfte erlaubte. Strategisch habe Lübeck keine große Bedeutung gehabt, schrieb Harris nach dem Krieg. Es gab einen Hafen und eine U-Boot-Werft. Entscheidend sei gewesen, dass Lübeck nicht zu groß gewesen sei. Zudem war die Hansestadt für britische Flieger gut zu erreichen.

Noch während des Krieges bekam die Marienkirche ein Notdach, bereits 1947 begann der Wiederaufbau. Die Herrichtung des Doms kam dagegen nur schleppend in Gang. Diskutiert wurde, ob man angesichts der materiellen Not und der vielen Flüchtlinge den Dom überhaupt wieder aufbauen sollte. Erst 1977 wurde der Chor fertiggestellt.

Noch länger dauerte der Wiederaufbau der zerstörten St. Petrikirche. Dach und Turmhelm waren verloren, und die barocke Inneneinrichtung aus Holz waren vollständig verbrannt. Erst 1973 wurde St. Petri äußerlich wieder hergestellt. 1987 war dann der Innenraum fertig. Heute ist St. Petri Kulturkirche ohne Ortsgemeinde und der Turm ein beliebtes Touristenziel.

Ausstellung "Oben ohne?" erinnert an Wiederaufbau der Kirchen

Am zentralen Gedenktag, dem 25. März, eröffnen Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) und Pröpstin Petra Kallies in der Marienkirche die Ausstellung "Oben ohne?", die bis zum 5. Juni den Wiederaufbau der Lübecker Kirchen dokumentiert. Historische Führungen und Stadtspaziergänge werden angeboten. Veranstalter ist das Bürgerbündnis "KlopfKlopf", das sich vor fünf Jahren gegründet hatte, nachdem Neonazis den Lübecker Gedenktag für ihre politischen Zwecke nutzen wollten.

Die Kirchen gedenken der Opfer traditionell am Palmsonntag vor Ostern. Die Mariengemeinde erinnert am 9. April mit einem Festgottesdienst an den Luftangriff. Es singt der Kathedral-Chor aus dem britischen Coventry, das bereits Ende 1940 von deutschen Bombern zerstört worden war. Deutsche Propaganda sprach danach zynisch davon, die britischen Städte zu "coventrisieren". Mehr als 40.000 Menschen wurden bei deutschen Luftangriffen auf Großbritannien getötet.

Die Bombardierung Lübecks vor 75 Jahren führte indirekt auch zum Tod der "Lübecker Märtyrer": Der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink und drei katholische Kapläne waren wegen ihrer kritischen Haltung bereits zuvor ins Visier der Gestapo gelangt. Stellbrink predigte am Palmsonntag 1942, dem Tag nach der Bombennacht, dass hier "Gott mit mächtiger Stimme" gesprochen habe. Wenige Tage später wurden die vier Kirchenmänner verhaftet und am 10. November 1943 wegen "Rundfunkverbrechen, Landesverrat und Wehrkraftzersetzung" hingerichtet. 2011 sprach die katholische Kirche die drei Priester selig, der evangelische Stellbrink wurde geehrt.

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